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15. Die Rückreise mit den Räubern

Am 23. September traten wir endlich von der Galakka-Quelle den Rückmarsch an, etwas südlich von dem auf dem Hinweg verfolgten Wege. An den meisten Tagen vollzog er sich mit unerträglicher Langsamkeit, denn meinen Arabern kam es weniger darauf an, wieder nach Kanem zu kommen, als darauf, den nach der Regenzeit üppigen Krautwuchs für ihre Kamele auszunutzen. Wiederholt wurde auch an einen kleinen Raubzug seitwärts gedacht, oder man ließ sich durch Gerüchte von feindlichen Angriffen erschrecken. Eine längere Reise war nötig, um meinen verirrten Diener Hammu, einen unverbesserlichen Rachzügler, wieder aufzufinden.

Unser schneckhaftes Vorrücken versetzte mich in ohnmächtige Verzweiflung. Für Menschen und Tiere - nach dem Verlust meines letzten Kamels in Borku mußte ich ein paar neue auf Kredit zu höchsten Preisen kaufen - hatte ich nur noch Dattelnahrung. Unsere Kleidung bestand in Lumpen, und das Zelt flatterte in Fetzen um seine Stange.

Nach drei Wochen stießen wir beim Brunnen Koro wieder auf unsern früheren Weg, um dann in immer weiterem Abstand südwestlich von ihm nach Kanem abzubiegen. Erst nach Durchquerung der Egeiniederung wurde das Tempo rascher, da hier eine längere wasserarme Strecke beginnt, und am 12. November erreichten wir den ersten Brunnen Kanems und bald darauf die wasserreichen, schön bewaldeten Täler von Kanem. In einem derselben blieben wir wieder einmal eine Woche lang liegen.

Gleich nach dem Wiederaufbruch stieß mein alter Freund Bu Alak auf der Rückreise von Madai zu uns. Seine Nachrichten waren für meine Absicht, Madai zu besuchen, höchst ungünstig. Meinen Brief an König Ali hatte er nicht abgegeben. Ein hochgestellter Würdenträger hatte ihm einfach gesagt: " Wenn er wirklich mein Freund sei, möge er mir die Reise nach Madai ausreden, weniger aus Furcht vor dem König als aus Scheu vor den Einwohnern und Beamten, denen Ali, der selbst ein treuer Anhänger der Genussija sei, einen Christenmord stets verzeihen werde.

Sehr interessant waren mir die Angaben über den Bahr el-Ghasal, die durchaus meine Ansicht bestätigten, daß er ein alter Ausfluß des Tsad sei. Die Boten aus Madai hatten das rätselhafte Tal an einer Stelle überschritten, wo sich früher ein Schilfsumpf ausdehnte. Jetzt fanden sie es zu ihrem größten Staunen in einen Fluß verwandelt, dessen Wasser den Pferden bis zur Mitte der Brust reichte und merklich nach Nordosten, also vom Tsadsee ab, drängte. Als Bu Alak zurückkehrte, fand er das Tal an dieser Stelle sogar unpassierbar und mußte einen andern Übergang suchen. Auch nach den neuesten Nachrichten, fügte er bei, sei noch derselbe Wasserreichtum vorhanden, so daß sich das Gerücht befestigte, das Tal werde wieder, wie in alten Zeiten, Wasser bis Bodele führen.

Am Tag der Ankunft Bu Alak faßten unsere Leute einen Plan, der dieser Räubergesellschaft würdig war. In der Nähe unseres Lagers übernachtete eine von Bornu kommende Karawane friedlicher Kaufleute, bei der sich sogar einige Stammesgenossen der Aulad-Goliman befanden. Unter nichtigem Vorwand nahm man ihnen über 1000 Bornutoben ab, von denen nach langem Streit nur einige Hundert zurückgegeben wurden.

Einer der Kerle schoß einen alten Mann nieder, der sich nicht ohne weiteres ausplündern lassen wollte. Ein anderer, der mir gegenüber stets tiefen Widerwillen gegen die Räubereien seiner Genossen zur Schau getragen hatte, war am habgierigsten gewesen. Er hatte ansehnliche Beute gemacht und suchte sie heimlich in Sicherheit zu bringen. Dabei hatte man ihn ertappt, und als er nicht teilen wollte, prügelte man ihn windelweich durch. Der Heuchler konnte einige Tage lang vor Scham und Schmerzen seine Hütte nicht verlassen, und die Schadenfreude war allgemein. Einige Wochen später veranstalteten meine Araber, verstärkt durch eine aus Tripolis angekommene Bande, noch einen Raubzug gegen eine wehrlose Ortschaft. Die Bewohner waren gewarnt worden und die Beute war darum klein. Aber auf dem Rückweg entdeckten die Tripolitaner einen Zufluchtsort der Überfallenen, raubten Vieh und Kinder und töteten ein Dutzend der armen Leute.

Nachdem Bu Alak einige Tage im Kreise der Seinen verbracht hatte, schüttete ich diesem beliebtesten und auch wirklich achtbarsten Manne des Stammes mein ganzes Herz aus. Entrüstet schilderte ich ihm die letzten Monate mit ihrer Langweile und ihren endlosen Sorgen und Enttäuschungen.

Um mir einigen Ersatz zu gewähren, machte er mit mir einen Ausflug in den südlichen Teil Kanems, in den Barth und Overweg nicht vorgedrungen waren. Wir brachen am 29. November auf und sind in einer Woche 100 Kilometer südlich bis nach Aguri gekommen, einem Hauptort des Stammes der Haddad, des einzigen in Kanem, der den Aulad-Soliman seit mehr als 30 Jahren erfolgreichen Widerstand geleistet hat.

Unser Weg ging mehrmals durch reizende Täler, liebliche Oasen in der umgebenden Steppe, voll tropischer Fülle. Mit jedem Schritt nach Süden nahm die Üppigkeit der Vegetation und der Reichtum des Tierlebens zu.

Durchweg war der Empfang freundlich. Mehrmals wurden wir ganz ausgezeichnet bewirtet. Auch die Haddad, die sich bei Annäherung von Feinden in dichte Waldtäler zurückziehen und von hohen Bäumen die Angreifer mit vergifteten Pfeilen überschütten. waren anfangs höflich und zutunlich, wurden aber durch meine vielen Fragen mißtrauisch, so daß wir die Unterhaltung abbrachen und uns wieder nach Norden wandten.

Am 9. Dezember war ich wieder im Lager der Araber. Noch einmal hielt ich mich zwei Wochen bei ihnen auf. Das Zusammenleben mit den Nomaden bot nur noch wenig Anregung und Annehmlichkeit. Schwierigkeiten ergaben sich aus der Lieferung von Rindvieh, das die Aulad-Soliman von den Stämmen im Nordosten des Tsadsees verlangten. Mit den Mandala wurde in längeren Verhandlungen das gute Einvernehmen wiederhergestellt. Mich erfreute der Besuch verschiedener schwarzer Schönen, die, von Neugierde getrieben, in mein Lager kamen. Anfänglich befleißigten sich die Damen einer bescheidenen Zurückhaltung und begnügten sich damit, meinen spärlichen Besitz an europäischen Gegenständen, wie Uhr, Bürsten, Spiegel, Photographien zu bestaunen. Doch als sie zutraulicher geworden waren, gingen sie recht ungeniert auf meine Person über. Sie nahmen mir den Tarbusch ab, untersuchten mein Haar und wollten meine Haut auch da sehen, wo sie infolge des ständigen Schutzes durch die Kleidung ihre ursprüngliche Farbe bewahrt hatte. Die feine, weiße Haut mit den durchschimmernden bläulichen Adern schien ihn den Charakter des Unfertigen zu haben, im allgemeinen waren sie aber doch von der Untersuchung nicht unbefriedigt. Sie kamen zum Schluß, ich sei zwar ein wunderliches Exemplar der Familie Mensch, sei aber lange nicht so widerwärtig, als man ihnen geschildert habe. Ja die zwei schönsten meiner Besucherinnen gingen sogar so weit, daß die eine mir die Ehe antrug, und die andere erklärte, sie sei in diesem Fall nicht abgeneigt, das Los ihrer Gefährtin zu teilen. Dann zog ich zum Nordende des Tsadsees und marschierte seine Westküste entlang. Am 9. Januar 1872 langte ich in Kuka an, das ich vor mehr als drei Vierteljahren verlassen hatte.

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts



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