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14. Bei der Dattelernte in Borku

Am 6. Juni erreichten wir die Oase Ngurr, die aus zwei Teilen,Ngurr Digre und Ngurr Ma, besteht. Im erstern Teile schlug ich auf halber Höhe eines Dünenrückens bei einem schattigen Palmenhain meine Wohnung auf. Hier bin ich, weit über Erwarten hinaus, fast ein Vierteljahr mit ganz geringer Unterbrechung geblieben. Es war eine traurige Zeit, deren tatenlose Eintönigkeit lähmend auf Geist und Gemüt wirkte. Die Temperatur überschritt an den meisten Tagen 40 Grad, und tägliche Sandstürme machten jede Beschäftigung unmöglich.

Die Ernährung ließ viel zu wünschen übrig. An Datteln war kein Mangel, und sie sind eine gesunde Nahrung, aber von ihnen allein kann man nicht leben, Kamelmilch bekam ich nur in der ersten Zeit, Getreide und Fleisch waren schon Ende Juli schwer zu beschaffen. Schlachtete ich heimlich eine Ziege, so meldeten sich sofort so viele Bittsteller, daß nicht viel übrigblieb. Als ich nachts eine Kuh schlachten ließ, war bereits am Morgen ein Drittel des Fleisches von Sklaven und Arabern schamlos gestohlen; als der Rest in Streifen geschnitten wurde, um getrocknet zu werden, verschwand ein zweites Drittel, und das letzt wimmelte schon halb von lebenden Wesen. ein Versuch, mich damit zu sättigen, mußte ich mit heftigem Brechdurchfall büßen. Geflügel gab es nur in gestalt von wilden Tauben undWüstenraben, Hühner kamen mir nicht zu Gesicht. Es war ein hungerleidiges Leben, und der Versuch, durch Anzapfung von Palmbäumen einen alkoholischen Sorgenbrecher zu gewinnen, scheiterte gründlich: das Palmweingefäß wurde fast in jeder Nacht gestohlen; einmal wurde eine angesehene Araberfrau als Diebin entdeckt.

Um die Zeit zur Dattelernte auszunutzen, planten die Araber schon bald nach unserer Ankunft einen Raubzug nach den gut bevölkerten Tälern von Ennedi, etwa sieben Tagemärsche entfernt, von dem Stamm der baele oder Bidejat bewohnt. Ich wäre gern mitgeritten, um diesen unbekannten Teil der östlichen wüste knnenzulernen, wurde aber durch den Zustand meines einzigen kamels daran gehindert.

Zum Glück! Denn das mit ein paar hundert Mann unternommene Abenteuer nahm ein trübseliges Ende. Vierzehn Tage nach dem Aufbruch ertönte Klagegeschrei, händeringende Frauen erschienen mit lautem Schmerzgeheul, halb taumelnd, halb tanzend, Sand auf ihr Haupt streuend. Sie umfaßten sich unter lautem Klagen, sanftem Wimmern oder rezitativem Gesang. Selbst wenn sie sich wild im Kreise drehten und sich die Haare ausrauften, beobachteten sie einen gewissen Rhythmus.

Das Gerücht, die expedition sei vernichtet, erwies sich allerdings als stark übertrieben. Aber die Beute war nicht groß, und eine Abteilung von etwa einem Viertelhundert war überfallen und entweder getötet oder gefangen worden. Die Gefangenen mußten mit zehn Kamelen für den Mann losgekauft werden. einer von ihnen, der seine beiden Wärter erschlagen hatte und auf ihrem Kamel entwichen war, ist auf der Flucht verdurstet.

Für mich schwand damit alle Hoffnung, meine Reise nach Ennedi auszudehnen, und die Aussicht, bis zum Abschluß der Dattelernte stillzusitzen, war trostlos. Ich erinnerte Hazaz ernstlich an sein Versprechen, mich in drei bis vier Monaten nach Bornu zurückzubringen, wurde aber immer wieder vertröstet. Vielleicht war der im ganzen ehrenhafte und wortfeste Mann nicht imstande, sein Versprechen zu erfüllen.

So schlichen Tage, Wochen und Monate in ertötender Einförmigkeit dahin. Anfangs hatte ich mit den Arabern Unterhaltungen über ihr Leben, über Gegenstände der Volks- und Landeskunde geführt. Als dieses Thema erschöpft war, band mich nichts mehr an sie. In ihrer abgeschlossenen Welt sprachen sie von nichts als von Kamelen und Beute.

Anfangs hatte ich mit den Verständigsten der Aulad-Soliman ernste Unterhaltungen über ihr verbrecherisches Leben geführt und wiederholt hatte ich versucht, sie zu fruchtbringender Tätigkeit und zum Aufenthalt in festen Wohnsitzen zu überreden, um sie so auf den ersten Weg zu r Besserung zu leiten. Aber alle meine Bemühungen scheiterten an ihrem unüberwindlichen Nomadenstolz. Immer wieder hielten sie mir entgegen: "Freilich leben wir ausschließlich von Unrecht und Sünde. Aber auf welche andere Weise könnten wir unseren Lebensunterhalt erwerben, ohne zu arbeiten? Gearbeitet haben unsere Vorfahren nie, und Schande und Verrat würde es sein, von dieser alten Sitte der bevorzugten Erdenbewohner abzuweichen. Wozu sind denn diese verdammten farbigen auf der Welt, als für die höher stehenden Menschen zu arbeiten."

Ich kam allmählich in eine so gereizte Stimmung, daß mir selbst ihr Anblick widerwärtig wurde und ich mich schon bei Sonnenaufgang mit Büchern und Schreibzeug in den Schatten der Palmbäume zurückzog, die mir bei Verteilung der Dattelernte zugefallen waren. Dort verbrachte ich auf reichlichem Sand, bei verhältnismäßiger Kühle und unter dem Rauschen des Windes in den zierlichen Palmenkronen träumerisch den Tag.

Einige Beschäftigung vermittelte mir mein Nachbar Haran, ein verständiger Eingeborener, der mir eine Quelle reicher Belehrung wurde, und eine Sklavin aus Ennedi, eine hochgewachsene Frau voll Stolz und Heimatliebe, die nach einem Fluchtversuch beständig gefesselt gehalten wurde.Ich erwirkte ihr die Erlaubnis, mir täglich über ihr Vaterland zu berichten und mich in die Sprache desselben einzuführen. Leider nahmen diese Studien, denen ich manche wertvolle Auskunft zu verdanken hatte, ein frühzeitiges Ende. Eines Tages brachte sie wie gewöhnlich die Morgenstunden in meinem Zelt zu, dann verabschiedete sich, weil sie von ihrem Herrn verschickt werde; am Abend war sie nach Zertrümmerung ihrer eisernen Fesseln unter Zurücklassung ihres kleinen Kindes entflohen. Diesmal wurde sie nicht eingeholt.

Am 17 August zog ich mit den Aulad-Soliman nach der wenige Stunden entfernten Oase Elleboe zur Dattelernte, die in drei Tagen erledigt wurde. Gern hätte ich von dort auch wun, das ausgedehnteste Datteltal Borkus, besucht, das sich allein der Oberherrschaft der Araber zu entziehen gewußt hat. Aber ich war zu arm, um den Vornehmen Geschenke machen zu können, und außerdem schreckte mich die Nachricht ab, in Wun sei derselbe Senussimissionar anwesend, der mir früher so feindselig entgegengetreten war.

Er war denn auch der Alte geblieben. Nach einigen Tagen kam er nach Ngurr Ma und ließ dem Scheich Abd el-Dsclil sagen, nach Ngurr Digre komme er nicht, denn alle, die mit mir verkehrten, seien nicht besser als Ungläubige. Die Eingeborenen, die in ihm einen Heiligen erblickten, reizte er sogar öffentlich zu meiner Ermordung auf. Er schilderte ihnen die Gefahren, die dieser in ihr Land gedrungene Christ heraufbeschwören werde. Überhaupt erwerbe der Christenmord ein sicheres Anrecht auf die Herrlichkeit des Paradieses.

Aber diesmal kam er an die falsche Adresse. Abd el-Dschlil weigerte sich, seinerseits den ersten Besuch zu machen. Dafür ritt Hazaz hinüber und lieferte dem Senussi inmitten der araber, die wieunarige Kinder seine Lehren und Vorwürfe hinnahmen, ein großes Wortgefecht. er bewies ihnen, daß der Islam nicht Verrat an einem Gaste zu üben lehre, daß vielmehr Gott einen heimatlosen Mann dem Schutze der Gläubigen anvertraue. Er trieb seinen Gegener geschickt in die enge, und es kam zu einer Verständigung, bei der der Missionar seinen Besuch zusagte. Die anwesenden Araber freuten sich schweigend über diesen erfolg, aus Stolz über den Mut und die Gelehrsamkeit eines der ihrigen.

Um diese Zeit machte ich die Bekanntschaft des Häuptlings einer der vier abteilungen der Aulad-Soliman. Weit und breit unter dem Namen el-Assuad, der Schwarze, bekannt, hatte er an der Gesandtschaft nach Wadai teilgenommen und war jetzt mit dem Missionar zurückgekehrt. Er nahm meinen ärztlichen Rat für sein kleines Kind in Anspruch, das während seiner Abwesenheit grausam mit dem Glüheisen behandelt worden und mit zollangen Brandwunden bedeckt war.

Dem armen Würmchen konnte ich nicht mehr helfen, um so mehr interessiert mich el-Assuad selbst. Der kräftige, rohe, aber offene Scheich zeigte sich als überaus eifriger Mohammedaner. Sin inniges Mitleid mit mir, der sich so lange mit ihnen gelebt habe und höher als sie selbst bei Gott stehen würde, wenn ich nur den richtigen Glauben hätte, war bei diesem Banditen fast rührend.

Inder ersten Hälfte des Septembers unternahm ich einen Vorstoß nach der Oase Budu, dem nördlichsten Punkt meiner Borkureise. Von einem etwa 100 Meter hohen, steilen tafelberg erblickt man eine ausgedehnte Gebirgskette, die, von Tibesti kommend, den ganzen nördlichen und nordöstlichen Horizont einnimmt. Gerade nach Norden trat ein ansehnlicher Berg hervor, der Kussi, der an Höhe und Mächtigkeit mit dem Tarso Tibestis vergleichbar sein soll. Unerfüllt blieb meine Hoffnung, die ergebnisse meiner Borkureise mit denen der Tibestireise zu verbinden: die beiden äußersten Punkte lagen noch immer 300 bis 400 Kilometer auseinander.

In einer Ausbuchtung der Budu begrenzenden Felsenkette kam ich nach der malerisch gelegenen größten Ortschaft der Oase, nach Taraka. 80 bis 100 Htten grppierten sich um einen ungefähr 25 Meter hohen, durchaus isolierten felsen mit fast senkrechten Wänden. Die riesige Leiter aus Palmenstämmen, vermittelst deren man hinaufgelangen kann, bewies seine bestimmung als Zufluchtsort. die geringe Ausdehnung seines Gipfels konnte aber nur eine beschränkte Zahl der Menschen und Vorräten fassen.

Wenn meine Reise vom Tsadsee nach Borku reich war an Entbehrungen und harten geduldsproben, so hat sie doch auch Ergebnisse geliefert, die dafür entschädigten. Eines der wichtigsten war die Beantwortung der Frage: Ist der Bahr el-Ghasal, das Hunderte von Kilometern vom Tsad nach Nordosten streichende trockene Tal, in früherer Zeit ein Zufluß oder der Abfluß des Tsadsees gewesen? Barth hat bezeugt: "Alle Mitteilungen stimmen in der Angabe überein, daß es nicht von der Wüste nach der Lache zu, sondern der Tsadlache nach der Wüste abgedacht sei. Alle Zeugen sagen aus, daß es gegenwärtig trocken sei, aber vor weniger als hundert Jahren das Bett eines Flusses oder Kanals gebildet habe, durch den eine Wasserverbindung zwischen dem Tsad und Burku (Borku) stattgefunden." Barth hat dies stark bezweifelt, aber schon in Kula gewann ic die Überzeugung, daß das Tal ein trockengelegter Ausfluß der großen Bornulagune sein müsse. Zu meinem großen Kummer gelang es mir sowenig wie Barth, den Bahr el-Ghasal selbst zu bereisen. Aber meine Beobachtungen und Messungen während des ganzen Weges vom Tsad bis Borku, besonders für Egei un Bodele, sprachen so überzeugend für die Ansicht der Eingeborenen, daß die Frage wohl als entschieden. betrachtet werden kann. Noch heute wird bei großer Wassermenge des Tsad sein einstiger Ausfluß teilweise gefüllt.

In Borku bin ich fast ununterbrochen an denselben Ort gefesselt gewesen. So war ich für meine Feststellung über das Ländchen und die angrenzenden Gebiete fast ganz auf Erkundigungen angewiesen. Die ganze Oasengruppe wird ungefähr 5000 seßhafte Einwohner und etwas mehr Nomaden zählen. Beide Bevölkerungsteile gehen allmählich an Zahl und Wohlstand zurück. Die Aulad-Goliman und die Tuarik haben die Nomaden oder doch ihre großen Herden, die früher Egei und Bodele belebten, mehr als dezimiert, und Borku wird durch Einfälle, an denen sie Araber Kanems ebenfalls die Schuld tragen, heimlich verwüstet. Die Gartenfelder der meisten Täler liegen öde. Denn wer hat noch Luft zu arbeiten, wenn die Früchte vom Feinde geerntet werden sollen? Wer irgend kann, verläßt die Heimat. Ich kannte dort Leute, die jahraus, jahrein arbeiteten und stahlen, stahlen und arbeiteten und den ganzen Gewinn opfern mußten, um geraubte Frauen und Kinder loszukaufen. Obgleich Borku mehr Hilfsquellen bietet als das felsige Tibesti, sind doch die Enwohner meistens ebenso arm als die Tubu. Datteln, Weizen und Hirse würden sie ohne Mühe in größeren Mengen ernten, als sie bei ihrer Mäßigkeit bedürfen, wenn nicht Freunde und Feinde sie des Lohnes ihrer Arbeit beraubten. Doch so ist der Hunger oft ihr Saft.

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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