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13. Ein Vorstoß nach Nordosten

Wenn ein Nomadenstamm, wie es die Aulad-Soliman sind, nach längerer Ruhe mit Frauen, Kindern und der ganzen fahrenden Habe aus dem Lager aufbricht, ist dies trotz der Übung eines ganzen Lebens und der Einfachheit des bescheidenen Besitzes keine leichte Aufgabe. Selbst der ärmste Haushalt setzt sich aus einer Unmenge von Gegenständen zusammen, deren zweckmäßige Unterbringung auf den Lasttieren nicht immer die gleiche sein kann und die darum auf jeder Reise neu erprobt werden muß. Am ersten Marschtag begann schon um Mitternacht reges Leben. Jedermann ordnete, packte und verschnürte seine Habseligkeiten, und doch konnte der allgemeine Aufbruch erst zur Zeit des Sonnenuntergangs stattfinden.

Die Frauen der wohlhabenden Familien werden mit den kleinen Kindern auf Kamelen transportiert. Die Männer reisen zu Pferd, wenn sie alt sind zu Kamel, oder gehen zu Fuß, wie die heranwachsende Jugend, die große Menge der Unbemittelten und die Sklaven und Sklavinnen. Die Frauen sitzen oder liegen während der Reise in korbähnlichen hölzernen Traggestellen, die auf der eigens dazu hergerichteten Ladung des Tieres quer befestigt werden. Die Gestelle sind hoch genug, um das Sitzen mit untergeschlagenen Beinen zu erlauben, und breit genug, um sich mit gebogenen Knien niederlegen zu können. Sie heißen bei den Aulad-Soliman "Karmut" und bestehen aus einer zwei Meter langen, einen Meter breiten Bank ohne Füße, die von gebogenen Baumzweigen überwölbt wird. An der Schmalseite wird das Gehäuse durch senkrechte Holzstäbe geschlossen und vorn eine Öffnung angebracht, groß genug, um hineinkriechen zu können. In den angesehenen Familien wird auf die Herstellung dieser Gehäuse große Sorgfalt verwendet.Man beizt sie schwarz und bedeckt und behängt sie mit wollenen Decken und seidenen Tüchern, auf deren Mannigfaltigkeit die Frauen stolz sind. Die Prinzessinnen, d. h. die der Häuptlingsfamilie entsprochenen Frauen, haben das Recht, auf den Seitenwänden des Karmut Auffsätze von meterhohen Holzstäben anzubringen, die ebenfallsmit kostbaren bunten Seidentüchern verziert werden und den Neid der übrigen Frauen erregen. Der Mann aber hält darauf, ein durch Last und Schönheit ausgezeichnetes Kamel für den Transport des Karmut zu besitzen, würdig, die Herrin des Hauses zu tragen. Stark muß das Tier sein, denn die Ladung, und die Unterlage für den Karmut im bildet, muß breit, fest und sicher angebracht werden, damit nicht durch die immer gleichmäßig gelagerte Insassin der ganze Auffbau in gefähliches Schwanken gerät.

Während der ersten beiden Wochen zogen wir, meist in mäßigen Märschen, nördlich und östlich um den Tsadsee herum, durch flaches und hügeliges Land. Der See war infolge der Regenzeit stark verändert. Er wechselte je nach Jahreszeit seine Ufer, die vielfach auch dauernd umgestaltet werden. Es entstehen Ausbuchtungen und Hinterwässer, die bei der Umwanderung der Nordspitze zu immer weiteren Bogen nötigen. Das Dorf Ngigmi an der nordwestlichen Ecke, das ich schon auf der Reise nach Bornu berührt hatte, und seine Umgebung waren gar nicht wiederzu erkennen. Die Schilfmassen, die damals die Grenze des Sees bildeten, lagen in ansehnlicher Entfernung mitten im Wasser, und die Ortschaft war bis an die Dünenreihe zurückgedrängt.

Es war ein schlechter Anfang. Gleich an einem der ersten Tage bekam ich nach einer kühlen und taureichen Nacht einen heftigen Fieberanfall. Mit Chinin konnte ich nicht dagegen einschreiten, denn die letzte Unze hatte ich für Notfälle in Kuka zurückgelassen, und die alle drei Tage sich erneuernden Anfälle beraubten mich zeitweise der Besinnung. Ich hing mehr auf dem Pferde als ich saß. Wiederholt fiel ich herunter und mußte endlich quer über eine Kamelladung gelegt werden. Als ich trotzdem zu Boden fiel und mehrmals die Ladung mitriß, mußten wir Halt machen. Als nachts eine Hyäne vor meinen Augen ein Schaf raubte, vermochte ich nicht einmal meine Umgenung zu alarmieren.

Erst als wir am 5. April den Barkabrunnen erreichten und zehn Tage liegenblieben, hat sich meine Gesundheit bei Ruhe, Wüstenluft und frischer Kamelmilch gebessert. Hier war das Lager der Dschebair-Abteilung der Aulad-Soliman.

Ihr Häuptling, der Scheich Abd el-Dschlil, ein brauner, kräftiger junger Mann, war sehr wortkarg. Sonst war der Empfang bei den wilden Nomaden höflich. Am besten gefiel mir der Vater meines Führers Hazaz, Bu Alak, ein kräftiger alter Araber, einfach, selbstbewußt, würdevoll und doch herzlich. Ich verlegte mein Zelt in seine nächste Nähe.

Aber das hat nicht lange gedauert. Schon nach wenigen Tagen kam ein Abgesandter des Königs Ali von Wadai, der Bu Alak und andere Vornehme zu einer Zusammenkunft einlud. Nun begannen endlose Ratsversammlungen, in denen jeder freimütig sprach, tobte und schimpfte. Die Mehrzahl argwöhnte feindliche Pläne Alis gegen Bornu und weigerte sich, dem Erbfeind des guten Scheich Omar einen öffentlichen Freundschaftsbeweis zu geben. Aber schließlich trug die Hoffnung auf reiche Geschenke den Sieg über alle Bedenken davon.

Fast hätte ich damals meine Pläne ändern müssen.Die fanatische Religionsgesellschaft der Senussija, die in Borku eine Missionsniederlassung gründen wollte, hatte Wind von meiner Reise bekommen. Die Folge war ein geharnischter Brief an Abd el-Dschlil, man wolle nicht länger mit so gottvergessenen Leuten verkehren, die einen Christen in LAndstriche führten, die bisher noch nicht der Fuß eines Ungläubigen besudelt habe.

Das machte auf die Araber einen tiefen Eindruck, und sie ließen mich durch Bu Alak bitte, freiwillig auf die Reise nach Borku zu verzichten. Er übernahm die Botschaft, aber mit der festen Erklärung, dann werde er mich persönlich nach Bornu zurückbringen.

Als er nach Wadai abgereist war, wurden noch weitere Versuche gemacht, aber Hazaz verteidigte mich mit gleicher Festigkeit, und die Angelegenheit wurde zu meinen Gunsten erledigt Abd el-Dschlil besuchte mich und versicherte verlegen, er habe meine Gesellschaft eigentlich stets als selbstverständlich betrachtet und die Verhandlungen über den Einspruch der Senussimissionare seien mir in sehr übertriebener Weise zu Ohren gekommen. Dieses war der erste Streich der Fanatiker, aber nicht der letzte.

Nachdem Mitte April der Lagerplatz etwas nach Norden verlegt worden war, konnte ich mich am 24 . April in nördlicher und dann nordöstlicher Richtung wieder in Bewegung setzen, nicht ohne Besorgnis. Das Hauptbedenken flößte mir der Zustand meiner Kamele ein. Mit vollem Recht. Noch vor der Ankunft an meinem Endziel verlor ich das letzte meiner drei Bornukamele. Nur ein einziges junges Tier blieb mir, das ich in Kanem gekauft hatte.

Das Verhältnis zu den Arabern blieb leidlich, obwohl ein Teil von ihnen, aufgehetzt durch einen mit ihnen ziehenden Anhänger der Senussija, vorübergehend sein Lager getrennt von dem Ungläubigen aufschlug. Da erstand mir ein Verteidiger in dem Tripolitaner Abd el-Ati, einem vagabundierenden Gelehrten, wie sie in den mohammedanischen Negerstaaten vielfach herumreisen.

Seit Jahren kam er von Kuka jeden Frühling nach Kanem zu den Aulad-Soliman, gab ihren Kindern Unterricht, schrieb ihnen Talismane und heilkräftige Sprüche, besorgte ihre spärliche Korrespondenz, begleitete sie zur Dattelernte nach Borku und kehrte im Herbst oder Winter nach Kuka zurück, um dort bis zum nächsten Frühling von dem bescheidenen Ertrag seiner Reise zu leben. Ich nahm den armen, halb blinden und schwerhörigen Mann als Zeltgenossen auf. Er erwies sich dankbar, bekämpfte den neuen Ausbruch des Religionshasses durch Koranstellen und beruhigte das nicht überzarte Gewissen der Araber.

Unser sechswöchiger Marsch, in der Luftlinie, etwa 700 Kilometer, ging vollständig durch bisher unerschlossenes Land, das in Europa nur durch Erkundigungen einigermaßen bekannt war. Die Bodengestaltung wechselte mehrfach, bei geringen Höhenunterschieden. Das Gebiet der sommerlichen Regen verlassend, betraten wir die Wüste mit dem steten Nordpassat.

Am 3. Mai erreichten wir bei einer einsamen, weithin sichtbaren Akazie die Nordgrenze von Kanem und den Rand der merkwürdigen Niederung von Egei, die schon lange ein Gegenstand hohen Interesses für europäische Geographen gewesen war. Die Sandschicht war mit muldenförmigen Senkungen durchsetzt, deren nackter Tonboden mit Wirbeln von Fischen bedeckt war. In dem feinen Flugsand verwischen sich rasch die Spuren einer Karawane, sodaß wir wiederholt nach Verirrten suchen mußten.

Fließendes Wasser hat die Niederung nicht, jedoch findet sich Wasser bald unter der Oberfläche, und an guter Kamelweide ist kein Mangel. Als wir einen verschütteten Brunnen entsandeten, stürzte in einer Tiefe von drei Meter plötzlich eine Wassermasse hinein, die im Augenblick dem grabenden Manne bis zur Brust stieg, so daß er eilig heraufbefördert werden mußte. Die Annahme der Araber von einem unterirdischen Flusse war dadurch gerechtfertigt. Die Fischwirbel nahmen zu, die Einsenkungen waren mit solchen besät, die, zuweilen noch aneinandergereiht, Tiere von ansehnlicher Größe verrieten. es ist unzweifelhaft, daß Egei, das tiefer als der 270 Meter über dem Meere sich ausdehnende Tsad liegt, einst mit Wasser bedeckt war, nach der Überlieferung der Umwohner noch vor ziemlich kurzer Zeit.

Wir sahen hier zum erstenmal vereinzelte Wanderdünen. Alle hatten dieselbe Form, dieselbe Richtung und nahezu dieselbe Höhe. Sie waren selten 15 Meter hoch; die nach Nordost gerichtete gewölbte Seite war durch einen scharfen Rand von der steil abfallenden, nach Südwesten gerichteten Seite abgesetzt. Unzweifelhaft entstehen und wandern sie unter dem Einfluß des sehr regelmäßig wehenden Nordostpassats. Später konnten meine Gefährten an unbeweglichen Merkmalen beweisen, daß die Schnelligkeit der Fortbewegung bedeutend, aber verschieden ist, je nachdem die Dünen auf ebenem Felsboden vrrücken oder durch Unebenheiten aufgehalten werden.

Zwischen Egei und der nächsten Niederung Bodele dehnt sich eine fast brunnenlose gewellte ebene aus; sie ist zum Teil nackt und wüst, mit wanderdünen besetzt, zum Teil weist sie reichlichen Krautwuchs auf sandigem Boden auf.

Am 11. Mai lagerten wir bei der rings von unbeweglichen Dünenmassen eingeschlossenen kleinen Oase von Udunga. Die Brunnenlöcher sind hier so oberflächlich, daß man mit der Hand schöpfen kann. Mit dem Wasserreichtum mehrten sich wieder die Spuren von Wild, Säbelantilopen, Gazellen, Hasen, Jagdleoparden und Wüstenfüchsen. Auch Strauße kommen nicht selten vor.

Am 16. Mai marschierten wir neun Stunden über Felsboden, sanft gewellte Kiesebenen und Sand, zwischen beweglichen Dünen und durch eine verworrene Region von Dünenketten in die weite, krautreiche Ebene von Koro, wo wir einen Rasttag machten. Während der vorausgehenden Tage erhob sich jeden Morgen ein starker, bisweilen sturmähnlicher Wüstenwind; er peinigte Haut und Augen durch kiesigen Sand und verschleierte die Luft derartig, daß daraus eine wirkliche Gefahr entstehen konnte. Wir brachen deshalb seit Egei meißt bald nach Mitternacht auf, denn um 9 oder 10 Uhr vormittags geriet man in dichten Nebel.

Jeder war beeifert, seinen Vordermann in Sicht zu behalten; selbst die Führer wurden oft in der Richtung unsicher. In unsern Zelten erstarb das Leben, man wickelte sich in seine Decke und ließ sich geduldig mit Sand überschütten, bis nachmittags mit der sinkenden Sonne der Wind abnahm. In solchen Gegenden ist die Nacht des Menschen Freund; in ihr lebt er, während er am Tage nur gerade mühsam existiert. In wunderbaren Glanz strahlen die Sterne; unendlich Ruhe tritt an die Stelle des sandwirbelnden Windes; scharf heben sich die hellen Dünenkämme vom tiefdunklen Himmel ab, und die großartige Schönheit, der geheimnisvolle Zauber der Wüste kommen zu voller Geltung.

Koro ist die tiefste Stelle von Bodele, mehr als 100 Meter unter dem Spiegel des Tsadsees. Zu den Resten tierischen Lebens, das hier früher durch ausgedehnte Wassermassen ermöglicht wurde, kommen zahlreiche Bruchstücke häuslicher Gebrauchsgegenstände, wie Scherben von Tongefäßen. Sie lassen vermuten, daß die Inseln und Ufer der einstigen Lagune Bodele ständige Bewohner hatten.

Diese Beobachtungen stimmen durchaus überein mit der Kanem wie in Borku verbreiteten Überlieferung, daß vor der Austrocknung der flachen Mulde eine ununterbrochene Reihe von Wohnsitzen beide Länder verbunden habe. Ein Häuptling, den das jetzige Geschlecht freilich nicht mehr gekannt hat, soll noch davon erzählt haben, wie sichdie Wassermassen von Bodele und Egei allmählich nach Bornu, also zum Tsad, zurückgezogen hätten. Und noch leben alte Leute, die behaupten, vor ungefähr 10 Jahren seien ihre Vorfahren vom Tsad und östlich zu wasser auf Raubzüge gefahren.

Vom 23. bis 28. Mai lagerten wir bei Kischkischi, der letzten Station von Bodele, in einem weiten, flachen Tal mit verhältnismäßig reichem Baumwuchs. Hier pflegen die Araber einen längeren Aufenthalt zu nehmen, um Kräfte für die letzte schwierige Strecke nach Borku zu sammeln. Angenehm war diese Pause nicht, denn nach Mittag stieg das Thermometer selbst im ziemlich dichten Baumschatten auf über 45°. Ein furchbarer Sandsturm zwang uns, das Zelt niederzulegen, und begrub uns schutzlos im Sand. Es folgte eine wasserlose Strecke von über 30 Stunden, die wir in einem Tage und zwei Nächten zurücklegten.

Seit der bösen Tibestireise hatte ich keinen so anstrengenden Marsch gemacht. in der zweiten Nacht schlief ich wiederholt auf dem Pferde ein, und als ich nach Mitternacht erwachte, fand ich mich allein. Resigniert stieg ich ab und blieb glücklicherweise wach, bis ich mich einer zurückgebliebenen Abteilung anschließen konnte.

Beim ersten Morgengrauen stiegen wir in eine Sandebene nieder, an deren Horizont bald die Bäume der Galakkaquelle auftauchten. Sie ist ungewöhnlich reich an süßem Wasser und fließt etwa einen Kilometer weit in die Ebene, in deren üppiger Krautweide sie allmählich erstickt.

Dicht dabei stehen die Reste eines festen vierseitigen Gebäudes aus Backsteinen, dessen Seiten 235 zu 160 Schritt messen. Die Ecken scheinen mit Türmen versehen gewesen zu sein. Es verriet eine stufe der Baukunst, wie sie weder in den von mir besuchten Wüstengegenden noch selbst in Bornu jetzt vorkommt. Über die Entstehung dieser Kastelle in einem heute fast entvölkerten Lande konnte ich nichts Bestimmtes in Erfahrung bringen.

In der Oase Jin, ungefähr eine Stunde von der Galakkaquelle, fand ich nur ein halbes Hundert Hütten mit vernachlässigten Gärten, in denen Weizen, Negerhirse und etwas Tabak gebaut wurden. Kurz vorher waren Jin und die benachbarten Oasen durch Plünderung und Wegschleppung vieler Bewohner schon heimgesucht worden.

Borku ist seit der Ankunft der araber in jenen Breiten ein unglückliches Land geworden. Seit die Aulad-Soliman es zu ihrem Hauptquartier machten und Raubzüge nach allen Richtungen unternahmen, halten sich die geschädigten Nachbarn an den eigentlichen Bewohnern schadlos, sobald die Araber wieder nach Kanem abgezogen sind.

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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