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12. Eine Räubergesellschaft

Die Aulad-Soliman, deren unruhiges Leben ich in der nächsten Zeit zu teilen beabsichtigte, sind ein kleiner, aus vier Abteilungen zusammengesetzter Araberstamm, dessen Streitmacht kaum jemals tausend Reiter erreicht haben wird. Seine Geschichte ist im höchsten Grade abenteuerlich.

Ihre ursprünglichen Sitze lagen am Mittelmeer. In der Umgebung der großen Syrte weideten sie ihre Herden, im Sommer zogen sie in die Oasen Fessans, um die Ernte ihrer dort liegenden Dattelpalmenpflanzungen einzuheimsen. Nach schweren inneren Zerwürfnissen gerieten sie in Abhängigkeit vom Pascha von Tripolis und machten in seinen Diensten die fünf großen Raubzüge mit, die von Fessan aus bis in die Länder am Tsadsee unternommen wurden. Ich habe noch Greise gesehen, die sich an diesen Zügen beteiligt hatten; ihre Augen leuchteten, wenn sie von jenen Zeiten erzählten. Als der Stamm wieder zu alter Kraft erblüht war, haben sie zwölf Jahre lang in Fessan geherrscht und die Machthaber in Tripolis geängstigt. Dann aber setzten sich die Türken in Tripolis fest, schlugen die Aulad-Soliman aufs Haupt, und sterbend beschwor sie ihr Häuptling, sich der Rache der Türken durch eine selbstgewählte Verbannung zu entziehen.

Durch die Sahara zogen sie zunächst nach Borku, dann nach Kanem am Tsadsee. Mit bewundernswerter Zähigkeit und Unternehmungslust bekriegten sie, gehaßt und gefürchtet, nacheinander alle Stämme, die östlich der Bornustraße zwischen Tibesti und dem Tsad wohnten.

Was sie dort zusammenraubten, spottet jeder Berechnung. Die von ihnen heimgesuchten Landschaften vereinsamten. Kühn durch ihre Erfolge, von abenteuerlustigen und beutegierigen Landsleuten aus Nordafrika unterstützt, richteten sie die Augen auf die an an den besten Kamelen der Welt so reichen Tuarik. Die Oase Kauar an der Straße nach Bornu und die umgebende Wüste wurden ein beliebtes Ziel der Freibeuter; sie sollen dort in wenigen Jahren an 50. 000 Kamele geraubt haben.

Dann kam die Vergeltung. 1850 zogen die Tuarik, 7000 Mann auf Kamelen und Pferden, nach Kanem, überfielen die kecken Feinde in einem Tal, wo diese weder Pferde noch Feuerwaffen zur Geltung bringen konnten, und metzelten die Blüte der waffenfähigen Mannschaft im Handgemenge nieder. Da fiel der Häuptling mit sieben aus seiner Familie. Wie mir der Vater meines Reisegefährten Hazaz an Ort und Stelle des blutigen Kampfes, bei dem er selbst zugegen war, erzählte, sind nur etwa 20 Reiter entkommen.

Barth, der kurz darauf Kanem besuchte, sah den gänzlichen Untergang der Aulad-Soliman voraus. Doch die Lebenskraft des merkwürdigen Stammes hat sich aufs neue glänzend bewährt. Die Regierung Bornus nahm die Überreste in ihren Schutz, versah sie mit Pferden und Waffen und verwendete sie als Grenzwächter gegen Wadai.

Trotz dem Mangel an hervorragenden Führern, trotz der großen Zahl der Feinde und der eigenen numerischen Schwäche überwanden sie die kritische Zeit. Bald konnten sie wieder einige hundert Reiter und Fußgänger ins Feld stellen. Sie schlossen Frieden mit den Tuarik, konnten Borku behaupten und gewannen in Kanem mehr und mehr an Boden. Zu meiner Zeit herrschten sie wieder unbedingt in dem ganzen weiten Gebiete, das vor der Niederlage durch die Tuarik den Schauplatz ihrer Taten gebildet hatte, ebenso gefürchtet wie gehaßt als zur Zeit der höchsten Blüte.

Noch immer zogen sie rastlos umher, und selten auf friedlichen Pfaden. Je mehr die Steppen Kanems und die früher so kamelreichen Niederungen von Egei und Bodele, nordöstlich von Kanem, verödeten, je mehr die Bewohner Kanems sich auf die Inseln des Tsad zurückzogen, desto weiter gingen ihre Raubzüge. Sogar im Norden von Farfur sind sie gesehen worden. Doch was ist Zeit und Raum für einen Sohn der Wüste? Wo es Kamele gibt, wo seine Nahrung wächst, dahin zieht es ihn, und wo er Zelt und Hütte aufschlägt, da ist seine Heimat!

Man betrachte das ungeheure Gebiet, das die araber durchstreifen, mit Pulver und Blei beherrschend, das der friedliche Reisende nur in Begletung dieser Freibeuter durchwandern kann, und man staune! wenn uns einerseits ihre Roheit und Gewissenlosigkeit anwidern muß, zwingt uns andererseits ihre unerschöpfliche Lebens. und Tatkraft zur anerkennung.

Von den alten Helden waren nur wenige übriggeblieben, und während noch jetzt in Tripolis und Fessan überall das Lob der früheren Aulad-Soliman ertönte, blickten die Alten selbst mit Schamgefühl auf den Mangel an Ritterlichkeit und die kleinliche Habgier ihrer Kinder und Kindeskinder. Und doch waren sie mit ihren ganzen Familien ausgewandert, und dieser Umstand mußte die Überlieferung der den Vorfahren eigentümlichen Tugenden an den Nachwuchs erleichtern.

Es fehlte noch immer nicht an guten Elementen. Einige hatten sich in der Unglückszeit zu friedlicher Handelschaft nach Bornu zurückgezogen. Einen ihrer Vornehmen lernte ich als Ratsherrn am Hofe von Kuka kennen. ein anderer, Omar, war von Jugend auf dem Treiben seiner Genossen abhold gewesen; ein braver, milder Mann der sich nach Ruhe, Gesetzlichkeit und Studium sehnte, hatte er sich stets mit Vorliebe religiösen Übungen gewidmet, so daß er allgemein der Murabid genannt wurde. Kurz vor meinem Aufenthalt bei seinen Stammesbrüdern ist es ihm gelungen, sich von diesen loszulösen, und in seiner nordafrikanischen Heimat Frieden zu finden.

Das waren die Leute, denen ich mich auf längere Zeit anschloß. Herr gagliussi in Tripolis, ein aus Barths Erzählungen bekannter Kaufmann, der frühere englische Konsularagent in fessan, war freund eines ihrer Häuptlinge gewesen. Er hatte sich eine hohe Meinung von der Gastfreundschaft und Dankbarkeit der Aulad-Soliman bewahrt und mich mit Empfehlungsbriefen an die Ältesten versehen. Wieweit seine gute Meinung begründet war, werden die folgenden Seiten zeigen.


01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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