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11. Neue Reisepläne

Mit dem mohammedanischen Fastenmonat abschließenden Bairamfest, das der Scheich am 23. Dezember durch einen prunkvollen Aufzug beging, näherten wir uns dem Schluß des Jahres 1870. Ich war nun schon fast ein halbes Jahr in Kuka, war des Stillebens müde und fühlte das Bedürfnis, zu neuen Unternehmungen auszuziehen. Von einer reise nach wadai wollte der Scheich nichts hören, und gleich nach Neujahr kamen von dort Nachrichten, die einen solchen Plan unbedingt ausschlossen. es hieß, König Ali von Wadai betreibe große Rüstungen.

Das Verhältnis wadais zu Bornu war kühl, um nicht zu sagen feindselig, und die Besorgnis, Ali plane einen Kriegszug gegen Bornu, erklärlich. Aber die Verständigeren, wie der erfahrene Lamino, behielten recht mit ihrer Ansicht, die Rüstungen gelten einem Vasallen, dem König Mohammedu von Bagirmi, südöstlich des Tsadsees, der seit lange jede Gelegenheit vom Zaun breche, seinen Lehensherrn zu reizen. Erst Mitte Februar kamen genauere Nachrichten: Ali war in Bagirmi eingefallen und belagerte die Hauptstadt Massenja.

Diese Ereignisse durchkreutzten einen vom Lamino unterstützten Plan: den Tsad südlich zu umgehen, den ausgedehnten Inselarchipel der Kuri und Budduma zu besuchen und über das offene Wasser nach Kuka zurückzukehren. Der Scheich erklärte, er könne die Reise nicht zugeben, bevor nicht der Friede hergetellt sei, und der Tod des Lamino zerstörte die letzte Hoffnung.

Da eröffnete sich eine neue Aussicht. Ende Januar war eine Karawane der ruhelosen Arabernomaden von Kanem in Kuka eingetroffen. Die Leute gefielen mir gut, trotz ihres bösen Rufes. Sie beabsichtigten, in einigen Monaten nach den Oasen von Borku aufzubrechen, um dort die Dattelernte einzuheimsen. Sofort kam mir der gedanke, mich ihnen anzuschließen. Ich lernte dadurch gänzlich unbekannte Gegenden kennen, von einem Teil Kanems abgesehen, den schon Barth und Overweg besucht hatten; ich hoffte auch, den südlichsten Punkt meines Abstechers nach Tibesti zu erreichen und dadurch dieser Gegend der östlichen Sahara eine festere kartographische Gestalt zu geben. Zu der Araberkarawane gehörte auch Hazaz, ein Mitglied des besonders verrufenen Stammes der Aulad-Soliman; er versprach mir, mich nach Borku zu geleiten und in längstens vier Monaten nach Kuka zurückzuführen. Ich begab mich sofort zum Scheich. er hatte zwar mit diesem unbändigen Stamm die traurigsten Erfahrungen gemacht, hielt aber Hazaz für durchaus zuverlässig und versprach, alles Weitere mit ihm zu vereinbaren.

Aber das Geld! Die wenigen hundert Taler, die ich bei der Ankunft in Kuka noch besessen hatte, waren aufgezehrt, trotz aller Geschenke, mit denen mich der gute feigebige Scheich überhäuft hatte, und die ersten dunklen Gerüchte von einem in Europa ausgebrochenen Kriege - ich ahnte damals noch nicht, daß Deutschland ihngegen Frankreich führte - waren für ein Leihgeschäft nicht ünstig. So mußte ich mich zu einem Darlehen mit 150 Prozent bequemen; ich schrieb einen Schein über 500 Mariatheresientaler, während ich nur 200 bekam.

Da das Gesetz des Islam formell verbietet, das geld gegen Zinsen zu verleihen, halfen sich meine Geldgeber mit der üblichen Umgehung: sie verkauften mir die als Scheidemünze benutzten Kaurimuscheln zu hohem Preise auf Kredit und wechselten sie nach dem Tageskurs in Taler um. 800 Mark bildeten gewiß eine sehr bescheidene Summe, um eine lange Reise auszuführen und noch einen Notpfennig in Kuka zurückzulassen. Da hat mir der immer hilfsbereite Scheich einen Teil der Sorgen abgenommen. er schickte mir weitere hundert Mariatheresientaler, fügte in seiner Güte drei Kamele und ein Zelt hinzu und übergab mich in feierlicher Audienz der Führung und Verantwortlichkeit von Hazaz.

Auch jetzt noch zwang meine armut mich zu bescheidenem Auftreten. ich beschränkte mich auf einige Ehrengeschenke für den araberhüptling Abd el-Dschlil, seinen Vetter Mohammed und meinen Führer Hazaz, baumwollenstoffe und Toben, die bei den Aulad-Soliman statt der Mariatheresientaler der Märkte in Bornu gern als zahlungsmittel angenommen werden, und ließ einen halben Zentner Schießpulver anfertigen. Anfangs wurde es von den an gutes europäisches Pulver gewöhnten Arabern verächtlich abgewiesen, dann jedoch wegen seiner Güte und Billigkeit dankbar angenommen.

Meine persönlich Begleitung war klein. Von dem Gatruner Mohammed, der mit der nächsten Karawane nach Fessan zurückkehren wollte, mußte ich mich trennen. Meine Diener waren schon erwähnte Soliman, ein trotz seiner Liederlichkeit intelligenter, körperlich leistungsfähiger und im ganzen gutmütiger Mensch, und zwei Marokkaner aus der Gesellschaft des Hadsch Salih, von der viele gestorben oder weggelaufen waren. Salih selbst hat mein Haus mit Flüchen gegen mich und diejenigen seiner Leute, die dem Christen folgten, verlassen und ist mit dem rest durch wadai nach Osten gezogen. Sein Reiseziel Mekka hat er nur mit drei oder vier Peronen erreicht.

Von seinen Landsleuten blieben bei mir der ebenfalls schon erwähnte Hammu und der Hadsch Husein. Den erstern nahm ich eigentlich nur aus Mitleid mit, weil er krank war und ich von der gesunden Wüstenluft seine Genesung erhoffte; er war ausgezeichnet durch Treue, aber viel klüger und tatkräftiger. Ihren Monatsgehalt von vier Talern konnte ich ihnen erst nach vollendeter Reise auszahlen. In meiner Wohnung ließ ich den Gatruner mit einem prächtigen Pferd, einem Geschenk des Scheich Omar, zurück.

Pünktlich am Morgen des festgesetzten Tages, 20. März 1871, zog ich zum Nordtor der weststadt von Kuka hinaus. draußen erwartete mich Hazaz, und nicht ohne ernste Bewegung nahm ich Abschied von Bu Aischa, dem Scherif Ahmed, andern alten und neuen Freunden und von meinen bisherigen Dienern.


01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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