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10. Mein Leben in Kuka

Sobald ich mich während einiger Tage in Kuka orietiert hatte, machte ich ich an die möglichst behagliche Einrichtung meiner Häuslichkeit. Mein Haus am großen Dendal der Weststadt war geräumig. Mit Vergnügen betrat ich immer den Hof mit dem großen Baum, der di Vorderseit meines Wohnhauses beschattete. Ein Kämmerchen neben dem Wohnzimmer diente als Vorratsraum. An der Südseite des Hofes bewohnte Valpreda mit seinem Gehilfen, dem Marokkaner Hammu, ein Häuschen mit zwei kleinen Zimmern und einem unbedachten Raum, in dem für mich gekocht wurde. Mohammed wohnte in einem Erdhäuschen nahe der Eingangshalle mit dem Gepäck und den Getreidevorräten.

Meine beiden Diener waren nicht viel wert; einer von ihnen wurde bald durch den "Christensklaven" Dunkas ersetzt, einen drolligen Menschen, der als Knabe ein Reisebegleiter Dr. Vogels gewesen zu sein behauptete und sich als ganz unbrauchbar herausstellte. Schlißlich mietete er mit naiver Unverschämtheit für ein Viertel seines Lohnes einen Stellvertreter, den tiefschwarzen Kanembumischling Soliman, der sich trotz seiner hochgradigen Liederlichkeit als brauchbar erwies. Als Köchin für die Diener wurde eine Frau angenommen. Üble Erfahrungen machte ich mit Valpreda. Eines Tages ging er zum Scheich, versicherte, schon in Fessan Mohammedaner geworden zu sein, und verließ noch am selben Tag ohne Abschied mein Haus, um in den Dienst des Lamino zu treten. Seine Bekehrung zum Islam stieß auf starke Zweifel, und der kirchlich strenge Scheich hat noch nach Jahren die von dem Kochkünstler Valpreda bereiteten Speisen nicht angerührt. Als mein Koch trat sein Gehilfe Hammu ein.

Mein Wohnhaus mußte ich zunächst mit einem fenster versehen, das heißt, ich schlug mit der Hacke eine Öffnung in die auf dem Hof gehende wand. Dann improvisierte ich aus Kisten einen Schreibtisch, hinter dem ein umgestürzter Holzmörser als Sessel diente. Den Boden belegte ich mit großen Matten, bereitete mir ein Lager aus Teppischen und verhägte Tür und Fenster mit Rohrjalousien.

Als sich das Gerücht verbreitete, ich sei ein Freund von allerlei Getier, verwandelte sich meine Wohnung in eine Menagerie. Der Scheich schickte mir ein stolzes Straußenpaar, das ich in Pension gab, Enten und Gänse vom Tsadsee. Kaum konnte ihn davon abbringen, mir Löwen, Leoparden, Luchse und andere größere Raubtiere ins Haus zu schicken. Andere Bekannte folgten seinem Beispiel, und bald wimmelte mein Hühnerhof von interessantem Geflügel, dazu kamen Zwergschafe, eine Hyäne, Ein Schakal, eine Zibetkatze, Gazellen, Schildkröten und ein Ichneumon. Nur einen teil dieser Sammlung konnte ich als dauernde Gesellschaft behalten. Die kleinen Affen bildeten für mich eine unerschöpfliche Quelle der Heiterkeit durch ihre gewagten Sprünge und lächerlichen Einfällen, sie bereiteten mir freilich auch manchen Verdruß durch boshafte Streiche und freche Diebereien in der Nachbarschaft.

Meine Tage verlieren auf das angenehmste mit dem Studium der Kanurisprache, der Sprach der Eingeborenen von Bornu, meteorologischen Beobachtungen, Erkundgungen über Land und Leute und einer fast überwältigenden ärztlichen Tätigkeit. Oft untersuchte ich an einem Tage mehr als 50 Kranke. Mein Vorrat an Medikamenten schwand rasch dahin, obwohl es mir schwer wurde, ihnen Geltung zu verschaffen. Die Kranken konnten sich nicht entschließen, der landesüblichen Heilmethode zu entsagen, und machten neben meinen Verordnungen Gebrauch von ihren Kräutern und Koransprüchen. Sehr viele bewahrten die erbetenen Medikamente sorgfältig auf, waren aber zu mißtrauisch, sie anzuwenden. ALs ich einmal dem Scheich in öffentlicher Ratssitzung einen kleinen Vorrat von Arzneimitteln überreichte, wurde gemuurt, und obwohl der anwesende Kronprinz dies nachdrücklich mißbilligte, hat der Scheich von meinem Geschenk schwerlich Gebrauch gemacht.

An Besuchern fehlte es nie. Nachbarn und Reisende, die eine Guro- oder Kolanuß, ein hochgeschätztes Genuß- und Reismittel Afrikas, oder eine Tasse Kaffee erobern wollten, Pilger und Abenteurer kamen. Neugierige, die noch keinen Christen gesehen hatten, stellten sich ein; Prinzen und junge Leute aus vornehmen Häusern, die auf ein geschenk spekulierten, weitgereiste, freigelassene Sklaven, Reisegefährten aus Fessan raubten mir mehr von meiner Zeit, als mir lieb war. Mein nächster Nachbar, der Moallim Aldem aus Wadai, ein unterrichteter Mann, war mir von großem Wert für mein Studium der Wadaisprache. Ein überaus eifriger Mohammedaner, überwand er nur ganz allmählich seine Abneigung gegen den Christen; er wollte mich bekehren und mir meine Diener abspenstig machen, da kein Muselmann einem Christen dienen dürfe. Schließlich wurde er ein täglicher Besucher, dem ich viele Notizen über sein Vaterland verdanke.

El-Medina, ein lebensfahrener Scherif aus der heiligen Stadt Medina, lachte über diese Versuche. Einst Freund von Gerhard Rohlfs, übertrug er seine Unabhängigkeit an diesen auf mich. Ein Renner Nordafrikas von Marokko bis Ägypten wie der Sudanländer, war er mein zuverlässigster Ratgeber. Er stellte mir die Liste meiner Reisebedürfnisse zusammen und kaufte billig für mich ein. Wenn ich von Kuka abwesend war, konnte ich den streng redlichen, duldsamen Mann vertrauensvoll mit der Vertretung meiner Interessen beauftragen.

Gern verplauderte ich bei einer Pfeife mit ihm einen Abend oder ging zur offenen Tafel des Titiwi; auch an einer großen, eine Woche dauernden Hochzeitsfeier, die einer meiner Nachbarn veranstaltete, konnte ich teilnehmen. So oft als möglich besuchte ich ohne jede Belästigung - ich trug stets die bequeme Bornutracht - den großen Montagsmarkt, eines der großartigsten Schauspiele, das die Negerhauptstadt bietet. Vom Morgen bis zum Abend wogt hier eine Menge von oft mehr als 10 000 Menschen hin und her. Trotz des ungeheuren Gedränges wickelt sich der Verkehr in bewundernswerter Ordnung ab, Roheiten, Diebstähle, gewalttaten sind selten. Das Bornuvolk im ganzen zeichnet sich durch Harmlosigkeit, Höflichkeit und milde Sitten aus.

Auf der Südseite des Marktes haben die Sklavenhändler große Buden aufgeschlagen, in denen Sklaven beiderlei Geschlechts und jeden Alters in langen Reihen, in Ketten und ungefesselt, ausgestellt sind. Die Zufuhr an Menschenware stammt teils aus Raubzügen der Regierung und ihrer Vasallen in die umliegenden Heidenländer, teils aus dem Handel mit den mohammedanischen Nachbarstatten, vorzüglich mit Bagirmi. Neben allen erdenklichen inländischen Erzeugnissen ist auf dem Montagsmarkt auch Europa stark vertreten durch Baumwollenstofe, Tuche, italienisches Papier, Waffen, zum Beispiel Schwerter aus Solingen, eine Menge Stahlwaren, unter denen billige österreichische Rasiermesser sehr gesucht sind. Noch lange nach dem Ende der regenzeit blieben die tiefer gelegenden Gegenden der Stadt und Umgegend in Seen verhandelt. Als die stehenden Gewässer abzunehmen begannen, stieg von Mitte September an die Sterblichkeit bedenklich, um bald zu einer mörderisch Seuche zu werden. Anfangs herrschten Wechselfieber unter verschiedenen Formen vor, von denen nur wenige verschont blieben; auch ich litt wiederholt darunter. Im Verlaufe des Herbstes richtete eine andere Krankheit arge Verwüstungen an. Aus dem Hause meines Hausherrn starben in wenigen Wochen sechs Personen, in der nächsten Umgebung vernahm ich fast alltäglich und allnächtlich das Geheul der Klageweiber. Man vermied die gegenseitigen Besuche, vernachlässigte die Pflege der Kranken und scharrte die toten Sklaven ganz oberflächlich in nächster Nähe der Stadt ein.

Auch die Nachrichten aus den Provinzen waren traurig. Überall, wo stehendes Wasser den Boden in einen Sumpf verwandelt hatte, waren Krankheit und Tod unerhört häufig. Gleichzeitig verheerte die Lungenseuche den Rindviehbestand des Landes, und einer anderen Krankheit erlagen ungewöhnlich viel Pferde. Der Lamino versicherte mir, er habe von seinen 32 000 Stück Rindvieh kaum den fünfzigsten Teil behalten; auch verlor er viele Pferde. Immerhin soll er, als er im Februar 1871 nach kurzer Krankheit starb, mehrere tausend Stück Rindvieh, 100 Hengste und viele Zuchtstuten hinterlassen haben, außerdem tausend Sklaven, 27 Kammern mit Stoffvorräten, eine Masse Waffen und in bar 20 000 Mariatherientaler.


01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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