- zurück -

1. Anlaß und Vorbereitung der Reise

 

Nach einem sechsjährigen Aufenthalt in Tunesien, wo ich vollständige Heilung von einem Lungenleiden gefunden hatte, bereitete ich 1868 meine Rückkehr nach Deutschland vor, als Gerhard Rohlfs auf seiner Reise nach Tripolitanien Tunis berührte. Er brachte die Geschenke, die König Wilhelm von Preußen dem Sultan Scheich Omar von Bornu zu senden beschlossen hatte, in Anerkennung des Schutzes und der Unterstützung, die der Negerfürst seit Jahren den deutschen Forschungsreisenden Barth und Overweg, Vogel, von Beurmann und Rohlfs großmütig gewährt hatte. Wenn kein geeigneter Deutscher zur Übernahme dieser Mission gefunden würde, sollten die Geschenke dem alten bewährten Diener von Barth und Rohlfs, Mohammed aus der Oase Gatrun in Fessan, zur Überführung nach Kuka, der Hauptstadt von Bornu, anvertraut werden.

Dem Gedanken, mehr von dem geheimnisvollen Kontinent zu sehen, hatte ich zu entsagen gelernt. Mir fehlte es an Erfahrung im Reisen, und ich beherrschte keines der naturwissenschaftlichen Fächer. Aber dieser Gelegenheit konnte ich nicht widerstehen, und mein ärztlicher Charakter, meine Kenntnis der arabischen Umgangssprache und mohammedanischer Sitte versprachen mir meine Aufgabe zu erleichtern. So sagte ich zu und besprach mit Rohlfs in Tripolis Plan und Ausrüstung. Letztere besorgte ich großenteils in Malta, wo ich mit dem als Koch und Diener angeworbenen Piemontesen Giuseppe Balpreda zusammentraf. Feuerwaffen und Munition, Uhren, ein kleines Zelt, Kleidungsstücke, Fleischextrakt, Schokolade, Tee, Kaffee und anderes waren bald eingekauft und österreichische Mariatheresientaler, die in so vielen Ländern Nordafrikas Verbreitung haben; so konnte ich nur wenige meteorologische Instrumente beschaffen und mußte die meißten aus Europa nachkommen lassen.

In Tripolis wurde die Ausrüstung vervollständigt, wobei mich Rohlfs und der österreichische Konsul Luigi Rossi, der auch Deutschland vertrat, wirksam unterstützten. Mein Begleiter für manches Jahr, Mohammed, sah ich zuerst in einem Stall, wo er die Kamelsättel für unsere verfertigte. Achtungsvoll betrachtete ich sein schwarzes rundes Antlitz mit den zahllosen Furchen, der kleinen Stupsnase mit den weiten Nüstern, dem zahnlosen Munde, den vereinzelten weißen und schwarzen Barthaaren, den großen Ohren und den treuen Augen. Er war kein Freund vieler Worte, ein stiller, freundlicher alter Mann. Sechs Kamele waren bereits für durchschnittlich 50 Mariatheresientaler (200 Mark) gekauft und von dem Kamelkenner Mohammed für ausreichend erklärt worden. Auf dem nächsten Wochenmarkt sollte er den notwendigen Vorrat an Stricken, die Säcke zur Aufnahme der Kamelladung und die wichtigen Wasserschläuche aus Ziegenfellen kaufen. Dann mußten noch Koch- und Eßgerätschaften für Leute angeschafft werden, einige kupferne Kessel, ein Dreifuß, ein weites, flaches, verzinntes Kupfergefäß, daß zur Kameltränkung, als Waschgefäß und auch als Eßschüssel dient, ein Ledereimer zum Wasserschöpfen und andere notwendigen Dinge, von denen nur der erfahrene Reisende nichts vergißt. An uns Europäern war es, für Lebensmittel zu sorgen: Schiffszwieback, Reis und Kuskussa, Weizenmehlkügelchen, die in Fleischbrühe gekocht das Lieblingsgericht der Bewohner von Nordafrika sind. Auf alkoholische Getränke verzichtete ich gänzlich, da es doch der Mohammedaner wegen bald hätte geschehen müssen und obendrein der Transport unbequem ist.

Am 17. Februar 1869 wurden die Kamele beladen. Das stärkste trug auf der einen Seite den rosamtenen, an Lehnen und Füßen reich vergoldeten künftigen Thronsessel des Herrschers von Bornu in seiner unförmlichen Kiste und auf der anderen die lebensgroß gemalten Porträts König Wilhelms, der Königen Augusta und des Kronprinzen. Die Ladung war weniger schwer als durch ihre Unförmlichkeit für das Tier lästig. Ein zweites Tier trug eine Partie Zündnagelgewehre mit schwer wiegender Munition; ein drittes die übrigen Geschenke: eine bronzene Standuhr, eine goldene Taschenuhr und Kette, ein Doppelfernglas, ein Teeservice, einige Stücke Samt und Seide, ein Pfund echten Rosenöls, Rosenkränze, Armbänder und Halsbänder von echten Korallen, zwölf Burnusse aus Samt, Tuch und feinem tunesischen Wollstoff, ein Dutzend echt tunesischer Fesse und Harmonium. Zwei weitere Kamele wurden mit meinem persönlichen Gepäck belastet; zwei andere trugen Lebensmittel, Kochgeschirr, Zelt und andere Gerätschaften, während das letzte für den Wassertransport bestimmt war.

In einem Hain vor der Stadt fand sich fast die ganze europäische Kolonie von Tripolis zu einer Abschiedsfeier ein. In heiterster Stimmung blieben wir bei Musik und Tanz bis gegen Abend beisammen.

Als die Sonne sank, war ich allein mit meinen Gedanken und Gefühlen, meiner Erinnerung und Hoffnung, inmitten einer fremden Welt. Schweigend wanderte ich vor meinem Zelt noch lange auf und ab. Der Schlaf wollte nicht kommen, im Zelt ward es mir zu eng. So rollte ich mich draußen in meine Decken und durchträumte die herrliche Februarnacht, bis endlich gegen Morgen ein tiefer Schlaf die wechselnden Bilder auflößte.

Mit Sonnenaufgang kamen Rohlfs und Herr Rossi, um mir das letzte Lebewohl zu sagen. Schweigsam wurde der letzte Händedruck gewechselt. Ich bestieg mein Wüstenschiff und still und ernst zog ich in die sandige Ebene hinaus. Hätte ich damals gewußt, daß mein Schicksal mich länger als 5 Jahre in unbekannten Gegenden zurückhalten würde: ob ich wohl den Mut gehabt hätte, zur Ausführung zu schreiten? Länger als fünf Jahre eine gänzliche geistige Vereinsamung zu ertragen, inmitten harter Entbehrungen, Krankheiten und Gefahren, das ist mehr als selbst glühende Begeisterung auf sich zu nehmen liebt. Später freilich, fern von der fieberhaften Hast des europäischen Lebens und seinen Genüssen, lernt man Zeit und Raum anders beurteilen; man wird bescheiden in seinen Zielen, zäher in der Ausführung seiner Pläne und geduldiger im Ausharren und Leiden. Geduld ist die Tugend, die das Geheimnis des Erfolges birgt. Manchen schweren sollte ich durchkämpfen, ehe ich, in dieser Hinsicht geläutert, trotz der Torheit und Unzuverlässigkeit der Menschen meinen Weg zu finden wußte.


01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts



HOME
Afrika
Sahara


© Copyright 2000 by JADU

 

Webmaster