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Am 20. April jährt sich der Todestag des deutschen Kolonialpioniers Gustav Nachtigal zum 60. Male. Seine Forschungsreisen durch Afrika, in denen er bisher unbekannte Gebiete unter ständigen Gefahren und Strapazen entdeckte und erschloß, hatten seine Gesundheit so geschwächt, daß der kühne Forscher die geliebte Heimat nicht mehr erreichte, sondern kaum fünfzigjährig an Bord des Kreuzers "Möwe" auf hoher See starb. Die letzte Ruhe fand er in Kamerun, wo er als erster die deutsche Flagge gehißt hatte. Wir bringen hier einen Teil von Nachtigals Bericht über seinen zäh durchgehaltenen Rückmarsch nach Fessan.

Eins war mir klar: ich konnte nicht an einem so entsetzlichen Ort wie Mursuk bis zum nächsten Jahre auf eine Karawane warten. Der unglaubliche Stumpfsinn der Gründer hat in der weiten Sahara eine Brutstätte der Malaria, eine Quelle des Siechtums für ihre Ansiedler zu finden gewußt. Die Stadt ist seit Jahrhunderten wagen ihrer Fieber berüchtigt. Es gab ein Mittel, dieser traurigen Perspektive zu entgehen, und ich zauderte nicht, es allen Gefahren zum Trotz zu wählen. Im Südosten von Fessan, östlich von der Bornustraße. liegt eine Felsenlandschaft, Tibesti mit Namen, die so nahe und doch so unbekannt, noch nie von Europäern besucht worden war. Seit Reisende auf der Bornustraße nach Süden gewandert waren, hatte man von ihren Felsen und Einwohnern manches Wunderbare erzählen hören.

Anfang Mai konnte ich abreisen, und ein leidensvoller Zug war es, dessen einzelne Phasen unauslöschlich in mein Gedächtnis begraben sind.

Zu Bidan, einem Dorfe, fünf oder sechs Stunden südöstlich von Mursuk gelegen, erlaubten sich meine Diener einen kleinen Rausch in Lagbi — dem gegohrenen zuckerreichen Safte des jungen Holzes der Dattelpalme —, während ich im Schatten eines solchen Baumes meine Mittagsruhe hielt. Mein schlummerndes Haupt blieb allerdings im Schatten, aber die fortschreitende Sonne liebkoste meine nackten Füße und Unterschenkel bis zur Erzeugung einer ausgedehnten Verbrennung mit Blasenbildung und furchtbaren Schmerzen. In Gatrun langsam genesend, ergriff eine eitrige Bindehautenzündung mein rechtes Auge, und als dieses in der südlichsten Ortschaft Fessans, in Tedscherri, sich zu bessern begann, machte das linke, wie gewöhnlich, denselben Prozeß durch. So, blind durch die Schwellung und lichtscheu bei der brennenden Maisonne und dem stark reflektierenden Wüstenboden, die mehr oder weniger herabhängenden Füße entsetzlich entzündet, durchzog ich vier Tage die sonnige, nackte Wüste, bei Tag und bei Nacht von Schmerzen gefoltert, bis zu dem Gebirge auf der Bornustraße, das die Araber El War — das Schwierige — nennen.

Nachdem wir den letzten bescheidenen Wasserrest brüderlich geteilt hatten, ließen wir die Kamelladungen im Stiche, und die ermatteten Leute wurden alle auf die Rücken der ebenfalls erschöpften Tiere gesetzt. Der unsichere, forschende Blick des Führers bewies seine Unkenntnis des Weges und das Bedenkliche unserer Lage.

Wassermangel wird in jenen Breitegraden und in der trockenen Wüstenatmosphäre sehr schnell verhängnisvoll. Noch waren wir keinen Tag ganz ohne Wasser geblieben, und schon lagen wir gänzlich kraftlos, mit erloschener Cholerastimme in der Erwartung der Vollendung unseres Schicksals da.

Die Vorwürfe meiner Diener waren erstorben, verzweiflungsvolle Resignation und physische Erschöpfung waren eingetreten und hatten endlich einer halben Bewußtlosigkeit Platz gemacht, in der die schreckliche Gegenwart und die nächste Zukunft mit ihren Todesgespensten in den Hintergrund traten und Bilder aus der fernen Heimat und der nahen Fremde meine umnebelte Phantasie in Gestalt wirrer Träume umgaukelte. In diesem Stadium könnte der Tod nicht so schrecklich gewesen sein! Doch er sollte abgewendet werden. — Ein Brunnen wurde gefunden, zwar verschüttet, doch nach geringer Arbeit befriedigende Aussicht eröffnend. Schon zum Abend konnte uns ein Schlauch des herrlichen Getränkes geschickt werden, zwar noch zur Hälfte Erde und verweste Pflanzenreste, doch viel herrlicher als alle Getränke, denen ich in der Heimat während meiner vergnügten Jugendzeit gehuldigt hatte.

Daß wir uns wenige Tage darauf in derselben Lage befanden, schien mir allerdings entmutigend und schandbar. Ich konnte, als ich im Schatten eines Felsens über dieses Geschick und unsere Schuld daran nachdachte, dem Aasgeier, der auf der Höhe desselben über den Rand mit der diesen Tieren eigentümlichen boshaften Physiognomie auf mich, sein demnächstiges Opfer, herabsah, in seinem Hohne nicht ganz unrecht geben. — Doch auch diesmal trat Rettung ein, und bald hatten wir die Hauptflußtäler des westlichen Tibesti, Tao und Suar, erreicht.

Mein Fessaner Begleiter Bu Sid war nach Bardai vorausgegangen, um das Terrain zu rekognoszieren, etwaige Schwierigkeiten zu ebnen und im schlimmsten Falle einige Reisevorräte nach Fessan zurückzubringen. Zu diesem Zwecke hatte er alle offiziellen Geschenke und Briefe für den König und die Ratsversammlung der Edlen und das wenige bare Geld, das sich noch mein nannte, mit sich genommen und versprochen, in acht Tagen zurück zu sein. Während dieser Zeit lag ich fest gebannt in Tao kämpfend mit dem Hunger, umgeben von Räubern, Dieben und Schmarotzern, die mich täglich, mehr und mehr in die Enge trieben. Unter ihnen war Arami lästiger und habsüchtiger als die übrigen, doch mächtiger, zuverlässiger und später mein Retter.

Unter seiner Führung zog ich nach Bardai, als ein Bote von Tafertini und Bu Sid mich' dorthin einlud. Diese Einladung war leider eitel Trug und Hinterlist. Die Einwohner Bardais hatten mit aller Energie gegen meinen Besuch ihres Tales protestiert, doch der greise Häuptling fürchtete, in diesem Falle keinen Teil zu haben an dem Raube meiner letzten Habe. Jene zweifelten nicht, daß ich nach meiner Ankunft durch Zauberei und ähnliche christliche Beschäftigungen in kürzester Frist den Untergang ihres Landes herbeiführen werde, daß Pest oder allgemeines Viehsterben meinem Erscheinen so unmittelbar folgen müsse wie der Schweif dem Kometen. Mit diesen Ideen empfingen sie mich, fest entschlossen, durch meine und meines Dieners Giuseppes Ermordung in patriotischer Weise ihre Heimat sicherzustellen. Nie werde ich die Nacht unseres Einzugs vergessen! Wie die wogende Menge, zum Teil süßen Lagbis voll, andrang, die Männer mit ihren Waffen, die Frauen, Sklaven und Kinder mit Knitteln und Steinen bewaffnet, wie Arami und die Seinigen unschlüssig beiseitestanden und Rat hielten, während der Angriff schon begann, wie bei diesen schließlich doch der Ärger überwog, daß die untergeordneten sedentären Landarbeiter es wagten, ohne ihre Erlaubnis jemanden, der durch sie hierhergeführt sei. umbringen zu wollen, und wie uns Arami endlich durch einen der Seinigen unter dem Schutze der Nacht um das Dorf herum bis zu seiner Wohnung führen ließ, während er der aufgeregten Menge mit den übrigen standhielt.

Ein schrecklicher Monat folgte, während dessen Arami Fürst und Volk mit mir zu versöhnen bemüht war und uns durch die tägliche Darreichung einer unzureichenden Quantität Datteln wenigstens vor dem Hungertode bewahrte. Tagtäglich versammelten sich die Edlen vor meinem Zelt, und rastlos wurde mein .Tod oder mein Leben debattiert.

Schließlich wurde meine Lage so drohend, daß ich an Flucht denken mußte. Doch wie dieselbe bewerkstelligen?! Meine Kamele waren verschwunden, gestohlen, gestorben, wer konnte es sagen? Meine Provisionen waren aufgezehrt, und ein Weg durch die nackteste Wüste von wenigstens zwölf Tagen lag vor uns. Arami, so habsüchtig er auch immer war, hatte allein die Macht, uns zu retten. Ich versprach ihm noch die restierenden Sachen, so unbedeutend mein Besitz auch war, so begehrenswert konnte er in jenem Lande noch erscheinen — und einen guten Namen bei der Fessaner Regierung. Habsucht und Ehrgeiz siegten.. Er begleitete uns vier Tagemärsche mit zweien seiner Kamele, die uns die spärlichen neu acquirierten Vorräte trugen, aus seinen heimatlichen Bergen und überließ uns dann unserem Schicksal.

Welche Reise! Unser Tagwerk, oder vielmehr unser Nachtwerk begann ungefähr um 5 Uhr nachmittags mit dem Genusse von etwa 12 Unzen Wasser. Mit zahlreichen Pausen quälten wir uns durch die ganze Nacht, um ungefähr um 8 Uhr morgens, wenn die strahlende Sonne zu brennen begann, in den Schatten irgendeines Felsblockes zu kriechen, dieselbe Quantität Wasser zu trinken und dann stumm und verzweifelt bis zum Abend dazuliegen. Zu essen gab es ja wenig, und unnötiges Sprechen würde den Durst noch in bedenklicher Weise vermehrt haben.

Fast täglich ruhten wir in der mahnenden Gesellschaft eines sorgfältig skelettierten Menschen, der, Opfer des Sklavenhandels, von seinem Herin krank zurückgelassen, hier sein kummervolles Leben geendet hatte. Meist noch mit dem Rest seines Kattunhemdchens bekleidet, mußte er um so lebhafter .zu Gemütern sprechen, die weniger als wir in der Betätigung des Selbsterhaltungstriebes aufgingen. Mit welcher Verzweiflung, öde und unbegrenzt wie die allen Lebens und Horizontes bare Umgebung mußten diese Unglücklichen in den Schutz dieser Steine gekrochen sein und ihren Tod erwartet haben. Ein entsetzliches memento mori!

Noch trennten uns vier Tagesmärsche von dem südlichsten Orte Fessans und für diese bestand der ganze Proviant des einzelnen in ungefähr 50 Datteln. Auch diese Strecke legten wir mit dem letzten Aufwande unserer Kräfte zuruck und kamen Anfang Oktober, dem Tode begreiflicherweise sehr nahe, in Fessan an, zum größten Erstaunen und zur Bewunderung der dortigen Welt, welche sich von unserem Untergange überzeugt gehalten hatte.


Dr. phil. Karl-Oskar Bertling, der Leiter des Berliner Amerika-Instituts, wird am 21. April 70 Jahre alt. Nach Studien in Göttingen, Halle, Bonn und an der Harvard-Universität promovierte er schließlich in Breslau mit einer Arbeit über den Philosophen Emerson. Fast unmittelbar darauf trat er als Assistent in das eben (1910) gegründete Amerika-Institut ein. Der Krieg 1914—1918 überraschte ihn in Amerika, wo er schließlich als feindlicher Ausländer interniert wurde Als er 1919 endlich nach Deutschland zurückkehren konnte, wurde ihm noch in demselben Jahre die Leitung des Amerika-Instituts anvertraut, dessen Tätigkeit er seitdem in fruchtbarster Weise fortführen und weiterentwickeln konnte.

Quelle: DAZ v. 15.04.1945; Sie würfeln um mein Schicksal, Jadu 2000

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