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Ägypten, das Land der Wunder

Die meisten Völker befolgen, was Kolonisation betrifft, den Satz: „Die Flagge folgt dem. Handel!" Anders die Engländer. Sie sagen: „Der Handel folgt der Flagge", und namentlich in den letzten 55o Jahren haben sie diesen Standpunkt eingenommen. So bauten sie, anfangs aus rein strategischen Gründen, die Uganda-Bahn vom Indischen Ozean zum Viktoria-See durch die Wildnis, sie legten aus gleichem Grunde die Militärbahn von Wadi Haifa nach Berber an, führten sie weiter nach Kharlum und über diesen wichtigen Punkt nach Senga und El Obe'id. Damit erschlossen sie die Länder, konnten im Augenblick der Gefahr Truppen vorwerfen, sorgten aber in erster Linie für ihren Handel, erleichterten in jeder Hinsicht die Ausfuhr sowie die Einfuhr.
Heute verkehren auf diesen Strecken Luxuszüge; man reist bequem, blickt durch die gedämpften Gläser des Abteilfensters, oder durch feine Gazenetze, die gegen die Fliegenplage schützen, hinaus auf die Wüste, sieht vorüberziehende Karawanen, durcheilt die Durstflächen, wo nur kümmerliche Dornbüsche ein kärgliches Dasein fristen, wo ab und zu Gazellen auftauchen und hinter der nächsten Sanddüne verschwinden, wo die Bilder der Luftspiegelung uns ferne Oasen vorzaubern, die dann wieder in Nichts zerrinnen. Behaglich streckt sich der Weltenbummler im Liegestuhl, blickt halb übersättigt von seinem eisgekühlten Getränk auf, er nimmt es als selbstverständlich, daß alles in der Welt erschlossen wird, nur um seiner Reiselust die Länder zu Öffnen, ihm die Zeit zu kür/en. Am Nebentisch des Speisewagens aber sitzen vielleicht Ingenieure, schmale, gelbe, sonnengebräunte, fiebergeschwächte Gesichter, sie sprechen von ihrer Arbeit. Wer ihnen lauscht, der erfährt, daß es unendliche Mühen, unzählige Opfer an Leben und Gut gekostet hat, ehe all die Bauten zu Ende geführt waren, hier durch unendliche Wüsten, dort durch Urwälder und Sümpfe, durch ungeheuere Schluchten und Steppen, wo Krankheit und wilde Tiere ständig die Männer der Arbeit bedrohten.
Heute verbindet eine Bahn Khartum mit Wadi Haifa, das gewaltige Nilknie mit seinen Stromschnellen wird durch sie abgeschnitten. Von Wadi Haifa aus gehen bequem Dampfer nilabwärts nach Schellal, sie bringen uns aus der Wildnis in das Wunderland Ägypten mit seinen herrlichen Bauten, den unvergänglichen Resten längst verflossener Jahrtausende, Zeugen verschwundener, vergessener Könige und Völker, Bauten, die noch viele, viele Jahrtausende überdauern werden, die in majestätischer Ruhe stehen, unverrückbar, an denen schon unzählige Erdbeben sich vergebens abgemüht, aus deren gewaltigen Steinvorräten ganze Städte erbaut sind, und denen alle diese Zerstörungsversuche nicht mehr geschadet haben, als ein Kratzer in einem Kristallglas ausmacht. Titanenhaft ragen sie empor, Symbole der Macht, für alle Ewigkeit.
Etwa 200 Kilometer nördlich von Khartum finden sich die ersten größeren Überreste altägyptischer Kultur, die Pyramiden und Tempelanlagen von Meroe auf dem rechten Nilufer. Man sieht hieran, wie weit die Ägypter ihre Macht vorgeschoben hatten, also sogar über die Kubische Wüste hinaus. Es ist aber wohl anzunehmen, daß sie nicht durch die Wüste selbst, sondern auf dem Nil bis hierher vorgedrungen sind. Erstaunlich ist es dabei, wie sie die Schwierigkeiten der Schiffahrt überwunden haben, denn nördlich von Wadi Haifa, unserm nächsten Bahnziel, liegen die etwa i5 Kilometer langen zweiten, großen Nilkatarakte.
Hier windet sich der Nil durch eine wüste Bruchs tufe von Felsblöcken, Klippen und grobem Geröll, stürzt in kleinen Wasserfällen oder als schäumender Wirbel dahin, unpassierbar für die Fahrzeuge, außer bei höchstem Wasserstand. Rundum öde Wüste, nicht ein grünes Fleckchen Land, auf dem das von dem Sonnengeflimmer ermüdete Auge ausruhen könnte. Ob hier und überhaupt die Wüste schon vor Jahrtausenden bis dicht an den Nil herangereicht hat, möchte ich bezweifeln, vielmehr annehmen, daß sie, von West nach Ost wandernd, allmählich vorgedrungen, ist, unendliche Strecken fruchtbaren Landes unter sich begrabend. Für diese meine Ansicht spricht auch die Tatsache, daß viele Tempel vollkommen vom Wüstensand verschüttet sind, ja die mächtige Sphinx selbst erst durch unendlich mühsame Arbeit freigelegt werden mußte, um ihre erhabene Schönheit und Großartigkeit dem Auge sichtbar zu machen.
In Wadi Haifa endet die Wüstenbahn, ein schöner bequemer Dampfer sorgt dafür, daß der Reisende möglichst bald die Hitze und den Staub der langen Fahrt vergißt. Wie ein Schwan gleitet das hochbordige Schiff auf dem langsam fließenden Nil dahin, in der Ferne ragen Höhenzüge, allmählich nähern sie sich dem Fluß. Öde, vegetationslose Klippen, in denen Geier und Raubvögel nisten. Auf dem Gebel Added ragen Reste einer Burg. Hin Ujnd wieder schmiegt sich an das Ufer ein kleines Dorf, aus Nilschlamm erbaut, ärmlich, überragt von ein paar Dattelpalmen. Nackte Kinder laufen ein Stück weit am Ufer nebenher, weithin hallt ihr „Bakshish!".
Mächtige Steintöpfe auf dem Kopfe tragend, gehen, in lange blaue Hängekleider gehüllt, Frauen zum Wasser, ein fast bis zur Erde reichender dichter, schwarzer Schleier verdeckt ihr Gesicht vor den neugierigen Blicken der Fremden.
Nun nähern sich die schroffen Hänge dem Fluß, er hat sich an ihrem Fuß seinen Weg entlang gefressen, steil fallen die Felsen herab, verwitternd im Wechsel der ewig glühenden Sonnenstrahlen und kalten Nächte. Gegen Abend macht der Dampfer am Ostufer fest, die Sonne will sinken. Bei Nacht aber soll der Dampfer liegenbleiben, der Schlammbänke wegen. Wir sind nicht bös« darüber, denn gerade hier sind die herrlichen Felsentempel von Abu Simbel. Auf steilem Pfad über Geröll erreichen wir den Eingang des alten Heiligtumes, das vier gewaltige Bildwerke bewachen, Kolossalstatuen des Ramses, die nicht kleiner sind als die Memnonsäulen bei Theben. Mit außerordentlicher Geschicklichkeit sind die Ausmaße berechnet, so daß die Köpfe trotz ihrer Höhe dem Auge die richtigen Verhältnisse bieten. Aber diese Bildwerke sind nicht etwa errichtet, sondern in ihrer ganzen Größe aus dem Felsen herausgemeißelt. Ebenso der Tempel selbst, nicht eine Säule, nicht ein Bildwerk ist in ihm errichtet, alles hat man seinerzeit in gewachsenem Gestein erstehen lassen, ähnlich wie manche Tempel in Indien. Hallen und Kammern ziehen sich in den Berg hinein, bilden am Ende einen kleinen Raum, in dem hinter einem Altar die Figuren von Horus, Ramses, Ammon-Ra und Ptah ruhen. Wunderbar ist die Anlage des ganzen Tempels, denn wenn die Sonne aufgeht, so dringt ihr Strahl durch die schmale Pforte und fällt voll gerade auf den Altar und die vier Bildwerke.
Während das Westufer flach bleibt, vielfach Feldbau zeigt, bildet das rechte Geröllhalden, aufragende Felsen und Berge.
Eigentümlich wirkt der Kasr Ibrim, ein Tafelberg, eine gegebene Festung. Als solche wurde dieses Hochplateau auch seit grauer Vorzeit verwandt, bis ins letzte Jahrhundert. Inschriften der Ägypter, Griechen und Römer, moderne Baureste zeigen, wer alles hier oben Wacht gehalten, um sein Leben gekämpft hat. Heute ist es ein ödes Trümmerfeld.
Je weiter wir nordwärt» kommen, desto häufiger werden die Tempelreste, Anpflanzungen, größere und kleinere Dörfer, immermehr tritt die Wildnis zurück, ihre Spuren verschwinden gegenüber einer uralten halbvergessenen, einer neuen aufstrebenden Kultur.
Und nun taucht vor uns eine Märcheninsel auf: Philä. Von allen den vielen herrlichen Plätzen, den Wundern der Natur, der Baukunst, die ich auf meinen weiten Reisen in aller Welt gesehen habe, sind mir wenige so im Gedächtnis haftengeblieben, haben auf mich einen solchen Eindruck gemacht, als gerade die kleine Insel Philä. Unbeabsichtigt hat hier die fortschreitende Kultur im Kampf mit der Natur die erhabene Schönheit der Landschaft noch erhöht, hat dieses Eiland dadurch, daß die Wasser des Staudammes von Assuan seine Tempelhallen umspülen, noch herrlicher gemacht. Wie die Hallen eines verzauberten Schlosses ragen die uralten Bauten, geradezu gegeben als Vorlagen zu Kulissen für ein altägyptisches Märchen.
Eine entzückende Kleinwelt versinkt hier in den Fluten, das Alte stürzt, die Tempel und Pylonen, einst auf der winzigen Nilinsel errichtet, werden von den Fluten des Stausees unterspült, werden dereinst zusammenstürzen, die hier oben gesammelten Wasser des heiligen Stromes ergießen sich aber ewig befruchtend über das weite Land, segnend, nachdem sie zerstört haben.
Ganz besonders wirkt dieser Edelstein unter den vielen Denkmalserinnerungen aus Altägypten durch seine öde, tote Umgebung. Rundum felsiges Land, steriler Boden, dem kaum ein Halm, eine anspruchslose Palme entsprießt. Hier die wundervollen Bauten, über die sich Palmen neigen. Einst, ehe all die Pracht verfiel, dehnten sich weite Garten, ein kleines Paradies inmitten der Wüste. Kein Wunder, daß hier die ägyptischen Könige gern weilten, den alten Bauten neue hinzufügten. Noch stehen die Heiligtümer der Isis, das entzückende kleine Tempelchen, der Hathor (der Venus) geweiht, aber schon frißt das Nilwasser an seinen Grundpfeilern.
Der Staudamm soll mit Rücksicht auf diese Tempelanlagen absichtlich nicht so hodh gebaut worden sein, wie ursprünglich beabsichtigt, als dann aber die Wasser eingelassen wurden, ergab sich, daß sie doch die Grundmauern der Tempel überspülten. Sollten die Baumeister sich wirklich so verrechnet haben, oder war es nur ein „das Gesicht wahren", daß man absichtlich die Heiligtümer „schonen" wollte und sich „irrte"? Es wäre nicht nötig gewesen; die lebenden Menschen, das Wohl von Millionen, die in Unterägypten wohnen, von denen kaum einer je dieses herrliche Fleckchen Erde schauen wird, gehen vor, das ist nun einmal der Lauf der Welt. Und der Staudamm spendet Segen. Unendliche Fruchtbarkeit bringen die nun gebändigten Überschwemmungswasser des Nils. Sie dürfen sich nicht mehr wild, zügellos nach eigenem Gutdünken über das Land ergießen, sondern werden hier hinter der gewaltigen Granitmauer von 2 Kilometer Länge und 4o Meter Höhe eingesperrt. Eine Unzahl Schleusen läßt den durch die Mauerdurchlässe brausenden Wassern Spielraum, nur so viel kann heraus, als zur regulierten Bewässerung des Unterlandes nötig ist. Welchen Wert dieser gewaltige Bau für das Land hat, ersieht man daraus, daß der Ernteertrag des Landes um fast das Doppelte gestiegen ist. Nicht weit nördlich des Staudammes liegt Assuan, das Ziel der Touristendampfer, die allwöchentlich die Ägyptenreisenden bis hierher, an den Rand der Wüste, zum ersten Nilkatarakt bringen. Einst eine Sehenswürdigkeit, ist auch er heute durch die Anlage des Staudammes fast verschwunden, über ihn brausen nur noch die Abwässer des großen Bassins weg, gezügelt durch menschliche Hand.
Assuan hatte einst große Bedeutung als der Ort, von dem aus die Karawanen nach dem Sudan zogen, wo von dort die Waren gebracht wurden: Elfenbein, Straußenfedern, Tierhäute, Gummi u. a. m., ehe sie den Weg nach Ägypten und in das Abendland nahmen. Von hier zogen Slatin, Emin-Pascha, Neufeld und sie alle aus, die in dem geheimnisvollen Sudan so viel erdulden mußten, von hier
brach Kitchener mit seinem Heere auf, um dem Mahdis-mus den Todesstoß zu versetzen.
Heute bietet ein wundervolles Hotel auf der kleinen Nilinsel Elephantine erholungsbedürftigen Kranken Aufenthalt, die trockene Wüstenluft soll den kranken Lungen Heilung bringen. Auf der Ostseite dieser Insel findet sich ein uralter Nilmesser, wie sie zu Anfang des Buches erwähnt sind. Der aus der Kultur kommende Reisende hat in der Nähe des Ortes Gelegenheit, echte Söhne der Wüste ,,in Freiheit" zu sehen. Es sind Bischarin, vom Stamme der Bega, die hier ihre Zelte aufgeschlagen haben und die Karawanen sowie den Markt mit ihren an das Dursten gewöhnten Wüstenkamelen versorgen. Namentlich die Kinder sind netto Kerlchen, schwarz und schmutzig, aber lustig. Natürlich hat der ständig fließende Fremdenstrom auch sie schon gehörig verdorben, die unzähligen kleinen Geldgeschenke, Bakshish, der Fluch des Orients, haben ihre Wirkung getan —, viele Faulenzer erzogen.
Bietet Assuan auch keine nennenswerten Bauten aus alter Zeit, so doch Steinbrüche, die uns mehr lehren als manches Buch. Hier finden wir die gewaltigen Granitblöcke noch am selben Platz, wo sie vor Tausenden von Jahren durch Sklaven der Ägypter aus dem Felsen gesprengt waren. Hier hängt noch, halb dem starren Gestein abgewonnen, ein unfertiger Obelisk von 20 Meter Länge. Was das Wichtigste aber ist, wir können an ihm erkennen, auf welche einfache Weise schon damals die Steinmetze die Blöcke zu brechen verstanden: sie schlugen zu diesem Zwecke in einer Reihe Löcher in den Stein von etwa i5 Zentimeter Länge und Tiefe. In diesen wurden Holzkeile getrieben und durch Anfeuchtung zum Quellen gebracht. Dadurch wurde ein gleichmäßiger gewaltiger Druck ausgeübt, der selbst den Granit in einer geraden Linie sprengte. Hiermit wurde fortgefahren, bis sich der Steinblock in roher Form aus dem gewachsenen Gestein löste. Dem Laien mag dies unbegreiflich erscheinen, aber wir wissen ja, welche riesige Kraft selbst eine kleine Wurzel zu entfalten vermag, die sich in eine Spalte, einen kleinen Riß der Felsen gesenkt hat, weiter wächst und langsam, aber sicher, den Stein auseinanderdrängt.
Welche Menschenmengen waren aber dann dazu nötig, diese riesenschweren, halbfertigen Säulen oder Quadern weiterzuschaffen, auf dem langen Weg zum Nil und stromab- oder aufwärts bis zur Stelle, wo sie sich in irgendeinem Tempel erheben sollten. Staunend steht man vor einem Rätsel, denn damals besaßen die Menschen doch nicht die Hilfsmittel, über die unsere heutige Technik verfügt, lange nicht die, welche die Franzosen aufwenden konnten, um den Obelisken von Luxor, jenes herrliche Bildwerk aus dem i/i. Jahrhundert vor Christi, das sich heute auf dem Konkordienplatz in Paris erhebt, fortzuschaffen. Selbst vor 100 Jahren war man stolz auf die Leistung des Architekten Lebas, der diesen riesigen, 5ooo Zentner schweren Steinkoloß von Luxor zur Küste brachte; ein Höhenzug wurde zu diesem Zweck durchstochen, und auf dem Sockel des in Paris wieder aufgerichteten Obelisken wurde eingemeißelt, wie der Transport vonstatten gegangen war. Den alten Ägyptern schienen solche Leistungen nicht so bemerkenswert, denn nirgends finden wir sie vereAvigt, während doch sonst die Inschriften alles Wichtige berichten.
Assuan ist ein Platz, wo die meisten Reisenden allerhand Altertümer, meist von recht fragwürdiger Echtheit, erstehen. Auch mehrere Mitglieder unserer kleinen Reisegesellschaft, die sich auf dem Nildampfer zusammengefunden hatte, waren glückliche Besitzer von Mumienhänden, einbalsamierten Vögeln, Scherben und Skarabäen, den Nachbildungen der heiligen Pillendreher, jener Käfer, die als glückbringend galten und gern als Amulette oder Siegelringe getragen wurden. Einen besonders schönen derartigen Stein hatte ein junger Ehemann seiner Frau geschenkt, er trug die Zeichen Ramses' II. und war nach Ansicht der Sachverständigen echt. Während der Mann einen kleinen
Jagdausflug unternahm, saß die junge Frau mit uns am Teetisch und putzte an dem Stein, um die letzten Erdreste zu entfernen. Da wollte es ein tückisches Geschick, daß er ihr aus der Hand sprang und in den Nil hüpfte. Alle Versuche, ihn mit Hilfe eines feinen Netzes wieder herauszufischen, alle Versprechungen an Jungen, die den Stein wiederbringen sollten, blieben erfolglos. In ihrer Angst ging die junge Frau in die Stadt und kaufte einen unechten als Ersatz. Ich überraschte sie in dem Laden, sie machte ein etwas schuldbewußtes Gesicht, aber kaufte ihn doch, sagte ihrem Manne nichts und ließ den falschen Stein fassen, trug ihn, und, merkwürdiges Spiel des Schicksals, nach kaum einem Jahre wurde die junge Ehe geschieden. Abergläubige Menschen werden vielsagend mit dem Kopfe nicken!
Von Assuan nordwärts reiht sich fast Tempel an Tempel, Ruinen folgen einander, alles ist hier Geschichte, erzählt von unerhörtem Luxus, wilden Leidenschaften, grausamen Kriegen und Kämpfen. In keinem Lande der Welt ist die Geschichte auf einen so engen Raum zusammengedrängt als in Ägypten, selbstverständlich, denn nur schmal ist der fruchtbare Streifen Land, bedingt durch den segenspendenden Strom, dem auf seinem weiten Weg durch Ägypten bis zur Mündung kein Nebenfluß Wasser spendet. Sein Hinterland aber bilden Wüsten, unwegsame, sonnendurchglühte Felsgebirge.
Die prächtigsten Tempelanlagen finden sich bei Luxor. Zu beiden Seiten des Flusses ragen die mächtigen Säulenhallen, teils hart am Fluß, wie in Luxor selbst, teils ferner, in der Tempelstadt Karnak, mit seinen riesigen Hallen, Sphinxallee, Pylonen und Obelisken. Erdbeben haben an den mächtigen aneinandergefügten Quadersteinen gerüttelt, manches stolzes Bauwerk ist niedergesunken, aber unendlich viel Herrliches steht noch. Die schrägen, mit Bildwerken und Inschriften übersäten Tempelwände erzählen uns von den Taten, den Siegen der Könige, belehren uns über ferne Völker, die tributpflichtig waren, ihre Gaben brachten. So findet hier nicht nur der Altertumsforscher reiche Ausbeute, sondern auch der Zoologe kann seine Schlüsse ziehen über die Tierwelt, die früher in den einzelnen Ländern wohnte.
Staunend betrachtet man aber die Bauweise. Denn nicht Mörtel ist verwandt, um die Mauerwerke zu halten, sondern Stein ist auf Stein gefügt, alles hält sich gegenseitig. Auffallend sind an den Pylonen, den Torgängen, tiefeinge-schnittene senkrechte Rinnen. Wie wir aus in Gräbern gefundenen Abbildungen wissen, dienten diese zur Aufnahme hoher Fahnenmasten. Das wäre nichts Besonderes, aber sie hatten noch einen ändern Zweck: sie waren Blitzableiter, waren mit Kupfer beschlagen, ebenso wie teilweise die hochragenden Obelisken.
War das Ostufer des Nils bei Luxor besonders der Gö't-terverehrung geweiht und fanden sich auf dem Westufer nur einige Tempel, so lagen hier in der Hauptsache die Stätten des Totenkultes, nahe bei der einstigen Hauptstadt Theben. Am Fuße der steil aufragenden roten Felswände liegt der große rekonstruierte Tempel, in den sandverwehten Tälern aber die Grabkammern der Könige, oft tief in das Gestein hineingearbeitet. Lange Gänge führen zu den verschiedenen Grabkammern, geschmückt mit teils wundervoll erhaltenen Bildwerken, welche die ganze Geschichte der hier ruhenden Fürsten darstellen. Unendliche Schätze bargen sie neben den Mumien. Selbst mit echtem Gold überzogene Streitwagen, Nahrungsmittel für die Leichen auf dem langen Weg ins Jenseits, Getreide, so gut erhalten, daß man es genau hat untersuchen können, wurden gefunden. Teilweise sind diese Gräber schon von den Eingeborenen früherer Jahrhunderte geplündert worden, die Schätze in alle Winde zerstreut. Aber auch in neuerer Zeit sind noch Grabkammern geöffnet, und merkwürdigerweise sind die unermüdlichen Forscher, die als erste die Ruhe der schlafenden Könige störten, bald nach ihrer Ent-
deckung gestorben, meist unter Vergiftungserscheinungen. In den Zeitungen ist das vielfach auf mystische Weise gedeutet worden. Aber ich glaube, der Vorgang ist sehr einfach: die Ägypter waren ja sehr erfahrene Giftmischer, sie hatten sicher noch schlimmer und gründlicher wirkende Gifte als selbst die Malaien, die darin groß sind. Über manchen Eingängen dieser Grabkammern fanden sich warnende Inschriften, die den Unbefugten, der die Pforten zu öffnen wagte, mit dem Tode bedrohten. Warum soll man daran zweifeln, daß die Priester, die ihre Könige hier beisetzten, das Gestein, die Kammern selbst, vergiftet haben. Es gibt Gifte, die ihre Wirkung für alle Zeit behalten, namentlich in dem trockenen Klima Ägyptens, zumal so tief unter der Erde. So erklären sich also die Todesfälle höchst einfach, und man braucht nicht an Racheakte moderner Ägypter zu glauben, denn meist ist es diesen ziemlich gleichgültig, wer nach den verborgenen Schätzen gräbt. —
Herrlich ist der Blick auf Theben bei Anbruch des Tages, wenn die Sonne über die Berge des Ostens emporsteigt und die Wände der Gebirge rot aufleuchten läßt, die gewaltigen Memnonsäulen allmählich von dem goldenen Licht des anbrechenden Tages beleuchtet werden, während über dem Grün der Felder oder dem roten trockenen Nilschlamm noch die Morgennebel liegen. Früher erklang die eine Memnonsäule unter den wärmenden Strahlen der aufgehenden Sonne, heute, nachdem sie durch Unterbau vor dem drohenden Einsturz gewahrt ist, bleibt sie stumm.
Immer wieder muß man sich fragen, wie haben es die Alten fertiggebracht, die gewaltigen Säulen aufzurichten, die Quader so genau aneinanderzufügen? Welche Menschenmengen müssen daran gearbeitet haben, wie viele außerordentlich geschickte Kunsthandwerker besaß das Land, um all die wundervoll ausgeführten Inschriften und Darstellungen in das großenteils außerordentlich harte Gestein zu meißeln!

Ganz besonders interessant ist es, daß sie wahrscheinlich alle zum Bau verwandten Steine vorher ganz genau berechnet haben, denn an einem unfertigen Pylon sieht man noch heute, daß sein Fuß vollkommen von luftgetrockneten Ziegeln umkleidet ist. Man darf wohl hieraus schließen, daß, sobald eine Steinlage aufgeschichtet war, dieselbe mit den Ziegeln umkleidet wurde und nun auf Rollen die Quadern für die folgende herangebracht und aufgesetzt wurden, so daß die Bauausführer sich tatsächlich auf den genauen Zuschnitt der zugeführten Steine verlassen mußten, denn sie sahen ja eigentlich gar nicht richtig, was sie bauten. Und doch stimmt alles, die schrägen Wände der Pylonen bilden fortlaufend gerade Flächen von erstaunlichem Gleichmaß. Später wurden dann natürlich die Ziegel, die gewissermaßen als Gerüst gedient hatten, abgetragen.
Langsam bringt uns der Dampfer nilabwärts, da und dort legt er an. Wir erhandeln fein geflochtene Körbe, reizende Tonwaren, metalldurchwirkte Schleier und andere Kleinigkeiten, namentlich in Assiut gibt es hübsche Dinge zu kaufen. Noch immer begleiten uns, etwas abseits des rechten Nilufers, Höhenzüge, die Randgebirge der Arabischen Wüste, während der Blick nach Westen, mit Ausnahme eines bebauten Uferstreifens, hinschweifen kann über die gelben Sanddünen der großen Wüste. Da ahnt man nicht, daß nicht weitab, umschlossen von ödesten gelben Sandbergen, die größte, älteste Oase Ägyptens liegt.
Bei Wasta am Nil verlassen wir den Dampfer, um diesen von Gott gesegneten Flecken Landes, der seit Jahrtausenden die Kornkammer für das ganze Reich bildete, zu erreichen. Wie hier, umgeben von der Wüste, dieses Paradies entstand, ist nicht gewiß. Ob er den letzten Überrest eines einst weiten fruchtbaren Landes darstellt oder auf künstliche Weise der Wüste abgerungen, ist ungewiß, doch scheint dieses nicht unmöglich. Ist letzteres der Fall, darf man annehmen, daß schon in ältester Zeit dieses Ge-
biet hohe Wichtigkeit besaß. So hat Amenemhet III. um das Jahr 2000 vor Christi den hier abzweigenden Nilarm reguliert, den Möris-See künstlich angelegt und durch ein Schleusensystem für gleichmäßige, zweckdienliche Bewässerung -gesorgt. Die eigentümliche Beschaffenheit des Geländes, das drei Terrassen bildet, gestattet eine genaue Regulierung. Bei Hochwasser dürfte sich der Möris-See gefüllt haben und das weite Land gleichzeitig überschwemmt worden sein. Schleusen und Dämme sorgten dafür, daß das Wasser beim Fallen des Nils nicht mit abfloß, sondern auf jeder Terrasse stehenblieb. Es läßt sich denken, daß bei der großen Fruchtbarkeit des Bodens an sich, der alljährlichen Düngung mit neuem Nilschlamm, die Ernten groß waren. Kein Wunder, daß namentlich die mittlere Terrasse, die nach Belieben bewässert werden konnte, „das Land der Rosen und des Weines" genannt wurde. Heute ist die Welt prosaischer, jetzt wächst hier in ungeheuren Breiten Baumwolle. Leider sind im Laufe der Zeit die Wasserregulie-rungsanlagen verfallen und erst in den letzten Jahrzehnten zum Teil wieder neu angelegt, so daß man hier inmitten der Wüste auf eine fruchtbare Fläche von etwa 1800 Quadratkilometern rechnen kann.
Natürlich herrscht an den Tümpeln und Wasserläufen ein riesiges Vogelleben, in den Feldern und Gärten sammeln sich die Zugvögel, ehe sie ihre Reise über das Mittelmeer nach der nordischen Heimat antreten. Hier liegen auch Pyramiden von untergeordneter Bedeutung, die uns nicht locken, denn bald erreichen wir Kairo, und von hier geht es hinaus nach Gizeh, zu den großen Pyramiden.
Als ich diese Wunderwerke zum erstenmal sah, überkam mich das Gefühl: warum kann ich hier an diesem Ort nicht allein sein, warum müssen rundum sich bettelnde Beduinenjungen drängen, warum all das mehr oder weniger blasierte Reisepublikum, mit den oft recht wenig geistreichen Fragen und Bemerkungen, dem albernen Lachen, dem ewigen Flirten? Aber man muß die Welt in Kauf nehmen, wie sie ist, sich hinwegsetzen über die Alltäglichkeiten, dann kann man auch hier genießen.
Offen gestehe ich, daß kein Bauwerk der Welt auf mich solch tiefen Eindruck gemacht hat, wie diese gewaltigen gen Himmel ragenden Dreiecke in ihrer erhabenen Einfachheit, unvergleichlichen Ruhe der Architektur.
„Einfachheit", sage ich, bin mir dabei wohl bewußt, daß der Bau dieser Monumente an die Baumeister die höchsten Anforderungen gestellt hat, nicht nur, was die Ausführung selbst betrifft, sondern auch im Hinblick auf die Berechnung. Noch mehr aber staunt man, wenn man bedenkt, daß sie im 4- Jahrtausend vor Christus errichtet worden sind. Vermutlich ließ König Ghufu (Cheops der Griechen) die erste Pyramide ausführen. Sie ist auch die am genauesten ausgeführte. Nach Angaben von Herodot sind nicht weniger als 100000 Arbeiter zwanzig Jahre lang beschäftigt gewesen, nur diese eine Pyramide zu erbauen. Aber damals gab es bei einem Befehl eines Königs keine Schwierigkeiten. Steine zum Bau waren an Ort und Stelle nicht vorhanden. Von weither mußten sie gebracht werden, von den Bergen bei Turra, südöstlich von Kairo. Gewaltige Quadern wurden hier gebrochen und bei Überschwemmung des Nils auf Flößen nach Gizeh gebracht. Dort aber stand erst die Hauptaufgabe bevor. Nicht nur mußten die riesigen Blöcke vom Ufer des Nils an Ort und Stelle gebracht, sondern auch emporgeschafft werden bis zur Höhe von i46 Metern. Dabei ist zu bedenken, daß den Ägyptern doch nicht Winden und Krane, wie wir sie heute besitzen, nicht mechanische Hilfe zur Verfügung standen, sondern alles mußten Menschenarme vollbringen. Vermutlich wurde jedesmal, wenn eine Steinschicht aufgebaut war, wie bei den Tempelbauten, der Boden rundum mit Erdziegeln erhöht und nun auf Schlitten und Rollen die Steinblöcke herangeschafft, emporgehoben oder -gerollt. Welche Kräfte waren dazu nötig, welche Unglücksfälle, welche unglaublichen Härten unter den Peitschen der Vögte mögen hierbei vor-
gekommen sein, alles nur, um einem König ein würdiges Grabmal zu schaffen, in dem er ruhen wollte, sicher vor Nachforschungen, umgeben von Schätzen, die ihm im Jenseits zur Hand sein sollten. Die Sklaven, die die zu den Grabkammern in das Innere der Riesenbauten führenden Gänge vermauerten, wurden getötet, nur den Priestern war das Geheimnis der Stelle, wo der Gang bestanden, bekannt, denn nicht etwa in der Mitte, sondern abseits von dieser befand sich die Grabkammer. Und doch, im Laufe der Zeit wurden die Geheimnisse gelüftet, von wem, ist nicht bekannt, jedenfalls waren die Pyramiden schon ausgeraubt, als Wissenschaftler die Schätze heben wollten. Die zerschlagenen Sargdeckel ließen darüber schon bei dem ersten Einblick in die geheimnisvollen Räume keinen Zweifel, man nimmt an, daß dies bereits zur Zeit der Persereinfälle geschehen ist.
Drei große und eine ganze Reihe kleiner Pyramiden stehen hier, und vor ihnen, halbverweht vom Wüstensand, liegt die gewaltige Sphinx, den eigentümlich ernsten Blick nach Osten gerichtet, hinüber nach dem alles befruchtenden Nil.
Die Nase des riesigen Bildwerkes ist zertrümmert, eine Nation, die sich immer so viel auf ihre kulturelle Mission zugute tut, die Franzosen, dürfen den traurigen Ruhm für sich in Anspruch nehmen, hier aus bloßem Mutwillen an der Zerstörung eines der Weltwunder geholfen zu haben (würdig reihen sich dieser Tat die Verbrennung des Heidelberger Schlosses, die Zerstörung des Sommerpalastes in Peking an die Seite): Napoleons Soldaten haben mit Kanonen die Nase der Sphinx zerschossen, wollten und hofften wohl, den ganzen Steinkoloß zu zertrümmern. Aber die Sphinx, das Symbol Afrikas, lächelt über die Versuche der fremden Zwerge in erhabener Ruhe, heute und für alle Zeiten.
Noch oft kehrte ich zu diesen Wunderwerken zurück, jeder Besuch in Kairo führte mich hinaus. Am herrlichsten ist es, bei Mondschein durch die schweigende Nacht zu wandern, droben funkeln die Sterne, und schwarz, als gewaltige finstere Dreiecke, erheben sich die Pyramiden. Um diese Zeit herrscht Ruhe, die meisten „Kulturmenschen" — und solche, die sich dazu rechnen, sitzen im Hotel, trällern die neueste Tanzmusik mit, flirten oder gehen anrüchigen Vergnügungen in Kairo nach. Um so besser, so stören sie nicht diese erhabene Ruhe am Wüstenrand.
Kairo selbst ist ein Babel, was Sprachgemisch und -ge-wirr und Lebensauffassung betrifft. Aus aller Herren Ländern strömen Reisende und Händler zusammen. Daher bietet auch der Basar nicht das reine Bild, was man erhoffen könnte; und doch ist er noch immer in der Hauptsache echt orientalisch. Wer Zeit hat, sich auf die Kunstgegenstände versteht und Spaß am Handeln hat, kann mancherlei Gutes bekommen, namentlich am Schluß der Reisezeit, wenn der große Strom der Menschen mit dem vollgespickten Geldbeutel abgezogen ist. Dann ist es überhaupt in Ägypten am schönsten, die paar Grad Wärme mehr fallen nicht ins Gewicht.
Durch das Basarviertel geht der Weg hinauf zur Zitadelle. Hier bietet sich gegen Abend, wenn die Sonne tief steht, oder ein Wüstensturm herannaht, ein unvergleichlicher Blick über Kairo und das weite Tal des Nils, der wie ein riesiges silbernes Band die Landschaft teilt. Palmen und Eukalyptusbäume, dunkle Koniferen erheben sich aus Gärten und Parkanlagen, in der Ferne aber, gegen den glutroten Abendhimmel sich abhebend, ragen die Pyramiden, senden uns einen letzten Gruß, ein unvergeßliches Bild.
Ruhig gleitet der gewaltige Strom weiter nordwärts, seiner Mündung zu. Aber ehe er seine Wasser dem Meere opfert, will er noch einmal dem Land reichen Segen spenden: Er teilt sich:, löst sich auf in viele Arme, bildet das berühmte Delta. An seinem westlichen Mündungsarm liegt die geschichtlich so hochbedeutende, noch heute weithin
herrschende Handelsstadt Alexandrien, gewissermaßen als Wahrzeichen der alten unvergänglichen Zeit. Im Osten aber reicht das Delta bis hin nach Port Said und dem Suez-Kanal. So trennt es und verbindet Altertum und Neuzeit, unverrückbar aber alles überdauernd, gleichmäßig spendend, sorgt es für das Land und seine Bewohner.
Unendliche Kämpfe sind um seinen Besitz und den seines Hinterlandes geführt worden, heute herrscht Frieden. Der Weltkrieg hat Ägypten selbständig gemacht, wenigstens dem Namen nach. Doch die Zeit wird kommen, naht mit Riesenschritten, wo jedes starke Volk sein Selbstbestimmungsrecht für sich in Anspruch nehmen, sich ertrotzen wird. So wird die Welt einst mit Schaudern sehen, wie diese Drachensaat aufgeht. Noch arbeiten die Kräfte im geheimen, und wenn auch wir ihn nicht erleben sollten, so doch gewiß unsere Kinder, jenen furchtbaren Tag, an dem die Afrikaner sich auf sich selbst besinnen, den Kampf aufnehmen, durchführen und in die Welt hinausrufen; „Afrika den Afrikanern!"

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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