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In den Wildnissen am Blauen Nil

Das Innere von Khartum hatte sich, wie schon erwähnt, in den drei Jahren, seit ich es nicht gesehen hatte, ganz auffallend verändert. Hatte es bei meinem ersten Besuch den Eindruck einer eben im Anwachsen begriffenen Stadt gemacht, waren die Häuser noch traurige Lehmhütten, die Läden nur Schuppen, angefüllt mit allerhand mehr oder weniger verstaubten Waren, viel Gerümpel, aus dem sich die Weißen und Farbigen heraussuchten, was ihnen zusagte, so war es jetzt ganz anders: die Straßen breit und sauber, Ordnung, kein Schmutz. Die Geier hatten keine so guten Zeiten mehr wie früher, als die Mahdisten hier hausten. Damals wurde aller Kehricht einfach auf die Straße geworfen, bei Seuchen selbst die Leichen der unzähligen Opfer, möglichst vor das Haus des Nachbarn, der dann, nach einem Befehl des Kalifen, für ihre Beseitigung zu sorgen hatte.

Heute war von all dieser Mißwirtschaft nichts mehr zu sehen. Die Läden glichen vollkommen den europäischen, sauber lag hier alles, ordentlich, elegante Damen waren die Käuferinnen, in weißen duftigen Kleidern, ganz wie in Kairo. Ja, in Afrika geht das „Vergehen" schnell, aber auch das „Werden". Unaufhaltsam wird kultiviert, wilde Länder erschlossen, ausgebeutet, Bahnen vorgetrieben, die Landesprodukte wegführen, europäische Waren bringen, durch die das einheimische Handwerk verdrängt, erstickt wird. Die Eingeborenen werden auf diese Weise allmählich ganz abhängig vom europäischen Markt, werden Sklaven, nur in milderer Form als früher. Bis einmal der Tag anbricht, an dem sie erwachen und zurückfordern, was die Weißen ihnen genommen haben. —

Als ich meine Expedition an die abessinische Grenze unternahm, war das noch recht unbequem. Erst zehn Tagemärsche durch trostlose Öde nach Senga, wo wir endlich den Blauen Fluß überschritten, um dem eigentlichen Jagdgebiet näher zu kommen. Und doch, es lag trotz allen Ungemaches auch eine gewisse Poesie darin. Unvergeßlich wird mir der Weihnachtsmorgen bleiben, an dem ich reisefertig das Hotel verließ und das Bepacken der für meine Expedition bestimmten Kamele überwachte. Das war ein Schimpfen der Treiber, ein Blöken der „Wüstenschiffe", die so taten, als würde ihnen etwas ganz Ungeheuerliches zugemutet. Länger als eine Stunde dauerte es, bis alle Lasten wohlverschnürt auf den Packsätteln lagen. Aber die Kamele sind manchmal hinterlistig — dumm nennt es der Mitteleuropäer —, so auch eines der meinigen. Kaum stand es auf, da schüttelte es sich und „holterdiepolter" flogen Kisten und Kasten im Hof herum, der kleine eiserne Backofen, ohne den der Koch nicht auskommen zu können behauptete, bohrte aber einen seiner eisernen Füße durch meinen Lederkoffer. Das war sein Ende; der Koch backte zwar für die Folge kein vernünftiges Brot, aber ich glaube, das lag weniger daran, daß der Backofen fehlte, als vielmehr an mangelnden Kochkünsten.

Endlich war alles gepackt, ich schwang mich auf meinen wundervollen kräftigen Maskatesel, mein treuer Hassan aber drehte sich noch eine Zigarette, ließ seine langen Beine baumeln, und hin ging es durch die Straßen von Khartum, hinaus auf die weiten Felder. Öde und verlassen lagen sie, als „Felder" würde ich sie niemals angesprochen haben, hätten nicht herumliegende Halme daran erinnert. Und doch, wie ungeheuer fruchtbar sind sie, wenn der Regen den saftigen Lehmboden aufgeweicht, der Nil sich zur Überschwemmungszeit über sie gebreitet hat. In der Trockenzeit sorgen quietschende Schöpfräder am Nil für fruchtspendendes Naß, in dünner Bahn wird es zu kleinen Pflanzungen, zu den Gärten geleitet.

Hin und wieder begegnen uns Eingeborene, schon von weitem springen sie vom Reittier, auch Frauen und weißbärtige Männer, sie dürfen laut englischer Verfügung nicht an einem Europäer vorüberreiten, müssen absteigen, ihn zu Fuß begrüßen. Sie beugen sich dem englischen Machtspruch, doch in ihren Augen glimmt es verstohlen, mögen sie sich auch noch so demütig neigen, das Gesicht lächelt verbindlich, wie das des Mahdi, des Kalifen, selbst wenn er mit seinem Todfeind sprach, den er im nächsten Augenblick dem Henker überantwortete. Im Innern flackert der Haß, wehe, wenn diese Eingeborenen einmal wieder zur Macht gelangen! Mir widerstrebte es, daß selbst die ältesten Männer, oft schwerfällig, von ihren Kamelen herabkletterten, daß die Frauen von ihren Reiteseln zu Boden glitten, und durch Hassan ließ ich ihnen zurufen, ich sei Deutscher, ein Freund Saladini-Paschas, sie sollten ruhig auf ihren Tieren bleiben. Und sie dankten es mir.

Auf den Feldern stolzierten in dichten, graublau schimmernden Scharen Kraniche, mit lautem Trompeten senkten sich immer neue Flüge zu ihnen herab. In den Lüften kreisten Milane oder Geier, namentlich letztere waren nun für Monate meine ständigen Begleiter.

Unendlich weite Flächen dehnten sich vor und um uns, fruchtbarstes Land, das dereinst, wenn erst die Bewässerungsanlagen durchgeführt sind, den Ertrag vervielfachen wird. Aber nicht nur für Negerkorn und Mais ist der Boden geeignet, sondern vor allem auch für Baumwolle. Ein gewaltiges Areal zur Anpflanzung dieses für die englische Industrie unerläßlichen Rohmaterials steht ihnen hier zur Verfügung, weithin, nilauf- und -abwärts, ein gleich guter Boden. In Uganda blüht heute schon, kaum zwei Jahrzehnte nach den ersten Versuchen, die Baumwollenkultur, Ostafrika eignet sich auch, also ist mit Sicherheit darauf zu rechnen, daß England sich im Laufe weniger Jahre vom amerikanischen Markt freimachen wird, selbst seine Preise vorschreibt. Hieraus ist wohl auch ein gewisses Mißtrauen zu erklären, mit dem namentlich die südlichen der Vereinigten Staaten die koloniale Arbeit Englands verfolgen. Nicht lange wird es mehr dauern, da verschwinden die quietschenden Schöpfräder am Nil, Staudämme werden entstehen, Turbinen allenthalben aufgestellt werden, um auch das Grundwasser nutzbar zu machen.

Ja, Wasser. Wer daheim die Leitung aufdreht, wenn es ihn dürstet, macht sich keinen Begriff davon, was das himmlische Naß für den Tropen-, namentlich den Wüsten-und Steppenreisenden bedeutet. Die vom ehern blauen Himmel herabglühende Sonne, der leicht dahinziehende ständige warme Wind trocknet alles aus. Jeder Halm splittert unter dem Huf des Reittieres wie Glas, der Erdboden ist zerrissen in unzählige kleine Stückchen, zwischen denen sich weite Spalten bilden, flimmernd liegt das Sonnenlicht auf dem Boden, läßt die Luft erzittern. Stunde um Stunde verrinnt, stumm reiten wir dahin, längst ist das Interesse für die Kraniche, ab und zu auffliegende Lerchen, vorüberziehende Raubvögel, an irgendeinem Aas sich zankende Geier erloschen, gleichförmig, einschläfernd tönt das Glöckchen des Leitkameles. Alles scheint in einem Traumzustand zu sein, nur die Fliegen sind wach, immerzu summen neue heran. Der Rücken des vor mir reitenden Hassan ist von ihnen wie mit einer schwarzen Schicht bedeckt, auch meiner wird nicht anders aussehen, der Sattelknopf des ägyptischen Sattels ist in seiner ganzen, mit glänzendem Leder bezogenen Rundung von ihnen in Besitz genommen. Eine unbedachte Bewegung meinerseits, und schon erhebt sich das Geschmeiß brummend, wirft sich auf das Gesicht, Mund und namentlich die Augen — ekelhaft!

Windend hebt das führende Tier den Kopf. Sein Schritt wird schneller, ich blicke nach vorn: „Endlich", entringt es sich mir: da drüben sind Bäume, da schimmert Wasser, Hütten scheinen dabei zu stehen.

Flotter laufen die strammen Esel, die Kamele blöken auf, Stimmung kommt in die Karawane. Weiter, immer weiter im Sonnenglast.

Nun sehen wir schon eine Stunde den Platz vor uns, der uns so lockt, und doch, wir kommen ihm nicht näher, merkwürdig. Jetzt scheinen die Bäume und Hütten dort vorn ins Schwanken zu kommen, sie schrumpfen zusammen, das Wasser verrinnt, Sand starrt hart und gelb aus ihm empor, ein paar Steine, kleine Erdhaufen.

Teufeiswasser", sagt mein Hassan und steckt sich schimpfend eine Zigarette an, die benimmt den Durst: Eine Fata morgana!

Täglich dasselbe, täglich fallen Esel, Kamel und Mensch auf die Täuschung herein. Ich nenne absichtlich die Tiere zuerst — nicht aus Bescheidenheit —, denn ihnen ist eigentlich der Irrtum am wenigsten zu verzeihen, sie sind ja, was Witterung betrifft, den Menschen weit überlegen, deshalb dürften sie sich eigentlich nicht immer wieder von dem Trugbild anführen lassen.

Tag um Tag verrinnt, ewig das gleiche Bild, trostloser Marsch. Nur die Rastplätze lohnen uns die Mühe des Tages. Der Nil macht hier unzählige Krümmungen, ihnen zu folgen, wäre ja unterhaltender, aber nähme uns zuviel Zeit, so schneiden wir immer möglichst eine Anzahl derselben auf dem Tagesmarsche ab und lagern am Abend an seinen Ufern. Hier stehen gewaltige Bäume, dichtes Gebüsch zieht sich hin, in den Fluten taucht hin und wieder das gewaltige Haupt eines Flußpferdes auf, wir nähern uns der wirklichen Wildnis. Affen turnen in den Zweigen, kommen gelegentlich, wenn ich ganz still in meinem Stuhl liege, an das Zelt, holen sich eine weggeworfene Konservenbüchse und schlecken den Rest der eingekochten Früchte auf. Auf den Flußbänken tummeln sich graue und Jungfernkraniche, sogar die prächtigen Kronenkraniche zeigen sich schon vereinzelt, Sporenkiebitze, Strandläufer und Kampfhähne, Nacht- und Edelreiher, hin und wieder Gänse sorgen für Unterhaltung und für einen gelegentlichen Küchenbraten.

Wad Medani liegt hinter uns, bald auch einer der wichtigsten Gummimärkte: Sennar, einst die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, um die Mahdisten und Ägypter hart gerungen haben.

Weiter geht es durch durstiges Land. Eine eigentümliche Müdigkeit erfaßt mich, der Kopf glüht, die Augen schmerzen. Plötzlich befällt mich ein Schwindel, ich schwanke im Sitz, gerade kann ich meinen Hassan noch rufen, weiter weiß ich nichts mehr. Als ich wieder zu mir komme, erzählt er: Gerade als ich aus dem Sattel glitt, konnte er mich noch auffangen, dann hat er mich auf den Boden gebettet, eine Zeltbahn als Schattenspender über einen kleinen Busch gebreitet als Notzelt. Getreu hat er sich neben mich gesetzt und mir aus der Feldflasche tropfenweise Tee in den Mund gegeben. Länger als eine Stunde habe ich bewußtlos gelegen, dann sind die Lebensgeister wiedergekehrt.

Noch längere Zeit ruhte ich hier aus, erst als die Sonne tiefer stand, stieg ich wieder in den Sattel und ritt der Karawane nach. Ich hatte einen regelrechten Anfall von Sonnenstich, ein wenig angenehmer Auftakt, der auf mehrere Monate berechneten Expedition. Zur Vorsicht wurde ein Ruhetag eingeschoben, denn am nächsten Morgen war ich doch recht schlapp.

Etwas Unterhaltung bot der kleine Ort, bei dem wir lagerten. Der Ortsvorsteher hatte ein Flußpferd geschossen, das unter riesigem Freudengeheul, Getriller der Weiber unter die Menge verteilt wurde. Ich selbst schoß von meinem Frühstückstisch aus einen prächtigen Schreiseeadler.

An einem kleinen englischen Posten führte uns der Weg vorüber, hier saß ein blutjunger englischer Offizier. Ich wollte ihn in seiner Einsamkeit nicht stören, suchte auch den verlorenen Marschtag möglichst einzuholen. Hätte ich geahnt, wie er unter der Einsamkeit litt, so hätte ich ihn aufgesucht, mein Lager bei ihm aufgeschlagen. Kurze Zeit darauf hörte ich, daß er sich erschossen habe, aus Heimweh!

Endlich war Senga erreicht, tiefblau wälzt der Bahr el Azrak seine Wogen vorüber. Hier sah ich so recht, wie berechtigt der Fluß seinen Namen trägt. Herzlich empfingen mich die englischen Offiziere, halfen mir mit Rat und Tat, ehe ich den Fluß überschritt, um nun, nach Verlassen des letzten vorgeschobenen Postens, den Weg geradezu auf die abessinische Grenze einzuschlagen.

Mit einem Schlage änderte sich das Landschaftsbild. Die weiten Felder lagen hinter uns, voraus dehnte sich licht bewachsene Steppe, Dornbüsche herrschten. Kleiner wurden die Felder, nur gerade groß genug, um die paar Familien, die in den kleinen Dörfern wohnten, zu nähren. Wie hatte sich hier alles geändert, seitdem die Mahdisten ihre eiserne Hand auf dieses fruchtbare Land hatten fallen lassen. Einst blühten große Orte und Städte, Reichtum und Kultur weithin am Blauen Nil und an seinen Nebenflüssen, dem Rahat und Dinder, jetzt waren es nur noch kümmerliche Örtchen, hin und wieder eine große Fläche, auf der Reste von Hütten, unzählige Scherben den Platz bezeichnen, wo einst Tausende von Menschen gelebt hatten.

Bald zeigte sich auch das erste Wild, Gazellen, die schnellfüßig beim Nahen der Karawane flüchteten.

Da es die Sonne ganz besonders freundlich mit uns meinte, so beschloß ich, lieber bei Nacht zu marschieren, womit die Kameltreiber aber gar nicht einverstanden waren; sie behaupteten, in dieser Gegend gäbe es Elefanten, und wenn diese Kamelwitterung bekämen, so packte sie furchtbare Wut und sie brächten die langhalsigen Fremdlinge um. Ich lächelte: schön, wenn sie kommen, habe ich gute Gelegenheit, sie zu schießen. Da kamen sie mit etwas anderm: sie erzählten Schauermärchen von Löwen. Doch ich blieb hart, hörte ihren mit vielen Gestein begleiteten Erzählungen zu — verstanden habe ich sie zwar nicht, aber Hassan übersetzte sie mir —, und ich befahl, in der nächsten Nacht weiterzuziehen. Das Südliche Kreuz war unser Leitgestirn, sein unterster Stern die Richtungsmarke.

Der Dinden selbst ist nicht so wasserreich als der Blaue Nil, doch müssen zur Regenzeit gewaltige Wassermassen sich in seinem Bett hinwälzen, denn die Ufer fallen senkrecht, tief ausgefressen herab. Der Boden des Stromes zeigt hier und da einige Tümpel klaren Wassers, die durch Sandoder Kiesbänke voneinander getrennt sind. Hier findet sich das Wild in großen Scharen ein. Nicht nur allerhand Vögel, sondern auch Antilopen, Löwen und Elefanten, hin und wieder Giraffen und Nashörner. Beide Tierarten gab es früher hier in großer Zahl, aber den ständigen Verfolgungen sind sie erlegen. Heute kommen sie nur noch vereinzelt vor und sind, obgleich sie ein sehr gutes Jagdgesetz schützt, sehr scheu. Nach Aussage meiner eingeborenen Jagdbegleiter kommen sie nur alle 3—4 Tage zum Wasser, genau so wie die Elefanten. Auch diese haben es hier nicht leicht, denn nicht nur die jagenden Europäer sind hinter ihnen her, sondern auch die Eingeborenen. Nach altem Brauch jagen sie noch heutzutage, soweit sie sich nicht der alten Fallgruben oder moderner Büchsen bedienen, mit dem Speer und Schwert. Ein berittener Jäger neckt und reizt das Tier, bringt es allmählich in solche Wut, daß es sich auf ihn stürzt. Doch auf schnellfüßigem Renner wendet der Jäger, und wenn der Elefant hinter ihm herstürzt, kommen von hinten seine Gefährten zu Pferd oder auch zu Fuß — die Kerle können fabelhaft laufen — und hauen dem Elefanten mit dem Schwert die Hackensehnen durch, oder stoßen ihm ihre breiten Speere in die Hinterbeine. Damit ist der Elefant für jeden weiteren Angriff unfähig, ja wehrlos gemacht. Die schwerverletzten Beine vermögen nicht mehr die gewaltige Last des Körpers zu tragen, das Tier knickt ein, hockt sich hin wie ein Hund. Wohl sucht es sich noch mit dem Rüssel seiner Widersacher zu erwehren, packt blitzschnell zu, doch gewandt weichen die Eingeborenen seinem gefürchteten Greiforgan aus. Sie umschwärmen und reizen das unglückliche Tier immer von neuem, und wenn sie des rohen Spieles müde sind, hauen sie ihm den Greifer des Rüssels ab. In wahnsinnigem Schmerz, ohnmächtiger Wut will der Riese sich auf seinen Feind werfen, doch unter Hohngelächter der grausamen Baggara bricht er immer wieder zusammen.

Schon fliegt ihm der erste Wurfspeer zwischen die Rippen, andere folgen, langsam, sich an den Schmerzen, der Angst des wehrlosen Elefanten weidend, schlachten sie ihn ab. Es sind noch dieselben wilden Horden, die zur Zeit des Mahdi die Einwohner brandschatzten. Hassan erzählte mir, daß sich, wenn sie damals ein Dorf überfielen, gewöhnlich ihr Scheich unter einem Baume vor dem Dorf niederließ. Dorthin beorderte er den Ortsschulzen und verlangte alles Gold und Silber, allen Schmuck, der im Dorfe war — eine Stunde Zeit wurde gewährt. Währenddessen brachten die geängstigten Einwohner alles zusammen, natürlich auch Nahrungsmittel aller Art. Die Wertgegenstände häuften sich, der Dorfschulze hoffte nun, davonzukommen.

Das ist nicht genug, ihr habt mehr. Wenn in einer Stunde nicht alles da ist, wehe dir, auch die jungen Mädchen fehlen, bringe auch sie."

Wieder wurden neue Ringe und anderes mehr abgeliefert, zitternd stand der Dorfbeherrscher. Doch der Räuber war nicht zufrieden, am Fuß eines Mädchens hatte er wohl noch einen dünnen Silberreifen gesehen. Dem unglücklichen vor ihm Stehenden rannte er seinen breiten Speer in den Leib, daß die Eingeweide herausquollen. Seine Leute durchsuchten nun gründlich die ärmlichen Hütten, brachten aus Verstecken noch Wertgegenstände und junge Weiber. Männer, die sich zur Wehr setzten, wurden niedergestochen. Bald loderten Flammen aus dem bisher so friedlichen Orte auf, und während der unglückliche Dorfschulze verröchelte, die Hütten zusammenfielen, zogen die Baggara ab, sie hatten wieder einmal ein Dorf ihres eigenen Herrn zerstört, eines von den vielen, deren Reste wir auf der langen Reise fanden.

Heute versuchen die Engländer und Ägypter, in diesen fruchtbaren Gegenden wieder Dörfer anzulegen. Hierbei soll ihnen eine Straße helfen, die sie quer durch die Wildnis in schnurgerader Richtung auf die Grenze Abessiniens zu durch den Wald geschlagen haben. Sie hoffen, daß sich hier ein Handelsverkehr anbahnen soll. Doch die Abessinier scheinen wenig Lust hierzu zu verspüren; den ersten ankommenden, von Engländern geschickten Karawanen haben sie das Betreten ihres Landes verboten.

Herrscht auf dieser Straße erst einmal reges Leben, dann ist es mit dem Wildparadies, das sich jetzt hier über die Stätten einstiger menschlicher Ansiedlungen verbreitet hat, zu Ende. —

Schon bei dem Marsch nach dem Jagdgebiet trafen wir bei einem der letzten Dörfer, die wir durchwanderten, Elefantenspuren und erfuhren, daß diese sonst so scheuen Dickhäuter sich hier recht ungehörig benommen hätten, indem sie einfach die Getreidespeicher aufgebrochen und ihres Inhaltes beraubt hatten. Soweit die Körnerfrucht von ihnen nicht gefressen, war sie umhergestreut. Ein zufällig vorüberziehender amerikanischer Jäger hatte die am nächsten Tage tatsächlich wiederkommenden Tiere auch angetroffen, aber keinen zur Strecke gebracht.

Bedauerlich, gern wäre ich an seiner Stelle gewesen. Und doch sollte auch ich gar bald merken, daß so ein großes Tier nicht so einfach zu erlegen ist, denn die Stellen, wo sie sterblich sind, sind im Verhältnis zur Größe des übrigen Körpers recht klein. Mit vieler Mühe gelang es mir, im dichtesten Urwald an die Herde heranzukommen, ganz nahe; nur etwa i5 Schritt trennten uns noch, da sah ich durch das Blattgewirr etwas Graues schimmern, flüsterte meinem Jäger zu, ob er denn den Kopf sehen könnte, ein Nicken, er zeigte mit den Armen im Bogen nach vorn: „ — — so groß sind die Zähne." Aber ich sah nichts weiter als ein Stück der Haut. Da räusperte sich mein Jäger, und im selben Augenblick erschien, fast zum Greifen nahe, der Elefantenkopf vor mir.

Hm! Das ist doch eine andere Sache, so einen Wildnisriesen plötzlich in Freiheit vor sich zu haben, als den guten Jumbo aus dem Zoo, der einen freundlichen Kratzfuß macht, wenn man ihm ein Stück Brot hinwirft. Ich muß gestehen, ein eigentümliches Gefühl befiel auch mich, selbst mein Hassan, der schon mehr Elefanten in Freiheit gesehen hatte, wurde aschfahl, sah gar nicht gut aus! Daß uns der Elefant wahrgenommen hatte, bezweifle ich, zumal wir ganz ruhig standen und ich die Büchse, mit der ich schon im Anschlag lag, nur unmerklich zu heben brauchte.

Der Schuß von vorne, namentlich auf so kurze Entfernung, hat seine Schwierigkeiten. Nicht, daß man an dem großen Kopf vorbeischießt, aber man kann dann, wenn man nicht ganz genau Bescheid weiß, im Augenblick zu schwer berechnen, wo das verhältnismäßig kleine Gehirn liegt, das sich ja, zwischen gewaltigen Hohlräumen des Schädels eingebettet, weit hinten befindet.

So gut es in der Eile ging, überlegte ich es mir und schoß das Tier zwischen die Augen, aber wohl zu hoch. Die Kugel durchbohrte, ohne tödlich zu wirken, nur einen Teil der oberen Zellenräume des Schädels. Im Augenblick des Schusses warf sich das Riesentier mit fabelhafter Schnelligkeit herum. Hätte es sich auf mich gestürzt, so würde es mich erreicht haben, ehe ich in der Lage gewesen wäre, den zweiten Schuß abzugeben, denn naturgemäß war ich durch den Rückstoß des ersten, bei der außerordentlich starken Pulverladung, zurückgeworfen worden. Krachen und Splittern niedergebrochener Bäume zeigten den Weg, den die Elefanten genommen, wir konnten leicht folgen. Aus der Ferne tönte wildes Trompeten, dazwischen schmerzlich klingende Laute.

Ängstlich lauschte mein Jäger, machte ein besorgtes Gesicht, denn die Tiere nahmen Richtung auf die Stelle zu, wo wir am Rand des Waldes unsere Reitesel gelassen hatten. Und da erzählte er mir, daß in dieser Gegend sich im Jahr zuvor ein Unglücksfall ereignet habe. Ein gleichfalls angeschossener Elefant sei mit seiner Herde auf die Esel des Jägers gestoßen und habe den Treiber sowohl wie die Grautiere einfach zu Mus zerstampft. Glücklicherweise entgingen die unsrigen diesem Schicksal.

Sehr oft bin ich gefragt worden, welche Gefühle ich bei der ersten Begegnung mit einem Elefanten, auf so kurze Entfernung, gehabt, ob mich nicht Furcht beschlichen hätte. Ich muß offen gestehen: nein, auch niemals in anelera gefährlichen Augenblicken. Es war vielmehr eine Art Neugierde: wie wird das wohl abgehen? Ich habe mir auch nicht — wie das in manchen Büchern so schön zu lesen ist — gesagt: jetzt kommt alles darauf an, nimm die Nerven zusammen, sonst bist du verloren. Nichts von dem. Ich schoß, genau so wie sonst auf Wild, bin der Ansicht, daß man in solchen Fällen instinktiv richtig handelt, falls einem nicht das Herz in die Hosen fällt, wie ich es auch gehört habe. Solche „Jäger" sollen daheim bleiben, für sie ist das Großwild zu schade, bestenfalls eignen sie sich zur Hühnerjagd. Von einem Jäger habe ich gehört, daß er in der Aufregung einfach die Büchse herunternahm und automatisch die Patronen aus dem Magazin herausrepetierte, ohne zu schießen. Glücklicherweise hatte er einen treffsicheren Kameraden bei sich, der den annehmenden Löwen — um einen solchen handelte es sich — niederschoß.
Wir folgten nun den Spuren unseres Elefanten, bekamen ihn aber leider nicht.

Langsam schoben wir unser Lager weiter nach Süden vor. In den kleinen Tümpeln, die sich noch im trockenen Flußbett des Dinder fanden, wimmelte es von Krokodilen, die sich an den unzähligen Fischen, die beim Verlaufen des Wassers hier zusammengedrängt wurden, gütlich taten.

In größere Teiche hatten sich die Flußpferde zurückgezogen, und auch von ihnen erbeutete ich hier meine ersten.

Außerordentlich zahlreich waren die Antilopenarten vertreten: Hartebeeste und Leierantilopen, Pferdeantilopen und Sömmeringgazellen, letzteres herrliche Tiere, die oft in geradezu riesigen Rudeln, zu Tausenden, auftraten. Dabei waren sie gar nicht scheu, kamen eines Tages auf etwa 3o Schritt an meinem Lager vorübergezogen wie eine zahme Schafherde.

Bei dem Laien herrscht vielfach die falsche Vorstellung, daß das Tier der Wildnis, das den Menschen zum erstenmal sieht, vor ihm flüchtet. Das ist nicht der Fall. Jedes Tier muß erst seine schlechten Erfahrungen machen, es muß die Gefahr kennenlernen, genau so wie die Kinder. Jung aufgezogene Hunde und Katzen tun sich gegenseitig nichts, in ihnen besteht nicht die „angeborene Feindschaft zwischen Hund und Katze". Junges Wild kommt, wenn es vereinsamt ist, ruhig zum Menschen, genau so auch zum Löwen, wenn es das Schicksal wollte, denn es sucht Anschluß. So kamen auf einer späteren Expedition einmal ein junges Büffel- und ein andermal ein Elenantilopenkalb einfach zu mir hingelaufen, als die Mutter mit dem übrigen Rudel flüchtig abgegangen war. Die Tiere folgten uns ruhig zum Lager, genau wie zahme. Es ist so wie mit unsern Kindern. Sie spielen ahnungslos mit der Miezekatze, bis sie einmal kratzt, dann erst lernen sie, daß das Tier auch Krallen hat, und nun sehen sie sich vor, natürlich immer vorausgesetzt, daß sie nicht vorher von den Eltern unterrichtet und auf die Gefahr aufmerksam gemacht worden sind. Hagenbecks Kinder und Enkel spielten mit Löwen und Tigern wie mit Hunden.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch auf einen Trugschluß hinweisen, der sogar den Schulkindern eingepaukt wird — wenigstens noch zu meiner Zeit —, daß die Tiere Gift- von Futterpflanzen zu unterscheiden wissen. Das trifft nur sehr bedingt zu. Wohl weiß zum Beispiel in Gegenden, wo es ständig Herbstzeitlose gibt, eine Kuh, daß die Pflanze giftig ist, das heißt, ihr Genuß Leibschmerzen macht, und meidet sie. Anders eine Kuh, die aus dein Gebirge, wo es die hübsche tückische Blume nicht gibt, zu uns kommt. Sie wird unbedingt dieselbe fressen. Unsere Kühe haben im Laufe der Jahre durch Erfahrung ihre Schädlichkeit kennen und fürchten gelernt.

Nun wird man mir einwerfen: „Daran merkt man eben, wie degeneriert unsere Haustiere sind." Weit gefehlt l Auch die Tiere der Wildnis — und zu solchen darf man mehr oder weniger die Kamele rechnen, die doch ihr Leben lang nie in einen Stall kommen — müssen ihre Erfahrungen sammeln, und hierin liegt ein Grund, warum gerade die Kamele, die doch sonst für Wüsten- und Steppenmärsche sehr brauchbar sind (sie tragen 2—4 Zentner), nur bedingt Verwendung finden können: sie fressen alles, was grün ist. Nun gibt es aber eine ganze Anzahl Sträucher, deren Blätter gerade für sie Gift sind, deshalb müssen immer ein oder mehrere Hirten sie begleiten und sorgfältig darauf achten, daß die Schutzbefohlenen nichts fressen, „was für sie nicht angemessen".

Die Kamele sind überhaupt nicht so widerstandsfähig, wie vielfach angenommen wird, auch ihr Durstvermögen ist beschränkt, und nur ganz besondere Arten, namentlich die der Wüstenvölker, zum Beispiel der Bischari, können auf einer Reise von acht Tagen ohne Wasser auskommen, sie sind aber ganz besonders hierfür gezüchtet und erzogen. Ich mußte die meinigen jeden zweiten Tag zum Wasser bringen lassen.

Merkwürdig ist es, wie lange manche Tierarten, Antilopenarten ohne Wasser auskommen können. So leben die Oryx und namentlich die kleinen Gazellen in Gegenden, in denen jahraus, jahrein fast kein Tropfen Regen, kein Tau fällt, in denen es auch nicht saftige Wurzelknollen gibt, wie zum Beispiel in Südwestafrika, an denen die Tiere und Menschen ihren Durst stillen. Es ist unverständlich, daß sie nicht verdursten, nur ausnahmsweise kommt dies in ganz besonders heißen Sommern, zum Beispiel 1912, vor.

In den Wäldern am Binder, namentlich in der Nähe der Flüsse, kommen noch Büffel, Wasser- und Buschböcke vor, hin und wieder das kleine Kudu, das gern Gegenden aufsucht, wo hohes Gras und dichte Büsche Schutz gewähren. Hier teilt es das Gebiet mit dem reizenden kleinen Oribi und dem Riedbock, dessen Gehörn im Sudan ganz besonders stark entwickelt ist. Natürlich sind, wie überall, wo es Wild gibt, auch die Raubtiere zahlreich vertreten: Löwen, Leoparden und als Straßenreiniger die Hyänen und Schakale. Oft hört man in schlaflosen Nächten das Gebrüll der großen Räuber, ein herrliches Konzert, nur die Hyäne bringt eine Disharmonie hinein, ihr widerliches Gelächter zerreißt die Symphonie der Steppe mit einem Mißklang.

Mit meinen jagdlichen Erfolgen konnte ich zufrieden sein, ein Elefant wurde erlegt, unerwartet lief mir ein Leopard fast in die Büchse, auf 3o Schritt bekam er die Kugel, als er mich erstaunt anäugte. Es war höchste Zeit, und hierbei überlegte ich mir, im Gegensatz zu dem, was ich vorhin gesagt habe, doch, daß es diesmal darauf ankam, genau zu treffen. Aber ich hatte das Tier auch schon von weitem kommen sehen, mußte nur warten, bis es so nahe heran war, da es einen Grasstreifen zu durchqueren hatte. Schießt man einen Leoparden auf so kurze Entfernung nur krank, so kann die Sache böse abgehen, denn gar flink ist die schöne gefleckte Katze, und jeder „Durchzieher", den sie schlägt, gibt gleich eine ganze Reihe Abfuhren. Besonders gefährlich sind die Kratzwunden des Leoparden, weil er ja Aasfresser ist und die Verletzungen durch, die verunreinigten Krallen dementsprechend immer infiziert werden. Als ich ihn nahe genug hatte herankommen lassen, pfiff ich, er reckte den Hals — ein unvergleichlich schönes, unvergeßliches Bild, und als der Feuerstrahl aus meiner Büchse fuhr, sank er einfach in seiner Fährte zusammen, blitzartig war die Wirkung der Kugel.

Je weiter wir südwärts zogen, desto mehr brannte die Sonne, wir kamen in die Nähe der abessinischen Grenze, in eine Gegend, die den Arabern schon als besonders heiß bekannt ist. Sie nennen den Ort: Ein el Scheins, „Auge der Sonne".

Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf einen Irrtum hinweisen: Vielfach wird angenommen, daß die kälteste Gegend um den Pol, die wärmste unter dem Äquator liegt. Das ist ein Irrtum. Die größte Kälte haben wir in den Wintermonaten in Werchojanzk, nordöstlich von der Lena in Asien, während wir die größte Hitze weit nördlich des Äquators, in der Sahara finden. Ich selbst habe am Äquator oft recht gefroren, und den meisten Grog meines Lebens, fast noch mehr als in meiner Studentenzeit in Kiel, habe ich nicht etwa auf einer Eismeerexpedition, sondern hart am Äquator getrunken, in Englisch-Ostafrika, als der Wärmemesser nach einer Mittagstemperatur von 56° G eine Stunde nach Sonnenuntergang nur noch 8° zeigte, in der Nacht sogar auf + 3° fiel, da kann man frieren lernen! Diese Unterschiede sind dadurch zu erklären, daß mittags die Sonne vom wolkenlosen Himmel auf die Steppe brennt, mit ihrem Verschwinden aber setzt der von dem schneebedeckten Kenia stark abgekühlte Fallwind ein und streicht über die Steppe.

Auf dem Wege nach Ein ei Schems hatte ich eine Begegnung, wie ich sie mir eigentlich nicht gerade gewünscht hatte.

Es war 5 Minuten vor 12 Uhr — ja, sicher, ich weiß es genau, denn mein Hassan fragte mich gerade nach der Zeit, als mein guter Maskatesel plötzlich scheute und im gleichen Augenblick ganz dicht bei uns ein wütendes Knurren und sofort hinterher das mir nur zu bekannte, bösartige Aufbrüllen eines Löwen anhub. Ich muß gestehen, ich bekam einen Schreck, zumal ich keine Büchse hatte; diese trug mein tüchtiger Abdallah, aber er war ein ganzes Stück Weges voraus. Fast zwischen ihm und uns lag unter einem Dornbusch, nur acht Schritt entfernt, eine alte Löwin mit ihren zwei etwa einjährigen, hoffnungsvollen Sprößlingen. Sie war mißgestimmt, denn offenbar kamen wir gerade den Wildwechsel entlang, auf dem ihr der Herr Gemahl einige Antilopen zutreiben wollte, hatten also die Jagd gestört, und welcher Jäger schimpft nicht, wenn ihm das passiert? Meine vorausgehenden Leute knickten bei dem unerwarteten Gebrüll merklich ein und riefen mir zu: „Aessed" (Löwe). Das wußte ich selbst, viel wichtiger war es mir, meine Büchse zu bekommen, doch die großen Raubtiere waren ja zwischen uns. Endlich ermannte sich einer, als ich, im Bogen herumlaufend, auf ihn zukam, und gab mir die Büchse, aber gerade die schwere Elefantenkanone. Während ich nach der ändern rief, murrten und fauchten die Löwen recht bösartig, zogen sich aber als vorsichtige Tiere rückwärts in das hohe Gras zurück, mich nicht aus dem Auge lassend, im Augenblick aber, als ich endlich die richtige Büchse hatte, warfen sie sich blitzschnell herum und nur einige Bewegungen des Halmmeeres zeigten mir, wo die schönen Katzen flüchteten. All das hatte sich natürlich in wenigen Sekunden abgespielt. Dem Laien dürfte es auffallen, daß mein gutes Grautier vor dem dräuenden Löwenrachen und -gebrüll nicht Reißaus nahm. Im Gegenteil, er iahte munter und hat damit sicher die Raubtiere mehr erschreckt als diese ihn, jedenfalls blieb er Herr der Lage.

Böse war meine Stimmung. Da zeigte einer der Leute auf den schmalen schnurgeraden Pfad, der sich vor uns hinzog, und da stand wie hingezaubert ein alter Mähnenlöwe. Wie ein Scheinen war er aufgetaucht und schneller, als ich die Büchse hochreißen konnte, im Dickicht wieder verschwunden.

Da, hinter mir Pferdegetrappel, meine Baggara jagten heran. Sie waren weiter hinten marschiert, jetzt, wo sie das Löwengebrüll vernommen, spornten sie ihre prächtigen Araber, die langen Speere kurz hinter der breiten Spitze gefaßt, so daß der Schaft nachschleifend nach hinten zeigte, hielten sie neben mir. Ein paar Worte der Verständigung, und schon brachen sie, der Fährte der Raubtiere folgend, durch das Dorndickicht, rücksichtslos, weit auf den Nacken der Pferde niedergebeugt.

In diesem Augenblick wurde es mir klar, warum so viele ihrer Renner auf einem oder beiden Augen blind waren, auch manchem Jäger ein Auge ausgelaufen war. So schnell wie möglich folgte ich ihnen, die Doppelbüchse in der Hand, etwas vorsichtiger, denn die allzu anhänglichen Dornen, mit denen jeder Zweig gespickt ist, bohrten sich in Rock und Haut, ersterer gab zwar hier und da nach, was die Haut ja auch gelegentlich tat, aber immerhin war das ein etwas schmerzlicher Vorgang.

Nach rechts und links waren die Baggara ausgeschwärmt, um die Löwen möglichst in die Mitte zu bekommen, am Ausbrechen zu verhindern. Hatten sie diese erst eingeholt, dann war ihr Schicksal besiegelt. In diesem Falle umschwärmen sie die Tiere, bedrohen sie mit den langen Lanzen, weichen geschickt jedem etwaigen Angriff aus, sind im nächsten Augenblick ihnen schon wieder auf den Fersen, bis sich die Raubtiere, eingeschüchtert ob ihrer Machtlosigkeit, in einen Dornenbusch einschieben. Ist das geschehen, so ist der Zweck erreicht. Nun lassen die Jäger sich Zeit, reizen die Bestien eine Zeitlang, bis es dein Führer paßt und er mit sicherem Lanzenwurf die Löwen tötet.

Auf eine solche Jagd hatte ich mich schon längst gefreut, aber diesmal schienen die Löwen die Sache zu kennen, denn ohne anzuhalten flüchteten sie geradeaus weiter, nahmen ein trockenes, wildverwachsenes Strombett an, wo wir ihren Spuren nicht weiter folgen konnten. Aber noch gab ich es nicht auf. Stand mir auch keine entsprechende Anzahl von Treibern zur Verfügung, so gab es ein anderes Mittel, die Großkatzen herauszubekommen: das Feuer. Bald flammten Grasfackeln auf, schnell ging das Gestrüpp, ausgedörrt von der monatelang ungehemmt niederbrennenden Sonne, in Flammen auf. An etwas übersichtlichen Stellen standen meine braunen Freunde und ich verteilt. Alles mögliche Kleinwild, Oribi und Riedböcke flüchteten, auch ein Serval stahl sich von dannen. Angelockt durch die aufsteigenden, gewaltigen, gelben und schwarzen Rauchsäulen zogen von allen Seiten Weihen, Marabus und Geier heran, um sich gütlich zu tun an den vielen halbverbrannten Schlangen, Eidechsen, Tausendfüßlern und Heuschrecken, die nicht rechtzeitig dem gierig, rasch um sich fressenden Feuer hatten entgehen können. Prasselnd und knallend wälzte es sich durch Busch und Graswildnis weiter — aber die Löwen kamen nicht zum Vorschein, offenbar waren sie rechtzeitig weitergeflüchtet.

In einer der nächsten Nächte, als ich der wahnsinnigen Hitze wegen im offenen Zelt schlief, das heißt wegen ihr nicht schlafen konnte, sah ich bei dem hellen Mondlicht drei Löwen ganz nahe am Lager vorübergehen. Alles schlief in der kleinen Seriba, das Feuer war niedergebrannt, die Kamele dösten wiederkäuend vor sich hin, nicht einmal sie hatten die gefährlichen Feinde gewittert. Das waren meine einzigen Löwenbegegnungen auf dieser Reise, geschossen habe ich sie erst auf einer späteren.

Mein Hassan, der schon eine ganze Reihe von Expeditionen am Weißen und Blauen Nil gemacht hatte, erzählte mir, daß die Raubtiere im Gebiet des letzteren im allgemeinen den Menschen nicht angriffen, daß die vom Weißen Fluß dagegen ungemein gefährlich wären, sogar die Hyänen sollen dort den Menschen annehmen. Viele Reisende bestätigten mir dieses, allerdings scheint es hier auch Ausnahmen zu geben, denn ein Bekannter fand eines Morgens, als er am Weißen Nil ohne Zelt im Freien geschlafen hatte, nur vier Schritt von seinem Feldbett entfernt frische Löwenfährten. Der König der Wildnis hätte also nur zuzulangen brauchen, ein ganz hübscher fetter Braten
wäre sein gewesen.

In der Nähe von Ein el Schems dehnen sich weite, mit hohem, grünem Gras und Schilf bestandene Flächen, die Sümpfe verbergen. Daß sich hier in der Trockenzeit alles Wild zusammenzieht, wo auf viele Meilen sonst kein Wasser zu finden ist, ist selbstverständlich. Die Ränder des Sumpfes waren vollkommen zerstampft, alle Tierarten hatten ihre Spursiegel eingedrückt. Zum erstenmal bekam ich hier auch Straußen zu Gesicht. Gern hätte ich einen von ihnen des prächtigen Federschmuckes wegen geschossen, aber das Gesetz schützt sie, kein Schuß darf auf sie abgegeben werden, und findet man ein Nest, so ist es auch streng verboten, die Eier zu berühren, die wertvollen Vögel sind „tabu".

Mich lockte es mächtig, weiter südwärts zu ziehen, gern wäre ich nach Abessinien hineingewandert, aber meine Leute wagten es nicht, sie hatten die Wildnis überhaupt satt, die vielen Löwen, das ständige Gebrüll bei Nacht, die Abgeschlossenheit waren ihnen über, länger als drei Monate so fern von Weib und sonstigen Freuden war gar nicht nach ihrem Geschmack, und da ich ja die Grenze ohne Erlaubnis überschritten hätte, konnte ich sie auch nicht zwingen.

In mir war der Wunsch mächtig geworden, die Quell-Gebirge des Dinder zu durchstreifen, den Tana-See zu erreichen, seinem Lauf abwärts durch das Tschoke-Gebirge zu folgen und so im großen Bogen weiterziehend wieder nach Khartum zu gelangen. Daraus wurde nun nichts. Da obendrein der Proviant allmählich knapper, die Sonne immer heißer wurde, entschloß ich mich zur Umkehr und erreichte jagend wieder nach einigen Wochen Senga.

Nun lag noch ein zwölftägiger Marsch bis Khartum vor mir, brr! Davor hatte ich Scheu, denn die ganze Zeit über durch ausgedörrte, tote Felder zu reiten, als einzige Unterhaltung Fliegen fangen zu können, das lockt nicht, und als ich im Kasino der englischen Offiziere davon sprach, riet mir Major Wilson doch, den Ritt durch die Wüste zu wählen, wodurch ich in dreieinhalb strammen Marschtagen zum Weißen Nil gelangen und gegebenenfalls mit einem Nildampfer bequem nach Khartum weiterfahren konnte. Erinnerungen an Slatins Gefangenschaft tauchten vor mir auf: ich sollte also durch das gefürchtete Tebki-Tuskut (du weinst und schweigst) ziehn, das lockte mich, sowenig verlockend der Marsch an sich war. Als wir zum letztenmal bei Tisch saßen und ich erklärte, daß ich Punkt 2 Uhr aufbrechen wollte, lachten die Offiziere :

Lieber Doktor, haben Sie unsere Sudanesen noch immer nicht kennengelernt, wissen Sie nicht, daß die Burschen niemals pünktlich sein können?!"

Doch, meine Leute sind es." Rundum Gelächter.

Gemütlich tranken wir den Kaffee, saßen in den bequemen Korbstühlen, einer der Herren sah eben nach der Uhr: „Gleich zwei", da hob er auch schon den Kopf, blickte über die Brüstung der Veranda. Drüben zwischen Häusern wurde ein Reiter sichtbar, er ritt einen grauen Esel, einen gesattelten weißen hatte er am Halfter —• Hassan. Mit leisem Glockengeklingel folgten eine ganze Reihe hochbepackter Kamele; langsam zogen sie westwärts, nur der Eselreiter bog zum Kasino ab und wartete im Schatten.

Meine Herren, ich danke Ihnen," sagte ich mich erhebend, „sehen Sie, auch die Sudanesen kann man an Pünktlichkeit gewöhnen." - Im stillen dachte ich hinzu: wenn man es auch selbst ist.

Rundum Erstaunen, nur einer sagte: „Ja, ja, da sieht man wieder den Deutschen." Er war der einzige, den ich später wiedersah, noch dazu an meinem Geburtstag, allerdings habe ich an diese Begegnung nicht gerade die angenehmste Erinnerung, denn der damals so liebenswürdige allgemein beliebte junge Leutnant war inzwischen, wie ich leider zu spät erfuhr, auf die schiefe Ebene geraten, war Hochstapler geworden, hatte drei Jahre brummen müssen, und da er wieder auf freiem Fuß ohne Geldmittel war, hatte er sich unglücklicherweise meiner erinnert, mich besucht und zum Schluß angepumpt, bescheiden, nur 5o Pfund. Angeblich war er vom Urlaub zurückkehrend auf der Fahrt nach dem Sudan in Ostende in den Spielsaal geraten und hatte alles verspielt. Na, dem armen Kerl konnte geholfen werden. So gab ich ihm das Geld und bekam es niemals wieder. Den mir dafür gegebenen Scheck besitze ich aber noch, wer weiß, ob er mir nicht noch einmal von Nutzen ist, indirekt war er es schon öfter, denn ich bin seitdem Pumpversuchen gegenüber viel vorsichtiger geworden. Außerdem klebt eine Briefmarke als Steuermarke darauf, vielleicht wird sie noch einmal sehr selten! —

Doch auf in die Wüste. Am Abend erreichten wir die letzte Wasserstelle. Was man so „Wasser" nennt, wurde hier aus der Erde geholt. Ein weiter tiefer Trichter war gegraben, wohl 6—8 Meter, dort unten gab der Boden eine dicke schokoladenähnliche Brühe. Goß man sie durch ein Tuch ins Glas, ließ dann das Ganze eine Zeitlang stehen, so setzte sich der meiste Schlamm am Boden ab, was darüber war, ließ sich trinken. Schädlich ist solches Wasser nicht, denn der weiche Bodensatz setzt sich nicht in den Därmen fest, wie es zum Beispiel die mikroskopisch kleine Beimischung von zermahlenem Gestein tut, das die Bergbäche des Himalaja mit sich führen, wodurch ganz furchtbare Darmkrankheiten entstehen.

Alle Wasserschläuche wurden nochmals gefüllt, dann zogen wir westwärts. Unendliche Öde rundum, hin und wieder ein Dorngebüsch. Eine schmale Spur zog sich durch die Wüste, feiner zerstampfter Staub füllte sie, rechts und links lagen Gebeine von Ziegen, Schafen und Kamelen. Sie säumten den Weg, genau so wie wir in der Jugend von den Karawanenstraßen hörten. In früheren Jahren lagen aber hier nicht nur Tier-, sondern hauptsächlich Menschenknochen. Auf dieser Schmerzens- und Seufzerstraße trieben die mahdistischen Sklavenhändler und von den abessinischen Grenzgebieten heimkehrende Heerhaufen ihre Sklaven, wer nicht weiter konnte, fiel, nicht einmal den Gnadenschuß gaben ihm die Schufte.

Die Hitze in dieser Wüste war unglaublich, wie im Backofen zogen wir dahin. Um der Sonnenglut einigermaßen zu entgehen, wählte ich deshalb die Nacht, da war ein leichteres Marschieren, etwas kühlere Luft umgab uns.

Am zweiten Marschtag verfinsterte sich im Norden der Himmel, schnell wuchs hier eine unheimlich rote, ins Schwarze übergehende Wand empor, breitete sich westwärts aus, die Sonne erschien wie durch eine trübe, gelbe Scheibe gesehen, bald verschwand sie ganz. Die Luft erfüllte ein unheimliches Pfeifen und Heulen. Mißtrauisch blickten meine Kamelleute hinüber. Sie wollten durchaus haltmachen, doch ich bestand darauf, so schnell wie möglich auf den Weißen Nil loszumarschieren, denn mit Abwarten war auch nichts gewonnen.

Noch drückender als sonst wurde die Luft. Heute erschien kein Stern am Himmel, nur der Kompaß gab noch die Richtung an.

Bangend warteten wir darauf, daß das glühende Unwetter, der Wüstensturm uns packen würde; aber wir hatten Glück, er zog im Norden vorüber, ja, gegen Mitternacht fiel plötzlich ein Regen. Welch ein Glück. Hier, wo jahraus, jahrein nur Dürre herrscht, erlebten wir einen Regen. Schnell Rock und Hemd herunter, mit bloßem Oberkörper weitergeritten, den Genuß des erfrischenden Bades wollte ich mir nicht entgehen lassen. Nur kurz war die Freude, und als der Tag anbrach, glühte die Sonne wieder über die Wüste, keine Spur von Feuchtigkeit war mehr zu spüren.

Ab und zu begegneten uns Karawanen, müde schleppten sich Mensch und Tier.

Endlich, am Morgen des vierten Tages, erblickten wir im Westen einen grünen Streifen. Bäume? Aber mißtrauisch fürchtete ich schon wieder, daß uns eine Fata morgana narren wollte. Doch diesmal irrte ich mich. Das waren die Uferbäume des Weißen Nils, und nach weiteren drei Stunden Marsch war es geschafft. Durstig stürzte alles an das weite Wasser, lachend und scherzend wälzten sich! meine Leute im Nil, behaglich hatten die Kamele sich niedergelassen und soffen.

Alles Ungemach war vergessen, aus dem nächsten Dorf wurden Getreide und Datteln gebracht, ein kleiner Markt bildete sich um mein Zelt.

Am Nachmittag kam ein Gouvernementsdampfer, der mich nach Khartum zurückbrachte.

Die herrliche Reise war zu Ende.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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