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Durch wasserlose Wildnis

Öder wurde die Landschaft, jetzt in der Trockenzeit hatten die Steppenbrände, deren Rauchfahnen wir bei Tage erblickten, deren gewaltige Feuerscheine bei Nacht den Himmel blutrot färbten, alles trockene Gras in schwarzgraue Asche verwandelt. Tote Flächen lagen vor uns, aus denen einsam und verlassen einige Palmen ragten. Nur in Senken, wo Sümpfe lagen, lockte frischeres Grün.

Wild fand sich zahlreich, namentlich große Herden der schönen gelbfarbenen Weißohrantilopen, daneben Wasserböcke, Riedböcke und die zierlichen Oribiantilopen. Hier und dort spürten sich auch ein einsamer Büffel, Löwen und Leoparden, und vielfach zeigte die Asche die mächtigen runden und ovalen Fußabdrücke der Elefanten. Der Nachttau zauberte aus dem Leichentuch der Natur schnell aufsprossendes Gras, das neben der salzigen Asche besonders gern vom Wild aller Art angenommen wurde.

Nirgends ein Flußlauf, der dem Altvater Nil Wasser zugeführt hätte. Das war böse für die hier lebenden Eingeborenen, deren Dörfer wir nun mehrfach fanden. Stundenweit mußten sie das Wasser vom Strom herholen, wollten sie sich nicht, wie wir selbst meist taten, mit dem Lehmschlamm begnügen, der durch Graben aus dem Boden gewonnen wurde.

Unsere zoologischen Sammlungen hatten sich durch die Gehörne, Elefantenzähne und vielen Tierhäute sehr vermehrt. Die Träger reichten daher nicht mehr aus, und so mußten wir solche aus den ansässigen Völkerschaften nehmen.

Bereitwillig halfen uns die Häuptlinge, und meist stand auch die genügende Anzahl zur Verfügung. Aber nie zogen sie weit mit uns, immer nur von Ort zu Ort, offenbar herrschte vielfach Fehde unter den Nachbarn.

Erstaunlich war die Kraft der neuangeworbenen Leute. Sie marschierten mit einer Geschwindigkeit, daß unsere gut eingelaufenen, berufsmäßigen ostafrikanischen Träger vielfach nicht mitkonnten.

Kamen wir in Gegenden, wo kein Wasser durch Graben zu erreichen war, so mußten uns die Dörfler aushelfen. Dabei hatten wir Gelegenheit, die Ansiedlungen genauer in Augenschein zu nehmen. Fast nirgends in der Welt habe ich so saubere Ortschaften getroffen wie hier bei diesen noch halb im Urzustand lebenden Völkern. Kein Grashalm oder gar Unrat lag auf den Plätzen zwischen den einzelnen Hütten und hochragenden Getreidespeichern, allenthalben waren Frauen und Kinder beschäftigt, den glattgestampften Erdboden zu fegen — und mit dem Stock in der Hand, von dem er rücksichtslos Gebrauch machte, überwachte der Häuptling die Straßenreinigung.

Wir selbst nahmen die Wasserverteilung vor, damit sich unsere Träger den Ansässigen gegenüber nicht etwa Übergriffe erlaubten. Damit nun die einzelnen Dörfer nicht zu sehr durch Wasserabgabe geschädigt wurden, teilten wir unsere Safari in der Weise, daß immer ein Teil zum nächsten Dorf zog, während der andere lagerte. Das ging ganz gut zu machen, namentlich wenn die Ortschaften nicht zu weit voneinander entfernt waren.

Meist standen die Dörfer auf Hügeln.

Einmal wäre es bei dieser Gelegenheit beinahe zu einer Schießerei gekommen: während ich mit meinem Teil der Safari an einem kleineren Flecken haltgemacht hatte, waren meine Freunde bis zum nächsten mir sichtbaren gezogen. Dort oben machten sie halt. Plötzlich sah ich drüben ein Durcheinander, alles schien hin und her zu rennen, und kurz darauf gewahrte ich die eingeborenen Träger, die bis dorthin mitgezogen waren, eilenden Laufes den Berg wieder herabkommen. Sobald sie, von mir aus sichtbar, ins Tal gelangten, warfen sie sich zu Boden und kamen, sich dicht auf der Erde haltend, langsam näher, als pirschten sie sich an mich und meine Leute heran. Letztere wurden furchtbar aufgeregt und behaupteten, die mit vergifteten Pfeilen bewaffneten Schwarzen hätten offenbar drüben meinen Gefährten und die übrigen Träger niedergemacht und wollten nun uns überfallen. Möglich war so etwas schon, obgleich es mir nicht so recht einleuchten wollte. Ich ließ deshalb die Lasten schnell in Ringform als eine kleine Mauer aufbauen und legte mich schußfertig dahinter. Als der erste Schwarze, in dem vor uns liegenden Süßkartoffelfeld kriechend, auftauchte, wollten meine Askari sofort schießen; nur mit Mühe hielt ich sie zurück, glücklicherweise, denn es zeigte sich, daß die Eingeborenen gar nichts Böses gegen uns im Schilde führten. Vielmehr hatten sie nur an der Stelle, wo sie vom Dorf aus nicht gesehen werden konnten, ihren lieben Nächsten — die Kartoffeln gestohlen.

Mancher Leser wird glauben, daß wir etwas ängstlich gewesen wären, aber ich sprach mit erfahrenen Reisenden, Deutschen wie Engländern, über diesen Fall, und mehr als einer gestand, daß er wohl geschossen hätte. Mir war das Vorkommnis aber eine Erklärung für so manchen Kampf, der, namentlich in früheren Jahrzehnten, dort drüben durch derartige Mißverständnisse entstanden war, denn man darf nicht vergessen: das Land, durch das wir hier zogen, war bis dahin von Weißen fast noch nie betreten worden. —

Endlich erreichte unsere Safari wieder den Nil. Riesige Papyrusdickichte säumten ihn hier, hin und wieder unterbrochen durch offene Wasserstreifen, Wege für die Boote der Eingeborenen. Stille Buchten bildeten geradezu Tummelplätze für Flußpferde, ganze Herden dieser plumpen Dickhäuter lagen auf den Schlammbänken oder standen im Wasser, mächtige alte Burschen waren darunter. Ei« gute Gelegenheit zur Jagd.

Vom Land war den Tieren schwer beizukommen, deshalb nahm ich unser leichtes Segeltuchboot und fuhr mit ein paar tüchtigen Ruderern hinaus. Bei unserer Annäherung tauchten die Tiere weg, sie mißtrauten mit Recht solchen Fahrzeugen, werden sie doch von den Eingeborenen ständig verfolgt. Sie sind deshalb furchtsam, aber auch bösartig, was ich allerdings erst im Laufe der Jagd merkte.

Wir ruderten langsam, möglichst dicht am jenseitigen Schilfrand hin, dann schob ich mich mit dem Boot in die grüne Halmwildnis ein und wartete. Buntfarbige Teichhühner, deren lange gespreizte Zehen ihnen die Möglichkeit verleihen, über die auf dem Wasser schwimmenden Blätter der verschiedenen Seerosen zu laufen, huschten durch die Halme, Nachtreiher und Rohrdommeln, Ibisse und Klaffschnäbel, Störche verschiedener Arten, Bienenfresser und Eisvögel sorgten für Unterhaltung. Rostbraune Nilgänse, Enten mit großen, roten Schnabelaufsätzen strichen vorüber, den Strom entlang zogen unzählige Falken, uni aus den Lüften hallte der helle Ruf des dreifarbigen Schreiseeadlers. Ein Stück weit ab von uns hob sich, ab und zu schnaufend und Wasser ausblasend, ein dicker Kopf aus dem Wasser, Krokodile schwammen langsam vorüber, oft ganz nah, daß man deutlich die grünlich schulenden, tückischen Augen sehen konnte. Die Tierwelt sorgte in ewig wechselnden Bildern dafür, daß uns die Zeit nicht lang wurde.

Ich ließ die Flußpferde, die durch unser Boot erschreckt waren, sich erst beruhigen. Bald kamen sie näher an uns heran. War es Neugier? Besonders ein riesiger Bulle, dessen mächtiges Gebiß mich lockte, zeigte schon gar keine Scheu mehr, und als wieder sein Schädel hoch kam, erhielt er fast im selben Augenblick die Kugel, leider etwas weit hinten, nicht genau ins Genick oder Gehirn. Mit einem mächtigen Kopfsprung quittierte er sie, fuhr schon nach kurzer Zeit wutschnaufend und brüllend wieder aus dem Wasser. So böse hatte ich bisher nur einmal vor Jahren einen angeschossenen Nilpferdbullen gesehen.

Nun folgte etwas, was mir neu war. Durch das Gebrüll angelockt, tauchten hier und da andere Kibokos auf, nahmen langsam Richtung auf unser Boot. Das war keine sehr angenehme Lage, denn alle die Geschichten von angreifenden Flußpferden, zerbissenen oder hochgeworfenen Booten fielen mir ein. Wie leicht konnte uns das hier passieren, namentlich in diesem gebrechlichen Fahrzeug, doppelt unangenehm mit Rücksicht auf die unzähligen Krokodile, für die wir eine leichte Beute gewesen wären. Meine Ruderer ergriff blasser Schrecken, ganz aschgrau wurden sie, auch mir war nicht behaglich zumute, denn zwischen dem Ufer und uns lag die ganze Breite des Stromes. Hier kam es also zum Kampf zwischen Mensch und Tier, und als wieder ein Kopf hoch kam, knallte es. Gerade hatte ich Zeit gehabt, eine neue Patrone in den Lauf zu schieben, da schoß, kaum zwei Schritte vom Boot, ein gewaltiger Kopf mit weit aufgesperrtem Rachen aus dem trüben Wasser, Blut spritzte mit hoch — das war der alte angeschossene Bulle! In Gedankenschnelle, fast ohne zu zielen, hatte ich die Büchse an der Wange, ein Schuß, und lautlos versank der Riese, die Kugel hatte ihre Schuldigkeit getan. Damit war die Schlacht aber noch nicht gewonnen. Im Gegenteil, nun ging sie erst richtig an. Wir waren vollkommen von erbosten Tieren eingeschlossen, dazwischen tauchten, durch das ausfließende Blut der angeschossenen Tiere angelockt, immer mehr Krokodile auf — eine nette Gesellschaft um uns. Sobald sich nun ein Kopf zeigte, schoß ich. Versank einer ohne Kopfsprung oder wütendes Umsichschlagen, so war er tot, andere warfen, schwergetroffen, das Wasser hoch, manche brüllten. Da schien es endlich, als ob die Tiere doch den Angriff aufgeben wollten; weiterab tauchten die Köpfe auf. Nur ein Bulle war noch sehr böse auf uns, und als er eben wieder weggetaucht war, zweifellos um unser Boot von unten anzugreifen, ließ ich mit aller Kraft dem Ufer zurudern.

So haben sich meine Leute nie zuvor in die Riemen gelegt, beinahe wären wir vor lauter Eifer gekentert. Hinter uns tauchte, fast an der Stelle, an der wir bisher gelegen, der Riesenschädel hoch, offenbar hatte er einen Luftstoß gegen unser Boot ausgeführt. Als er sich betrogen sah, kam er in voller Fahrt hinter uns her, doch ich war auf der Hut. Gerade zwischen die kleinen runden Lichter erhielt er die tödliche Kugel. Wir aber waren gerettet, und meine Ruderer „Helden"! Lachend standen sie bald am Ufer und spotteten über die im Fluß sich hin und wieder zeigenden Nilpferde.

Ich selbst war mißgestimmt, daß ich mehr dieser Riesentiere hatte schießen müssen, als anfangs beabsichtigt, aber die Eingeborenen, die sich am Ufer gesammelt hatten, strahlten. So leichte Beute hatten sie selten gehabt. Nun brauchten sie nur noch ein paar Stunden zu warten, bis die Wärme die Gase im Körper der Tiere entwickelt, aufgeblasen und ihnen Auftrieb gegeben hatte; dann konnten sie die Früchte der Jagd ernten. Am Abend herrschte reges, lautes Leben am Ufer. In ihren kleinen Einbäumen oder Ambatschbooten — Fahrzeugen, die aus den langen Trieben des ungemein leichten Ambatschholzes zusammengebunden sind — holten sie die Kadaver an Land, um sie zu zerlegen, das Fleisch zum Trocknen in Streifen zu schneiden oder gleich zu verzehren. Mächtige Feuer beleuchteten gespensterhaft dieses gewaltige Schlachtfest. —

Der Ambatschstrauch (Aeschynomene elaphroxylon) findet sich in Afrika an allen Zuflüssen des Nils und weiterhin nach Senegambien. Bis zu einer Höhe von fünf oder sechs Metern schießt er auf. Sein Holz ist derartig leicht,
daß aus ihm gefertigte Fahrzeuge, die acht Mann tragen, von einem einzigen Mann auf die Schulter genommen werden können. Für die Nilschiffahrt bildet der Ambatsch eine große Gefahr, denn die Pflanze wurzelt nur lose im Schlammboden, ragt hoch über das Wasser hervor und wird oft, von Strömung oder Wind entwurzelt, davongetrieben. An anderer Stelle faßt der Strauch wieder Fuß, Papyrus und andere Wassergewächse siedeln sich bei ihm an, und so entstehen neue Dickichte, neue Hindernisse für den Verkehr auf dieser Wasserstraße.

Die Eingeborenen selbst jagen die Flußpferde von den leichten Booten aus mit schweren Speeren oder Harpunen, ja, manche schwimmen sogar an die Tiere heran und harpunieren sie vom Wasser aus. Dazu gehört meiner Ansicht nach recht viel Kühnheit, denn nicht nur die Tiere selbst, sondern namentlich die unzähligen Krokodile bringen die Jäger in ständige Gefahr.

Oft ist mir die Frage gestellt worden, welche Empfindungen man in einer solchen kritischen Lage hat. Ich möchte behaupten, daß im Augenblick das Gefühl der Gefahr gar nicht so sehr zum Bewußtsein kommt als hinterher. Die Nerven sind viel zu sehr angespannt, als daß man sonderlich Zeit zu so nebensächlichen Gedanken hätte. Unwillkürlich richtet man alle Sinne darauf, wie man der Gefahr entgehen kann. Aber immer habe ich gefunden, daß man, mehr oder weniger unbewußt, das Richtige trifft. Auch nimmt man sich beim Schuß nicht besonders zusammen, betet sich nicht vor: „jetzt mußt du treffen, sonst ist es aus", sondern das geht ganz von selbst. Wer natürlich sonst nicht trifft, wird in solchen Augenblicken erst recht vorbeischießen. Anders ist es, wenn man die Gefahr längere Zeit schon kommen sieht, wenn gewissermaßen Ruhepausen eintreten, wie ich es zum Beispiel bei einem Schiffbruch im Eismeer erlebt habe, dann als ich mich auf den Hawaiischen Inseln auf Wildziegenjagd verstiegen hatte und einmal, als im Sudan fünfundzwanzig Büffel auf mich loskamen. Da hatte ich Zeit zum Nachdenken und handelte entsprechend. Nahm mich aber ein Elefant im Dickicht an, tauchte plötzlich überraschend ein angeschossenes Nashorn auf, dann flog die Büchse an die Wange, und die Kugel saß jedesmal, wohin sie gehörte, und so bin ich bisher mit heilen Knochen davongekommen.

Heißer wurde es von Tag zu Tag. Die Trockenzeit nahte ihrem Ende. Die Regenzeit rückte heran. Auch äußerlich wurden wir daran gemahnt, denn die Eingeborenen brachten die Dächer ihrer Hütten in Ordnung, deckten mit langen Schilfbündeln die schadhaft gewordenen Stellen, bauten neue Hütten, und namentlich wurden die Getreidespeicher, kleine, hüttenähnliche, auf einem Gerüst erbaute Vorratsräume, nachgesehen. Öfter ging schon ein Unwetter nieder, brachte gewaltige Regengüsse, riß alle dürren Blätter von den Bäumen, rüttelte an den Palmen, in denen die Segler ihre Nester hatten.

Der Frühling nahte, die bisher tote Steppe legte über Nacht ein lichtgrünes Gewand an.

Noch einmal wollten wir, ehe wir endgültig den schönen Jagdgefilden Lebewohl sagten, gewissermaßen als Abschluß der Reise, einen großen Trieb machen. Leute hatten wir ja genügend dazu, und Spaß machte ihnen die Sache auch, denn allmählich hatten sie sich die Scheu vor wilden Tieren abgewöhnt. Tauchte unerwartet ein Nashorn auf, so kletterten sie zwar noch immer mit affenartiger Geschwindigkeit auf die nächsten Bäume, unbekümmert um die Dornen, mit denen ja die meisten afrikanischen Gewächse bedacht sind. Da gab es dann hinterher immer viel zu lachen, wenn sie sich gegenseitig die abgebrochenen Stacheln aus ihren Körperteilen zogen. Die übrigen Tiere störten sie weniger, denn die rückten bei dem unvermeidlichen Lärm ja doch immer rechtzeitig aus.

Eine gewaltige, mit Schilf und trockenem Gras bestandene Bodensenkung, die fast bis zum Nil hinreichte, hatten wir uns für den großen Tag ausersehen. Mit halbem Winde standen wir drei, leidlich gedeckt, vor, während die Schwarzen einen gewaltigen Halbkreis abschlössen. Askari waren /wischen sie verteilt, die ab und zu einen Schuß abgaben, um einerseits das Wild aufzuscheuchen, anderseits etwaigen Furchtsamen Mut zu machen, denn hin und wieder rief ein Spaßvogel „Simba" (Löwe), und da fiel dann gewöhnlich diesem oder jenem das Herz, in Ermangelung einer Hose, ganz heraus. Knallte es aber, so bekamen sie wieder Mut.

Es dauerte auch gar nicht lange, da kamen flüchtig die ersten Antilopen. Ein Rudel Weißohrböcke, prächtige Tiere von etwa Damwildgröße. Hin und wieder nach der lärmenden Treiberlinie zurücksichernd, näherten sie sich mir, ahnten nicht die drohende Gefahr. Ich ließ sie ruhig vorüber, unbeschossen, denn es war kein guter Bock dabei. Außerdem hatten wir schon manchen von ihnen zur Strecke gebracht, deshalb wollte ich nicht gleich im Beginn des Triebes auf sie den Finger krumm machen.

Aufmerksam gleitet das Auge hin und her, gespannt lauscht das Ohr auf jedes Geräusch, das Brechen eines trockenen Halmes, ein leichtes Rauschen im Schilf. Jetzt kommt prasselnden Flügelschlages eine Kette Frankoline angestrichen. Hoch die bereitgelegte Schrotflinte, das ist ein Schuß wie daheim auf getriebene Fasanen, bauz, der erste Schuß geht vorbei, aber der zweite, nachgeworfene, reißt einen Hahn aus dem vollen Leben. Ali, mein Jäger, holt ihn schnell, denn sonst finden wir ihn wohl hinterher nicht mehr im Schilf. Da gibt es allerhand kleine Räuber, Katzen und Mangusten, die sich geschickt durchzustehlen wissen, dem Auge des Jägers verborgen, und finden sie auf ihrem Wege so ein Tischleindeckdich, warum sollten sie hungrig vorübergehen?

Da knackt es vor uns, etwas links. Kein Muskel rührt sich. Was wird es sein? Jetzt Stille. Kaum wage ich zu atmen.

Simba?" flüstert mein Jäger. Sie erwarten immer den König der Steppe, die passionierten Schwarzen.

Wieder ein leises Brechen, nun nicht mehr weit. Die Büchse liegt halb im Anschlag, denn oft muß man höllisch schnell schießen, wenn die Tiere die schützende Deckung verlassen und über eine Blöße flüchten. Und da schimmert es gelb. Sollte Ali sich nicht getäuscht haben? Doch — ein kleines Oribiböckchen ist es, das im nächsten Augenblick die Kugel durch einen mächtigen Luftsprung quittiert. Da huscht auch rechts etwas vorüber, gerade kann ich es noch sehen. Wie selbsttätig arbeitet der Repetiermechanismus der Büchse. Hoch fliegt sie. Ein Schuß, und sich überschlagend, bricht ein guter Schirrbock im Feuer zusammen. Das sind heimliche Burschen, wissen sich meisterhaft zu drücken, schleichen wie die Katzen, setzen ihr prächtig kastanien-farbenes, weiß gestreiftes und geflecktes Kleid nicht gern der Gefahr aus. Noch ein paarmal schnellen die langschaligen Läufe, dann überfliegt ein Zittern den Bock. Die schönen samtbraunen Lichter verglasen, schimmern bläulich wie opalisierend. Der Bock ist verendet. Drüben aus der Senke erschallt lautes Geschrei. „Tembo, Tembo, Elefanten", brüllen die Treiber. Das ist noch etwas. Da fällt bei einem der Gefährten ein Schuß. Noch einer, zwei, drei. Sollten ihm die Riesen vor die Büchse gekommen sein? Ali hat es nicht bei mir geduldet. Wie eine Katze ist er auf einen Baum gestiegen, zeigt seitwärts, dort, wo kein Schütze steht. Und nun sehe auch ich eine feine Staubwolke über dem hohen Schilf langsam dahinwandern. In ihr erheben sich von Zeit zu Zeit weiße Reiher, die charakteristischen Begleiter der Elefanten, oftmals ihre Verräter, Verderber.

Seitlich bricht die Herde aus, unbeschossen. Schade. Gern hätte ich das Benehmen der Tiere gesehen, wenn sie unerwartet im Trieb, wo sie ja an sich schon durch den Treiberlärm erregt sind, Feuer bekommen. Vielleicht wäre es mir auch gelungen, eine gute Aufnahme von ihnen zu machen.

Ich werde schnell wieder aus meinen Gedanken gerissen. Flüchtig kommt Wild auf mich zu, in voller Fahrt. Wasserböcke sind es, begleitet von Weißohrantilopen. Die Furcht hat die Rudel vereinigt. Ohne Ahnung der Gefahr stürmen sie fast geradenwegs auf mich los. Erwartungsvoll stehe ich, gut gedeckt. Da, voran ein guter Bock, mit prächtigem, langem Gehörn. Hoch setzt er über einen Busch weg. Da knallt es, und wie vom Blitz getroffen reißt ihn die Kugel nieder, auch den zweiten Bock; fast nebeneinander liegen sie. Unwillkürlich schmunzele ich, wende mich lachend zu Ali: „Die Büchse schießt doch fein!" Da sehe ich ihn große Augen machen. Er deutet nach den Böcken. Sie sind plötzlich scheinbar wieder gesund geworden, flüchten. Mit schnellem Schuß erwische ich noch den Wasserbock, die Weißohrantilope verschwindet aber schon im Schilf.

Sehr geistreich war in diesem Augenblick mein eben noch so strahlendes Gesicht gewiß nicht.

So eine Sch ....", knirsche ich zwischen den Zähnen, denn ich weiß wohl, wie das gekommen ist: Krellschüsse. Meine Büchse ist auf größere Entfernung eingeschossen. Daran habe ich in der Eile nicht gedacht. So sind die Geschosse auf 5o Schritt zu hoch gegangen, haben den Rand der Wirbelsäule gefaßt und das Tier durch den plötzlichen mächtigen Schlag auf das Hauptnervensystem für einen Augenblick gelähmt, ohne ihm ernstlich Schaden zu tun. Das kenne ich schon aus Erfahrung, das nächste Mal bin ich vorsichtiger.

Weiter geht der Trieb. Bald hier, bald dort ein paar Schüsse. Wildherden brechen durch, Frankoline und Perlhühner streichen vorüber. Langsam nähern sich die lärmenden Treiber. Noch im letzten Augenblick erwische ich einen guten Schirrbock mit starkem, kräftigem Gehörn. Dann ist der Trieb aus.

Auch meine Freunde hatten Weidmannsheil, befriedigt kehren wir ins Lager zurück.

Noch ein Tag zum Packen, Bezetteln der wissenschaftlichen Sammlungen, dann bricht, noch in der Nacht, die Expedition auf. Wir wollen die Kühle ausnutzen, zumal unsere Leute durch die Wochen im Jagdlager des schweren Tragens in der Hitze etwas entwöhnt sind.

Vor uns im Norden leuchtet der Große Bär, dort der Polarstern, gute Freunde, die mir auf so vielen nächtlichen Märschen als Richtmarke gedient haben. Mit ihnen habe ich so manche Stunde Zwiesprache gepflogen. Droben in der nordischen Heimat leuchten sie wie jetzt mir; vielleicht treffen sich dort oben meine Augen mit denen der Lieben in der Ferne.

Ich reite dahin in Gedanken an die Zukunft, die so golden vor mir liegt nach allen den schönen Erfolgen, welche uns die lange beschwerliche Reise gebracht hat. Die Hauptsache ist, daß wir gesund heimkehren — so Gott will.

Alles habe ich um mich vergessen. Ich träume offenen Auges. Da scheut meine „Mula". Mit einem wilden Seitensprung wirft sie sich zur Seite, ein Wunder, daß ich nicht aus dem Sattel komme. Unwillkürlich ein paar Jagdhiebe, dann sehe ich, was das Tier so in Aufregung versetzt hat: da sind kurz vor uns ein paar Elefanten entlang gebummelt und haben unverantwortlicherweise uns ihre gewichtigen Visitenkarten in den Weg geworfen. Das verträgt mein guter Brauner schon bei Tage nicht, geschweige denn bei Nacht. Doch er beruhigt sich wieder.

Ab und zu huscht „spinnend" vor uns ein Ziegenmelker auf, und da, ein Vogelschlag im Busch, laut, melodisch, erst ein paar tiefe Locktöne, schmelzend, dann rollt die Lautreihe: eine Nachtigall. Welch ein Gefühl ist das doch, wenn man so fern der Heimat an den nordischen Frühling mit seinen sprießenden Blumen, den zwitschernden Sängern denkt, an den Frühling, den die Tropen so wenig kennen wie den Herbst. Deshalb nenne ich diese heißen Länder trotz aller Pracht und Üppigkeit doch arm, denn gerade der Wechsel der Jahreszeiten, des Werdens wie des Vergehens, ist es, der für unser Leben so ungeheuer wichtig ist. Wer das nicht selbst empfunden hat, kann es nicht verstehen. Es ist, wie wenn neues Leben unsere Adern durchströmte, wenn wir, aus den sengenden Sonnenländern des Südens kommend, in den nordischen Frühling versetzt werden.

Unvergeßlich wird mir in dieser Beziehung eine Fahrt sein, die ich mit den beiden bekannten Gelehrten, den Professoren Kräpelin, vor nunmehr zwanzig Jahren machte. So wie ich kehrten sie aus Ceylon und Java zurück. Wir hatten uns satt gesehen an der Wunderpracht dieser gottgesegneten Länder. Aus dem Gotthardtunnel kamen wir in die Schweiz, und hier sproßte und blühte alles in herrlichster Frühlingspracht. Noch lag teilweise Schnee auf den Matten, dazwischen die leuchtenden Farbenflecke des jungen Grüns, Primeln und Krokus. Nicht satt konnten wir uns sehen, wie Kinder zeigten wir einander die Pflänzchen. Vergessen war die tropische Märchenpracht. Jedes Blümchen hier war uns wie ein lieber Freund, gekommen, uns zu begrüßen. Hier fühlten wir uns daheim. Alles,, was hinter uns lag, war nur die Fremde, ein schönes Bild, das man in Erinnerung, aber nicht im Herzen bewahrt. —

Lichter wird es um uns, schnell, der Tag bricht ohne Übergang an. Und nun ändert sich auch die Umgebung. Nicht mehr auf weichem Grasboden, sondern über steiniges Geröll reiten wir. Glitzernd flimmern der Berghang, die Felsen, wie übersät mit unzähligen Brillanten; fast blendet das Gleißen unser Auge, so glimmerhaltig ist alles um uns. Nie bin ich durch eine ähnliche Gegend gekommen.

Dann wieder nimmt uns Dickicht auf. Unentwirrbare Schlingpflanzen haben Buschwerk und Bäume übersponnen, wie grünes Lametta hängen die feinen hellblätterigen Ranken, die Würger ihrer Wirte; den ganzen Wald drohen sie umzubringen. Und nun biegen wir rechts ab, folgen einem vielfach betretenen Wildwechsel. Höhere Bäume ragen vor uns, reicher, üppiger wird der Pflanzenwuchs. So sieht es nur an Flußläufen aus. Jetzt öffnet sich die Landschaft. Ein breites, silbernglänzendes Rand gleitet schweigend vorüber: der Nil.

Ein paar Eingeborenenboote liegen am Ufer; durch vorausgesandte Läufer haben wir sie bestellt. Ausruhend erwarte ich die ganze Karawane, lasse hier aufschließen, denn gar mancher hat dem flotten Marschtempo nicht folgen können, ist zurückgeblieben. Fast eine Stunde dauert es, bis alle heran sind. Inzwischen sind schon eine Anzahl Lasten hinübergebracht worden. Alles überwache ich, denn auf mir ruht hier die Verantwortung allein. Meine Freunde sind auf kürzerem Wege im Faltboot vom letzten Lager nach unserm Ziel, Nimule, gerudert.

Bootsladung um Ladung kommt und geht. Als letzter steige ich ein mit dem kostbarsten Teil der Sammlung; sie will ich nicht aus der Hand geben. Das Boot ist etwas schwer belastet, wohl zu schwer, so daß meine Ruderer es nicht so recht vorwärts bringen. Die Strömung ist stärker, als sie gedacht haben; wir treiben ab. Gern möchte ich eingreifen mit Rudern, aber ich kann mich in dem schwer im Wasser liegenden, kippeligen Einbaum nicht bewegen, sonst schöpft er Wasser, versinkt. Tatenlos sitzen meine Leute; der Fatalismus hat sie scheinbar gelähmt. Schon hat uns die reißende Strömung gepackt, führt uns schnell davon, dem Verhängnis entgegen. Dort unten, gar nicht weit, stürzt der Nil steil über die Felsen, als mächtiger Katarakt schäumt er über die Granitbarre. Da gibt es keine Rettung; das Fahrzeug, das in diesen Hexenkessel kommt, ist verloren.

Durch so viele Gefahren bin ich nun im Laufe der langen Monate glücklich gekommen, blieb verschont von schweren Krankheiten und Unglücksfällen, und hier noch soll das Verhängnis mich packen, und ich kann nichts dagegen unternehmen? Schon überlege ich, ob ich nicht, um wenigstens das Leben zu retten, meine Sammlungen ins Wasser werfen und auf diese Weise das Boot entlasten soll; dann denke ich daran, ins Wasser zu (springen, um schwimmend das Ufer zu erreichen, doch die vielen Krokodile, deren zackige Rücken ab und zu auftauchen, sind keine angenehmen Badekameraden. Da schießt ein Eingeborenenboot längsseits heran, ein alter Mann und zwei jüngere stehen darin. Sie haben die große Gefahr, die uns droht, erkannt, schon steigen einige von unsern Leuten in ihr Boot, sie selbst übernehmen die Führung des unsrigen. Mit kräftigen Schlägen treiben sie es vorwärts, dem Ufer zu. In der Ferne höre ich schon die Fälle donnern, sehe eine feine Wasserdampfwolke über dem Nil, von dort unten droht Freund Hein. Und plötzlich gleiten wir am Ufer entlang, stromaufwärts. Die Gefahr ist gebannt, fast schon vergessen.

Langsam erreichen wir den Landungsplatz, ein Händedruck, ein großes Geschenk, über das die einfachen Fährleute ganz erstaunt sind; was sie getan, achten sie nicht sonderlich, war ja ihre Pflicht, für die sie der „große weiße Herr" bezahlt. Mit lautem Geschrei begrüßen uns die Träger. Ich schwinge mich in den Sattel, noch ein Stündchen Ritt, und ich sitze bei dem englischen Bezirksbeamten von Nimule mit meinen Freunden. Wir sind wieder in einem europäisch eingerichteten Haus, lesen Zeitungen, blättern in Monatsheften. Mitten aus der Wildnis heraus sind wir in die Kultur versetzt. Ein schöner Abschluß nach der Reise in das so wenig bekannte Land Lado, nach der Gefahr, der ich eben um ein Haar entronnen.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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