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Im Lande des weißen Nashorns

Drei Tage dauerte unsere Fahrt nilabwärts, dann hielt der Dampfer auf das steile westliche Ufer zu und bog in eine kleine Bucht ein. Unter lautem Hallo unserer stattlichen Trägerschar, die froh war, nun endlich die in der Enge steif gewordenen Glieder einmal wieder ordentlich dehnen zu können, fiel der Anker.

Lachend sprangen die meisten in die gelbe Flut, wälzten sich darin voll Wohlbehagen, spritzten einander naß, ganz wie Kinder. Dann ging es ans Ausladen. Die Lasten mußten durch das Wasser getragen werden, oft keine leichte Arbeit bei dem schlammigen Boden des Flusses.

Inzwischen waren auch wir an Land gegangen und hatten nicht weit ab von der Liegestelle unseres Dämpflings einen geeigneten ebenen Platz für unsere Zelte gefunden. Sorglich wurde das Gras untersucht, ob sich nicht darunter verborgene Gänge der weißen Ameisen, die der Schrecken aller Tropenreisenden sind, fänden. Ein paar Bäume, die im Wege standen, mußten fallen, Buschwerk wurde geschnitten, um die nötige Bewegungsfreiheit im gegenseitigen Verkehr von Zelt zu Zelt zu geben, alles dichtere Gras rund um das Lager wurde geschnitten, um nicht bei einem etwaigen Steppenbrand oder bei durch Unvorsichtigkeit entstandenem Feuer uns selbst und unser Hab und Gut in Gefahr zu bringen. Schon zweimal hatten derartige Brände uns bedroht, und nur mit größter Not, unter rücksichtslosester Einsetzung aller Kräfte war es uns gelungen, im letzten Augenblick, als schon die Flugfunken auf unsere Zelte herabregneten, die Expedition vor dem Untergange oder wenigstens unersetzlichen Verlusten zu bewahren.

Unter Aufsicht der Diener wurde alles zurechtgemacht, langes Gras geschnitten, um als Unterlage des Zeltbodens zu dienen, denn das ausgedörrte Erdreich war hier bröckelig. Kaum eine Viertelstunde war vergangen, da stand das erste Zelt, Kochfeuer flammten auf, und schon in den nächsten Stunden hatte sich der eben noch so stille Platz in ein kleines Dorf verwandelt. Allenthalben erklang die Axt, das Rufen und Lachen der Träger. Sie sammelten trockenes Holz für die Küche und zu nächtlichen Feuern.

Als Schutz gegen die große Hitze wurden Grashäuser errichtet, in denen die zoologischen Sammlungen gleichfalls ihren Platz finden sollten. Unter einem mächtigen Leberwurstbaum bot sich uns ein herrlicher Frühstücksplatz, während unsere Affen in seinen mächtigen Zweigen herumturnen durften.

Eine schönere Stelle für das Lager hätten wir uns kaum wünschen können. Hart an dem steil abfallenden, hohen Ufer des Flusses standen die Zelte. Das Auge konnte weithin schweifen über die mächtige Wasserfläche, die wildverschlungene Schilf- und Papyrusdickichte begrenzten. Doch nur zum Teil, denn eine Insel war es, die hier der breite Strom umfloß, dahinter aber wogte es wieder kilometerweit, schier unendliche Sümpfe, und in duftiger Ferne erhoben sich die Berge von Uganda im Lande der Acholi. Wilde Gegenden, die nur wenig Europäer bisher besucht haben.

Auf den Büschen am Ufer saßen rotfarbene Bienenfresser, schössen alle Augenblicke in die Luft und fingen, genau wie unsere Fliegenschnäpper, vorüberfliegende Insekten, um im nächsten Augenblick wieder regungslos auf ihrer Astspitze zu lauern. Ihre Nester hatten sie nahe bei den Zelten in den senkrechten Uferwänden wie unsere Uferschwalben, sicher vor feindlichen Angriffen.

Im Fluß trieben größere und kleinere schwimmende Inseln. Hier und dort tauchte der Kopf eines Krokodils auf. Prustend schnappte ein alter Nilpferdbulle nach Luft, blinzelte zu uns herauf, um sich im nächsten Augenblick wieder in die Tiefe sinken zu lassen, drunten auf Weide zu gehen, wo die süßen Wurzelknollen aller möglichen Schilf-und Wasserrosenarten wucherten. Aus der Ferne dröhnte das Trompeten von Elefanten; sie standen offenbar in den Papyrusdickichten, wechselten vielleicht durch den Fluß nach dem westlichen Ufer hinüber.

Ein kleiner Bummel an unserm sumpfigen Landungsplatz entlang enthüllte uns, wie reich hier die Tierwelt vertreten war. Dort hatten sie alle dem Boden ihre Fußsiegel eingedrückt, die allnächtlich zur Tränke kamen: Da stand der feine, schmale Huf der Zwergantilope neben der Pranke eines Löwen. Fast einen halben Meter tief und mehr waren die mächtigen Säulen der Elefanten in den Schlamm gedrungen. An ändern Stellen wieder war der Modder glattgestrichen, hier hatten sich die guten Rüsseltiere nach dem Bade gewälzt. Weißohrantilopen, Wasserböcke, die gespreizten Hufe der Schirrböcke, dann wieder die klotzigen Doppelhufe von Büffeln, dazwischen die Vierzehen der Flußpferde, die bei Nacht einmal eine kleine Steppenwanderung unternommen hatten, und da — ein nur dreizehiges Mal, das stammte von einem Nashorn, von dem Tiere, dessentwegen wir überhaupt gerade hierhergefahren waren: von dem weißen Nashorn.

Allerhand kleine Sumpfvögel gingen vor uns auf, mochten wohl Gäste aus dem Norden, aus der lieben Heimat sein. Da rannte „Wippsterzchen", die gelbe und weiße Bachstelze, geschäftig hin und her, haschte sich bald hier, bald dort Beute. Klagenden Rufes strichen Triele ab, Strandläufer flatterten mit langgezogenem „Tütüt, tütüt" vor unsern Füßen weg, aus dem lichten Steppengras erhob sich eine Trappe; unvorsichtigerweise hatte sie uns damit ihr Nest verraten, eine wertvolle Bereicherung unserer zoologischen Sammlung.

Welch eia herrliches Gefühl war es für uns, hier nun wieder einmal jagen zu können, nach vier Wochen mehr oder weniger langweiligen Wanderns!

Auch landschaftlich bot die Gegend viel mehr als die Straßen in Uganda oder die Steppen von Ostafrika. Nicht die dornige, sogenannte „Obstbaumsteppe", — auf der es aber keine Obstbäume gibt, — sondern hier waren die weiten Ebenen und sanften Hügel mit frischgrünen Bäumen bestanden, deren wundervolle lila Blüten das ganze Land mit einem herrlichen Fliederduft erfüllten. Bald zeigte sich auch das erste Wild, Weißohrantilopen, Wasserböcke und ein paar der reizenden kleinen Oribi.

Befriedigt kehrten wir ins Lager zurück. Die Aussichten auf Erfolg waren gut. Was wollten wir mehr?
„Daheim" war inzwischen alles nach Wunsch geordnet. Jede Kiste, Gewehr und all die vielen Kleinigkeiten hatte der schwarze Diener an seinen Platz gestellt. Betten, Tische, alles stand vorschriftsmäßig, sogar die großen Liegestühle, an denen Brinji, der törichtste unserer Diener, sich immer die Finger zu klemmen pflegte. Auf dem Eßtisch prangte in einer Konservenbüchse ein frisch gepflückter Blumenstrauß. Der Koch hatte sein Bestes getan, man merkte den Leuten an, auch sie freuten sich, daß nun endlich wieder echtes Expeditionsleben herrschte.

Munteres Singen drang vom Trägerlager herüber. Der fleißige Präparator hatte in Erwartung der zu bearbeitenden Tierhäute schon vorsorglich große Gestelle aufrichten lassen mit weiten Grasdächern darüber, um später hier die Felle des erlegten Wildes im Schatten gut trocknen zu können. Das ist notwendig, denn in der Sonne geht das zu schnell vor sich, sie werden runzelig und knochenhart, so daß sie sich später schlecht verarbeiten lassen.

Aber auch die Zeltjungen waren nicht untätig gewesen. Hart am Ufer des Nils erhob sich ein großes Gerüst für das Moskitohaus, das wir in Hoima von einem nadelgewandten Inder hatten anfertigen lassen. Wie gute Dienste sollte es uns hier tun! Man macht sich ja keinen Begriff davon, wieviel der gefürchteten Anophelesmücken es am Nil gibt. Bei einbrechender Nacht fallen die Plagegeister gleich dichten Wolken auf die unglücklichen Menschen. Gleich am ersten Abend sollten wir seinen Wert so recht kennenlernen, sicher vor ihnen saßen wir hinter dem Netz, und sie umschwärmten, vom Licht angelockt, unser schützendes Heim, ohne uns schaden zu können.

Um uns die dunkle Nacht, vom Wasser her hin und wieder das unwillige Brüllen und Grunzen der Flußpferde, denen die hellen Feuer am Ufer offenbar gar nicht paßten. Vor dem Lager Geheul und Gelächter der Hyänen. Anfangs neugierig, waren sie gekommen, das unbekannte Schauspiel zu betrachten, dann hatten die weggeworfenen Knochen zu verlockend geduftet, und bald wurden diese Aasfresser frecher, schlichen sich ganz nahe an die Zelte, fast bis zur Küche hin, die unter einem kleinen Grasdach aufgeschlagen war.

Unsere Leute waren lustig und guter Dinge, jetzt begannen wieder die fetten Tage, morgen ging es auf Jagd, und da gab es dann Fleisch, Fleisch im Überfluß. Gleichmäßig tönte ihr Gesang, das Pauken einer kleinen Trommel, das Gewimmer der Flöte. Ums Lagerfeuer hüpften in gleichmäßigem Takt dunkle Gestalten, die allabendliche „Goma", von den Negern getanzt, auch dann, wenn zehn Stunden anstrengendsten Marsches hinter ihnen lagen. Darin ähneln sie wohl vielen unserer Damen, die sich wieder frischtanzen können, selbst wenn sie todmüde sind!

Hell beleuchtete der Mond das Lagerbild, den glitzernden Fluß vor uns. Gespensterhafte Schatten huschten am Himmel vorüber, eigentümliche Gestalten, wie zappelnde Geister oder große umeinander spielende Schmetterlinge. „Vierflügel" (Macrodipteryx longipennis), große Nachtschwalben, denen die Natur die neunte Handschwinge ganz bedeutend verlängert und mit breiter Federfahne geschmückt hat. Nie beobachtete ich ein merkwürdigeres Bild wie diesen Vogel im Flug, um den die langen Fahnen wie angeheftete Lappen herumschwangen. Sicher gewähren sie einen guten Schutz vor nächtlichen Feinden, denn geradezu unheimlich sehen die Tiere aus. Diesen Eindruck machten sie auch auf unsere Leute, die ganz entsetzt waren, als wir den ersten Vogel herabschossen. Offenbar vermuteten sie in ihnen irgendwelche Geister. Eigentümlich wie im Fluge wirken die Vögel auch an der Erde. Sie leben am Tage gern unter schattigem Gebüsch, und als ich zum erstenmal auf einige beieinandersitzende, dann eilig vor mir weglaufende stieß, glaubte ich anfangs, irgendein langschwänziges Säugetier vor mir zu haben, bis ich meinen Irrtum erkannte. Das Tageslicht mögen sie offenbar nicht, denn brachte ich einen der Vögel einmal bei Sonnenschein zum Auffliegen, so huschte er unhörbaren Flügelschlages nur um den nächsten Busch, um sich sofort wieder zu verstecken.

Fliegende Hunde und Nachtaffen sorgten für weitere Unterhaltung. Fernher hallte das Grollen eines Löwen. Plätschern im nahen Sumpf verriet uns, daß trotz der Nähe unseres Lagers der Durst die Tiere der Steppe doch zum Wasser trieb. Gut so, dann konnten wir am Morgen wieder frisch abspüren, wer uns seinen nächtlichen Besuch abgestattet hatte.

Lange saßen wir am Abend zusammen, wieder einmal „restlos" glücklich, wie so oft in jenen längst vergangenen Zeiten.
Hier waren wir Herren. So weit wir wollten, konnten wir schalten und walten, mit uns eine gut einmarschierte Schar von Trägern und Jägern, die den Tod und Teufel nicht fürchteten, die kein Löwe oder annehmender Elefant schreckte, auf die wir uns verlassen konnten, die nicht die Büchse wegwarfen oder ausrissen, wenn Not an Mann kam.

Heute mochten wir gar nicht zur Ruhe gehen, es war zu schön wieder einmal in der Wildnis. Immer wieder kam das Gespräch aber auf das weiße Nashorn, das Rhinoceros simus, zurück. Seinetwegen hatten wir dieses ferne Land aufgesucht, dieses seltene, dem Untergang geweihte Tier für ein Museum zu erbeuten, war unser Ziel.

In früheren Zeiten, vor etwa 60 bis 70 Jahren, lebten diese mächtigen Dickhäuter, nächst dem Elefanten die größten der Welt, in sehr großer Zahl in Südafrika. Es gab Gegenden, wo man vierzig und mehr an einem Tage zu sehen bekam. Dann aber brach das Verhängnis über diese Riesen herein. Die Buren drangen weiter und weiter ins Land vor, und ihren Büchsen fielen sie allmählich alle zum Opfer, so daß heute nur noch wenige, sorglich gehegte Exemplare in den südafrikanischen Wildschonbezirken leben. Von Südafrika hatte sich in alten längst vergangenen Zeiten diese Tierart offenbar nach Norden verbreitet, denn Speke erwähnt, daß er sie westlich des Viktoria-Sees in Karagwe mehrfach geschossen hat, dann will sie Decken in Ostafrika angetroffen haben, und Powell-Cotton, der bekannteste englische Jagdreisende der Gegenwart, fand sie 1906 hier in Lado auf, nachdem sie in allen übrigen Gegenden im Laufe der Zeit verschwunden waren (merkwürdig ist, daß wir diese Tiere in Emins Tagebüchern nie erwähnt finden).

Ich schrieb oben, daß sie sich nach Norden „verbreitet" haben. Ich nehme es deshalb an, weil das Tier vereinzelt neben seinem Vetter, dem eigentlichen Bewohner dieser Länder, hier getroffen wurde, während das Schwarznashorn (Rhinoceros bicornis) allenthalben in Ostafrika, das heißt östlich des Nils und seines Quellgebietes, vorkommt. Es ist merkwürdig, daß ein Fluß eine so scharfe Grenze bildet. Eigentlich braucht er ja für die Tiere kein Hindernis darzustellen, denn sie könnten mit Leichtigkeit hinüberwechseln, fänden drüben genau dieselben Nahrungsverhältnisse, und doch bleiben die Tiere in den ihnen von unsichtbaren Gesetzen vorgeschriebenen Gebieten. Ja, das geht so weit, daß selbst kleine Flüsse, wie zum Beispiel der Athi in Englisch-Ostafrika, eine scharfe Grenzlinie für manche Arten, zum Beispiel für die Gnus, bildet. Bis an sein südliches Ufer kommen ihre gewaltigen Herden, tränken in dem Fluß, aber hinüber gehen sie nicht. Es ist das eines der großen Rätsel der Natur.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich zur Erklärung des Namens „Weißes Nashorn" einige Worte einflechten. Die Bezeichnung ist ganz widersinnig, denn das Tier ist ebensowenig weiß wie der berühmte „weiße" Elefant in Siam, den ich unter seinen Gefährten im Stall des Königs von Siam durchaus nicht herausfinden konnte. Vielfach wird angenommen, daß die Bezeichnung von Buren aufgebracht wurde, die ja, als sie vor etwa zwei Jahrhunderten nach Südafrika kamen, den dortigen von ihnen vorgefundenen Tieren besondere Namen gaben: so nannten sie die Giraffe Kamel, weil sie ebenso groß war wie das ihnen bekanntere Höckertier. Die Kuhantilopen nannten sie Hartebeest-Hirschtier nach der gleichen Farbe und andere mehr. Es wird vielfach angenommen, daß der erste Beobachter des Rhinoceros simus ein Stück erlegt hat, das sich kurz vorher in heller Asche gewälzt hatte, und ihm deshalb den Namen „Weißes Nashorn" gab.

Ich habe eine andere Erklärung und nehme an, daß der Name eine sprachliche, erst später entstandene Verunstaltung darstellt: Irgendein zoologisch bewanderter Mann unterschied deutlich zwischen diesem Tier und seinem kleineren ostafrikanischen Vetter nach der Form des Maules in Spitz- und Breitmaul-Nashorn und nannte das letztere abkürzend englisch „Wide"-Rhino, also Breitnashorn. Den Südafrikanern war aber das Spitzmaulnashorn nicht bekannt, sie wußten den Unterschied nicht, verstanden ihn nicht und machten daraus „White" = weißes Nashorn. Ob meine Ansicht richtig ist, weiß ich nicht, jedenfalls paßt sie.

Dieses Tieres wegen waren wir also hierher gekommen, und nachdem mit den Jägern noch langer Kriegsplan gehalten, unter uns ausgemacht war, wohin jeder von uns am nächsten Morgen ziehen sollte, schlüpften wir in die Feldbetten, träumten herrlichen Tagen entgegen. —

Noch herrscht schwarze Nacht, da erscheint mein Zeltjunge. Schweigend öffnet er die Zeltvorhänge, so daß die feuchtkalte Morgenluft vom Nil hereinschlägt. Ich richte mich auf, mein Blick fällt auf den mächtigen Fluß, über dem sich rasch am östlichen Himmel in fahlem Lichte die Wolkenstreifen rötlich färben, den jungen Tag ankündigend.

Heraus aus den Decken. Schon wird es lebendig im Lager, die Gewehrträger und Maultierjungen treffen ihre Vorbereitungen, der Koch klappert mit den Töpfen, denn das erste Frühstück, das wir einnehmen, ist schon recht reich: Gebratenes Fleisch, Reis, Eier, Tee, Butter, Brot, Käse sowie Marmelade. Man lebt nicht schlecht in der Wildnis, braucht ja bei den großen körperlichen Anstrengungen auch kräftige Kost.

Fast ohne Dämmerung bricht der Tag an. Ums Feuer hüpfen, eine dudelnde Melodie halblaut singend, in rote Wolldecken gehüllt, ein paar Schwarze; sie sind schon auf, es sind Träger, die uns auf der Jagdwanderung begleiten sollen. Alles geht schnell an einem solchen Morgen. Wir lassen nicht gern unsere Leute warten. Verlangen wir von ihnen Pünktlichkeit, so müssen auch wir sie halten. Aufmerksam verfolgt mein Gewehrträger unser Frühstück, und eben lege ich das Besteck hin, da ist auch schon das Maultier vorgeführt. Ich nehme die Büchsen zur Hand, lade jede einzelne, sichere und reiche sie meinem Vertrauten zurück. Noch ein „Weidmannsheil" zu meinen Gefährten, dann schwinge ich mich in den Sattel, kurz links um, dort liegt für heute mein Jagdgebiet. Vor müder Jagdführer, ein landeskundiger Eingeborener, dann ein Gewehrträger, die Büchse griffgerecht über die Schulter, das heißt am Lauf angefaßt, so daß ich beim Zugreifen sie gleich am Kolben fassen kann. Das ist nötig, denn oft heißt es schnell handeln: irgendein Wild springt auf, ich muß vom Maultier herab und schon das Schießeisen gefaßt haben, sonst ist leicht die günstige Gelegenheit verpaßt.

Aufmerksam prüfen die Führer jede Fährte, plötzlich bleibt einer stehen, neigt sich tiefer zum Boden, die ändern treten herzu, blicken nach mir, auch ich halte. Da steht unverkennbar die mächtige dreizehige Spur im schlammigen Ufer der Wasserstelle.
„Kifaru (Nashorn)" flüstern sie. „Ndie! (ja), heia (vorwärts)!"
Kein Wort weiter. Instinktiv sieht AH nochmals die Büchse nach, ob alles in Ordnung ist.
Ich wende mich im Sattel, ein Wink nach den Trägern, sie sind geschult, verstehen, was es bedeutet: Abstand und — Maul halten.

Noch ist es kühl, alle Grashalme triefen von nächtlichem Tau. Wir folgen der frischen Fährte eines Breitmaulnashorns, das vor wenigen Stunden ganz nahe beim Lager seinen Durst gestillt hat. Schon nach kurzer Zeit ist die Spur in dem feinen Staub des Wechsels kaum noch zu sehen, dazu muß man schon die Augen eines eingeborenen Jägers haben, dessen Blick ja von Kind auf für die Wildzeichen geübt ist.
Auf ein paar einsamen hohen Bäumen hocken Geier, andere kreisen immer über derselben Stelle; wir pirschen uns an, doch nicht an die Vögel, sondern an den Platz, der ihre Aufmerksamkeit fesselt. Nur ein Gewehrträger begleitet mich jetzt, er trägt die zweite Büchse, alle ändern Schwarzen haben sich niedergehockt, warten ab, denn jetzt ist größte Ruhe nötig, pirschen wir doch auf einen Platz zu, wo vermutlich in der letzten Nacht ein Löwe ein Stück Wild gerissen hat. Meist sind dann die großen Katzen am frühen Morgen noch beim Mahle oder liegen doch nicht weit davon, den Riß bewachend und verdauend im Halbschlaf.

Ab und zu bleiben wir stehen, lauschen. Da, ein Knochenknacken, ein Fauchen, wir sehen uns an, Ali schüttelt mit mißbilligendem Gesicht den Kopf. „Fissi" („Hyäne"), flüstert er. Ich bin im Zweifel. Noch etwas näher, Büsche sind zu unserer Linken. Das Auge vorwärts gerichtet, die Büchse schußbereit schleichen wir näher. Plötzlich ganz nahe bei uns, links unter den Sträuchern ein zorniges, tiefes, drohendes „Rrrrr-uff", wir fahren herum, ein Sprung darauf zu, denn das sind Löwen. Schnell auf den Termitenhügel; sicher werden sie, da sie von uns Wind bekommen haben, abgehen. Klatschenden Flügelschlages stieben ein paar Geier vom Aas auf, eine Hyäne fegt an uns vorüber, und für den Bruchteil einer Sekunde sehe ich ganz nahe beim Aas ein großes gelbes Tier vorüberflüchten, zu schnell, als daß ich die Büchse zum Schuß hochreißen kann.

So eine Gemeinheit", knurre ich. „Ach", macht Ali und wendet um. Da hat es keinen Zweck mehr, etwas zu unternehmen, die Löwen sind weg, das Gras der Steppe ist zu hoch, verbirgt sie. Wäre ein zerrissenes trockenes Flußbett oder eine Felspartie in der Nähe, so hätte eine Verfolgung einigermaßen Aussicht auf Erfolg, so aber kehren wir zu unsern Leuten zurück. Keine Frage, auch nicht an Ali; sie wissen: wenn wir nichts sagen, haben auch sie zu schweigen, denn nach Mißerfolgen ist die Stimmung selten gehoben.

Unser Zug ordnet sich wieder im Gänsemarsch, die Träger in hundert Schritt Abstand.
Schweigend geht es weiter durch die Steppe. In lichtem Gras marschiert ein Sekretär, jener nützliche hochbeinige Geier, der eifrig sich allerhand schädliches, lästiges Gewürm zu Gemüte zieht, Schlangen und Tausendfüßler, die jeder Reisende und Eingeborene ihres furchtbaren Stiches wegen verabscheut. Das sind nicht etwa die kleinen Tausendfüßler, die wir in Deutschland kennen, sondern eine bedeutend vergrößerte Ausgabe von gut Spannenlänge.

Trappen, große und kleine, erheben sich schwerfälligen Flügelschlages, nachdem sie erst ein Stück weit am Boden hingelaufen sind, um in rechten Schwung zu kommen. Ein kleines Zierböckchen, ein Oribi, steht nicht weitab, äugt nach uns herüber. Ich sehe es wohl, achte aber nicht weiter darauf, heute ist es „tabu".

Njama", flüstert der ewig fleischhungrige Pesa mbili, sich an mich herandrängend, in der Meinung, ich hätte das Wild übersehen. Ali wirft ihm einen sehr mißbilligenden Blick zu. „Punda (Esel)", knurrt er zwischen den Zähnen. Die übrigen Träger lachen kichernd, Pesa macht ein recht verdutztes Gesicht.

Weiter, westwärts. Höher steigt die Sonne, die erfrischende Morgenkühle, der Tau sind längst verschwunden, ehern blau steht der wolkenlose Himmel, glühend sendet die Sonne ihre Strahlen herab. Leichter Staub wirbelt unter unsern Füßen auf, kein Lüftchen regt sich. Wie ausgestorben ist die Landschaft. Hier, weitab vom Fluß, von dem weg wir geradenwegs der Nashornfährte in die Durststeppe hinaus gefolgt sind, scheint sich jetzt in der Höhe der Trockenzeit kein Wild gern aufzuhalten.

Dichter werden die Büsche, nicht weit reicht das Auge. Jetzt kommt eine Windhose angerauscht, prasselnd fährt sie über den Boden hin, reißt dürre Blätter, trockene Grashalme mit sich, wirbelt Staub auf. Vor uns eilt sie vorüber, jetzt weiter nach rechts. Unwillkürlich folgt ihr unser Blick. Ali verhält mit einem Ruck den Schritt, auch ich pariere mein Maultier so schnell durch, daß ein mir folgender Gewehrträger dagegenprallt und von dem recht empfindlichen Tier einen gehörigen Hufschlag verabfolgt bekommt. Hohes Gras behindert hier den Blick, aber über ihm schwebt feiner Staub, weiße Reiher und langschwänzige prächtige Blauracken schweben auf und nieder, sich langsam vorwärts bewegend. Nicht weit ist die Staubwolke von uns, doch die Tiere, die sie aufwirbeln, hört man nicht abgehen.

Tembo (Elefanten)", flüstert Ali. Ich nicke, da ist kein Zweifel möglich. Die Träger recken die Hälse, Pesa mbili leckt sich über die dicken Lippen. Hm, wenn der Bana (Herr) nur erst einen geschossen hätte, das gäbe einen Festschmaus, denkt er wohl.
Mit verhaltener Stimme beraten wir, was zu tun. Etwas hochgeworfener feiner Sand gibt die genaue Windrichtung an. Schweigend legt Ali Gewehr und Patronengürtel ab, erklettert einen in der Nähe stehenden Baum, um Ausschau zu halten. Nicht lange ist er oben, dann hat er sich über den Weg der Elefanten, über die Umgegend unterrichtet. Nach Südwesten sind die Tiere gewandert, dort ist ein dichterer Wald, da werden sie sich wohl bald beruhigen, im Gebüsch sicher fühlen. Dahinter erheben sich Hügel. Wir müssen also suchen, ihnen den Weg abzuschneiden, ihnen vorzukommen. Das ist möglich, denn an den Bergen ist mit anderm Wind zu rechnen.

Die Träger erhalten genaue Anweisung; sie sollen weit zurückbleiben, nur ein eingeborener Führer und meine zwei Gewehrträger gehen mit mir. Die Büchsen sind umgeladen; statt der Dum-Dum-Geschosse sind jetzt Vollmantel darin, die selbst den dicksten Elefantenknochen durchschlagen.
Nun wird es ernst. Stramm wird marschiert. Aber ein böses Gehen ist es. Vor uns dehnt sich eine weite Senkung, die in der nassen Jahreszeit offenbar einen Sumpf bildet, sicher ein Lieblingsplatz von Elefanten. Ihre tiefen Fußspuren legen deutliches Zeugnis davon ab. In der Trockenzeit sind aber die Fußabdrücke erstarrt und bilden tiefe Löcher, über die Gras und Schilf gewachsen ist, wahre Fallgruben, in die alle Augenblicke einer meiner Leute oder meine brave Mula stürzt. Innerlich schimpfe ich, der Elefanten wegen nicht laut. Endlich ist auch diese unangenehme Stelle überwunden, ebener wird der Steppenboden; wir machen eine kleine Pause, denn es ist bereits Mittag vorüber. Unterdessen hat der Eingeborene einen hohen dürren Baum erstiegen. Ein Schnalzen mit dem Finger läßt uns aufblicken. Wie eine Katze gleitet er herab und macht uns durch Zeichen verständlich, daß die Tiere gar nicht weitab stehen.

Nochmals den Wind geprobt und dann hin. Richtig, ganz langsam ziehen die Tiere an uns vorüber, eine gewaltige Herde, sorglos, als drohe ihnen hier nie Gefahr. Soweit wir sehen, sind es lauter weibliche Stücke mit Jungen jeglicher Altersstufen. Ich zähle: mehr als 120 wandern an mir vorüber, und doch sehe ich nur einen Teil der Herde, die ändern sind durch die Riesenleiber oder Büsche verdeckt. Langsam pirschen wir, jede Deckung ausnutzend, nebenher, immer hoffend, daß doch noch ein schießbarer Bulle auftauchen werde.

Lautlos wandern die Tiere, wenigstens ihre Schritte vernimmt man nicht, auch nicht das Dröhnen des Bodens, von dem mancher Reisende zu berichten weiß. Nur das ständige Kollern im Bauch der Tiere hören wir, das ihnen oft zum Verräter wird, wenn sie so gut wie unsichtbar im dichtesten Dickicht stehen. Jetzt machen sie eine Schwenkung, ziehen auf die Steppe hinaus, quer zu unserer
Richtung.

Da können wir nicht weiter. Eine Erkundung aus der Höhe kann nichts schaden. Wieder ersteigt der Schwarze einen Baum, aber noch ist er nicht ganz droben, da zeigt er unter allen Zeichen des Schreckens nach links und dann auch noch halb nach rückwärts. Was bedeutet das? Damit ist er auch schon wieder unten, etwas bleich. Schwer ist es, sich mit ihm zu verständigen. So viel bekomme ich aber heraus, daß rings um uns Elefanten stehen. Wir sind zwischen mehrere Herden geraten. Schön ist eine solche Lage nicht gerade; denn bekanntlich haben Elefanten sehr große Füße, und wohin sie treten, wächst kein Gras wieder, treffen sie aber damit einen Menschen, so ist er hin, auch wenn es ohne böse Absicht geschieht. Und eine einmal in Schrecken versetzte Herde ist unberechenbar. Sie tobt einfach durch die Landschaft, tritt alles nieder. Schon öfter hatte ich das beobachtet und dabei ganz furchtbar zugerichtete Wälder gesehen. Wie also, wenn die Tiere plötzlich, überrascht durch unsere Witterung, losrasten und womöglich gerade auf uns zu? Sicher stehen um uns mehr als 200 Elefanten. So beschließe ich, namentlich da der Eingeborene ganz unheimlich große Stoßzähne in die Luft malt, einfach auf die stärksten Tiere, die er vom Baum aus gesehen haben wollte, loszugehen.

Zum erstenmal sehe ich in diesem Augenblick meine sonst so schneidigen Gewehrträger sich etwas verfärben. Die Nerven scheinen ihnen schlapp zu machen. Aber ein Blick von mir, mein Vorausgehen bringt sie wieder zu sich. Die Büchsen nochmals nachgesehen, frische Patronen ganz griffrecht in die Tasche, dann vorwärts durch das wohl vier Meter hohe Schilfgras. Bald wird es lichter, einen Augenblick verhoffen wir, lauschen. Richtig, da brechen Halme, laut knackend, und nun das unverkennbare Kollern. Lautlos schiebe ich mich neben dem Eingeborenen vor, Auge und Ohr ergänzen einander. Nun hält der Schwarze, läßt sich zu Boden gleiten, den Blick nach vorn gerichtet. Langsam hebt sich meine schwere Elefantenbüchse, denn vor mir auf der Lichtung, einer Stelle, wo wohl wenige Tage zuvor ein Steppenbrand gewütet hat, steht eine Anzahl Elefanten, mächtige Kerle, scheinbar lauter Bullen. Sie blasen die schwarze Asche hoch, haben sich eben darin gewälzt. Jetzt wenden sie. Ich bekomme einen guten Bullen frei, halte aufs Blatt und im Knall des Schusses bricht er zusammen. Die übrigen Tiere stehen im Augenblick wie angewurzelt. Ich habe mich nach dem Rückstoß der starken Pulverladung wieder aufgerichtet, nehme den zweiten Bullen, der den Kopf so schön breit hat, aufs Korn, es knallt, und mit schwerem Fall rollt auch er auf die Seite.

Doch was ist das? Der zuerst beschossene springt blitzschnell wieder auf. Ich habe die Büchse eben zum Wiederladen geöffnet. Da verlieren meine Leute die Nerven, als sie sehen, daß die übrigen Elefanten sich gegen uns wenden, die mächtigen Ohren spreizen und die Rüssel erheben, sie beginnen zu schießen. Ich kann sie im Augenblick nicht hindern, denn um Bruchteile von Sekunden handelt es sich, und in ihrer Aufregung hören sie meine Worte nicht. Auch der Angeschossene ist sichtlich böse. Mit ihm ist voraussichtlich am wenigsten zu spaßen. Spitz von vorn zwischen den Augen gleitet das Korn der Büchse; nicht zu hoch halten, bete ich mir vor, sonst sitzt die Kugel schlecht und wirkt nicht. Im Knall wirft es ihn zusammen, doch nur für einen Augenblick, dann wird er abermals hoch. Der Schlag des schweren Geschosses hat ihm aber offenbar seine Angriffsgedanken genommen. Er wendet, und da trifft ihn meine zweite Kugel. Er bricht zusammen. Die ändern toben flüchtend rechts und links an ihm vorbei, zwei aber bleiben bei ihm stehen, wollen ihm wohl helfen. Ich nehme die Büchse meines einen Gewehrträgers, denn eben will der Riese wieder hoch werden, und meine Elefantenbüchse ist durch die vier rasch hintereinander abgegebenen Schüsse fast glühend, so daß ich sie nicht mehr anfassen kann. Ich drücke, doch kein Schuß fährt heraus. Weg die Büchse, die zweite her, dasselbe. Da übermannt mich der Zorn, und angesichts der Elefanten bekommen die beiden Jungen, die meine Büchsen sinnlos abgeschossen haben, ein paar hinter die Ohren, wie ich sie selten in meinem Leben ausgeteilt habe. Dann die Büchse aufgerissen, Patronen hinein, und als der Bulle eben wieder auf die Läufe kommt, fährt ihm ein Geschoß durchs Ohr gerade ins Gehirn; nun ist er endgültig erledigt.

Meine Gewehrträger aber stehen wie die begossenen Pudel da. Welches Unheil hätten sie mit ihrer Dummheit anrichten können, denn die Herde brauchte nur anzunehmen, so hätten wir keinen Schuß in der Büchse gehabt, wären, selbst wehrlos, von ihnen zertrampelt worden. Doch das Schlimmste kam noch nach: die Burschen hatten eine Elefantenkuh angebleit, den großen von mir krankgeschossenen hatten sie nicht getroffen, sondern ein harmloses Tier, das gerade vorbeilief. Die Untersuchung der beiden erlegten Elefanten ergab dann auch, daß die sieben Schuß, die beide abgegeben hatten, bis auf den einen Treffer auf die unglückliche Elefantendame, in die Luft gegangen waren.

Vor allen Dingen galt es, nun erst einmal die krankgeschossene Elefantenmutter von ihren Leiden zu befreien. Ihr folgten wir, ehe ich mich um das Herausschlagen der Stoßzähne kümmerte. Leicht war es, der Fährte zu folgen, die die flüchtigen Dickhäuter durch das hohe Gras und den Buschwald genommen hatten: wie von Dampfwalzen niedergemäht lag alles, Bäume waren niedergebrochen, als wären es dünne Halme.

Nicht weit war die Krankgeschossene gegangen, um Schilf stand sie, und bei ihr ein halbwüchsiger Bulle, wohl ihr Sprößling. Als wir nahten, spreizte er die gewaltigen Ohren, blies und trompetete wütend. Auf meinen erlösenden Schuß, der das arme Muttertier niederstreckte, lief der Bulle erst ein Stück davon, dann aber trat er wieder an die Liegende und versuchte, sie zum Mitgehen zu bewegen. Doch seine Versuche waren erfolglos, und so nahm er gegen uns wieder eine drohende Haltung ein. Durch Schreien meiner Leute ließ er sich durchaus nicht schrecken, erst als ich aus Grasbündeln Fackeln machen ließ und die Schwarzen wie die leibhaftigen Teufel auf ihn lossprangen, bekam er es mit der Angst und floh denselben Weg weiter, den die übrigen Tiere der Herde bereits eingeschlagen hatten.

Wo sie zogen, konnten wir nur an den über dem Schilf dahinschwebenden Reihern erkennen.
Inzwischen nahten, herbeigelockt durch die Schüsse, auch unsere Träger, und bald herrschte eitel Freude.
Wer nie mit angesehen hat, wie die Schwarzen einen Elefanten zerteilen, der kann sich keinen Begriff von dem Blutrausch machen, der sie ergreift. Dann werden sie wirklich wieder zu „Wilden", eine Bezeichnung, die ich sonst sehr ungern für unsere Afrikaner anwende.

Ist der Bauch geöffnet, so werden die gewaltigen Därme herausgerissen. In gieriger Hast sucht jeder zuerst in das Innere des Riesenleibes zu kommen und für sich das köstliche Nierenfett zu ergattern. Man wundert sich, daß bei der wüsten Schlächterei, wo jeder ohne Rücksicht auf seinen Mitmenschen hantiert, nicht mehr Unglücksfälle vorkommen. Gewöhnlich arbeiten zwei zusammen: der eine schneidet die Fleischstücke von dem Körper und wirft sie dem Kameraden zu, der sie aufhäuft und nebenbei ein kleines Feuer unterhält, an dem er schnell einen Teil röstet, während er den Rest in Streifen schneidet, um die Stücke später zu trocknen. Stundenlang dauert es natürlich, bis so ein mächtiger Kadaver zerwirkt ist.

Abends im Lager herrscht nach einem solchen Schlachtfest immer reges Leben. Allenthalben sitzen die Zeltgenossenschaften — gewöhnlich bewohnen 4 bis 8 Mann ein kleines Zelt — zusammen ums Feuer, und dann wird gegessen, gegessen, wie wir bescheidenen Mitteleuropäer es nicht für möglich halten. Zur Abwechslung wird dazu warmes — Fett getrunken, und als Nachtisch saugen die Herrschaften an den aufgeschlagenen Knochen, denn Knochenmark gilt ihnen als höchster Leckerbissen. Ja, da staunt man, was die Neger für Magen haben! Vollgefressen wie sie sind, tanzen sie noch ein wenig oder legen sich mit dick aufgeschwollenen Leibern gleich schlafen. Doch nicht alle Träger beteiligen sich an dem Elefantenschmaus. Den strengen Mohammedanern unter ihnen gilt das Tier als unrein. Voll Verachtung blicken sie auf ihre gierigen Kameraden, mancher vielleicht auch mit einem gewissen Neid, denn oftmals ist es ja nur die Scheu vor wirklich strenggläubigen Kameraden, die sie abhält. —

Unsere Gewehrträger sind inzwischen damit beschäftigt, die Stoßzähne herauszulösen, eine harte Arbeit, denn diese sitzen fast dreiviertel Meter tief im Schädel und müssen mit der Axt herausgehauen werden, will man nicht warten, bis sie sich durch Fäulnis gelockert haben, was nach etwa zwei Tagen geschieht, aber man läuft dabei immer Gefahr, daß sie gestohlen werden.
Eine merkwürdige Beobachtung kann man da zuweilen machen: das unerwartete Auftauchen von Eingeborenen. Nirgends hatten wir bisher hier in Lado ein Dorf erblickt, auch später nach wochenlangem Aufenthalt keines gefunden, und doch erschienen, kaum eine halbe Stunde nachdem die Elefanten geschossen waren, ganze Scharen Schwarzer, Männer, Weiber oft mit Säuglingen und allen ihren übrigen Kindern jeglichen Alters, mit großen, feingeflochtenen Körben bewaffnet.

Bemerkenswert ist es, daß die neugeborenen Negerkinder offenbar gegen die Sonnenstrahlen, die den erwachsenen Schwarzen nichts anhaben, empfindlich sind, denn die Mütter tragen die Kleinen auf dem Rücken unter einem großen halben Flaschenkürbis geborgen. Selbst die jüngsten Würmchen schleppen sie ständig, bei der Arbeit oder wo sie sonst gehen, mit sich herum. Oft genug kann man dann auch beobachten, daß die Säuglinge eingeschlafen sind und seitlich herabhängen. Daß sie nicht fallen, dafür sorgt ein Band, das um Mutter und Kind geschlungen ist. Man ersieht daraus: verpimpelt werden Negerkinder nicht, Schwächlinge gehen bei solcher Behandlung natürlich zugrunde, aber wer am Leben bleibt, ist stark und gesund, und nur solche haben in der Wildnis unter den schwierigen Lebensbedingungen die Möglichkeit, sich durchzuschlagen.

So ist denn hier ein kräftiges, waffenstarkes Volk entstanden. Auf Kleidung legen die Männer gar keinen Wert, eine Feder in dem teils merkwürdig ausrasierten Haar, ein paar Armringe aus Elfenbein oder Elefantenhaut genügen ihnen. Schamhafter sind die Weiber: sie decken ihre Blöße mit einem kleinen vorgebundenen Blattbüschel. Die Waffen der Männer sind sauber gearbeitet: kleine Bogen und vergiftete Pfeile, die sie ständig bei sich tragen, und mächtige, aus starkem Holz geschnittene lange Speere, deren schmale, dicke Spitze nicht in eine wirkliche Spitze ausläuft, sondern abgerundet, aber haarscharf geschliffen ist. Der Grund hierfür dürfte der sein, daß eine eigentliche Spitze bei der Weichheit des Eisens — Stahl ist ihnen natürlich unbekannt — sich zu leicht beim Stoß in die feste Haut eines Dickhäuters umbiegen würde, wie ich das vielfach bei den langen Masaispeeren und den breiten Blattspitzen der Bagara beobachten konnte.

Eine eigentümliche Angewohnheit haben die Männer. Sie stehen beim Ausruhen mit Vorliebe auf einem Bein, genau wie der Storch und andere große Stelzvögel. Dabei stemmen sie das hochgezogene Bein gegen die Kniescheibe des ändern, und hierdurch bilden sich an dieser Verdickungen, die nicht gerade schön wirken.

Kühn gehen diese Jäger dem Elefanten zu Leibe. Sie greifen ihn nicht etwa wie andere Jagdvölker im Sudan von hinten an, indem sie ihm die Sehnen der Beine mit wuchtigem Schwertstreich durchtrennen, sondern bohren ihre riesigen Stoßlanzen den Elefanten in den Leib. Dabei kommt es nicht selten vor, daß ein oder mehrere Jäger ums Leben kommen. Leider sollten wir das auch erleben. Einer meiner Reisegefährten hatte einen starken Bullen angeschossen, konnte ihm aber nicht weiter folgen, da ihm der Patronenvorrat ausgegangen war. Den Eingeborenen des nächsten Dorfes versprach er, wenn sie die Fährte aufnähmen, eine Belohnung, und am Abend hatten sie tatsächlich den Bullen zur Strecke, brachten aber ihren schwerverwundeten Häuptling ins Lager, den der erboste Riese gepackt und gegen den harten Boden geschleudert hatte. Glücklicherweise war es den ändern Jägern gelungen, den Elefanten von seinem Opfer abzulenken und zu töten, ehe er es zerstampfen konnte.

Die Zahl der durch diese mächtigen Burschen getöteten oder doch übelzugerichteten Menschen ist viel größer, als man im allgemeinen annimmt, auch manchen Weißen kannte ich, den sie auf dem Gewissen haben. Kein Wunder, daß sich bei den berufsmäßigen Elefantenjägern ein Aberglaube herausgebildet hat. Viele geben das Jagen auf, nachdem sie eine gewisse Anzahl erlegt haben; keinen Schwarzen traf ich, der nicht auf jeden in der Steppe liegenden Elefantenschädel ein Büschel Gras als eine Art Opfergabe gelegt hätte.
Die Schädel der Elefanten findet man verhältnismäßig häufig in diesen Gegenden, während die übrigen Knochen offenbar sehr schnell verwittern oder auch durch die zahlreichen Hyänen verschleppt und zerbissen werden. Daß die Elefantenjagd von den berufsmäßigen weißen Jägern, die doch die Tiere und insbesondere ihre tödlichen Stellen ganz genau kennen, nicht als leichter Sport aufgefaßt wird, erkennt man daran, daß sie ihre Nerven soviel wie irgend möglich schonen. Viele rauchen und trinken nie, tun keinen unüberlegten Schuß, sind immer vorsichtig, nie unnötig kühn wie leichtsinnigerweise vielfach die Jagdreisenden. —

Im Laufe der Zeit verloren die Eingeborenen, als sie sahen, daß wir nichts Böses von ihnen wollten, ihre j Scheu, kamen ins Lager, boten Eier — die allerdings vielfach faul waren — und Hühner zum Kaufe an, billig, nur einen halben Pfennig das Stück. Als Jagdführer leisteten sie uns gute Dienste, wenngleich die gegenseitige Verständigung eigentlich nur durch Zeichensprache möglich war.
Wollten wir auf eine bestimmte Tierart jagen, so zeigten wir ihnen Bilder. „Sehr einfach", werden die meisten Leser denken, und doch war das nicht immer der Fall, denn wir dürfen nicht vergessen, daß wir dort ein fast noch im Urzustand lebendes Volk vor uns hatten. Sie konnten anfangs gar nicht begreifen, was die Bilder bedeuteten, mußten erst die verkleinerte Wiedergabe eines Tieres verstehen lernen.
Wenn wir sie photographiert hatten und ihnen dann ihre eigenen Bilder zeigten, erkannten sie sich nicht, ebensowenig im Spiegel; immer schauten sie ob nicht ein anderer dahinter stände, und wenn sie an eigenen, im Spiegel wiedergegebenen Bewegungen sich schließlich doch erkannten, wurden sie jedesmal verlegen.

Da war es kein Wunder, daß sie stundenlang in unserm Lager hocken, alles bestaunen konnten. Manches, was uns selbstverständlich ist, erregte ihre allergrößte Neugier: so das Einseifen zum Rasieren. Tagtäglich bewunderten sie immer wieder das merkwürdige Entstehen des Seifenschaumes. Natürlich machten wir uns auch gelegentlich mit ihnen einen Scherz. So hatte ich einen kleinen Induktionsapparat mit, der mit einer Taschenbatterie gespeist wurde. Wir legten in eine Metallschale ein Geldstück und verbanden das Becken mit dem Apparat, während ich dem Mann meine Hand auf die Schulter gelegt hatte; daß ich den ändern Pol der Leitung in der Hand hatte, bzw. er durch mich den Strom bekam, ahnte er natürlich nicht. Es war nun großartig, zu sehen, wie der Mann entsetzt zurückfuhr, sobald er das Wasser berührte. Noch größer aber war ihr Staunen, wenn ich selbst, nach heimlicher Unterbrechung des Stromkreises, in das Wasser greifen konnte. Das war ein ganz großer Zauber, und so stieg unser Ansehen gewaltig.

Doch hatte das für mich als Arzt auch einen gewissen Nachteil, denn der Zuspruch zu meiner Behandlungsstunde wuchs ganz unheimlich. Meist waren es arme Kerle, die am Guineawurm litten, jener furchtbaren Wurmkrankheit, die, von Westafrika eingeschleppt, ganze Länderstrecken befallen und unzählige Menschen zu Krüppeln gemacht hat. Die Würmer kommen durch Trinkwasser in den Körper des Menschen, entwickeln sich hier, durchwandern ihn, setzen sich meist in den Gelenken fest und bringen sie zur Eiterung und Versteifung. Sonst waren es großenteils Beinschäden, die der Behandlung bedurften, denn die von den Zauberern angewandten Mittel verschlimmerten nur die oft böse aussehenden Wunden.

Im allgemeinen heilt dort drüben alles recht gut und schnell. Offenbar spielt die ungeheure, andauernde Sonnenbestrahlung dabei eine bakterienvernichtende Rolle, sonst müßte bei dem herrschenden Schmutz alles eitern. Hierzu kommt die große Widerstandskraft der Schwarzen Wunden gegenüber, während ihnen bei organischen Krankheiten jeder Wille zum Gesundwerden fehlt, weil sie sich verhext glauben. Ich betone: der Wille zum Gesundwerden. Dieser spielt eine sehr viel größere Rolle in der Medizinerei, als man im allgemeinen glaubt. Wir wissen ja selbst aus Erfahrung, daß der Arzt, zu dem der Kranke Vertrauen hat, ihm eher hilft als ein weit klügerer Arzt, der aber kein Zutrauen genießt. Bei den Schwarzen geht es so weit, daß sie vielfach erklären, sie müßten sterben, dann auch gar keinen Versuch machen, sich innerlich aufzurichten, und dadurch oft ganz geringfügigen Krankheiten erliegen. Dr. Kandt erwähnt in seinem wundervollen Buch „Caput Nili" eine ganze Reihe derartiger Beispiele, und ich selbst habe auch solche Fälle beobachtet.

Hier passierte ein Krankheitsfall, der mir wirkliche Sorgen machte. Einer der Träger hatte am Oberschenkel eine dicke, glühendheiße Geschwulst, die sichtlich mit. Eiter gefüllt war. Schon seit mehreren Tagen litt er daran, ohne daß er sich bei mir vorgestellt hätte. Ich untersuchte ihn und machte dann den Schnitt. Erst schoß eine Menge dünnflüssigen Eiters mit Blut gemischt im hohen Bogen heraus, dann aber kam Blut, reines rotes Blut, und spritzte im Takt in hohem, fast fingerdickem Strahl. Das war die große Beinschlagader! Nicht ich hatte diese etwa angeschnitten, sondern sie war bereits vom Eiter durchfressen gewesen. Griff ich nicht schnell ein, so verblutete der Mann in einigen Minuten — was ihm übrigens mit Sicherheit geschehen wäre, wenn die Geschwulst von selbst geplatzt wäre. Mit Hilfe meines Reisegefährten gelang es mir, die Schlagader zusammenzupressen, und nach Anlegung eines festen Verbandes stand die Blutung.

Bei Tagesanbruch suchte ich am nächsten Morgen den Kranken auf, und zu meinem Schrecken fand ich, daß der ganze Verband durchgeblutet, außerdem offenbar von unkundiger Hand abgenommen und wieder angelegt worden war. Es stellte sich dann auch heraus, daß ihm ein Gefährte gegen den Druck der festen Bindenlagen hatte Abhilfe schaffen wollen. Beim Lockern war das Blut herausgeschossen, und da hatte er denn, so gut und schlecht er es konnte, die Binden wieder umgelegt. Als ich nach zwei Tagen den Verband wechselte, stand nicht nur die Blutung, sondern auch die Eiterung war verschwunden, und nach weiteren acht Tagen lief der Mann wieder herum, als wäre er nie krank gewesen.

Ein Fall ist bekannt, daß ein Träger, der einen frischen Schädelbruch hatte, zwei Monate lang auf seinem zerschlagenen Gedankenfach eine Last von 60 Pfund trug, ehe er einen deutschen Arzt um Hilfe gegen seine „Kopfschmerzen" anging. Solcher Beispiele gibt es unzählige. —
Hier am Nil hätten wir beinahe einen unserer freundlichen Lagergenossen, unsern Graupapagei, verloren.

Das Tier , war ungemein zahm und marschierte oder flatterte den ganzen Tag über im Lager herum, machte sich unnütz, besuchte mit Vorliebe den Koch, bei dem er immer etwas zu fressen fand, oder kam in die Zelte gewackelt, untersuchte alles genau. Den Hühnern und namentlich den Hähnen hatte er bald alle Gefühlsäußerungen abgelauscht, und mein strenges Verbot, keine Hähne im Lager zu halten, da ich das Krähen durchaus nicht leiden kann, wurde wirkungslos, denn „Goko" konnte krähen und tat es mit Vorliebe, wenn wir nach langem Jagdritt etwas ausruhen wollten.

Da er gar nicht scheu war, hatten wir ihm die Flügel längere Zeit nicht mehr beschnitten, und das wäre ihm beinahe zum Verhängnis geworden. Wohl verleitet durch die vielen vorüberstreichenden Vögel regte auch er, gerade als er am Steilufer des Nils stand, seine Schwingen und flatterte los. So recht ging es aber nicht; er war wohl des Fliegens zu sehr entwöhnt und etwas zu dick, kurz, er kam dem Wasser immer näher. Krampfhaft flatterte er, aber er schien verloren. Da kam er scheinbar in eine stärkere Luftströmung. Diese ausnutzend, schlug er einen Haken nach dem Ufer zu. Mit angestrengtem Flügelschlag arbeitete er sich dicht über den Wasserspiegel hin, gerade über den Kopf eines auftauchenden Krokodils, das ihm sofort folgte, und endlich gelang es dem geängstigten Vogel, noch einen Busch zu erreichen, der am Wasserrand stand. Der Gefahr, die ihm von dem Krokodil drohte, wohl bewußt, kletterte er in den Zweigen nach oben und begrüßte uns mit freundlichem Ruf, als wir herabstiegen, ihn zu holen. So aufgeregt habe ich ihn sonst nie gesehen, immerzu plapperte er, wollte wohl erzählen, wie Schreckliches er durchgemacht hatte.

Hatte ich auf unserer ganzen bisherigen Reise recht viel Jagdglück gehabt, so schien es hier besonders groß zu werden. Schon am Tage, nachdem ich die beiden Elefanten umgelegt hatte, schoß ich einen starken Mähnenlöwen auf dreißig Schritt, als er mich, aus dem Schilf tretend, ganz erstaunt anäugte; und auch mein Wunsch, ein Breitmaulnashorn zu schießen, ging in Erfüllung. Allerdings hatte ich seinetwegen Tag für Tag weit in die Durststeppe hinauszuwandern, ehe es mir endlich gelang, an den Burschen, dessen Fährte wir fast jeden Morgen in der Nähe des Lagers spürten, heranzukommen.

Bezeichnend ist es für die Beobachtungsgabe meiner Jäger, die ich von Englisch - Ostafrika mit hierhergenommen hatte: Sie wußten nur, daß ich ein Nashorn schießen wollte; der Unterschied zwischen den beiden Arten war ihnen natürlich unbekannt. Als wir nun an den gefällten Burschen herantraten, erklärten sie sofort: ,,Das ist ja ein Nilpferd mit Hörnern", also war ihnen sogleich das breite Maul des Tieres im Gegensatz zu der spitzen Oberlippe des Ostafrikaners aufgefallen. Um so bemerkenswerter ist das deshalb, weil offenbar sehr viele Europäer dieses Tier schon erlegt, aber den Unterschied nicht festgestellt hatten, bis Powell-Gotton 1906 auf den Unterschied aufmerksam machte und damit das für ausgestorben gehaltene Tier neu „entdeckte".

Erlegt hatte ich nun das Tier, aber ein Bild wollte ich auch von dem lebenden haben. Einer meiner Reisegefährten, dem Diana gar nicht recht hold war, bat mich, doch einmal mit ihm zu kommen, er wollte von meinem „Dusel Nutzen ziehen". Gern ging ich darauf ein, und richtig, an diesem Tage kamen wir wieder an Nashörner. Es gelang mir, Aufnahmen zu machen, ja, sogar ein Porträt des Tieres, kurz ehe es verendete.

Ich muß offen gestehen, daß ich bei diesem Bild doch etwas aufgeregt war, obgleich mein Freund mit schußfertiger Büchse dabeistand. Denn jeden Augenblick konnte das Tier wieder hochspringen, und auf die kurze Entfernung hätte es mich leicht überrannt, wer weiß, ob es meinem Gefährten gelungen wäre, im Augenblick den tödlichen Schuß anzubringen.

Mit einem Nashorn ist nicht zu spaßen. Es ist nicht etwa ein plumper, schwerfälliger Bursche, als welcher er im allgemeinen den Besuchern der Zoologischen Gärten erscheint, sondern ungemein behende. Will man es einholen, so braucht man schon ein gutes Pferd. Dementsprechend ist es im Angriff sehr schnell heran, denn man darf nicht vergessen, daß die Tiere gern im Dickicht leben. Hier sind sie dem Jäger unbedingt überlegen, namentlich falls sie angeschossen sind. Ruhig warten sie, zornerfüllt, wenn sie sich verfolgt wissen, an geeigneter Stelle, das heißt an einem Platz, an dem ihnen der Wind von der eigenen Fährte zuweht. Das erreichen sie dadurch, daß sie unter Wind des Weges, den sie gekommen sind, einen Widergang machen. Folgt nun der Jäger ohne genügende Vorsicht der Schweißfährte, das heißt der Blutspur, die das angeschossene Tier hinterlassen hat, so muß der Wind dem im Hinterhalt lauernden Tier den Todfeind verraten. Auf ihn, den ahnungslosen, stürzt es sich, wirft ihn zu Boden, rennt ihm das furchtbare Horn durch die Rippen, schleudert ihn in die Luft und zerstampft ihn. Sogar berittene Jäger greift es zuweilen an, und in Südafrika ist es vorgekommen, daß ein weißes Nashorn ein Pferd auf seine mächtigen Hörner genommen und mitsamt dem Sattel durchbohrt hat. Ich betone den Fall, da vielfach angenommen wird, daß das Rhinoceros simus ein harmloser Geselle sei.

Auch meine Gefährten hatten in den Wochen, die wir hier, in der Nähe des Orrasumpfes am Nil lagerten, reiche Beute gemacht, und so zogen wir ein Stück Weges weiter nordwärts.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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