HOME

Bilder

Der Untergang des Reiches des Mahdi

Die Kaufleute und Häuptlinge, die sich nur äußerlich mit den Mahdisten gut gestellt hatten, deren innere Überzeugung es aber immer geblieben war, daß über kurz oder lang das durch innere Kämpfe und Mißwirtschaft zermürbte Reich einem tatkräftigen Angriff von außen erliegen würde, sollten letzten Endes recht behalten. Doch vorläufig hielt sich der Kalif noch. Mit beispielloser Grausamkeit zwang er seine Widersacher im Innern des Landes auf die Knie, aber immer tiefer fraß sich der Haß gegen den Gewaltherrscher in die Herzen der von ihm unterjochten Völker. Dazu kamen Hungersnöte und fürchterliche Epidemien, die es schließlich so weit brachten, daß der Sudan Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nur noch etwa ein Viertel seiner früheren Einwohnerschaft besaß.

Aufmerksam hatten die Ägypter und Engländer den inneren Verfall verfolgt, wohlunterrichtet über alles, was im Sudan vor sich ging. Hier und dort machten sie kleinere Vorstöße, überall warfen sie die Derwische, trotz deren Tapferkeit. Langsam zogen sie ihre Militärbahn am Nil entlang von Wadi Haifa südwärts, dann aber gelang es ihnen, die Geleise quer durch die Nubische Wüste in gerader Richtung nach Abu Hamed vorzuführen. Das war ein großer Erfolg, denn hiermit waren der große Nilbogen und namentlich die die Schiffahrt gefährdenden Stromschnellen, in denen schon mancher Dampfer, ungeheure Mengen Kriegsmaterial verlorengegangen waren, zu umgehen. Abu Hamed, etwa in der Mitte zwischen Wadi Haifa und Berber gelegen, fiel im Sturm in die Hände der englisch-ägyptischen Truppen, und da die Derwische einen weiteren Vorstoß fürchteten, räumten sie freiwillig das wichtige Berber, nördlich der Einmündung des Atbara in den Nil. Das war von höchster Wichtigkeit für die weiteren Unternehmungen, und sofort wurde die Bahn über Berber weiter bis zur Atbaramündung geführt.

Da rafften sich die Mahdisten nochmals auf, sie fürchteten, daß bei weiterem Vorrücken der Feinde die Hauptstadt Omdurman bedrängt würde, und warfen sich unter Führung des Emir Machmud auf die weißen Heere. Mit wilder Begeisterung stürmten sie an, aber alle Tapferkeit half ihnen nichts, mit einem Verlust von 20000 Mann endete die Schlacht, das ganze Mahdistenheer war vernichtet.

Kühn gemacht durch die Erfolge, mit Hilfe der Bahn immer gut und schnell mit Nachschub an Proviant, Munition und Menschenmaterial versehen, schob nun Kitchener, dem der Oberbefehl über das Expeditionskorps übertragen war, dieses im August 1898 mit großer Schnelligkeit zum letzten Stoß vor. Ihm lag daran, dem Reich der Mahdisten ein Ende zu machen, endlich Gordons Tod, das Blut, die unendlichen Qualen, die so viele Weiße unter der Herrschaft des Mahdi und Kalifen erlitten hatten, zu rächen. Als Begleiter stand ihm der beste Kenner des Landes, Slatin-Pascha, zur Seite, der nach einem kurzen Aufenthalt in der Heimat wieder nach dem Sudan zurückgekehrt war. Keine Frage gab es, den Sudan, seine Geographie, seine Bevölkerung, die Art und Weise der Behandlung der Eingeborenen betreffend, die er nicht hätte richtig beantworten können. Dabei war Slatin selbst von berückender Liebenswürdigkeit und Gewandtheit, die ihm die Herzen aller, die mit ihm zusammenkamen, im Sturm eroberten. Leicht war seine Aufgabe nicht, mußte er doch, da er alle Dialekte des Landes beherrschte, die eingebrachten Kriegsgefangenen, Spione und Überläufer verhören, aus den oft ungeheuer langen, umschweifigen Antworten den Kern herausschälen, sichten, was für den Erfolg der Expedition von Wert war.

Das Heer, das Kitchener gegen den Kalifen führte, war in seiner Zusammensetzung wohl eines der interessantesten der Weltgeschichte und dürfte in seiner Buntscheckigkeit den gewaltigen Truppenmassen Alexanders des Großen geglichen haben. Da waren die Schottländer in ihren kurzen karierten Röckchen neben den Ägyptern, Bischari mit gezackten Wurfspießen, Schilden aus Rhinozeroshaut und geraden Schwertern, da wieder langaufgeschossene Engländer und hier die wilden Söhne der Kababischberge, weiße, braune und schwarze Soldaten. Dazu Tausende und aber Tausende von Kamelen, Pferden und Eseln, Feld- und Gebirgsartillerie, schwere Belagerungsgeschütze und Maschinengewehre, dazu der Lärm der vielen Stimmen, das Blöken der Tiere, die Musik so vieler Volksstämme, all das muß ein Leben gewesen sein, wie auf einem riesigen, schier unübersehbaren Jahrmarkt. Und inmitten dieses wilden Lebenswirbels ernst, immer tadellos sauber, wie auf dem europäischen Paradefeld gekleidet der Sirdar Kitchener, mit eisigem, stahlgrauem Auge alles beobachtend, ein Mann, der für jeden einen Blick, ein Ohr hatte, trotz der größten Arbeit immer Zeit fand, hier und dort eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen. So hatte er die Herzen aller seiner Offiziere, seiner Mannschaften gewonnen, aber so konnte er auch von ihnen verlangen, daß sie bis zum äußersten alles hergaben, was an Kraft und Lebenssaft in ihnen steckte, um das große Ziel mit eisernem Willen zu erreichen. Und das war ein hohes. Sollte nicht das ganze gewaltige Heer, wie schon so viele frühere, unter den Hieben und Stichen der Mahdisten bis auf den letzten Mann vernichtet werden, so mußte das Gelingen erzwungen werden. Siegen oder sterben war die Parole, das wußten alle.

Ende August brachen die Truppen von Wadi Hamed, etwa halbwegs zwischen der Atbaramündung und Khartum, auf, gewaltige Staubsäulen bezeichneten weithin sichtbar ihren Weg, die Sonne erschien hinter ihnen, wie mit gelben Gläsern verdeckt. Allenthalben tönten die Militärkapellen, Dudelsäcke der Schottländer, Trompeten der Ulanen, dazwischen der dumpfe Klang der Eingeborenentrommeln. Ab und zu tauchten in weiter Ferne flüchtige Kamelreiter auf, Späher des Kalifen. Sofort begann jedesmal eine wilde Jagd auf sie; doch bald waren sie wieder zwischen den Sanddünen der Wüste oder hinter kleinen felsigen Höhenzügen verschwunden. Bei Tage wurde in den heißesten Stunden gerastet, die kühleren Nächte waren besser zum Marschieren. Doch allzuviel Ruhe fanden die lagernden Truppen nicht, die Fliegen, jener Fluch des Sudans, überfielen Mensch und Tier, quälten sie nicht nur, sondern übertrugen Krankheiten, namentlich die Ruhr, der gerade hier im Sudan die Weißen ganz besonders ausgesetzt sind.

Auf dem westlichen Ufer des Nils entlang schoben sich die Heere vor, während Kanonenboote mit hohem Aufbau, so daß sie die hochrandigen Ufer des Flusses bestreichen konnten, gleichen Schritt mit ihnen hielten oder gelegentlich einen Vorstoß machten, um sich ansammelnde Feinde zu zerstreuen oder um zu kundschaften.

Auf dem östlichen Nilufer marschierten, geführt von einem Engländer und einem alten Araberscheich, gegen 3ooo Mann, das aus allen möglichen, von den Mahdisten vernichteten Volksstämmen zusammengesetzte Heer der Irregulären. Sie sowie ein etwa aus 1000 Kamelreitern bestehendes Korps der Bajuda trieben wohl in der Hauptsache Haß auf die Derwische und Hoffnung auf Beute beim Fall des reichen Omdurman.

So war die Kitchenerarmee in einer sehr günstigen Lage. Auf dem Nil fuhr eine große Flotte, die Kriegsmaterial und Proviant mitführte, so daß die eigentliche Kampftruppe sehr beweglich war, da sie nicht durch den langsam marschierenden Troß behindert wurde. Der Nil bot Flankendeckung, im Westen dehnte sich die wasserlose Wüste, in der zudem den Derwischen feindliche Völker wohnten, so daß von dieser Seite ein Angriff nicht möglich war. Dazu kam, daß das Gelände völlig unbewachsen war, weite Übersicht bot.

Traurig sah das Land aus, durch das Kitchener zog, nicht ein Haus stand mehr, alles war auf Befehl des Kalifen niedergebrannt, von Grund aus alles zerstört; abgehackte Palmenstämme zeigten einstige Gärten an, zerschlagene Tongefäße, daß die Flüchtigen nicht das geringste in die Hände der vordringenden Heere fallen lassen wollten.

Da brach ein Feind über die anmarschierenden Heere herein, der schlimmer war, als ein Angriff der Derwische: Sandstürme und nachfolgende wolkenbruchartige Regen. Nur wer beides kennt, weiß, was diese, in Verbindung miteinander gebracht, zu bedeuten haben. Der Staub besteht aus pulverartigem, rotem Lehm, dringt in alles, selbst die feinsten Ritzen, durchsetzt die Gewebe der Kleider. Wenn man sich nun vorstellt, daß Truppen, die tagelang in diesem Staub marschiert, deren Kleidung durch die Stürme noch mit ihm durchsetzt ist, nun in wolkenbruchartigen Regen kommen, der das ganze Erdreich knöcheltief aufweicht, in eine zähe Schlammasse verwandelt, da kann man sich denken, wie die Soldaten ausgesehen haben müssen. Nachts wurde es obendrein noch recht kalt, doppelt empfindlich nach der furchtbaren Hitze, mit der die Augustsonne herabbrannte. Man muß sich überhaupt wundern, warum die Engländer diese Jahreszeit zum Vorstoß wählten. Vielleicht spielte es eine Rolle, daß der Nil gerade im August im unteren Sudan Hochwasser führt, die Kanonen-und Proviantboote also nicht der sonst ständig drohenden Gefahr des Auflaufens ausgesetzt waren.

Täglich kamen Überläufer und berichteten über Anzahl und Stellung der Derwische. Diese selbst ließen sich kaum sehen, nur daß eines Abends, kurz nach Sonnenuntergang, zwischen den Vorposten ein junger Derwisch erschien, seinen gezackten Speer schleuderte und auf flüchtigem Araber wieder im Schatten der Nacht verschwand. Für die Vorposten war dies kleine Ereignis ein Ansporn, aufmerksamer in die Nacht hinauszuspähen und zu lauschen. Wußten sie doch, daß der Tag des Entscheidungskampfes um die Vorherrschaft im Sudan unmittelbar bevorstand, daß alles auf ihre Wachsamkeit ankam. Gelang den Mahdisten ein nächtlicher Überfall, so war bei dem Fanatismus der Derwische damit zu rechnen, daß ein großer Teil des englisch-ägyptischen Heeres dasselbe Schicksal teilen würde wie so manches vor ihnen.

Über die Truppenmacht, die der Kalif den Weißen entgegen werfen konnte, gingen die Ansichten der Späher und Überläufer sehr auseinander.

Ihre Angaben schwankten zwischen 100000 und 3ooooo Mann. Jedenfalls war der Kalif voll bester Zuversicht, und keiner der mahdistischen Heerführer hielt eine Niederlage für möglich. Interessant ist, daß eine alte mohammedanische Sage bestand, nach der prophezeit wurde, daß nördlich von Omdurman eine große Schlacht stattfinden und mit der Vernichtung des einen Heeres enden werde. Bisher waren die Derwische ja fast immer siegreich gewesen, also rechneten sie, daß dieses Orakel auch diesmal ihnen günstig zu deuten sei.

Ruhig, zielbewußt schob inzwischen Kitchener seine Heersäulen weiter. Voraus die englischen Lanzenreiter auf kleinen Pferden, dann ägyptische Reiterei, berittene Batterien, Kamelreiter als rechte Seitendeckung, zur Linken dampften die Flußkanonenboote stromaufwärts. Erst im zweiten Treffen zogen Infanterie, Artillerie und Maschinengewehre, den Beschluß machte der ungeheure Zelttroß, der in seiner Buntfarbigkeit die Erinnerung an alte Zeiten, an die Züge eines Dschingiskhan weckte.

War das Gelände auch nicht mit Bäumen oder Gebüschen bestanden, so wurde es durch die vielen Chore (trockene Flußbetten) doch recht unübersichtlich. Nur so war es möglich, daß aus einer solchen Schlucht am 3i. August plötzlich mit wildem Geschrei gegen 2000 Derwische auf die Vorhut losstürmten. Aber hier zeigte sich der große Vorteil, den die Kanonenboote bildeten: ein wohlgezieltes Granatfeuer entlud sich sofort über die heranjagenden weißen Scharen, explodierend rissen die Schrapnells blutige Bahnen, die Pferde wurden scheu, und ohne daß es zum eigentlichen Kampf gekommen wäre, mußten sich die Derwische auf Omdurman zurückziehen.

Die Kanonenboote gingen nun weiter vor, legten sich vor die Hauptstadt, brachten auf dem östlichen Nilufer zwei schwere Geschütze in Stellung, und nun begannen die dumpfen schweren Stimmen der Kanonen ihren eisernen Gruß hinüberzubrüllen. Hier und da aufsteigende Rauchsäulen zeigten den Angreifern, daß ihre Geschosse gezündet hatten. Da traf eine Granate die Kubba, durchschlug das Kuppeldach und explodierte im Grabdenkmal des Mahdi — eine böse Vorbedeutung.

Der Kalif raste, wütend drohte er mit geballter Faust gegen das Heer der Ungläubigen, er wollte und würde es zerschmettern, des war er gewiß.

So gab er Befehl, daß sich alle Krieger zum Kampfe rüsteten. Noch einmal hielt er gewaltige Heerschau ab, ließ die Truppen an sich vorbeimarschieren, entflammte durch begeisternde wilde Reden ihren Haß zum wilden Fanatismus, versprach ihnen im Falle des Todes alle himmlische Seligkeit, ja er verstieg sich so weit, zu versichern, Allah sei ihm erschienen, habe ihm ein Heer von 200 000 unsichtbaren Engeln zugesagt, und alle, die für den Glauben fallen würden, sollten am dritten Tage wieder auferstehen. Das war zwar selbst für mohammedanische Ohren etwas viel, aber verfehlte auf die unzivilisierten Scharen, die bisher fast jedes große feindliche Heer vernichtet hatten, nicht seine Wirkung.

Auf etwa 15 Kilometer waren inzwischen die englisch-ägyptischen Truppen herangekommen, Kitchener hielt mit seinem Stabe auf einem Hügel, blickte hinüber nach der langgestreckten Hauptstadt, über der sich die hochgewölbte weiße Kubba erhob, von deren Spitze im Sonnenstrahl drohend die vergoldete Spitze des Kampfspeeres des Mahdi funkelte. Ernst ruhte das stahlharte Auge des Führers auf dem Bild, kein Wort hatte er für seine Umgebung, er wußte, daß nun der Tag kam, der über das Lebensschicksal vieler Millionen Menschen entschied, daß jetzt der Entscheidungskampf ausgefochten wurde um die Vorherrschaft im Sudan, daß die Entscheidung fiel zwischen Christentum und Mohammedanismus — und er war der Mann, der die Würfel jetzt schüttelte, auf seinen Wurf kam alles an. Wenn sein großes Heer das Schicksal des von Hicks-Pascha gegen den Mahdi geführten teilte, dann war auf unberechenbare Zeit die Macht der Mahdisten, die Blutherrschaft des Kalifen auf feste Grundlage gestellt.

Die letzte Nacht war für die Truppen wieder übel gewesen, Regen und Sturm hatten die im tiefen Schlamm Liegenden nicht zur Ruhe kommen lassen, doch die Aussicht auf den Kampf hatte sie alle schnell das Ungemach vergessen lassen.

Von den Hügeln stiegen Rauchwolken auf, offenbar Signale der vorgeschobenen mahdistischen Posten. Inzwischen war die Meldung vom Herannahen des Feindes bei Kitchener eingetroffen, in Hufeisenform nahmen die Truppen um das Lager Aufstellung, aber da meldete auch schon ein Reiter, daß die Mahdisten haltgemacht, ein Lager bezogen hatten, offenbar wollte der Kalif noch neue Truppen heran werfen. So vergingen die Stunden. Schweigend ritt der ernste Führer seine Reihen ab, dann gab er Befehl, eine Seriba, einen dichten Dornverhau und Graben, um das Lager zu ziehen, denn mit Sicherheit rechnete er auf einen nächtlichen Angriff der Mahdisten. Und wahrlich, er hatte Grund, besorgt zu sein, denn erfolgte ein nächtlicher Überfall, so war bei der ungeheuren Zahl, der beispiellosen Tapferkeit und Todesverachtung, die des Kalifen Scharen in so vielen Schlachten bewiesen hatten, der Ausgang eines solchen Kampfes für die vereinigten weißen Truppen doch sehr ungewiß. Im Dunkel der Nacht, bei dem allgemeinen Durcheinander, das bei einem Angriff von 100000 und mehr wildbegeisterten Kriegern entstehen mußte, konnten die höhere Waffentechnik der Weißen, Maschinengewehre und Schnellfeuergeschütze, nicht zur vollen Entfaltung kommen, da entschied der Kampf Mann gegen Mann — und das wußte Kitchener nur zu gut. Er war sehr ernst.

Da kam ihm Hilfe. Slatin, der die Besorgnisse des Sirdar teilte, aber auch die Mahdisten nur zu genau kannte, verfiel auf eine Kriegslist. Er schickte einen Spion, der für ihn arbeitete, aber das volle Vertrauen des Kalifen genoß, an diesen mit der Nachricht, die Engländer planten einen nächtlichen Überfall auf das mahdistische Lager. Der Kalif, einsehend, daß er bei einem derartigen Angriff einer kleineren Truppenmacht besser tat, im Lager zu bleiben und durch einen energischen Gegenstoß den Feind zu vernichten, wartete. So war Slatins Plan gelungen. Und der Himmel schien ihm ein sichtbares Zeichen zu geben, ihm Glück zu verheißen, denn im Gegensatz zu all den bisherigen Nächten strahlte das ganze Firmament in milchigem Licht, der Vollmond zog, silbernen Schein über das weite Wüstenland werfend, seine Bahn, unzählige Sterne funkelten, es war eine herrliche, milde Tropennacht — und hier auf Erden lagen sich zwei gewaltige Heere gegenüber, die nächsten Stunden sollten die Entscheidung über weite Länderstriche bringen, Zehntausenden das Leben kosten.

Im Lager der Weißen saßen die Offiziere und mancher Soldat wach, schrieben Briefe, vielleicht die letzten, denn konnten sie wissen, ob sie den kommenden Tag überleben würden?

Fast taghell war die Nacht, draußen, weit vorgeschoben vor dem Lager, standen die Posten, heute ermüdet« keiner,
die Aufregung hielt sie wach, von ferne hallten die gewaltigen Kriegstrommeln, in der Wüste heulten ein paar Hyänen, sie taten sich gütlich an den erschlagenen Menschen, gefallenen Kamelen, Opfern der Mahdisten, die auf ihrem Rückzug nach Omdurman noch schnell einen Beweis ihrer grausamen Herrschaft gegeben hatten.

Noch ist der Tag nicht angebrochen, da erheben sich die Schläfer, es wird lebendig im Lager, ein kühler Morgenwind streicht vom Nil herüber, der selbst unter einem weißen Nebelschleier liegt. Jeder weiß, daß der heutige Tag Großes bringen muß. Daher kein tosender Lagerlärm, mehr ein Flüstern, nur unterdrückte Laute. Ein kurzes kräftiges Frühstück. Nun erscheint am östlichen Himmel ein heller Streifen, schnell in Rot übergehend verbreitert er sich, und bald steigt golden rotleuchtend der Sonnenball hoch. Der 2. September ist angebrochen. Da jagen die ersten Meldereiter heran, bringen Nachricht, daß die Derwische im Anzug sind. Nochmals hat der Kalif die Seinen wild begeistert, hat ihnen die Furcht der Feinde vor Augen geführt, die nicht einmal gewagt hätten, den beabsichtigten nächtlichen Ausfall auszuführen! Ja, er war klug und verstand alles zu seinen Gunsten auszulegen.

Das englische Lager lag, mit dem Rücken gegen den Nil, in einer großen flachen Senkung, nach Westen zu durch eine lange Reihe leichter Hügel gegen die dahinter-liegende Wüste abgeschlossen, rechts und links flankiert von dem in Südwesten sich erhebenden, steil abfallenden Gebe! Surgham, während sich im Nordwesten der gleichhohe Um Matragan erhob. Über die Hügelkette hinweg war der Angriff der Mahdisten zu erwarten. Kurz nach Tagesanbruch drang von Westen her ein eigentümliches summendes, aufheulendes, dann wieder ersterbendes Getön zum Lager herüber, es war der Sterbe- und Kampfgesang der Derwische.

In Hufeisenform standen die vereinigten Truppen um das Lager, zwischen den einzelnen kleinen Abteilungen waren Geschütze und Maximgewehre aufgestellt, eine damals neue Waffe. Der Sirdar und sein Stab hielten inmitten der Truppen noch immer schweigsam, scharf den Blick auf den Hügelzug gerichtet. Und nun wälzte es sich weiß über denselben weg. In ungeheurer Ausdehnung schimmerten die flatternden weißen Gewänder der Angreifer, blitzten die Waffen im Morgenstrahl, flatterten die grünen und schwarzen Fahnen. Hoch schwangen die Streiter ihre langen breitblätterigen Speere, ihre geraden Schwerter. Allen voran ritten aber die Emire, wie sarazenische Ritter aus alter Zeit im gleißenden Kettenpanzer, die kesselförmige mittelalterliche, mit hoher Spitze gezierte Sturmhaube auf dem Kopf, hinter ihnen wehten die mit Koransprüchen gezierten Fahnen, gewiß ein überwältigender Anblick — doch das Schauspiel war blutiger Ernst, das sich hier vorbereitete.

Und nun erklangen die Kriegstrommeln mit dumpfen Schlägen, hell und tief dröhnten die Tamtams, und plötzlich hallte es wie aus einem Munde, gewaltig, den Feind erbeben machend, das langgezogene halb wilde, halb klagende: „Allahuuul" Wie eine Mauer, regungslos, des Befehles gewärtig, standen die englisch-ägyptischen Truppen. Gar manchen mag beim Anblick dieser gewaltigen, speerstarrenden, fanatischen, todesmutigen Reihen ein leichtes Gruseln befallen haben, zugleich ein Staunen über diese Todesverachtung, diesen religiösen Fanatismus. — So wie sie gingen auch im Weltkrieg unsere herrlichen Freiwilligenregimenter in den Tod, singend marschierten sie gegen die Maschinengewehre, die todspeienden Reihen der Feinde an, verbluteten auf Flanderns Erde l —

Schweigen im Lager, wie eine erwartungsvolle Lähmung liegt es auf allen. Da, vom Fluß her, der erste schwere Schlag, das erste Geschütz hat gesprochen, ein Heulen in der Luft, und explodierend schlägt drüben die erste Granate ein. Zu weit, doch schon die zweite sitzt mitten in den Reihen der Derwische. Körper werden zur Seite geworfen, einen Augenblick, dann ist die blutig gerissene Bresche in dem lebenden Wall wieder geschlossen und nun hämmern in schneller Folge Schrapnells auf die anrückenden Mahdisten; gar mancher zu Boden Sinkende beweist die Wirkung des Geschoßhagels. Nun rattern die Maschinengewehre, krachend, schlagartig fallen die Salven der Engländer. Zu ganzen Haufen, reihenweise sinken die Mahdisten nieder, wenn die Streugarbe der Maschinengewehre ihre langen weißen Reihen entlang fährt. Staub, Pulverrauch weht über das weite Feld, wie weiß betupft erscheint die gelbe Wüste von all den gefallenen oder sich am Boden windenden Mohammedanern.

Doch ihr Kampfesmut ist nicht gebrochen, weithin hallt unaufhörlich ihr Schlachtruf. Schon auf gewaltige Entfernung beginnen auch sie das Feuer auf das Lager, und hier und da schlägt eine Kugel ein, reißt einen Kämpfer aus den Reihen. Merkwürdig war, daß bei den wenigen Treffern gerade höhere Offiziere die Opfer wurden.

Gewaltig türmen sich die Leichenhaufen der Derwische, aber nichts scheint ihren Ansturm aufhalten zu können. Immer dichter bedeckt sich weithin die Wüste mit Toten und Verwundeten, die Dumdumgeschosse, die gegen diese wilden Horden zur Anwendung gebracht wurden, wüten furchtbar. Bis auf 3oo—5oo Meter sind die weißen Derwischlinien herangestürmt, dann bricht ihr Mut, sie biegen ab nach den Hügeln zu, seitlich noch gefaßt von einem rasenden Feuer.

Beweise bewundernswerter Tapferkeit werden berichtet. So ritt ein Emir einem anstürmenden Derwischhaufen voran, hoch flatterte über ihm eine große weiße, mit Koransprüchen gezierte Fahne; einer nach dem ändern seiner Begleiter fiel, aber obgleich er von den englischen Schützen unter ständiges Feuer genommen wurde, schien er kugelfest zu sein. So kam er bis auf 150 Schritt an das Lager heran, allein, denn alle seine Begleiter waren in den Sand gesunken, da stemmte er die Fahne in den Boden, stand, den Blick auf das Lager gerichtet, bis plötzlich sein Schimmel unter ihm zusammenbrach, sich seine Giubbe rot färbte. Noch einmal richtete er sich auf, kniete nieder, wandte das Gesicht nach Mekka, und betend sank er, von der letzten Kugel durchbohrt, tot zusammen, gewiß ein Gegner, der Bewunderung abzwingt.

Langsam erstarb das Feuer, der Angriff war glänzend abgeschlagen, ein großer Teil des Heeres lag verblutet, niedergemäht von den Geschossen im Sande, die Technik hatte über Tapferkeit gesiegt. Nur eine Stunde hatte der Kampf gedauert, und doch hatte er bereits dem Kalifen viele, viele Tausende seiner besten Truppen gekostet.

Während hier der große Erfolg erreicht wurde, hätten die Engländer beinahe einige Kilometer weiter nördlich eine schwere Einbuße erlitten. Hier standen die ägyptische Reiterei, eine reitende englische Batterie und das Kamelreiterkorps. Plötzlich sahen sie sich von einer größeren unter dem Sohn des Kalifen Etman heranstürmenden Schar Mahdisten angegriffen, und mußten sich vor ihnen zurückziehen, ja, wurden sogar vom Lager selbst abgesprengt. Zum Glück konnten die Kanonenboote im rechten Augenblick eingreifen und warfen die Derwische, aber leicht hätte dieser Zwischenfall böse Folgen haben können.

Schon hoffte Kitchener den entscheidenden Sieg errungen zu haben, doch Slatin, dieser gute Kenner der Eingeborenen, warnte. Noch war die wirkliche Macht der Derwische nicht gebrochen, noch standen dem Kalifen zehntausende todesverachtende Krieger zur Verfügung.

Da aber ein Angriff in der nächsten Stunde nicht erfolgte, gab der Sirdar, glaubend, daß Slatin übertrieben vorsichtig sei, den Befehl zum Vormarsch auf Omdurman, Alles ging auch anfangs gut vonstatten. Als aber ein großer Teil der Truppen an dem Gebel Surgham vorübergezogen war, brach aus den Schluchten desselben plötzlich ein Heer von etwa 15000 Mahdisten vor, der Kalif selbst befand sich bei ihnen, die schwarze Fahne des Mahdi wehte. Wieder erfolgte der Angriff mit vollster Todesverachtung, rücksichtslos, und nur dem geschickten Eingreifen der Brigade Macdonald, die im rechten Augenblick schwenkte, war es zu verdanken, daß hier nicht die Macht des Sirdar zerschellte. Erst einmal in Stellung und Kampffront, war das wohlbewaffnete Heer nicht mehr zu schlagen. Rasend hämmerten die Maschinengewehre, unaufhörlich rollten die Salven, wieder türmten sich die Leichen zu Haufen.

Eine flotte Attacke ritten die 21 er Ulanen, aber sie gerieten hierbei in einen Hinterhalt und hatten sehr schwere Verluste. Die schlimmste Folge dieses schneidigen Reiterangriffes war aber die Erschöpfung, denn gerade die Reiter hätte Kitchener am Schluß des Tages sehr nötig gehabt, um den auf der Flucht begriffenen Kalifen zu fassen. Dieser hatte, nachdem ihm der Überfall auf die marschierenden englischen Truppen anfangs geglückt war, auf eine Wendung zum Guten gehofft, doch bald sah er auch diese Angriffsscharen zusammenschmelzen, sah sein schwarzes Banner sinken und es wurde nicht wieder aufgerichtet. Da verlor er allen Mut. Nach der Hauptstadt lenkte er sein Pferd. Anders hatte er sich gewiß seinen Einzug in die Stadt gedacht, darauf gebaut, heute ein für allemal seine Feinde zu zerschmettern. —

Mittag war e§, der Kampflärm schwieg, nur von den Kanonenbooten hallten noch die Schüsse, aus der Hauptstadt die Explosion der einschlagenden Granaten. Das Angriffsheer lagerte. Kitchener aber ritt auf eine kleine Anhöhe bei Wadi Shamba, blickte hinüber nach dem vor ihm liegenden Omdurman, aus dem die schwarzen Rauchfahnen wehten, nach der Kubba, unter der der Mahdi ruhte, englische Granaten hatten das heilige Gebäude halb in Trümmer gelegt. Schon als das erste Geschoß hier eingeschlagen war, hatte sich der abergläubischen Bevölkerung bange Sorge bemächtigt, sie faßten es als eine furchtbare Vorbedeutung auf, daß Allah nicht * Arthur Berger
Feuer und Schwefel auf die Gotteslästerer, die das Grab des Mahdi zu beschädigen wagten, herabschleuderte, und starres Entsetzen bemächtigte sich ihrer, als mehr und mehr Geschosse dieses Ziel trafen.

Ernst, starren Blickes hielt Kitchener; er wußte, heute war der größte Tag seines Lebens, heute befreite er die Menschheit von einer Geißel, unter der Millionen und aber Millionen mehr als zehn Jahre geschmachtet, gelitten hatten, verröchelt waren. Und nun, nach, einer Ruhepause für die Truppen, ritt er mit seinem Stabe nach Omdurman, empfangen von Tausenden und aber Tausenden, die ihn mit dem für den Sudan eigenen merkwürdigen Trillern willkommen hießen. Jubel allenthalben. Sie, die unglücklichen Einwohner der Stadt, die der Kalif Hungers sterben ließ, während seine Speicher im Innern der Stadt von Vorrat strotzten, bewillkommneten den Sieger. Aus dem Mittelpunkt der Stadt aber, dort, wo die Häuser des Herrschers und seiner Anhänger, seine Schatzkammern und Harems lagen, dröhnte brüllend die Ombaia, das elfenbeinerne Kriegshorn des Kalifen, hallten die großen bronzenen Kriegs trommeln. Noch einmal schien er seine Anhänger zum letzten Widerstand sammeln zu wollen. Aber es fanden sich nur wenige ein, die übrigen hatten die Lage erkannt: daß seine Macht gebrochen war. So floh auch er, nur begleitet von seiner * Lieblingsfrau und etwa 150 Reitern. Ihm nach aber jagte Slatin-Pascha, ihn, den Verhaßten, den Mann, der ihm elf Jahre lang so unendliches Leid zugefügt hatte, der ihn so entsetzlich gequält hatte, zu fassen, war sein höchster Ehrgeiz. Doch ihm fehlte es an schneller Reiterei, auch er und sein Pferd waren durch den langen Kampftag erschöpft.

So entkam der Kalif, doch seine Lieblingsfrau fiel in die Hände der Verfolger. Bis nach Kordofan, seiner Heimat, flüchtete der Besiegte, hoffte hier wieder Anhänger um sich sammeln zu können, das Reich des Mahdi wieder aufzurichten. Doch nur ein kleines Häuflein war es, das er um sich scharen konnte; alle die Volksstämme aber, die bisher willenlose Werkzeuge in seiner Hand gewesen waren, hatten sich von ihm gewandt, seine Macht hatte nur auf brutaler Gewalt beruht, war nur durch beispiellose Grausamkeit aufrechtzuerhalten gewesen, solange er die Zahl seiner Glaubensstreiter hinter sich hatte, die an seine göttliche Sendung glaubten. Doch diese lagen tot auf dem Schlachtfeld von Kerreri, standen am dritten Tage nicht wieder auf, wie der Kalif versprochen hatte. Geier und Hyänen stritten sich um ihre Knochen.

So war an einem Tage dieses gewaltige Reich zerfallen, zerplatzt wie eine Seifenblase, die Welt von dem furchtbaren Despoten befreit.

Noch etwa ein Jahr lang hielt sich der entthronte Kalif in Kordofan, ständig gehetzt von ägyptischen Truppen, bis es endlich gelang, ihn zum offenen Kampfe zu zwingen, in dem er unterlag und mit dem Rest seiner Anhänger getötet wurde.

Kitchener war mit seinem Stabe in Omdurman als Sieger eingezogen. Wohl fielen noch vereinzelte Schüsse, einige Fanatiker wehrten sich gegen die Sieger. In Wut über ihre Niederlage versuchten die Derwische noch die Hunderte von Gefangenen, die in dem Staatsgefängnis eingepfercht waren, zu verbrennen, indem sie Fackeln in dieses leicht zündende Gebäude warfen. Doch es gelang ihnen nicht. Trotz ihrer schweren Fesseln vermochten es die unglücklichen Eingesperrten, immer wieder der Flammen Herr zu werden.

Mit welcher Freude begrüßten sie die Sieger, humpelnd, sich mühsam vorwärtsschleppend, kamen sie heran. Dem einen waren die Arme, die Hände, dem ändern die Füße abgeschnitten und doch waren sie obendrein noch mit schweren Eisenfesseln und -ketten beschwert. Alle waren sie Opfer der Blutgier des Kalifen, hatten vielleicht, gepeinigt bis aufs Blut, einen Fluchtversuch gewagt oder ein unüberlegtes Wort gegen diesen „Halbgott" gesprochen, mit Verstümmelung mußten sie es büßen.

Unter den Gefangenen, die jetzt befreit wurden, befand sich auch ein Deutscher, Karl Neufeld. Um ihn zu erlösen, ritt der Sirdar nach dem Saier, dem Gefängnis, und hier fand man den Unglücklichen, der zwölf Jahre lang in den „Ketten des Kalifen" geschmachtet hatte. Über diesen Mann ist während seiner furchtbaren Gefangenschaft und auch nachher sehr viel in deutschen und ausländischen Zeitungen geschrieben und gelästert worden, ob zu Recht oder Unrecht, mag dahingestellt sein. Traurig aber ist es, einem Mann, der so Beispielloses erduldet hat, der unter den Peitschenhieben der Mahdisten seine Arbeit verrichten mußte, Vorwürfe zu machen, wenn er gelegentlich, wenigstens zum Schein, auch für die Derwische tätig war. Während des Weltkrieges habe ich Gelegenheit gehabt, öfters mit ihm über seine Gefangenschaft und die Anfeindungen zu sprechen, aber ich habe den Eindruck gewonnen, daß er niemals in irgendwelcher Weise den Mahdisten auch nur im geringsten wirklich behilflich gewesen ist, und trotz seines hohen Alters unternahm er noch während des Weltkrieges weite Reisen, suchte die Mohammedaner zum „Heiligen Krieg" zu begeistern. Daß er nicht einen vollen Erfolg gehabt hat, war nicht seine Schuld, das lag an andern Verhältnissen.

Jetzt ist er gestorben.

Es ist viel geschrieben worden über die Höhe der Todesopfer, die die Schlacht von Omdurman, oder wie sie in der Geschichte heißt: bei Kerreri, gefordert hat. Die Derwische dürften rund 20000 Mann verloren haben, dem gegenüber auf Seiten der verbündeten Engländer und Ägypter 140 Tote und 58o Verwundete zu buchen sind. Diese Zahlen würden noch geringer sein, wenn nicht eine ganze Anzahl Soldaten, die verwundeten Derwischen helfen wollten, von diesen heimtückisch erschossen worden wären. So ist ein Fall bekannt, daß sich ein Soldat über einen jungen Derwisch, der nach Wasser stöhnte, neigte, ihn aufrichtete und ihm zu trinken gab, und diesen Augenblick benutzte der Fanatiker, dem Weißen das Messer in den Leib zu stoßen. Nur zu verständlich war der Befehl, die auf dem Schlachtfeld liegenden Derwische zu töten, so sehr es auch unsern Ansichten von Humanität widerspricht, aber es war die einzige Möglichkeit, sich gegen diese blutdürstigen Bestien zu schützen, zumal auch in Lazaretten Angriffe Verwundeter auf Ärzte vorgekommen waren.

So hat Kitcheners Sieg den Sudan von der Herrschaft der Mahdisten befreit, Ruhe und Frieden zogen ins Land, England aber richtete den Union-Jack neben dem Halbmond auf, England war nun im Besitz des Verbindungsweges über Land durch Afrika nach dem Indischen Ozean. Und das ist von höchster Wichtigkeit. Gelingt es heute einem Feinde, den Suezkanal zu sperren, so steht den Engländern doch der Weg durch Afrika zu Land und auf dem Nil offen, drei Balken des Verbindungskreuzes durch Afrika sind heute in englischer Hand, die Linie Kapstadt—Kairo mit dem Viktoria-See als Mittelpunkt, und von hier nach Osten die Ugandabahn zum Indischen Ozean. Wann wird es sich noch den letzten Kreuzbalken, vom See zum Atlantischen Ozean holen?

Im allgemeinen herrscht seit dieser Schlacht im Sudan Friede, der Handel steigt, die Städte entwickeln sich, Straßen, Bahnen und Brücken sind angelegt. Heute schon führt ein Gleis am Blauen Nil hinauf bis nach Sennar, wendet sich dann nach Westen, überspannt auf mächtiger Brücke den Weißen Nil und dringt weiter in das sagenhafte El Obeïd vor. So werden diese Gebiete erschlossen, die unendlich langsame Beförderung auf dem Bücken der Kamele durch die wasserlosen Wüsten hört auf, schnell bringt das Dampfroß alles nach den großen Handelsmetropolen Omdurman und Khartum.

Hin und wieder kommt es wohl zu kleinen Aufständen, doch sind diese meist nur lokaler Natur. Dabei darf man aber nicht etwa annehmen, daß die Engländer beliebt wären. Äußerlich sind die Eingeborenen demütig und neigen sich, innerlich aber hassen sie die weißen Fremden. Während des Weltkrieges haben sie ja auch einen Aufstand versucht, aber es fehlte an einheitlicher Führung. Daß sie mit guten modernen Waffen ausgerüstet sind, wußte ich bereits seit 1906, wo mir ein Baggara, dem ich meine Repetierbüchse zu einem Probeschuß gab, die Waffe hinterher gesichert zurückreichte, indem er lachend hinzufügte, mir als Nichtengländer könne er es ja sagen, daß sie alle derartige Gewehre besäßen, auch englische Militärgewehre, die sie versteckt hielten. Offen dürften sie diese nicht tragen, denn außer blanken Waffen, Schwert, Lanze und Dolch wären ihnen alle verboten, und auch mit letzteren, dürften sie Khartum nicht betreten.

Sehr zustatten kam den Engländern und Ägyptern, daß Slatin-Pascha im Lande blieb. Er ist bei den Eingeborenen ungemein beliebt, auf ihren „Saladini-Pascha" schwören sie, und wenn sie hören, daß man ein Bekannter von ihm ist, so wird man mit offenen Armen aufgenommen.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20



© Copyright 2001- 2002 by JADU

Webmaster