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Wie ich Uganda sah

Fern vom Osten her waren wir, d. h. meine zwei Reisegefährten und ich, gekommen. Von Nairobi, der Hauptstadt des damaligen Englisch-Ostafrika, aufbrechend, hatten wir in den weiten Steppen am Athifluß gejagt, den Thika-Tana besucht, waren im Kikujuland gewesen, den Spuren von Peters und Tiedemann gefolgt, waren bei einem Häuptling, der die Engländer gar nicht sonderlich liebte, mit der deutschen Fahne begrüßt worden, die ihm einst Peters gegeben. Weiter hatte uns der Weg nordwärts geführt, im Bogen um den gewaltigen Kenia, den zweithöchsten Berg Afrikas, hatten in den Dornbuschstepppen Gelegenheit gefunden, Tausende von Giraffen zu bewundern. Dann drängte uns die Zeit westwärts, hin über das wasserarme Leikipiaplateau, bis auch das endlich hinter uns lag und wir von steiler Höhe den Blick hinschweifen lassen konnten über den großen afrikanischen Graben mit dem glitzernden Baringo-See, hinüber zu dem jenseitigen Abhang, den wir nach ein paar Wochen emporklimmen sollten. Vor uns breitete sich das damals von unzähligen Wildherden bevölkerte Guaso-Ngisho Hochland, dahinter ragte, weit ausgelagert, der Elgon, ein ungeheurer Bergklotz, dessen Fuß zu umwandern man mehr als zwei Monate braucht. Er war unser Ziel. Doch nicht den gewöhnlichen Weg südlich herum wählten wir, sondern wir wollten neue, wenig bekannte Länder besuchen. Die Engländer als Herren des Landes hatten es uns zwar verboten, aber wir taten es doch. Wer hätte uns hindern sollen? Die nächste englische Station lag ja so viele Tagemärsche entfernt.

Unangefochten durchzogen wir das Land, sammelten reiche Erfahrungen, brachten wichtiges zoologisches Material heim. In der Ferne lockten hohe Bergzüge, glitzerten weite Seen, unerforschtes Land. Mächtig zog es uns dorthin, aber wir waren gezwungen, südwärts, nun am Westhang des Elgon entlang, zu wandern, denn unsere Verpflegung ging zu Ende, und wenn man mehr als hundert Träger zu verköstigen hat, darf man sich, ohne darauf vorbereitet zu sein, nicht in Gegenden begeben, wo es ungewiß ist, ob man genug Nahrung für so viele hungrige Manier findet. Und das war mehr im Süden der Fall. Am Berghang zogen sich, reich bewässert durch Kanäle und Gräben, Bananenpflanzungen hin, unten in der Ebene aber, zu unsern Füßen, dehnten sich öde Steppe und unermeßliche Sümpfe.

Volksstämme aller Art lernten wir hier kennen. Ackerbauer und Jäger, Mutige und Feiglinge. Nahe beieinander wohnten sie, sich ständig bekämpfend, sichtlich auch der Abstammung nach weit voneinander verschieden. Hochsteppen, von Flüssen durchströmt, lösten die um die Dörfer sich hinziehenden Felder und Bananenhaine ab. Dem Lauf der Flüsse folgten wir, nicht weit all vom Wege, dorthin, von wo ein dumpfes Brausen aus der Tiefe heraufschallte Hier stürzten mehr als 300 Meter tief die klaren Wogen herab, verschwanden drunten in einer gewaltigen Grotte, in dem dichten Blättergewirr des Urwaldes, um erst weit draußen in der Ebene wieder aufzutauchen, dahinzuströmen zu dem gewaltigen Allvater Nil, auch ihm seinen Tribut zu bieten vom Elgon, so wie ihn schon die Mondberge gebracht hatten. Aber auch eine zoologische Entdeckung machten wir auf diesem Zuge; wir fanden einen Brutplatz der Marabus. Hoch oben auf gewaltigen Bäumen, deren Stämme sich wohl 20 Meter senkrecht erhoben, ehe der erste Ast abzweigte, auf den breiten Zweigen hatten die riesigen Kropfstörche ans ein wenig Reisig kunstlose dürftige Nester gebaut, so liederlich, daß 2S unbegreiflich erschien, wie es möglich war, daß darauf überhaupt ein Ei liegen konnte. Sehnsüchtig blickten wir hinauf, gern hätten wir die kostbare Beute für die Wissenschaft heimgebracht, denn noch fast völlig unbekannt sind das Brutgeschäft und die Eier der Marabus. —

Das Jahr, so reich an Begebenheiten, an Freud' und Leid ging zu Ende. Auf der kleinen Station Mbale, hoch in den Hängen des Elgon, feierten wir, bei Wein und Gesang.

Es ist doch ein eigentümliches Gefühl, eine solche Nacht, fern von den Lieben, draußen in der Wildnis zu begehen. Still ragen die Berge, Wolkenstreifen liegen in den Tälern, ruhig zieht der Mond seine Bahn. Das unermeßliche Heer der Sterne wandert dort oben, leuchtet uns und denen daheim, gewissermaßen eine Brücke schlagend. Draußen in der Steppo brüllt der Löwe, bricht vielleicht in ein Dorf ein. Schlägt einen Menschen — näher als in ändern Ländern wohnen Tod und lieben in Afrika beieinander.

Solche Gedanken beschlichen mich auch, als ich ans dem frohen Kreis englischer Offiziere mit meinen Freunden in unser Lager zurückkehrte. Ganz unsern Empfindungen hingegeben, näherten wir uns dem Zeltplatz, da meldete der Wachtposten die Ergreifung eines Diebes. Mit einem häßlichen Mißklang fing das neue Jahr an, aber wir buchten ihn in das alte, denn bereits vor ein paar Stunden war er ergriffen. Während unserer Abwesenheit war der Sünder unter der Wand hindurch in eines unserer Zelle gekrochen, dabei im Dunkeln gegen den offenstehenden Deckel eines eisernen Koffers gestoßen, der mit lautem Krach zuschlug Was für einen Schreck mag der arme Kerl da bekommen haben! Der Posten, der seit Monaten zum erstenmal Gelegenheit hatte, sich zu betätigen, rief ihn an, sah die Zeltwand sich bewegen, und im nächsten Augenblick hallte sein Ruf: „Dieb, Dieb l" durchs Lager. Er fand es sicher ratsamer, Hilfe herbeizuholen, denn ein Held war unser Hamis nicht. Hei, da sprangen die Träger auf, das gab einen Spaß. Mit Speeren und Knütteln bewaffnet, umstellten sie das Zelt, und bedroht von all den Waffen, kroch der Unglücksmensch hervor. Was hatte er bereits in seinem Diebessack? Eine Gummibadewanne! Eine Kiste, enthaltend Tausend englische Pfund in Gold — wenn man die jetzt plötzlich besäße — hatte er stehenlassen.

Nach afrikanischem Hecht verprügelten unsere Getreuen ihn erst einmal ganz fürchterlich, denn nichts tut ein Schwarzer lieber, als seinen Mitmenschen zu schinden, namentlich wenn keine Gefahr dabei vorhanden, er selber in der Übermacht ist. An der Zeltstange wurde dann der Unglückliche mit gefesselten Händen und Füßen angebunden. Hier saß er, als wir kamen. Er tat uns leid. Am liebsten hätten wir ihn laufen lassen, aber das ging nicht. Bald erschienen herbeigeholte englische Eingeborenenpolizisten Mittels einer feinen Kette wurde der Dieb nochmals geschlossen und abgeführt.

Wir aber saßen noch eine Zeitlang vor unsern Zelten und genossen schweigend diese eigenartige Neujahrsnacht. Leichte Nebel webten wie silberne Schleier mondbeschienen um den Elgon, schwebten vom Windhauch getragen über die Wälder hin. An den Hängen leuchtete hier und dort ein Feuer. Fernher tönte einförmige Negermusik, eine Goma, doch nicht dem Jahreswechsel zu Ehren, sondern so wie fast jede Nacht.

Früh erklang der Ruf: ,,Heia, Safari!" (Vorwärts, auf zum Marsch!) und bald herrschte lebhaftes Treiben. Es war, als wollten die Träger uns zeigen, daß sie das neue Jahr* fleißig begonnen. Bald waren die Zelte verschnürt. Noch nicht eine halbe Stunde nach dem Weckruf standen alle Lasten bereit. Heute klappte es. Um ein Feuer sprangen im Tanzschritt noch ein paar Gestalten, in ihre roten Schlafdecken gehüllt, lachend wärmten sie sich. Und nun trat Zindani, unser Führer, heran. Die Hand am Darbutsch, meldete er: „Tayari!" (Alles bereit). Die Maultiere wurden vorgeführt. Wir schwangen uns auf. Setzten uns an die Spitze des Zuges. Die von Sturm und Regen zerfetzte kleine Zeltflagge wehte munter im Morgenwind. Klappend schlugen im Takt die Trägerstöcke gegen die Lasten. Marschgesang. In langer Linie wanderte die Expedition ab, in guter Ordnung, wie es sich unter deutscher Führung gehört. Herrgott, war das schön. So hinauszureiten in den herrlichen taufrischen Morgen, gut ausgeruht nach monatelangen anstrengenden Märschen, ein großes Stück fremden Landes durchwandert zu haben, reich an Ausbeute, und nun wieder neuen Eindrücken, neuen Erfolgen entgegen — denn an Mißgeschick glaubt und darf ein Forschungsreisender nicht glauben. Da hielt es mich nicht, und dankbar stimmte ich an: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt." Talwärts, der Ebene zu, zogen wir unserm Ziel entgegen, nach Jinja, der Stelle, wo der Nil den Viktoria-See verläßt. Einige Tage einförmigen Marsches, dann glitzerte es plötzlich hin und •wieder aus dunstiger Ferne im Süden auf, und endlich lag, einem gewaltigen Meere gleich, der Viktoria-See vor uns.

Welches Gefühl muß Speke durchrieselt haben, als er zum erstenmal diesen schier unermeßlichen, sagenhaften Binnensee, dessen Flächenraum dem von ganz Bayern entspricht, von Muanza aus, der Stelle, wo später die große schöne deutsche Station errichtet wurde, vor sich liegen sah, den See, von dem Kunde war, solange die Weltgeschichte uns überliefert ist, und den doch bis dahin noch keines Weißen Auge geschaut, ja dessen Vorhandensein von vielen Gelehrten ins Reich der Fabel verwiesen wurde. Doch nicht nur das Staunen, das Gefühl des glücklichen Entdeckers wird ihn ergriffen haben, sondern vielleicht auch Zweifel, ein banges Ahnen: „Wird meine Hoffnung, meine Vermutung bestätigt, entströmt der Nil wirklich dem Ukerewe-See (wie er anfänglich hieß nach der kleinen Halbinsel in der Südostecke des Binnenmeeres), oder hat der Riesenfluß an anderer Stelle seine Quelle, unabhängig von dem See?" Aber mit einem wahren Forscherinstinkt begabt, glaubte er fest daran, daß der Viktoria-See die Wiege des Nils sei, ließ sich durch alle Anfeindungen, die ihn namentlich von seinem ersten Reisebegleiter Burton, der sich von ihm getrennt hatte, bereitet wurden, nicht einschüchtern. Letzterer war von einer derartigen Eifersucht auf den kühnen Reisenden ergriffen, daß er ihn einfach als Schwindler erklärte und alle seine Nachrichten von großartigen Entdeckungen in Abrede stellte.

Diesen Anwurf ließ Speke nicht auf sich sitzen. Sofort erklärte er sich zu einer neuen ausgedehnteren Expedition bereit, und aus dem Jagdreisenden, als der er bisher fremde Länder durchzogen halte, wurde nun der ernste Forscher. Der Zoologe Graut begleitete ihn als erklärter Unparteiischer, und beide bestätigten nicht nur das Vorhandensein des gewaltigen Sees, sondern gingen weiter. Am Westufer zogen sie durch das Land Karagwe hin, querlen viele Flüsse, unter denen Speke den Kagrra als den stärksten Zufluß des Sees und mithin in wunderbar kombinierender Weise als Quellstrom des Nils bezeichnete, obgleich er noch keine sichere Kunde hatte, daß dieser auch wirklich dem See entströmte. Dies zu erforschen, sollte seine hauptsächlichste Aufgabe werden.

Unterstützt durch einen Negerfürsten, der merkwürdigerweise, im Gegensatz zu allen sonst nur auf rein tierische Genüsse bedachten Schwarzen, Interesse für die Pläne des weißen Reisenden zeigte, zog Speko im Halbkreis um den See herum, und dann, als er erfuhr, daß aus dessen Nordseite ein großer Strom entspringe, an dieser enthing, bis er an die Stelle kam, wo wirklich ein Fluß abwässerte.

Das ist der Nil", erklärte er, felsenfest von der Richtigkeit seiner Ansicht überzeugt Und sie war richtig Um den Beweis zu erbringen, zogen die beiden nun nordwärts, gaben ihren Plan, nach der ostafrikanischen Küste zurückzukehren, auf. Sie wollten das einmal angefangene Werk nun auch ganz vollenden, damit nicht wieder jemand auftreten und ihre Angaben anzweifeln konnte. So zogen sie nilabwärts, der Heimat entgegen, lösten das gewaltige Rätsel des Nils. —

Nun standen wir an der gleichen Stelle (wenngleich auf dem ändern Ufer, denn Speke war von Westen gekommen). Welche Gefühle! Nicht als geographische Forscher, sondern als Reisende; nicht wir machten die große Entdeckung, und doch überkam mich eine gewisse weihevolle Stimmung. Still glitten hier die gewaltigen Wassermassen vorüber, nordwärts; ein Tausende von Kilometern weiter Weg lug vor ihnen, unzählige Reiche hatten sie zu durchströmen, ein weites Land m befruchten, ehe sie sich wieder ins Meer ergossen, sich auflösten, um den Kreislauf von neuem zu beginnen.

Unsern Leuten waren wir ein gutes Stück vorausgeritten, wollten nicht zugleich mit der ganzen lärmenden Gesellschaft ankommen. Nun nahten sie. Schon von weitem erschallten ihre Stimmen, als sie des Flusses ansichtig wurden. Bald lagerte alles am Ufer, trank und badete. Boten des eingeborenen Fürsten stellten sich ein, fragten nach unser« Wünschen, und bald erschienen Züge von Weibern und Kindern, beladen mit Lebensmitteln, namentlich Bananen und Hühnern. Auch einige Männer waren dabei. Wir fanden, daß sich die Geschlechter sehr ähnlich sahen. Allerdings in der Kleidung unterschieden sie sich, denn die Männer sparten sie bis auf ein ganz kleines Schamtüchlein, die Frauen dagegen trugen eine Art Krinoline aus zersplißten Bananenblättern.

Rasch entwickelte sich lebhafter Marktbetrieb. Die Träger schwelgten in allen Genüssen, und am Abend war große Goma. Zum Klang von Trommel und Gesang wurde getanzt, bis unser „Kelelel" (Ruhe) dem Spaß ein Ende machte.

Noch ehe die Sonne sich erhob, waren wir auf, schritten zum See hinab, über dem weiße Nebel lagerten, liier überraschten wir ein Idyll, einen alten Araber mit seinen Sklavinnen, die das Morgenbad nahmen. Unzählige farbige Weiber habe ich auf meinen vielen Reisen gesehen, doch nie von so wunderbarem Wuchs wie eines dieser Nubier-Mädchen. Geradezu eine Venus, hätte sie selbst dem anspruchsvollsten Bildhauer Modell stehen können — bis auf den Kopf; der war, nach unserm Geschmack, furchtbar wie bei den meisten Nubierfrauen. Trotz des schwachen Lichtes wollte ich eine Aufnahme machen, aber lachend nahm der Araber ein Tuch, hängte es ihr um. Sein Gesicht spiegelte aber nicht Arger, sondern den ganzen Stolz des glücklichen Besitzers eines Kleinodes. Zufrieden schmunzelnd bestieg er mit seinem Harem ein Boot und fuhr von dannen.

Langsam glitten die Nebel über die Wasser, zerflossen, als sich die Sonne wie aus milchigem Glast erhob. Drüben in der Ferne tauchten in feinem, bläulichem Dunst Inseln auf. Gern hätten wir sie besucht, denn Inseln sind immer zoologisch wichtig, aber unter allen Zeichen des Schreckens bedeuteten uns die Eingeborenen, daß dort das Grauen, der Tod, wohne. Es waren Schlafkrankheitsinseln, deren Betreten bei Todesstrafe verboten war.

Ein trauriges Kapitel menschlicher Geschichte geht hier seinem Abschluß entgegen. Eingeschleppt vom Westen, durch Karawanen aus dem Kongostaat, hat diese furchtbare Krankheit die Landstriche um den See ergriffen. Lange kannte man ja ihre Überträger nicht, bis sich die Glossina palpalis als Verbreiterin herausstellte. Eine Anzahl Stiche dieser Fliege genügt, um den Menschen mit dem Gift genügend zu impfen, daß er dem langsamen, qualvollen Tode verfallen ist.

Glücklicherweise hat die Fliege aber die scheinbar für Innerafrika typische Eigenschaft, daß sie sehr faul ist. Erst wenn die Sonne, hoch am Himmel steht, der Morgentau getrocknet ist, erhebt sie sich und schwärmt. Ihr Aufenthaltsort sind Gebüsche in der Nähe von Wasserläufen; weitab von diesen, schon nach etwa 100—200 Schritt, finden sie sich nicht. Und das ist das Glück für den Menschen. Hierdurch ist er in der Lage, ihrer Herr zu werden.

In der Nacht oder am frühen Morgen, wenn die. Tiero noch von der nächtlichen Kühle und Tau verklammt im Geäst sitzen, werden die Büsche umgehackt, dann läßt man sie liegen, bis die Sonnenstrahlen alles Holz- und Blattwerk gehörig ausgedörrt haben, und nun wird das Ganze, möglichst wenn der starke Wind seewärts weht, wiederum bei Nacht, angezündet. Auf diese Weise verbrennen die Tiere oder werden auf den See hinausgetrieben, wo sie, schwerfällig, wie die schlechten Flieger sind, bald ins Wasser fallen und hier von Fischen aufgeschnappt werden.

Heute ist ein großer Teil der Küste des Viktoria-Nyansa von Büschen entblößt, aber damit ist auch an diesen Stellen die Krankheit fast ganz erloschen. Anders verhält es sich auf den Inseln. Hier konnte man nicht in gleicher Weise vorgehen. Im Verhältnis zur Größe waren sie zu dicht bewachsen und die Eingeborenen alle derartig mit Krankheitskeimen verseucht, daß an eine allgemeine Heilung nicht zu denken war. So hat man denn zu einem durchgreifenden, allerdings furchtbaren Mittel die Zuflucht genommen: da doch nicht eine dauernde Hilfe geschaffen werden kann, so läßt man einfach die ganze Bevölkerung aussterben. Niemand von der Küste darf die Inseln betreten, aber auch kein Mensch von drüben herüber. Diese Maßnahme muß zur Folge haben, daß einmal der Tag kommt, wo der letzte Mensch auf den Inseln gestorben ist. Dann muß die Krankheit von selbst erlöschen, denn allmählich verliert das in den Fliegen vorhandene Gift, wenn seine Kraft nicht durch neue Stiche aufgefrischt wird, an Stärke, ja wird wirkungslos, und wenn keine schlafkrankheitskranken Menschen hinüberkommen, werden die Insekten sich auch nicht wieder mit Gift versorgen können. Wir dürfen ja nicht vergessen, daß nicht der Stich
der Fliege an sich giftig ist, sondern es erst dann wird, wenn die Fliege vorher ein krankes Wesen gestochen und sich an ihm gewissermaßen angesteckt hat. Dabei braucht dies durchaus nicht immer ein Mensch zu sein, sondern Krokodile, Großwild u. a. m. sind gleichfalls Krankheitsträger.

Dasselbe gilt natürlich auch gleicherweise von der Malariamücke, der Anopheles. Diese muß sich ebenfalls erst infizieren, wenn sie gefährlich werden soll. Wir haben sie in Deutschland auch vielfach, und doch tritt die Malaria nur in bestimmten Gegenden auf, wenigstens vorläufig. Wer weiß, ob sie sich nicht dereinst auch über ganz Kuropa verbreitet.

Diese Krankheitsüberträgerin ist nicht so einfach zu bekämpfen wie die Glossina. Ein Glück ist nur, daß sie, wenigstens in den meisten Gegenden, nur in der Dämmerung und bei Nacht fliegt, deshalb kann man sich vor ihr, wie wir noch im Verlauf der Weiterreise sehen werden, doch einigermaßen schützen.

So schön es sich hier am Ufer des prächtigen Sees rastete, es drängte uns doch vorwärts. Erst galt es aber noch, den Riponfällen, über die sich der Nil ergießt, ehe er seinen weiten Weg nordwärts antritt, einen Besuch abzustatten. Doch diese Stelle will ich nicht selbst beschreiben, sondern lasse Speke, den Entdecker, sprechen, ihn den Eindruck schildern, den er beim ersten Anblick der Fälle empfunden hat:

Wir wurden wohl belohnt, denn die „Steine", wie die Waganda die Fälle nennen, waren bei weitem das Interessanteste, was ich je in Afrika gesehen habe. Jedermann lief, sie zu betrachten, obwohl der Marsch lang und ermüdend war. Trotz ihrer Schönheit war die Szene nicht ganz, was ich erwartete, denn die breite Fläche des Nils war durch eine Hügelreihe, die Fälle, die etwa 12 Fuß tief und 200 bis 500 breit, waren durch Felsen gedeckt. Trotzdem war es ein Anblick, der einen stundenlang fesseln konnte. Das Geräusch der Wasser, die Tausende riesiger Fische, die mit aller Kraft durch die Fälle sprangen, die Wasoga- und Wagandafischer, die in Booten herankamen und an den Felsen mit Leine und Angel Posten faßten, die Flußpferde und Krokodile, verschlafen im Wasser liegend, das Fährboot oberhalb der Fälle hin und her fahrend, und das Vieh nach dem Rande des Sees zur Tränke getrieben, all das in Verbindung mit der schönen Natur der Gegend, kleinen grasigen Hügeln mit Bäumen an den Abhängen und Pflanzungen in den tieferen Lagen, bot ein interessante* Gemälde, wie man es nur immer verlangen konnte.

Die Fische werden durch die außerordentliche Geschwindigkeit des Wassers offenbar mitgerissen, und zwar zu gewissen Jahreszeiten, vermutlich wenn sie zum Laichen auf der Wanderung sind, in ungeheurer Zahl. Die Fischer stehen dann meistens auf den Felsen am Fuß der Fälle und reißen einfach die vermutlich durch die Wucht des Anpralles halb betäubten Fische mit Haken aus dem Wasser."

Uns boten die Ufer aber noch mehr, denn hier entfaltete sich ein so reges Leben von Wassergeflügel aller Art, daß man sich in den Zoologischen Garten versetzt glaubte. Allenthalben huschten Strandläufer mannigfaltigster Art hin; wohl Zugvögel, Gäste aus unserer nordischen Heimat waren es, die liier sich an dicken Würmern labten, Schnepfenvögel und Reiher, graue Fischräuber und silberglänzende Edelreiher, die in den mächtigen einzeln stehenden Bäumen nicht weit von unserm Lager ihre Schlafplätze hatten. Wie mit großen weißen Blüten schienen diese übersät zu sein, wenn in der letzten Stunde des Tages sich liier die schönen Vögel einschwangen. Über die Spiegelfläche des Sees glitten Klaffschnäbel, pflügten gewissermaßen das Wasser mit dem halbgeöffneten Schnabel. Draußen kreiste mit hellem Ruf ein Paar der prächtigen Schreiseeadler, schnellen Flügelschlages eilten Kormorane vorüber, ließen sich auf dem Wasser nieder, tauchten, um bald mit einer zappelnden Beute wieder zu erscheinen. Auf einzelnen aus dem See ragenden trockenen Büschen saßen Schlangenhalsvögel, eigentümlich anzusehen mit ihren unverhältnismäßig langen, schlangenähnlichen Hälsen, gefährliche Fischräuber gleich ihren großen Vettern, den Kormoranen. Hatten sie eine Zeitlang getaucht, so schwangen sie sich in das Gezweig, breiteten die Flügel aus und saßen fast bewegungslos, drehten sich höchstens einmal, um die trocknenden Sonnenstrahlen besser wirken zu lassen. In der Luft, wie in ihr festgenagelt, rüttelte hier und dort ein Graufischer, ließ sich dann wie ein Stein ins Wasser fallen, um im nächsten Augenblick, wie sich deckend, ganz nahe auf seiner Oberfläche hinfliegend, mit einem erbeuteten Fisch davonzujagen. Doch auch die herrlich gefärbten, buntschillernden Eisvögel, ähnlich denen, die unsere Gewässer verschönen, fehlten nicht. Hier und dort saßen sie im Röhricht wie wundervoll schillernde Blüten.

Schön war es hier, bis auf die vielen Moskitos, aber die mußten wir in Kauf nehmen, dafür waren wir am Nil. Doch über ihn mußten wir hinüber. Die Eingeborenen brachten mächtige Einbäume, sicher uralte Fahrzeuge, aus je einem riesigen Baumstamm gefertigt. Auffallenderweise waren sie anders gearbeitet als die, welche man sonst vielfach findet oder wie sie unsere Vorfahren benutzten. Nicht durch Hineinlegen glühender Steine war allmählich die Höhlung herausgebrannt worden, sondern in unendlich mühsamer Arbeit mit Hilfe kleiner Äxte herausgehauen, eine gute Leistung, wenn man bedenkt, daß die Boote etwa 10—12 Meter lang waren. Einen Nachteil haben diese Fahrzeuge: sie sind sehr kippelig. Man muß darin hübsch ruhig sitzen.

Ein Hinübersetzen mit den Maultieren war daher nicht so einfach. Mit Hilfe von Brettern und Einbäumen mußten für sie Flöße hergestellt werden, auf die dann auch gleich eine ganze Menge Lasten gepackt werden konnten. Das Einschiffen wurde noch besonders dadurch erschwert, daß die Flußufer sehr schlammig waren. Es blieb also nichts anderes übrig, als die Maultiere auf die Fähre tragen zu lassen, daß die an sich schon schwer zu behandelnden Tiere hiermit nicht ganz einverstanden waren, wird jeder, der einmal mit diesen Kreuzungen zwischen Pferd und Esel zu tun gehabt hat, glauben. Sie wehrten sich und schlugen um sich, zappelten, daß es für die Träger kaum möglich war, sie durch das Wasser zu bringen, und standen sie endlich auf dem ihnen ungewohnten Fahrzeug, so zitterten sie» vor Angst. Wir fürchteten jeden Augenblick, daß sie ins Wasser fallen würden. Das Aasladen war einfacher, denn das linke Nilufer hatte festen Boden, da sprangen sie nach einer kleinen Aufmunterung ganz flott ans Land.

Sehr spaßig war das Übersetzen unserer Kavirondoträger. Sie hatten noch nie einen so großen Fluß gesehen, Boote waren ihnen unbekannte Erfindungen, und nun wurden sie in kleineren Einbäumen hinübergerudert. Anfangs wollten sie gar nicht einsteigen, wie unsere Maultiere l Erst als die ändern Träger sie auslachten, faßte der erste Mut, die übrigen folgten, drängten sich alle zusammen in ein Boot, so daß es fast unterging. Als das Fahrzeug aber bei der geringsten Bewegung schwankte, ergriff sie die Furcht. Aschfahl wurden ihre Gesichter, dicht beieinander hockten sie da, wagten kaum zu atmen. Kein Wunder, am Tage vorher halten sie ja ein großes Krokodil gesehen; wie leicht hätte das einen von ihnen holen können. Einige Stunden Arbeit, dann waren die 120 Mann mit dem üblichen Troß an Weibern und Kindern drüben.

Aus guten Gründen hatten wir es verboten, daß Frauen die Expedition begleiteten. Aber was wir auch anstellten, plötzlich waren sie doch wieder da. Mit großer Geschicklichkeit verstanden es die Träger, ihre mehr oder weniger ehelich angetrauten Herzallerliebsten zu verbergen, und gewöhnlich erst an Flußübergängen, die wir überwachten, bis der letzte Mann hinüber war, kam es dann heraus, daß
sie doch weiblichen Anhang hatten. An sich hätten uns die schwarzen Damen ja nicht gestört, aber zuweilen kam es ihretwegen zu Schlägereien, die meist recht blutig ausgingen.

Einer meiner Reisegefährten interessierte sich sehr für Pflanzen, wollte möglichst von allen Arten Samen mit nach Hause nehmen, aber leider war dieser nicht immer gleich zu haben, denn vielfach fanden wir die Gewächse mx:h in Blüte. Da wurden sie denn ausgegraben und bis zur Reise mitgeführt. Blumentöpfe besaßen wir nicht, aber leere Konservenbüchsen eigneten sich als solche ausgezeichnet, diese mußten die Karawanenweiber tragen und erwarben auf solche Weise eine Art Recht, mit uns zu reisen. Es war ein Bild für Götter, wenn man den Zug durch die Steppe wandern sah, jede Frau mit ernstem Gesicht einen Blumenstock in der Hand, für dessen Wohlergehen sie natürlich verantwortlich war!

War uns schon auf den letzten Marschtagen aufgefallen, daß die Eingeborenen, im Gegensatz zu allen ändern bisher angetroffenen Völkern, einen ziemlich kultivierten Eindruck machten, so wurde das im Königreich Uganda, das wir mit Überschreiten des Nils betreten hatten, noch viel deutlicher. Wir befanden uns nun unter einer vollständig christlichen Bevölkerung. Sehr unangenehm berührte es uns aber, daß die Männer und Frauen, die uns begegneten, das Knie vor uns beugten, da sind mir freie Wilde lieber.

Es war eine friedfertige Bevölkerung, die hier wohnte, das erkannten wir daran, daß sie vielfach — Speere trugen! „Welch ein Widerspruch", wird der Leser sagen. Nein, im Gegenteil, es hat schon seine Richtigkeit: Der Engländer ist klug. Kriegerischen Völkern verbietet er das Waffentragen, so z. B. den Stämmen am Westhang des Elgon. Friedfertigen dagegen erlaubt er es, wie den verweichlichten und sittlich trotz des Christentums herabgekommenen Waganda. Diese sind natürlich sehr stolz darauf, halten sich selbst für Helden und zehren von dein Ruhm ihrer einst so trotzigen Vorfahren. Natürlich steht auch ändern Völkern, z. B. den Masais, das Waffentragen frei, aber sie brauchen diese zum Schutz ihrer Herden; außer-dein ist Ostafrika so erschlossen, daß hier ein Aufstand kaum zu befürchten ist.

Daß wir hier ein neues Reich betraten, merkten wir eigentlich nicht, denn kein Grenzpfahl oder Zollwächter machte uns darauf aufmerksam, war ja auch gar nicht nötig, denn der König von Uganda ist doch nur eine Puppe in der Hand des englischen Residenten. Seine Macht ist gebrochen. Nie mehr würden die Waganda wagen, ihr Haupt zu erheben, gar Tribut von den durchreisenden Weißen zu fordern wie einst der kühne, blutdürstige Mtesa und sein Nachfolger, die Stanley den Durchzug verwehrten, es auch noch anfangs bei Dr. Peters versuchten. Als sie aber erfuhren, daß er und seine kleine Schar jene ,,Wadutschi", jene Deutschen waren, die trotz ihrer geringen Anzahl es gewagt hatten, durch das Gebiet der Masai zu ziehen, ohne Tribut zu entrichten, daß sie diese mächtigen Räuber geschlagen hatten, vor denen ganz Afrika zitterte und die noch kurze Zeit zuvor in Uganda eingefallen waren und unter Morden und Brennen große "Viehherden gestohlen hatten, da zogen sie vor, sich freundlich zu ihnen zu stellen. Denn Männer, die es wiederholt mit Tausenden der speerschwingenden Masai aufgenommen, diesen afrikanischen Landsknechten schwere Niederlagen beigebracht hatten, mußten Helden sein.

Aber was hatte all die Hochachtung den kühnen Reisenden genützt. So nahe dem Ziel, erhielt Peters hier die schmerzliche Nachricht, daß Emin Pascha bereits ,,befreit" war, daß Stanley ihn mehr oder weniger gezwungen hatte, sein Land, die Äquatorialprovinz, die er jahrelang gegen gewaltige Übermacht gehalten hatte, zu verlassen. Das war wohl für Peters, den später so oft verkannten und mißachteten Mann, der schwerste Schlag. Unter den unglaublichsten Schwierigkeiten, die ihm nicht nur von Farbigen, sondern namentlich auch von Weißen gemacht wurden, unter fast übermenschlichen Anstrengungen, durch unzählige Gefahren hatten er und Tiedemann seine Getreuen geführt, und nun, fast am Ziele, diese herbe Enttäuschung Es muß sehr hart für diesen willensstarken Mann gewesen sein.

Uganda war eines der interessantesten Eingeborenenreiche, welches die Europäer bei der Erschließung Afrikas vorfanden. Es unterschied sich bedeutend von den übrigen Negerreichen, deren Fürsten oder Dorfschulzen — denn um solche handelte es sich vielfach — nur von rohen, tierischen Instinkten beherrscht waren. Auch die Könige von Uganda waren ja keine „Goldsöhnchen", aber sie regierten doch wirklich, trieben überlegte Politik.

Nun fragt man sich: Warum saßen hier inmitten von Afrika Fürsten, die alle umwohnenden so weit überragten? Da kommen wir wieder auf den Altvater Nil. Auf seinem Rücken sind sicher vor Urzeiten die heutigen Waganda oder wenigstens Teile ihrer Herrschergeschlechter eingewandert. Nachweisen läßt sich das heute nicht mit Sicherheit, wir können es nur aus dem Typus, aus Sitten und Gebräuchen schließen, denn schriftliche Überlieferungen in dieser Hinsicht haben wir nicht. Es sei denn, daß sich in den Königsgräbern bei Mengo, nördlich des Viktoria-Sees, in denen nach Berichten der Eingeborenen mit den Leichen Schriftstücke beigesetzt sind, Aufzeichnungen befinden, die diese Rätsel lösen. Auffallend ist es übrigens, daß auch diese Gräber pyramidenähnliche Form haben. Es sind spitze Kegel, aus Holz errichtet, und auch ihr Inneres gleicht denen der riesigen ägyptischen Rauten: Die darin niedergelegten Königsleichen sind gleichfalls balsamiert. In welcher Weise das geschehen ist, wissen wir Europäer nicht genau, denn das wird geheimgehalten. Nach Angaben Eingeborener sollen in die Adern besondere Flüssigkeiten eingespritzt werden, um die Zersetzung zu verhindern, also ein _V erfahren, wie wir es zu gleichem Zweck auch anwenden. Sicher bewirkt in der Hauptsache wohl eine gründliche Trocknung der Leiche die Erhaltung, und diese wird noch namentlich dadurch unterstützt, daß die Mumie ganz fest in Stoffe eingepreßt wird, die obendrein wasserdicht gemacht sind, so daß jede Feuchtigkeit ferngehalten wird. Jedenfalls muß die Balsamierungsart eine vorzügliche sein, denn in dem feuchtheißen Klima Ugandas wären die Mumien sonst längst verwest.

Unsern eigentlichen Plan, dem Laufe des Nils zu folgen, gaben wir für eine kurze Strecke auf, denn die unendlichen Sümpfe verleideten es uns. Hinzu kam, daß unsere Karawane durch die zoologischen Sammlungen derart belastet war, daß wir vorzogen, uns dieser erst einmal zu entledigen und dann nordwärts zu ziehen. Außerdem lag auf letzter-rein Wege die Hauptstadt von Uganda. Wir mußten doch die Orte besuchen, wo sich für Deutschland so bedeutende Begebenheiten abgespielt hatten, wo einst Peters seine Verträge geschlossen hatte, durch die Uganda deutsches Interessengebiet werden sollte. Daß diese später nicht von Regierung und Reichstag anerkannt wurden, war nicht Bein Fehler, sondern der Herren, die in ihrer unglaublichen Kurzsichtigkeit nicht den Mut dazu hatten. Heute wäre ja auch dieses Land für uns verloren, aber den Engländern würde es doch während des Weltkrieges recht peinlich gewesen sein, wenn inmitten Afrikas, gerade zwischen Ostafrika und dem Sudan, also auf ihrer Verbindungslinie vorn Kap nach Kairo, von Indien über Land nach Ägypten eine starke deutsche Provinz gelegen hätte. Ja, „hätte", das Wörtchen verfolgt uns seit zehn Jahren! Wer weiß, ob dann nicht vieles ganz anders gekommen wäre. Wir dürfen nicht vergessen, daß viele englische Kolonien, wie z. B. der Sudan, durchaus nicht den Engländern wohlgesinnt sind. Die dortigen Völker haben die schwere, vernichtende Niederlage, die Kitchener den Mahdisten bei Omdurman beigebracht hat, nicht vergessen, nicht verwunden. Das Blut der unzähligen tausend Stammesgenossen ist noch nicht gerächt. Auf meinen beiden Reisen nach dem Sudan konnte ich den sich steigernden Haß beobachten, erfuhr auch durch Eingeborene, die Vertrauen zu mir gefaßt hatten, daß sie im Besitz großer Mengen modernster Repetiergewehre waren.

Im Weltkrieg gärte es ja einmal im Sudan auf, doch dem Aufstand fehlte der Rückhalt. Der wäre aber vorhanden gewesen, wenn im Süden, in Uganda, deutsche Truppen gestanden hätten, bereit, nach Norden vorzudringen, wohin, wie wir schon gesehen haben, mit Dampfschiffen eine leichte und schnelle Verbindung bestand.

Ja mehr noch: wer Herr von Uganda war, konnte jederzeit den Kongostaat und damit Belgiens wertvolle Kolonie bedrohen. Dort einen Aufstand zu entflammen, wäre ein Kinderspiel gewesen, denn wohl kein weißes Volk ist so verhaßt bei den Eingeborenen wie die Belgier, infolge der Ungeheuern Greuel, die dort an den Schwarzen begangen worden sind.

Jetzt ist es zu spät, der Weltkrieg geschlagen, eine der vielen Gelegenheiten, in die Zukunft bückend groß vorzusorgen, ist verpaßt, unwiederbringlich vorbei.

Uganda ist schon seit Jahrzehnten vollkommen christlich. Allenthalben begegnet man Eingeborenen mit Büchern, meist der Bibel, und allabendlich sieht man sie vor den Hütten weniger gebildeter Landsleute sitzen und ihnen die Schrift auslegen. Das geschieht aber, wie uns ein Missionar offen zugab, weniger aus Glaubenseifer, sondern um vor den Stammesgenossen mit der eigenen Gelehrtheit zu prahlen.

Schon beim Betreten des Landes fällt der vorzügliche Zustand der Straßen auf; besser können sie in Europa auch nicht sein. Der Telegraphendraht zieht sich neben ihnen hin. Vielfach längs der Landstraße, namentlich in der Nähe der Dörfer trifft der Reisende Baumwollfelder. Diese Lehrkulturen sehen zur Zeit der Blüte entzückend aus. Allenthalben prangen gleich herrlichen Rosen die rosa und weißen Blumen. Reift dann die Kapsel und platzt sie, so quillt schneeballengleich die leuchtendweiße Baumwolle hervor. Angelegt sind diese beetartigen Felder, um den Eingeborenen vor Augen zu führen, wie einfach solche Kultur ist und wie ertragreich. Diese Anlagen haben auch bereits reiche moralische Früchte getragen, viele Eingeborene betreiben die Anpflanzungen, und heute schon ist die Ugandabaumwolle als besondere Marke in den Handel eingeführt und wird sehr geschätzt.

Um die Dörfer ziehen sich weite Bananenschamben hin, gut bewässert, in mächtigen Trauben hängen die reifenden Früchte.

An ewig wechselnden Landschaftsbildern geht es vorüber. Wo nicht das Land unter Kultur genommen ist, dehnt sich leuchtend grüne Bambuswildnis. In sumpfigen Niederungen wuchert Papyrus mit seinen Besenhäuptern. Dann wieder nimmt uns ein langer Streifen Urwald auf. Sorglich hat man ihn stehenlassen als Wasserspeicher. Für ewige Zeit soll er erhalten bleiben, auch wenn einmal das ganze übrige Land angebaut ist, denn zu böse Erfahrungen sind, nicht nur in Afrika, mit zu gründlicher Rodung gemacht. Da hatte man wohl unendlich weite Ackerflächen geschaffen, aber das himmlische Naß, das gerade in den Gegenden um den Äquator fast nötiger ist als in unsern Breiten, fehlte, weil die Wälder verschwunden waren, die für die Feuchtigkeit, für Tau und Wolkenbildung sorgten. Ich habe im Stillen Ozean Inseln kennengelernt, die, früher ungemein üppig, durch diese unvernünftige „Kultivierung" jetzt völlig verödet sind.

Auffallend zahlreich war namentlich in den Wäldern, wohl infolge der reichen Felder und Anpflanzungen, die Vogelwelt vertreten. Zum erstenmal sahen wir hier den schönen, gelehrigen Graupapagei in Freiheit, Nashornvögel, Laubsänger aller Art, die glitzernden Nektarinien huschten, bunten Edelsteinen gleich, von Blume zu Blume, Adler zogen in den Lüften ihre Kreise, und an den langen Blattrispen der Palmen schaukelten Webervogelnester.

Kamen wir au Flüsse, so brauchten wir nicht hindurchzuwaten, hatten keine Scherereien mit wasserscheuen Maultieren, keinen Arger mit ungeschickten Trägern, die gelegentlich eine Last ins Wasser fallen ließen und sich dann erst einmal eine Zeitlang ausruhten, ehe sie die Kiste wieder aufhoben —, daß sie dadurch schwerer wurde, störte sie nicht weiter, daß aber durch das eindringende Wasser der Inhalt nicht gerade an Wert und Schönheit gewann, war uns weniger angenehm. Hier schritten wir stolz über steinerne Brücken, bewunderten die gemauerten Böschungen an den Flüssen an Stellen, die durch ständigen Wasseranprall besonders gefährdet waren. Und das alles war nicht etwa auf Anregung englischer Ingenieure angelegt, sondern durch einen Eingeborenen, den außerordentlich klugen Minister des Königs von Uganda, Apollo. Es war ein denkender, aufnahmefähiger Kopf, hatte Europa mit offenen Augen bereist, gelernt, was dem ihm anvertrauten Lande not tat, und griff nun allenthalben helfend und bessernd ein. —

Sehr viele Vorzüge hat Uganda, aber auch ebenso viele Nachteile: Krankheiten und Ungeziefer.

Gegen alle möglichen Plagegeister sind Mittel gefunden worden, nicht aber gegen ein ganz kleines Ungeheuer mit rotem Kopf, eine winzige Fliege, etwas größer als unsere Gnitze, die in manchen Gegenden Ugandas die Menschen im wahrsten Sinne dos Wortes bis aufs Blut peinigt. Die armen Eingeborenen und unsere Leute taten uns leid, denn sie hatten mehr als wir unter ihnen zu leiden, da das Insekt den immerhin vernünftigen Einfall hat, sich möglichst nahe am Boden zu halten, offenbar mit Rücksicht auf die nackten Negerbeine, denn weiter oben trugen die kultivierten Waganda ja meist Kleidung. Uns störten die Insekten weniger, denn durch unsere Stiefel und Kleidung stachen sie nicht durch. In den Dörfern hatten die Leute sich übrigens eine Art Gamaschenersatz gemacht, indem sie ihre Beine mit dichten Lagen von Gras und Blättern umwickelten.

Auf unsern Märschen überschritten wir wiederholt Flußläufe, die alle nordwärts strömten, also lauter Nebenflüsse und Zuflüsse des Nils darstellten.

Nur kurz war unser Aufenthalt in Kampala, der eigentlichen Königstadt. Den jungen, ganz englisch erzogenen König zu sehen, reizte uns nicht, interessanter war uns der Platz um seinen Palast. Da stand noch der alte gewaltige Baum, an dem, wie frühere Reisende erwähnen, der König Mtesa unzählige Menschen hat aufknüpfen lassen.

In Entebbe am Viktoria-See, wohin wir im Auto von Kampala aus einen Abstecher machten, packten wir alle Lasten, die nach Europa gesandt werden sollten, zusammen, ordneten nochmals die zoologischen Sammlungen, trockneten vor der Verpackung die vielen Vogelbälge und Tierfelle. Die Merkzettel mußten nachgeprüft werden, denn im Laufe der Zeit fing mancher Schriftzug schon an zu verblassen. Wir hatten reichlich zu tun. Angenehme Unterbrechungen waren nur die Besuche englischer Offiziere, die, selbst fast sämtlich Jäger, sich natürlich für die Erfolge unserer langen Reise interessierten.

Unsere Leute verlebten inzwischen herrliche Tage, sie hatten ja nichts zu tun, als ihre Löhnung möglichst schnell durchzubringen. Gern gönnten wir ihnen ihr Vergnügen, nur wenn die Wogen der Festesfreude manchmal zu hoch gingen und alles in eine wilde Orgie auszuarten drohte, griffen wir gelegentlich ein.

Wahren Genuß boten uns die Abende, wenn wir nach des Tages Arbeit, frisch gestärkt durch ein Bad, vor dem Zelt saßen. Drüben in den Bäumen, gar nicht weit ab, turnten reizende, kleine, weißnasige Affen. Zutraulich kamen sie, wenn sie die Luft für rein hielten, ganz nahe an die Zelte, holten sich mit schnellem Griff eine weggeworfene Konservenbüchse und eilten davon. Darin waren ja zuweilen auch gar zu leckere Sachen. Entweder gab es die Reste von Öl aus Sardinenbüchsen ausschlecken oder den Sirup von kalifornischen Früchten. Aber aufpassen mußten wir doch, denn Affen sind diebisch, und zu leicht kann einmal etwas aus dem Zelt weggeschleppt werden, was unersetzlich ist.

Ganz besonders farbenprächtig waren um diese Jahreszeit die Sonnenuntergänge. See und Himmel schienen in Blut getaucht, und lange dauerte es, ehe die satten Farben, alle Töne des Spektrums durchlaufend, verblaßten.

Hier in Entebbe erhielten wir auch die für unsere Weiterreise wichtigsten Auskünfte, namentlich über das Land Lado, dem unser Besuch galt. Nicht nur jagdlich und zoologisch lockte es uns, sondern auch in Erinnerung an Emin-Pascha, der hier jahrelang, abgeschnitten von aller Kultur, ja von jeder Verbindung mit Europa, gesessen und ausgehalten hat, als Held gegen die gewaltig von Norden drohende Gefahr der Mahdisten. Nie hätte er die ihm anvertraute ägyptische Provinz aufgegeben, wenn er nicht von Stanley gezwungen worden wäre, ihm zu folgen.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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