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Slatins Flucht

Je mehr Jahre der Gefangenschaft verstrichen, um so unerträglicher wurde für Slatin die Lage unter den Mahdisten. Zwar versuchte der Kalif ihn durch Geschenke von Sklavinnen oder gelegentliche Ehrungen, indem er ihm zum Beispiel eine Giubbe verehrte, die der Mahdi selbst getragen hatte, an sich zu fesseln, ihm seine Zuneigung zu zeigen. Aber Abd el Kadir glaubte ihm im Grunde seines Herzens doch nicht, genau wie er wußte, daß der schlaue Farbige auch seiner Freundlichkeit mißtraute. Immer wieder kam das zum Ausdruck, ständig mußte Slatin auf der Hut sein, jedes gesprochene Wort überlegen, auf jede Geste, jedes Mienenspiel achten, um nach außen seine Unterwürfigkeit und Verehrung zur Schau zu tragen, sein Innerstes, seine Abneigung, seine unablässig auf die Flucht gerichteten Gedanken zu verbergen.

Bei der ständigen Wachsamkeit, dem Mißtrauen, das ihn umgab, den vielen Spähern, die darauf lauerten, dem Herrscher jede Begegnung, jede heimliche Nachricht, die an Slatin gelangte, zu hinterbringen, gehörte wahrlich ein großes Maß von Ruhe und Selbstbeherrschung dazu, sich nie zu verraten. Fast täglich rief ihn der Kalif zu sich, fragte ihn nach jeder verbrachten Minute des Tages aus; für jede Begegnung, jedes geführte Gespräch mußte Slatin sofort die richtige, befriedigende Antwort haben. Und er hatte sie. Ein Wunder nur, daß bei dieser ständigen Gefahr seine Nerven nie versagten, er immer ruhig Blut — wenigstens äußerlich — behielt, selbst wenn der Haß in ihm gegen diesen Bluthund aufschäumen wollte. Auf die schwerste Probe wurde seine Willenskraft wohl gestellt, als ihm im Februar 1892 ein nach Omdurman gebrachter früherer Postmeister der ägyptischen Regierung namens Babiker im Vorübergehen zuflüsterte, er habe für ihn eine geheime Botschaft und werde ihn am nächsten Abend besuchen. Zweifel stiegen in ihm auf, ob ihm nicht durch den Kalifen eine Falle gestellt sei, um seine Zuverlässigkeit zu prüfen. Trotzdem traf er sich mit dem Mann, und rasch steckte dieser ihm eine kleine Büchse zu mit den Worten: „Nimm sie, sie hat einen doppelten Boden, darin liegt eine Nachricht für dich."

Damit war er im Dunkel der Nacht verschwunden.

Kaum hatte Slatin die Büchse unter seiner Giubbe verborgen, so erhielt er den Befehl des Kalifen, zu ihm zu kommen, mit ihm zu speisen. Man kann sich denken, mit welchen Gefühlen Slatin zu diesem Mahle ging, denn mit Sicherheit mußte er annehmen, daß der Fürst im geheimen unterrichtet war, die Büchse zu sehen wünschte. Zwar wußte Slatin schon, daß gebrannter Kaffee darin war, aber wer verbürgte ihm, daß der Gewaltige nicht die Büchse haben wollte, dann war alles verraten, er selbst der Hinrichtung, wenn nicht den grausamsten Martern verfallen. Wie Feuer brannte Slatin das Gefäß unter dem Kittel, aber glücklicherweise war der Kalif an diesem Abend mit allerhand ändern Sachen beschäftigt, beobachtete ihn nicht so scharf als sonst, und ein merkwürdiger Zufall wollte es, daß er gerade an diesem Abend zum erstenmal Slatin nicht an sein Treugelöbnis mahnte, ihm nicht alle irdischen und Höllenstrafen in Aussicht stellte, falls er ihm nicht voll ergeben sei.

Ein Unwohlsein vorschützend, brach Slatin bald auf und las beim schwachen Schein eines kleinen Lichtes in fieberhafter Aufregung den in der Büchse verborgenen Zettel. Er enthielt nur die Mitteilung, daß Babiker ein treuer, zuverlässiger Mann sei, auf den er sich verlassen könnte. Bei einer nächsten Zusammenkunft teilte dieser ihm kurz mit, daß er im Juni wiederkommen und ihm dann gelegentlich der großen Manöver der Mahdistenheere zur Flucht verhelfen wolle.

Unendlich langsam verstrichen die Tage, die Monate. Endlich kam der Juni und, wie verabredet, auch Babiker. Er hatte vier Reitkamele mit, aber fürchtete, daß diese bei der furchtbaren Hitze und Dürre den langen Wüstenritt jetzt in der heißesten Jahreszeit nicht aushallen würden, zumal die Flüchtlinge voraussichtlich wegen der Kürze der Nächte nur einen Vorsprung von wenigen Stunden hätten. So wurde beschlossen, den Winter abzuwarten, dann würde alles günstiger sein. Abermals harrte Slatin, fast die Stunden zählend, Monat auf Monat, aber Dezember, Neujahr gingen vorüber, Woche auf Woche, Monat nach Monat verrann. Endlich, im Juli 1898, erschien der Bote wieder, aber mit nur zwei Kamelen, er wollte ein drittes besorgen. Diesmal sollte die Flucht also mit weniger Tragtieren doch im Sommer ausgeführt werden. Wohl sah Slatin die Unmöglichkeit ein und zugleich auch, daß Babiker aus Angst diesen Vorschlag gemacht hatte, in der festen Zuversicht, daß Slatin ihn abschlagen würde. So geschah es auch. Also ging wieder eine Hoffnung dahin. Nutzlos war ein Jahr verbracht. Dazu türmten sich neue Gewitterwolken auf. Den Spähern des Kalifen war die unbegründete Ankunft des Boten, sein Zusammentreffen mit Slatin nicht entgangen. Sie hatten berichtet. Deshalb verbot er Babiker, Omdurman ohne seine Erlaubnis zu verlassen. Das paßte diesem nicht, und er entfloh, kam auch wohlbehalten nach Ägypten.

So war Slatin wieder um seine Hoffnung auf Flucht getäuscht. Er ahnte ja nicht, daß seine Freunde einen neuen Plan ausgesonnen hatten. Im Winter 1898 erhielt er hierüber Nachricht, und im Juni 1894 schien alles soweit vorbereitet. Nacht und Stunde waren besprochen, Slatin entfernte sich aus seinem Haus und schlich zum verabredeten Platz. Die Nacht schien günstig, denn die Regenzeit hatte eingesetzt. Kein Stern glänzte am Himmel. Aber umsonst harrte Slatin, rief leise die Namen derer, die ihn erwarten sollten — keine Antwort. Stunde um Stunde verstrich. Slatin hatte sich beim Weg über den Begräbnisplatz noch den Fuß dadurch verletzt, daß er durch eines der nur oberflächlich bedeckten Gräber durchgetreten und an einem Leichenknochen den Knöchel aufgerissen hatte. Traurig, niedergeschlagen trat er den Heimweg an. Gerade mit Morgengrauen erreichte er seine Hütte, ohne daß einer der Diener es bemerkt hätte. Elend lag er darnieder, und glaubwürdig konnte er sein Fernbleiben vom Morgengebet mit Krankheit beim Kalifen entschuldigen. Später erst erfuhr er, daß den Helfern die Nächte zu kurz für eine Flucht erschienen seien und sie deshalb davon Abstand genommen hatten. Halb verzweifelt schleppte Slatin sein schweres Geschick weiter. Fast schien es, als sei er verdammt, ewig in dem unglücklichen Sudan aufzuhalten, da traf endlich 1895, also nach zwei weiteren langen Jahren der Niedergeschlagenheit, wieder ein Bote ein, gab sich als von Wingate-Pascha und Pater Ohrwalder geschickt zu erkennen. Aber nochmals türmten sich Schwierigkeiten auf, bis endlich nach ewiger Sorge und Angst ihm mitgeteilt wurde, daß alles zur Flucht bereit sei.

Schon am Tage vor der Flucht täuschte er bei den vor der Pforte des Kalifen anwesenden Mulazemie (das sind treue Diener) Unwohlsein vor und entschuldigte sein voraussichtliches Fehlen beim Morgengebet damit, daß er Medizin nehmen wolle und den nächsten Tag Ruhe haben müsse.

Die Gefahr bestand aber nun, daß sein nächtliches Weggehen von einem seiner Diener irgendeinem der Wächter des Herrschers hinterbracht würde, falls er es nicht genügend begründete. Da kam ihm die Habgier der Sudanesen zustatten. Er teilte ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, daß für ihn ein heimlicher Bote mit Geld und Uhren angekommen sei, zu dem müsse er noch bei Nacht. Zugleich gab er jedem eine Summe Geldes, da er am nächsten Tag über größere Mittel verfügen würde. So hatte er ihre Verschwiegenheit erkauft; sie waren in sein angebliches Geheimnis eingeweiht.

Endlich kam der 20. Februar 1896 heran, der Tag, den er seit zehn Jahren herbeigesehnt hatte, nach dem er gebangt, auf den er gehofft hatte. Nun war es so weit. „Gebe Gott, daß es diesmal gelingt", sagten wohl seine Blicke, die er zum Himmel richtete, als er seine Hütte verließ. Kalt wehte der Nordwind ihm entgegen, für den Europäer eine Wohltat, für den Sudanesen, der ihn fürchtet, ein Schrecken, dem man möglichst aus dem Wege geht. Daher traf er auch auf seinem nächtlichen Gang über den Betplatz keinen Menschen. Nur Mohammed, der wartend im Schatten stand, räusperte sich, hieß ihn einen Esel besteigen. So verließ Slatin die Stadt des Schreckens, der Willkür. Draußen harrte der gedungene Führer Seki Bilal mit einem Reitkamel auf sie. Beide stiegen auf. Hinaus ging es in die schweigende Nacht. Bald kamen sie zum Platz, wo die für die eigentliche Flucht bestimmten Kamele standen. Bei Morgengrauen begegneten sie einigen Reitern. Einer von ihnen kam näher, und nur durch den glücklichen Zufall, daß der Führer mit dem Fremden bekannt war und ihm schnell 20 Taler geben konnte, erkaufte er dessen Schweigen, denn trotz der großen Entfernung hatte der Araber bereits erkannt, daß es ein Weißer war, der nordwärts ritt.

Damit war die erste Gefahr überstanden, aber zugleich Zeit verloren, die einzuholen unbedingt nötig war. Ohne Pause ritten sie 21 Stunden, dann hielt es Slatin für angezeigt, die Tiere zu füttern.

Wer nie längere Zeit auf einem Kamel gesessen hat, ahnt nicht, welche Anstrengung ein solch langer Ritt bei dem ewig schaukelnden Gang der Tiere bedeutet. Aber was machte das aus? Das Leben stand auf dem Spiel. Für ihn und seine Führer war es verwirkt, wenn die Schergen des Kalifen sie einholten. Plötzlich verweigerten die Tiere die Nahrung, auch trotz eines Zaubers, den Hamed anwandte, indem er mit einem Feuerbrand um sie herumging, da er fürchtete, der Zauberer des Kalifen habe etwas gegen die Flucht unternommen. So mußten die Tiere ohne Nahrung weiterlaufen. Bis zum Nachmittag ritten sie und beschlossen, als die Kamele noch immer nicht fraßen, wenigstens das etwa eine Tagereise entfernte Gilfgebirge zu erreichen und dort neue Reittiere zu besorgen. Das gelang. Am Morgen schon waren die Flüchtlinge am Fuße der hier gänzlich unbewohnten Berge; sie befanden sich im Lande der Kababisch, eines Stammes, zu dem die Führer gehörten. Zu Fuß ging es auf schwierigem Gelände bergauf, und nach drei Stunden wurde haltgemacht. Hier verließen ihn seine Führer. Der eine wollte für neue Kamele sorgen, der andere Wasser holen.

Slatin war allein. Welch ein Bild: rundum das öde Felsen- und Sandmeer, am Himmel die glühende, alles ausdörrende Sonne und hier der Mann, der es gewagt hat, nach mehr als zehnjähriger Gefangenschaft die Fesseln der Sklaverei von sich zu werfen, zerquält durch alle die Demütigungen, seelischen und körperlichen Martern, der Mann, der zurück will zur Heimat, zur Kultur. Stundenlang saß er grübelnd allein, überdachte sein Leben, die vergangenen schrecklichen Jahre. Endlich kam Hamed zurück, eine Girba mit frischem Wasser gefüllt. Durstig trank Slatin.

Sorglich hielten sie Ausschau, ständig auf Wacht, denn daß der Kalif alles daransetzen würde, des Flüchtlings wieder habhaft zu werden, war sicher. Da sahen sie plötzlich, sich zufällig umwendend, einen Mann sich gerade um einen Felsenvorsprung entfernen. Sogleich stand Hamed auf, folgte ihm auf alle Fälle und erkannte zu seiner Freude einen seiner vielen Vettern. Bald saßen die drei plaudernd zusammen. Und da kam es heraus, daß der Fremde wohl bemerkt hatte, daß dort zwischen den Felsen ein Weißer saß. Bei Nacht wollte er wiederkommen und ihm durch Abnahme seiner Habseligkeiten die Weiterreise erleichtern, wie er lachend erzählte. Gut war es also, daß Hamed ihm nachgegangen war.

Aber noch einen Rat gab der Fremde: „Wechselt für die Nacht euer Lager, es ist möglich, daß irgendein Landsmann euch hier bei Tage bemerkt hat und dieselbe menschenfreundliche Absicht hat wie ich. Seid ihr im selben Lager wie am Tage, so wird er euch im Schlaf überraschen. Habt ihr aber inzwischen ein anderes bezogen, so hat er das Nachsehen."

So lernte Slatin, der durch viele Kriegszüge, den langen Aufenthalt im Sudan wohl glauben konnte, mit allen Schlichen der wilden Völker, der verschlagenen Sudanesen vertraut zu sein, hier von dem Sohn der Wüste noch etwas Neues.

Von nun ab wechselten sie jede Nacht den Schlaf- oder Rastplatz.

Langsam verstrichen die Tage. Da kam am Donnerstag, also viel früher, als sie gehofft hatten, Seki bereits mit den frischen Kamelen.

War bisher die Flucht bis zum Gilfgebirge in fast nördlicher Richtung verlaufen, so wandten sie sich nun scharf nordöstlich, um bei El Kerebba, nördlich von Berber, über den Nil zu setzen. Das war die gefährlichste Stelle der ganzen Reise, denn es war zu fürchten, daß die Uferbewohner oder streifende Mahdisten sie hier bemerkten und verrieten.

Weithin glitt der Blick von der Höhe über die flache Landschaft. Viele Spuren von Kamelen, Eseln und Schafen bezeugten, daß die Gegend bewohnt war, aber kein Mensch war zu sehen. In der Ferne ein grauer Streifen im gelben Wüstensand, die vielbegangene Karawanenstraße von Berber nach Wadi Gamer. Auch sie war menschenleer.

Nach rechts und links schweiften ihre Blicke, straßauf und -ab, nirgends etwas Verdächtiges. Aber trotzdem blieben die Führer vorsichtig. Nicht alle drei zusammen, sondern in Abständen von etwa 5oo Schritt ritten sie langsam zur Straße, bogen dann in sie ein und folgten ihr. Damit verwischten sie in dem Gewirr von Spuren ihre eigenen, machten einem etwaigen Verfolger unmöglich, ihnen weiter nachzuhängen. Ein Stück weit zogen die drei Reiter, als gingen sie einander gar nichts an, die Straße entlang; dann bog der eine von ihr ab, ein Stück weiter der andere und endlich der dritte. Ein ferner Hügel war der verabredete Treffpunkt.

Was die Kamele laufen konnten, fegten sie über die gelbe staubige Wüste, bewegungslos lag die Luft, vor Glut leicht erzitternd. Hin und wieder eilte flüchtig ein kleines Rudel Gazellen vor den Reitern davon, doch sie hatten jetzt keinen Blick für die reizenden Tiere, nicht für die Fata Morgana, die ihnen glitzernde Seen, Palmen und Hütten vorzauberte; vielleicht war es auch dieses Trugbild, das die Kamele zu ihrem so eiligen Lauf veranlaßte. Eine Zeitlang schwebte es vor den Flüchtigen her, dann löste es sich auf, verrann in nichts. Öde, trostlos lag wieder die Wüste vor ihnen, rötlicher färbte sie sich, dunkler, in violetten Tinten versank die Ferne, glutrot erstrahlte der Himmel im Westen.

Die Reittiere ermatteten, durch Stockhiebe mußten sie vorwärts getrieben werden. Jede Minute war kostbar. Ein unglücklicher Zufall konnte die Verfolger auf ihre Fährte bringen, sie verraten. Endlich war die Kerraba erreicht, ein trostloses Hochplateau, dessen Boden eine Wüstenei von kindskopfgroßen Steinen mit eingestreuten Felsblöcken bildet, entsetzlich zu durchwandern. Nur mühsam schleppten die Tiere sich diese halsbrecherischen Pfade hinauf, langsam ging es vorwärts, doch da, noch im Schein des sinkenden Tages, blitzte in weiter Ferne, kaum noch als leuchtender Streifen wahrnehmbar, der Nil, der heilige Nil! Vor wenigen Tagen hatte ihn der Flüchtling bei Omdurman verlassen. Was mochten seine Wogen jetzt flüstern? Raunten sie sich etwas zu vom Zorn des Kalifen, der auf den Entwichenen alle Höllenstrafen herabbeschwor? Lag dieser breite Strom erst hinter ihnen, dann war die letzte große Gefahr überwunden. Einmal drüben, konnten sie hoffen nicht weiter verfolgt oder gar eingeholt zu werden.

Am Himmel glänzten die Sterne; Schweigen rundum. Hin und wieder nur das Bellen eines Schakals, in der Ferne das Kläffen eines Beduinenhundes.

Sie hielten an. In dieser Nacht war es unmöglich, noch über den Fluß zu setzen, denn erst mußten Slatins Führer die Gefährten suchen, welche das Boot bereit hielten.

So verging wieder ein Tag, währenddessen Slatin zwischen den Hügeln sich aus Steinen ein Versteck zurechtgemacht hatte und geduldig harrte, bis die Freunde ihn abholten. Auch das Übersetzen über den Nil ging gut vonstatten. Das kleine hierzu benutzte Boot wurde versenkt, um auch hier die Spuren zu verwischen. Weiter unterhalb des Flusses waren die Rennkamele über den Nil gebracht worden. Um sie am Ertrinken zu verhindern, hatten ihnen die Beduinen aufgeblasene Girben (Wassersäcke aus umgekehrten Ziegenhäuten hergestellt) als Schwimmkissen um den Hals gebunden. Drüben ging es weiter, tagelang, bei kärglichster Kost, die nur aus getrockneten Datteln bestand, dazu Durrhafladen und Wasser. Doch noch immer mußten die Flüchtlinge vorsichtig sein, denn an alle Posten war, wie sie sich denken konnten, vom Kalifen der Befehl ergangen, Straßen und Flußübergänge streng zu bewachen, jeden Reisenden zu untersuchen und auszufragen. Aber die Bevölkerung am Nil haßte den Bedrücker, und selbst wenn der Flüchtling erkannt worden wäre, würde sich wohl kaum ein Verräter gefunden haben.

Fast täglich lösten die Führer sich ab, denn jeder geleitete Slatin immer nur durch sein Heimatgebiet.
Unendlich langsam verstrichen die Tage der Flucht, unwegsame Berge, öde Wüsten wechselten, Durst und Hunger waren ihre ständigen Begleiter, und dazu die ewige Sorge nicht nur Slatins, sondern auch der Leute, denn jeder fürchtete, es würde bekannt, daß er den Entwichenen weitergebracht habe. Selbst noch, als sie bereits das Machtgebiet der Mahdisten verlassen hatten, waren die Führer in Angst, denn weithin zogen die Kaufleute, aus dem ägyptischen Sudan bis hin nach Khartum, da hieß es vorsichtig sein.

Allmählich ließen auch die Kräfte nach. Die Reittiere kamen auf den Geröllhügeln kaum noch vorwärts. Da ging Slatin zu Fuß, barfuß, denn seine Sandalen waren aufgebraucht. Mit zerrissenen, von dem glühenden Gestein halbverbrannten, blutenden Füßen schleppte er sich vorwärts. Aber nordwärts ging es ja, der Freiheit, der Heimat entgegen.

Schlimm waren die Nächte. Eisig wehte der Nordwind, doppelt fühlbar nach der Hitze der Tage. Und da schien es, als sollte noch im letzten Augenblick alles zusammenbrechen. Slatins Führer erkrankte. Es war ein alter Mann, der den Anstrengungen des langen Marsches auf die Dauer nicht gewachsen war, deshalb gab ihm Slatin sein Reittier. Außerdem litt er zu sehr unter der Kälte. Auch hier half der Flüchtling und gab ihm seine Giubbe, so daß er selbst nur Ferda (Kopftuch) und Hisam (lange, breite Baumwollenbinde sowie eine wollene Leibbinde um den Körper trug. Und da wollte es obendrein das Unglück, daß sich das Kamel wundlief und an einem spitzen Stein den Fuß schwer verletzte. Nun opferte Slatin auch noch seine Leibbinde, um dem Tier einen Verband zu machen, damit es wenigstens einigermaßen auftreten konnte. (Die Leibbinde ist ein Kleidungsstück, das in den heißen Gegenden von allen Weißen getragen wird, denn sie ist der beste Schutz gegen Erkältung des Magens und der Därme.)

Und endlich am 16. März, dem siebenundzwanzigsten Tage der Flucht, glitzerte es wieder in der Ferne. Viereckige Häuser tauchten auf, Palmenhaine. Menschen begegneten den Flüchtigen, vor denen sie nicht mehr auszuweichen brauchten. Freundliche Grüße, erstaunte Blicke. Wer mochte der sonnenverbrannte Weiße sein, der elend, abgemagert aus der Wüste auftauchte?

Unerkannt ritt Slatin in Assuan ein. In ihm arbeiteten alle Nerven, kaum konnte er es fassen, daß er frei, ohne jede Gefahr, sicher vor allen Verfolgern war, daß ihm die überhitzte Phantasie nicht ein Trugbild vorgaukelte, sondern daß all das Wahrheit war. Ganz unerwartet war er erschienen. Ein Staunen, Freude, Begeisterung durchlief ganz Assuan, hoch und niedrig. Er, der Mann, der so Unendliches erlitten, mit eisernem Willen alles Ungemach mehr als elf Jahre getragen, war nun wieder in der Zivilisation, der einzige, der Auskunft geben konnte, wie es drüben in dem Mahdistenreiche aussah, ein Weißer, der mit scharfer Beobachtungsgabe die Stärke, aber auch die Schwächen des Gewaltherrschers kannte, dessen Urteil maßgebend, entscheidend sein sollte für die spätere Bekämpfung dieses Scheusals.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht nicht nur durch Assuan und Ägypten, sondern durch die ganze zivilisierte Welt, und einem Triumphzug glich Slatins Reise nach Kairo und weiter nach der Heimat, die er nach siebzehnjähriger Abwesenheit endlich wiedersah.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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