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Slatin-Paschas Wirken und seine Gefangennahme

Rudolf Slatin*, bekannt als Slatin-Pascha, oder, wie ihn die Araber nennen, Saladini-Pascha, unternahm, von Abenteurerlust getrieben, bereits mit sechzehn Jahren eine Reise nach Ägypten und weiter hinauf in den Sudan, nach Khartum, ja sogar das damals noch fast völlig unbekannte Kordofan erreichte er, wo er mit Gordon-Pascha zusammentraf, der ihn einige Jahre später, nachdem Slatin nach Europa zurückgekehrt und den Bosnischen Aufstand mitgemacht hatte, im Juli 1878, also den erst Einundzwanzigjährigen, zum Eintritt in ägyptische Dienste aufforderte, was er mit Freuden annahm. Man sieht hieraus, welchen Scharfblick Gordon für wirklich tüchtige Männer hatte.

Mit der ganzen jugendlichen Begeisterung warf sich Slatin auf sein Arbeitsgebiet, das ihm als Finanzinspektor unterstand. Auf Reisen kreuz und quer durch das Land erkannte er mit offenem Blick, wo Mängel bestanden. Rückhaltlos deckte er seinem Vorgesetzten die unzähligen Schäden und die herrschende Mißwirtschaft, die Erpressung und den verbrecherischen Steuerdruck der Beamten auf, machte sich dadurch manchen Feind unter den Offizieren, aber im ganzen Volk wurde er bekannt, beliebt, und sein Ruf verbreitete sich schnell bis in die äußersten Zipfel des weiten Reiches.

Aber es ist verständlich, daß es für den jungen, offenen, tatenlustigen Charakter keine angenehme Aufgabe war, allenthalben die verlotterten Beamten anzuzeigen. Er bat deshalb um Enthebung von seinem Posten und bekam nun eine Stelle, die ihm mehr zusagte, in der er nicht nur selbständig, sondern die für ihn auch vielversprechend war. Er wurde Mudir, das ist Gouverneur von Dara in Dar-Fur und hatte die nicht leichte Aufgabe, den aufsässigen Sultan Harun zu bekämpfen, der das ihm von den Ägyptern abgenommene Land seiner Väter wiedererobern wollte.

Auf langen, äußerst beschwerlichen, entbehrungsreichen Zügen folgte er diesem, bis es ihm endlich gelang, ihn zu stellen und zu schlagen. Leider entwischte ihm Harun, nachdem der größte Teil seiner Truppen gefallen war, konnte später wieder eine größere Anzahl Anhänger um sich sammeln und wurde, als er in die Provinz Dar-Gimmer eingefallen war, durch einen kühnen Überfall von Slatin besiegt. Er selbst fiel, nachdem seine Leute, erschreckt durch das böse Vorzeichen, daß ihm beim Besteigen des Pferdes der Steigbügelriemen gerissen, in Unruhe geraten und beim ersten scharfen Angriff geflohen waren. Sein Kopf wurde nach sudanesischem Brauch abgeschnitten und als Beweisstück dem Gouvernement zugeschickt.

Die nächsten Jahre waren mehr ruhiger Tätigkeit gewidmet, aber am politischen Horizont drohte immer die Wetterwolke des Mahdismus. Dieser hatte inzwischen sich den ganzen nördlichen Sudan Untertan gemacht, und nun dachte der „Beherrscher der Gläubigen" daran, ernstlich mit denen aufzuräumen, die ihm entschlossenen Widerstand entgegensetzten. Schnell wollte er handeln, ehe die Regierung in Kairo sich zu einem Entschluß aufraffen, ein wirklich starkes, gut ausgerüstetes Heer schicken konnte, um mit einem Schlage die Macht des Mahdi zu brechen.

Durch geheime Sendboten, die allenthalben die Wundermär seiner Heldentaten verbreitet hatten, war der Boden vorbereitet; der Prophet konnte hoffein, daß die Bevölkerung der weiten südlichen Länder sich ihm bei seinem Auftreten bald anschließen würde.

In Slatin-Pascha erkannte der Mahdi einen seiner Hauptgegner, denn dieser entschlossene Mann verstand es, seine Truppen geschickt zu verwenden, besaß Ansehen bei allen Schichten der Bevölkerung. Ihn unschädlich zu machen, war daher seine nächste Aufgabe. War er besiegt, so hatte der Mahdi auch noch das reiche Dar-Fur und die westlichen Länder bis zur Sahara fest in der Hand.

Somit war Slatin nach dem Fall von El Obeïd vom Nil und damit von der Kultur abgeschlossen. Auf irgendwelche Unterstützung, Munitionsnachschub konnte er nicht mehr rechnen. Mit dem, was in seiner Hand war, mußte er haushalten, sich wehren, bis endlich Hilfe von „außen" kommen würde. Aber konnte er hierauf hoffen?

Sorgfältig traf er seine Vorbereitungen, warf im Norden seiner Provinz einen Aufstand nieder, kehrte nach Dara, seiner Hauptstadt, zurück, aber da erreichte ihn die Nachricht, daß sich im Süden des Landes die Habania, Maalia und Risegat empört hatten. Letztere waren besonders gefährlich, da sie von dem außerordentlich energischen, Slatin sehr wohl bekannten Madibbo geführt wurden. Allenthalben hin entsandte dieser seine schnellen Reiter, ließ die Telegraphenleitungen zerstören, kleine Posten aufheben, die Bevölkerung durch Drohungen oder Lockungen veranlassen, sich dem Mahdi anzuschließen.

Um hier das Ansehen der Regierung zu retten, entsandte Slatin den Mansur-Effendi mit einigen hundert Mann. Dieser war aber zu vertrauensselig. Der kluge Madibbo war ihm weit überlegen, und unversehens stürzte dieser sich aus dem Hinterhalt mit seinen wenn auch schlecht bewaffneten, aber todesmutigen Scharen auf ihn. Ein kurzes furchtbares Blutbad, und mehrere Hundert von Mansurs
Soldaten lagen auf dem Kampfplatz, mehr als 300 Gewehre neben Munition, unersetzbare Gegenstände für Slatin, gingen verloren. Wohl gelang es dem zu Hilfe herbeieilenden Oberbefehlshaber, Madibbos Lager mit schnellem Handstreich zu nehmen und zu zerstören, aber den gewandten Risegat-Großscheich selbst konnte er nicht fassen.

Noch einmal schien sich das Kriegsglück für Slatin zu entscheiden. Seine Unterbefehlshaber schlugen an mehreren Stellen größere und kleine Mahdistenhaufen, und so trat für einige Zeit Beruhigung ein. Diese benutzte er zur Ausrüstung eines Feldzuges gegen die Risegataraber, ins Land Schakka. Auf das sorgfältigste wurde alles vorbereitet, und so konnte Slatin hoffen, das verlorene Land zurückzuerobern. Sorge bereitete ihm nur die Beschaffenheit des Landes, denn es bestand hauptsächlich aus mit Bäumen und Dornbüschen bewachsener, unübersichtlicher Steppe. Infolgedessen war der Überblick sehr beschränkt. Slatin ließ, um gegen unerwartete Angriffe möglichst geschützt zu sein, die Truppen in Karreeform marschieren. In ihrer Mitte zogen die Lasttiere, den äußeren Schutz bildeten einig« tausend Lanzenträger. Es gelang ihm auch unerwartet, das Dorf Madibbos zu überrumpeln und daselbst große Mengen Getreide zu erbeuten, aber schon wenige Tage später, als Slatin fieberkrank auf der Tragbahre lag, wurde seine Truppe, gerade als sie einen großen, zähschlammigen Sumpf durchzog, in dem die Lasttiere steckenblieben, von gewaltigen Massen Madibboleuten angegriffen. Nur mit der langen Stoßlanze und den fürchterlich gezackten Wurfspeeren bewaffnet, stürzten sich diese fanatischen, todesverachtenden Scharen auf die großenteils im Sumpf steckenden Ägypter, metzelten die überraschten Hilfstruppen nieder, durchbrachen das Karree, fast kein Lasttier entging ihren mörderischen Stichen. Mit unglaublicher Energie riß sich Slatin zusammen, und durch geschicktes Vorgehen einer Anzahl erprobter Schützen gelang es ihm, die Lage dadurch zu retten, daß er die Angreifer in der Seite packte und unter ein rasendes Flankenschnellfeuer nahm. Aber als die Sonne sank, waren von Slatins 8500 Mann nur noch etwa 900 übrig, der Rest lag erschlagen in Haufen aufeinander im Karree oder im Busch verstreut, auf der Flucht niedergemacht. Auch die Angreifer hatten gewaltige Verluste. Aber was machte das aus? Täglich sich vermehrend, strömten neue Haufen den Mahdisten zu. Jeder Sieg wurde in alle Welt hinausposaunt. Immer mehr stieg der Glaube an die göttliche Sendung, an die Unbesiegbarkeit des Mahdi.

Slatin war mit den Trümmern seines Heeres in einer bösen Lage und erwog den Plan, der sicher, wenigstens vom menschlichen Standpunkt aus gesehen, der vernünftigste gewesen wäre: noch in der Nacht zu fliehen, um möglichst bald seine Hauptstadt Dara zu erreichen. Doch dieser Gedanke wurde verworfen. Eine Seriba ward errichtet, und hinter dieser erwarteten die durch den langen, wasserlosen Marsch, den wenn auch kurzen, doch verzweifelten Kampf erschöpften Soldaten den Angriff der Risegataraber. Noch in der Nacht begruben die Soldaten die um ihr Lager liegenden Leichen der Gefallenen, deren Geruch die Luft verpestete und unzählige Hyänen und Schakale heranlockte. Dann sanken sie müde nieder. Doch aufmerksam spähten die Wachen in die Nacht hinaus. Wohl kannte Slatin die Gewohnheit seiner Feinde: nicht in den ersten Nachtstunden war der Angriff zu erwarten, sondern später, wenn anzunehmen war, daß auch die Wachen ermüdeten, in den Stunden kurz vor Morgen. Und so geschah es. Wie Geister tauchten plötzlich in ihren weißen Giubben (Kittel) die Mahdisten auf, mit wildem Kampfgeschrei warfen sie sich auf die Seriba, doch ein furchtbares Schnellfeuer sprühte ihnen entgegen. In Reihen sanken die dreisten Angreifer nieder, rasch, wie sie erschienen, verschwanden sie.

Nun zeigte sich aber, wie falsch es gewesen war, nicht gleich auf Dara loszumarschieren, denn tagtäglich umschwärmten die Mahdisten das Heer Slatins. Ständig beunruhigten sie die vollkommen eingeschlossenen Truppen. Geführt von einem ganz besonders kühnen Kommandanten Madibbos stürmten sie, ungeachtet aller Verluste, immer wieder an, bis dieser kühne Mann fiel. Dann erst ließen die Angriffe an Heftigkeit nach.

Aber noch schlimmere Feinde nahten: Hunger und Durst. Dazu kam, daß der Pestgeruch der durch die Hyänen ausgescharrten Leichen den Aufenthalt in der Seriba unmöglich machte.

Nichts gab es mehr zu essen. Selbst Slatin nährte sich nur noch von Resten von Durrahfladen, zusammengebacken mit einer kleeartigen Pflanze. Alle getöteten und verhungerten Tiere waren aufgezehrt, und so beschloß Slatin, sich mit seinen Leuten durchzuschlagen. Ein trauriger Zug, in der Mitte die mehr als 150 Verwundeten, bewegte sich das Karree langsam vorwärts, ständig beunruhigt von Madibbos Reitern. Ein großes Glück war es, daß sich gerade in dieser Gegend der „Fayo", eine dem schwarzen Rettich ähnliche, sehr wasserreiche Wurzel fand, durch die sie ihren Durst stillen konnten. Unerwartet lief ihnen auch noch ein Risegathirt mit einer großen Schafherde in die Hände, und als dieser ihnen, gezwungen, auch noch einen nahen Teich zeigte, waren die Soldaten so glücklich, daß sie, als echte Orientalen, alle Vorsicht außer acht ließen und sich auf das erfrischende Naß stürzten.

Aber offenbar spielte auch hier wieder die Kriegslist der Mahdisten eine Rolle, denn als die Ägypter sich in dichten Haufen ordnungslos an das Wasser drängten, brachen aus dem Gebüsch die braunen Scharen hervor. Nur im letzten Augenblick konnte Slatin etwa 50 gute zuverlässige Schützen um sich sammeln und durch Kreuzfeuer die Angreifer zurück werfen. Auf dem Kampffeld selbst, umgeben von Toten -- Verwundete werden in diesen Kämpfen meist niedergemacht —, wurden die Schafe gebraten, Lachen und Freude rundum: Zum erstenmal wieder genossen die Soldaten seit langen Tagen ein ordentliches Mahl. Was kümmerte sie das Morgen? Heute hatten sie zu essen. „Insh Allah!" („So Gott wollte!") lebten sie morgen. Hatte er anders beschlossen, so war gegen das Schicksal nicht anzukämpfen.

Ernst blickte Slatin auf seine zusammengeschmolzene Schar. Ihn mochten trübe Gedanken beschleichen. Wie würde die Zukunft werden, wie lange noch würde er sich mit seiner sich von Tag zu Tag mehr verringernden Truppe gegen die ständig wachsende Macht des Mahdi halten können? Dazu war er selbst mehrfach verwundet. Eine Kugel hatte ihm den Ringfinger der rechten Hand zerschmettert, eine zweite stak tief im rechten Oberschenkel, und am rechten Knie hatte er die zackige Rißwunde einer Wurflanze.

Noch hoffte er, daß die Regierung ihm Entsatz schicken, er sich bis zu dessen Eintreffen würde halten können. Ernst war der Einzug in Dara. Zu groß waren die Verluste, die dieser unglückliche Feldzug gebracht hatte, gewesen. Aber auch hier in seiner Hauptstadt veränderte sich bald manches. Die ständigen Siege des neuen Propheten blieben auf die Dauer nicht ohne Wirkung auf die Bevölkerung, auf die Soldaten. Geschickt verstanden die Sendboten die Stimmung auszunutzen. Sie begannen gegen Slatin zu hetzen, warfen ihm seinen christlichen Glauben vor, verhöhnten offen die „Gläubigen", die sich von einem „ungläubigen Hund" führen ließen.

Die Gärung wuchs, und nur dadurch, daß Slatin rechtzeitig gewarnt wurde, konnte er die Rädelsführer fassen. Er ließ sie, nach kriegsgerichtlicher Verurteilung, erschießen.

Das half auf einige Zeit. Aber bald erklärte ihm ein befreundeter Offizier, daß abermals die Soldaten auf seinen Glauben zurückkämen. Eine ganze Nacht über ging Slatin mit sich zu Rate. Die Klugheit kämpfte mit dem Herzen. Er wußte, daß er mit einem Wort das Vertrauen der Seinen wiedergewinnen würde, aber das hieß: „Übertritt zum Mohammedanismus." Endlich hatte er sich durchgerungen. Das weite Land war ihm von der Regierung anvertraut. Wollte er es erhalten, so mußte er seine eigenen Interessen hintansetzen. Tat er es nicht, so war alles, er selbst, verloren, das war klar. Und so entschloß er sich zu diesem schweren Schritt. Alle seine Truppen führte er auf den Übungsplatz vor der Stadt, ließ ein Karree bilden und verkündigte vor versammelten Offizieren und Mannschaften, daß er Mohammedaner geworden sei, von nun an jeden Freitag mit ihnen öffentlich beten würde.

Unter Jubel begrüßten die Soldaten diese Tat der Selbstverleugnung und beglückwünschten ihn. Das alte Vertrauen war wiederhergestellt. Stolz waren sie auf ihren Saladini-Pascha.

Doch alles das, seine Kämpfe, seine gelegentlichen Erfolge, hatten nur rein örtliche Bedeutung. Unaufhaltsam wuchsen Ansehen und Macht des Mahdi. Es war, wie wenn eine Seuche langsam aber sicher alle Farbigen ergriff, selbst Männer, die Slatin jahrelang nahegestanden hatten, wurden schwankend, traten anfangs insgeheim, dann offen zum Feind über. In mancher Beziehung war dies Slatin ganz angenehm, denn nun konnte er, weniger beobachtet von heimlichen Gegnern, die Befestigungen von Dara verstärken, Vorräte anhäufen, um nötigenfalls einer längeren Belagerung zu widerstehen. Und neue Hoffnung tauchte auf: Slatin erhielt die geheime Nachricht, daß Hicks-Pascha mit einem großen Heere nahe, daß mit einem Schlag der Mahdismus vernichtet werden sollte. Doch so sicher war Slatin von dem erwarteten Erfolge nicht überzeugt, zu gut kannte er durch jahrelange Erfahrung die Schwierigkeiten, die sich größeren Truppenkörpern, namentlich in dieser ungünstigen Jahreszeit, entgegenstellten, aber hoffen mußte er, sonst war von vornherein alles verloren.

Da brach Bischari-Bei, der Großscheich der Beni Halba, in das Gebiet von Dara ein, raubte Weiber und Kinder, plünderte und sengte. Slatin warf ihn durch einen schnellen Handstreich auf Maschaba, das Hauptdorf des Aufrührers zurück, und dieser selbst fiel im Kampfe.

Aber immer dichter zogen sich die Gewitterwolken um Dara zusammen. Allenthalben verließen Männer die Dörfer und schlössen sich den Mahdisten an. Immer dreister schwärmten Madibbos Reiter in Slatins Gebiet. Und wenn es diesem auch noch einmal (gelang, dessen Dorf durch kühnen Handstreich zu nehmen, so waren das alles doch keine Schläge, die dauernden Erfolg hatten.

Kleiner, immer kleiner wurde seine Truppenzahl. Die Munition war bis auf einen geringen Vorrat verschossen. Und das wußten Slatins Gegner. Mehr als einmal forderten sie ihn zur Übergabe auf. Um Zeit zu gewinnen, ließ er durch einen treuergebenen Scheich Übergabeverhandlungen anknüpfen, denn im stillen hoffte er ja, daß Hicks-Pascha trotz aller Schwierigkeit der Mahdisten Herr werden würde.

Täglich erwartete er Nachrichten. Aber nur Gerüchte durchschwirrten das Land. Um die Stimmung seiner Leute zu heben, verbreitete er selbst ab und zu Nachrichten von großen Siegen der Entsatztruppen. Unter Kanonendonner wurden „eben eingetroffene Befehle der Regierung bekanntgegeben", aber auf die Dauer konnte er auf diese Weise seine Leute nicht aufmuntern. Zu gründlich arbeitete die Wühlarbeit der Mahdisten.

Da traf die Nachricht ein, daß sich Ummschanger, einer der letzten Posten Slatins, ergeben, und Zogal-Bei, ein früherer Untergebener Slatins, zur Belohnung hierfür vom Mahdi zum ,,Emir des Westens" ernannt worden sei.

Nun hielten sich nur noch Dara und Fascher. Noch, immer zögerte Slatin mit der Übergabe, obgleich die verschiedenen Emire, mit denen er verhandelte, sich ihm nicht feindlich zeigten und gute Behandlung von seiten des Mahdi zusicherten. Sie schätzten in ihm den tapferen Mann und gewissenhaften Beamten.

Da erschien am Abend des 20. Dezember 1883 Achmed el Kritli, einer seiner Untergebenen, den er mit Botschaft nach
dem Entsatzheer gesandt hatte, und brachte die niederschmetternde Kunde, daß Hicks-Pascha mit allen seinen Offizieren und fast dem gesamten Heer gefallen sei.

Das war das Ende. Wohl fühlte es Slatin.

Er berief seine Offiziere zu einer Versammlung und teilte ihnen seine Ansicht mit. Einstimmig erklärten sie sich für die Übergabe unter der Bedingung der Schonung von Leib und Leben. Nur zu gut war sich Slatin bewußt, welch furchtbarer Zeit er entgegengehen würde, er, der einzige Christ unter Millionen fanatischster Mohammedaner denn er gab sich keiner Täuschung hin, daß wenigstens der Mahdi und seine Umgebung an den Ernst seines Religionswechsels nicht glaubten.

Am 24. Dezember verließ der Unglückliche Dara, um sich zu Zogal zu begeben. Traurige Weihnachten, die dieser heldenhafte Kämpfer, fern der Heimat, verleben mußte. Wie ein Hohn kam es ihm vor: „Friede auf Erden", und er ging einer Zukunft, einer Gefangenschaft entgegen, voll Leid und Demütigung, Jahren, in denen er auf jedes seiner Worte, seiner Gebärden achten mußte, wollte er nicht die furchtbarsten Strafen, den entsetzlichsten Martertod erleiden.

So fiel Dara. Wohl hielt Zogal sein Wort, daß den Gefangenen das Leben geschenkt würde, aber sonst wurde ihnen alles, alles genommen. Nur den notwendigsten Hausrat durften die Unglücklichen mit sich nehmen. Jeder Silber- und Kupferreif wurde den Frauen, Mädchen und Kindern von den Armen genommen. Dann folgte die Durchsuchung der Häuser. Wer nicht alles gab, was er besaß, wurde auf die entsetzlichste Weise gemartert. Unter den Hieben der aus Nilpferdhaut gefertigten langen Peitschen stöhnten und jammerten die Gepeinigten. Die beutegierigen Schufte knüpften die Gefangenen im glühenden Sonnenbrand mit den Beinen auf, ließen sie stundenlang hängen, bis sie, von Kopfschmerzen halb wahnsinnig, die Verstecke ihrer Habe angaben.

Wer sich da noch weigerte, wurde Tag für Tag gemartert. Als Fascher fiel, und der Major Hamada-Effendi das Versteck seines Goldes nicht verriet, ließ Zogal, dessen Wut zur Raserei gesteigert war, dem Unglücklichen täglich 1000 Peitschenhiebe aufzählen, so daß das Fleisch in Fetzen vom Körper hing, aber der Mann blieb fest. Selbst als der entmenschte Peiniger ihn seinen Todfeinden übergab, die in die eiternden Wunden Salz- und Pfefferwasser gössen, um ihn vor Schmerzen rasend zu machen, schwieg der alte Major. Auch im Martertode hat er das Geheimnis nicht preisgegeben!

Nun begann Slatins Leidenszeit, die elf Jahre dauern sollte. —

* Geboren in Ober-St.-Veit b. Wien 7. Juni 1857

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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