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Die Schiffbarkeit des Nils

Wohl wenige Ströme der Erde gibt es, die, auch verhältnismäßig, so weit schiffbar sind wie der Nil, und doch bieten sich merkwürdigerweise gerade der Schiffahrt wieder so viele Hindernisse, daß sie nur schwach ausgenutzt werden kann. Hierin lag ja auch der Grund, wie wir schon gestreift haben, warum der Entdeckung seiner Quellen so gewaltige Schwierigkeiten entgegenstanden. Hierauf beruht die langsame Erschließung des Landes, durch diese wieder war es möglich, daß die Skavenjäger so viele Jahrzehnte ungestraft ihr schmähliches Gewerbe treiben konnten, hohnlachend aller Proteste der europäischen Staaten.

Sie verhinderten ferner die Öffnung des Landes für den Welthandel, denn man kann offen sagen, daß wohl fast nirgends in der Welt noch so viele ungehobene Schätze aller Art ruhen wie zu beiden Seiten des Weißen Flusses.

Welche gewaltigen Ländereien könnten dem Acker-, dem Baumwollenbau erschlossen werden, welcher Segen wäre das für die anwohnenden, heute in wildester Unkultur lebenden Stämme. Aus dem Kongostaat könnten auf dem viel kürzeren Wege viele Landeserzeugnisse gebracht werden, denn er reicht fast bis an den Nil; sie brauchten nicht den gewaltigen Landweg bis zum Kongo selbst oder gar zur westafrikanischen Küste zu machen. Dem Jagdreisenden eröffneten sich aber hier Gebiete, die geradezu märchenhaft sind. Zwar fahren ja schon seit Jahren auch viele von ihnen den Weißen und Blauen Nil hinauf, jagen an ihren Ufern, aber es könnte doch alles viel bequemer werden.

Ein sehr großes Hindernis bilden in erster Linie die Katarakte, die Stromschnellen, derentwegen ein großer Teil der Ägyptenreisenden bis nach Assuan hinauffährt, obgleich in Wirklichkeit an ihnen nicht so überwältigend viel zu sehen ist. Ich war jedenfalls enttäuscht, andere Mitreisende brachen wie überall, wo ein Punkt als Naturschönheit im Bädeker mit einem Stern verzeichnet steht, in Bewunderung aus, aber das ist schließlich Geschmacksache Ich mag diese lauten Gefühlsäußerungen überhaupt nicht.

Ich bewundere schweigend, möglichst allein oder mit einem lieben Menschen zusammen, der auch den Mund halten kann. Unvergeßlich ist mir ein Morgen im Himalaja. Wir waren von Darjeeling mitten in der Nacht weggeritten, um vom Tiger Hill aus den Aufgang der Sonne, das allmähliche Erglühen des Himalaja anzusehen. Unglückseligerweise hatte eine amerikanische Reisegesellschaft denselben Gedanken, und als die Sterne verloschen, der erste Sonnenstrahl die gewaltigen vergletscherten Spitzen traf, sie in glitzerndes Silberlicht tauchte, bald hier, bald da eine zackige Spitze aus dem Dämmerlicht aufleuchten ließ, langsam, ganz langsam weiter die Berge hinabkroch, da konnten die Brüder von jenseits des Atlantik sich nicht mehr halten. Anfangs eine Flut von Äußerungen des Entzückens, dann folgten witzig gemeinte Bemerkungen. Es war furchtbar. Mißgestimmt gingen wir ein gut Stück weil abseits. Dorthin folgte uns ein Angelsachse, nicht gerade zu unserer Freude. Mein Reisegefährte machte aus seinem Unbehagen auch kein Hehl und erklärte ihm, daß wir wegen des albernen Benehmens der Herren „dort drüben" die Einsamkeit aufsuchten und nicht weitere Gesellschaft wünschten.

Ich auch nicht," war die Antwort, „ich folgte Ihnen, gerade weil Sie nicht redeten, denn auch ich will in Ruhe dieses Wunder der Natur genießen."

Und wir taten es, alle drei, schweigend, andachtsvoll. —

Also, die Nilkatarakte gehören nicht zu den Wundern unserer Erde, die mir sonst oft genug Hochachtung abgenötigt haben. Ich glaube, mir geht es hierin wie den Arabern, die obendrein noch oft genug auf sie schelten, denn der Schiffahrt sind sie sehr gefährlich. Wehe dem Fahrzeug, das, von nicht ganz sachkundiger Hand gesteuert, von den reißenden Fluten gepackt gegen die Felsen geschleudert wird. Mit Mann und Maus (und Wanzen, denn die finden sich auf jedem Nilsegler in genügender Zahl) ist es rettungslos verloren; die wilde Strömung läßt selbst das festeste Schiff zerschellen, und für die ins Wasser geschleuderten Menschen gibt es keine Rettung, im \\ Wirbel gehen sie zugrunde.

Der Nil bildet eine ganze Reihe solcher Stromschnellen, die bekanntesten liegen bei Assuan, im ganzen zählt Ägypten deren sechs. Die südlichste ist insofern von geschichtlicher Bedeutung, als hier der von Gordon, um Hilfstruppen herbeizuholen, ausgeschickte Dampfer ,,Bordein" scheiterte, was für den Helden verhängnisvoll werden sollte und nicht zum wenigsten zürn Verlust des Sudans an die Mahdisten beigetragen hat.

Der Oberlauf hat noch einige Stromschnellen oder Wasserfälle, so in der .Nähe von Nimule, hoch oben im Sudan die Folafälle, die ich in unlöschbarer Erinnerung behalten werde, denn hier wäre ich um ein Haar am Schluß meiner großen Expedition durch Afrika ums Leben gekommen, doch davon später.

Die schönsten Fälle bildet der Fluß, wenige Stunden, nachdem er den Viktoria-See verlassen hat, in der Nähe von Jinja, wo er über eine mächtige Felsenbarre schäumt, die Riponfälle. Ihm schließt sich dann eine ganze Reihe weiterer an, bis fast hin zu seinem Eintritt in den Choga-See in Uganda. Dieser gewaltige Wasserbehälter ist seinerseits wieder durch einige Fälle vom Albert-See getrennt, was seiner Erschließung, namentlich handelspolitisch, sehr im Wege steht. Fast völlig unbekannt, bisher nur von sehr wenigen weißen Reisenden geschaut sind die Wasserfälle, welche die von dem mächtigen Bergstock Elgon im östlichen Uganda abwässernden Zuflüsse des Nils bilden. Über eine gewaltige Terrasse stürzen sie senkrecht wohl 300 Meter hoch herab, unten eine gewaltige Grotte bildend, die von riesigen Urwaldbäumen überragt und umschlossen ist. Ich kenne keinen Wasserfall, der auf mich seiner Schönheit wegen einen so tiefen Eindruck gemacht hätte. Es ist dies namentlich der Jackson-Fall, auch sein Wasser ergießt sich in den Choga-See.

Doch die Fälle sind es nicht allein, die der Schiffahrt im wahrsten Sinne des Wortes „Steine in den Weg werfen", sondern der Strom hat noch andere Tücken.

In erster Linie sind es die Sand- oder besser gesagt: Schlammbänke, die, namentlich im Oberlauf des Weißen Nils, sehr lästig sind. Der Nil hat an sich schon den größten Teil des Jahres über einen sehr niedrigen Wasserstand und wird deshalb nur mit flachgehenden Schiffen befahren. Außer den kleinen Booten der Eingeborenen sind es die breiten, von mächtigen lateinischen Segeln getriebenen Dhaws (sprich Dau) der Araber. Nach Möglichkeit segeln sie, bei Windstille müssen sie gerudert werden, eine unendlich anstrengende, langweilige Arbeit. Wenn der Fluß auch keine starke Strömung hat, so sind die breiten, außerordentlich schweren Schiffe doch nur langsam vorwärts zu bringen. Ist die Flußstrecke wie in der Nähe von Khartum im allgemeinen gerade und der Wind ständig, was in manchen Monaten der Fall ist, so kommt man flott vorwärts, aber weiter oben bildet der Fluß ein unendliches Band von hin- und herlaufenden Schleifen, so daß unbedingt gerudert werden muß, und gerade hier findet sich der schon oben genannte Sudd mit seiner glühenden Fieberluft. In neuerer Zeit ist durch ihn mit sehr großer Mühe ein Kanal geschnitten, breit genug, daß Dampfer hindurchfuhren und an bestimmten Stellen auch einander ausweichen können; aber ständig muß daran gearbeitet werden, die Fahrrinne frei zu halten, denn bei der unerhörten Üppigkeit der Vegetation wuchert diese sonst schnell wieder in das Bett hinein. In früheren Zeiten muß es hier geradezu furchtbar gewesen sein. So ist vor etwa siebzig Jahren eine Expedition im Sudd steckengeblieben. Hilflos lag das Schiff festgefahren, unbeweglich in den Schilfmassen. Eingeschlossen von der trügerischen grünen Pflanzenwildnis, durch die nicht durchzubrechen war, weil sie nicht trug, lagen die unglücklichen Reisenden, gingen langsam dem Hungertode entgegen. Glücklicherweise wurde ihre Notlage bemerkt. Eine mit allem Erforderlichen versehene Hilfsexpedition wurde von Khartum abgesandt, und diese traf auch noch rechtzeitig ein, um die Ärmsten zu retten. —

Schön breit ist der Fluß, offen das Fahrwasser auf Tausende von Kilometern, aber verborgen von seinen lehmigen Fluten lauert wieder ein Feind, dessen Tücke darin besteht, daß er heute hier, in einiger Zeit dort ist: die Unterwasserbänke.

Wir wissen, daß der Nil aus unendlicher Ferne kommt, daß noch in der Regenzeit, wenn die Wasser erst weit genug geflossen sind, sein Pegelstand ganz gewaltig steigt. Schäumend überstürzen sich die sonst so ruhig dahingleitenden Massen, reißen Erdreich von den lehmigen oder sandigen Uferwänden, führen es ein Stück weit mit sich, lagern es hier ab, spülen an anderer Stelle eine Schlammbank weg, Baum und Buschwerk stürzt von den unterwaschenen Ufern in den Strom, treibt abwärts, saugt sich allmählich voll Wasser, sinkt unter, Schlamm, Schilfhalme treiben an, umkleiden das Buschwerk, langsam entsteht eine Insel. Allmählich erhöht sie sich durch hinzugeschwemmtes Astwerk, Erdreich und treibendes Gras, ragt über den Wasserspiegel hinweg, Samen trägt das Wasser zu, oder Vögel kommen, lassen sich nieder, in ihrem Kot bringen sie andere Körnchen, auch zwischen den Zehen haften oft Samen aus fernen Gegenden.

So entsteht hier langsam, ständig wachsend, eine neue Insel. Größer und größer wird sie, teilt den Fluß, der schließlich gezwungen ist, anderweitig durchzubrechen oder das Land zu überfluten, wenn sein gegabeltes Bett die Wassermassen nicht mehr bewältigen kann. So ist der Nil in seinem Oberlauf in unendlich viele Arme gespalten. Ein Kunststück ist es für den Schiffer, sich hier zurechtzufinden, denn gar zu leicht gerät er in einen falschen Kanal, und hier auf eine Schlammbank. Fällt dann das Wasser gerade an diesem läge, dann ist es für ihn unmöglich, wieder loszukommen; er geht einem entsetzlichen Schicksal entgegen.

Die so entstandenen neuen Inseln haben aber vielfach auch keinen ewigen Bestand. Nirgends wechseln Werden und Vergehen so schnell wie gerade in den Tropen und ganz besonders in diesen feuchtwarmen Gegenden. Das Buschwerk, das gewissermaßen den Grundstock zu der Neuschaffung der Insel gebildet hat, verwest, der Schlamm und der angespülte Sand, die ja nicht gewachsenen Boden, sondern nur Schwemmland darstellen, werden ihrer festen Stütze beraubt, bald weggewaschen, immer mehr treibt, namentlich hei Hochwasser, mit dem Strom davon, und allmählich bildet die Insel eine Art Pflanzenfloß. Noch haftet es mit langen Wurzelfasern am Flußboden, aber der Strom zieht und reißt an ihr Eine nach der ändern gibt nach, und eines Tages schwimmt die ganze Herrlichkeit mit Buschwerk, Blumen, Vogelnestern und Kleintieren, die hier ihr Heim aufgeschlagen haben, von dannen, treibt nilabwärts, wird zu der für diesen heiligen Strom charakteristischen schwimmenden Insel. Hier und da verliert diese noch Reste anhaftenden Bodens, und endlich bleibt sie irgendwo hängen. Wurzeln und Astwerk spinnen sich allmählich herüber und hinüber, die benachbarten Ränder verwachsen in kurzer Zeit miteinander. So ist eine Seite des Ufers wieder verbreitert. Der Fluß wird zusammengepfercht, sucht Platz zu schaffen und reißt irgend
wo wieder lockeres Land ab, zuweilen gleich mit dem ganzen Pflanzenbestand und allem Getier, das darauf lebt.

So kann es demnach kommen, daß Nilinseln auch auf andere Weise entstehen, und sie sind zoologisch oft höchst beachtenswert. Denn wenn eine solche treibende Insel sich mit einer festsitzenden eng verbindet, so haben wir auf diesen dieselbe Tierwelt wie auf dem festen Lande, aber die Tiere sind vollkommen vom Lande abgeschlossen, entwickeln sich selbständig weiter. So finden wir denn zuweilen gerade hier Tiere, die denen des eigentlichen Landes ganz nahe verwandt sind, sich aber doch vielfach von ihnen unterscheiden; sie haben sich im Laufe mehr oder weniger langer Zeitabschnitte umgebildet. Wie weit das zuweilen geht, sehen wir mit am deutlichsten auf den kleinen Capri vorgelagerten Felsen, die nicht einmal als Inselchen anzusprechen sind, deren jede aber eine besondere Eidechsenart beherbergt; diese sind denen von Capri nahe verwandt, aber doch deutlich von ihnen sowohl als von den auf den benachbarten Felsen lebenden zu unterscheiden. Und man muß doch mit Sicherheit annehmen, daß die Insel und die im Meere um sie herumliegenden Trümmer einst ein Ganzes gebildet haben.

Aus diesem ewigen Wechsel ersehen wir, daß auf dem oberen Nil eine regelmäßige Schiffahrt fast unmöglich ist. Immer muß der Steuermann darauf achten, daß er nicht auf irgendeine Untiefe gerät. Natürlich würde auch eine Stromregulierung, selbst wenn eine solche einmal beabsichtigt würde, durch die ganzen Verhältnisse unmöglich gemacht werden.

Um nach Kräften diesen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, sind ganz besondere Dampfer gebaut worden, Heckraddampfer, das heißt solche, die nicht die Räder an der Seite, auch keine Schiffsschraube haben, sondern Schaufelräder am Heck, das heißt am Ende. Hierdurch sind sie in der Lage, alle Durchgänge, die nicht breiter sind als der Schiffsrumpf, zu durchlaufen. Anderseits brauchen die Räder nicht so tief ins Wasser zu tauchen, wie es z. B. die Schiffsschraube müßte. Dazu sind die Schiffe ganz flach, haben, selbst beladen, kaum mehr als einen halben Meter Tiefgang, sind unten glatt, mit Kupferblech belegt, haben keinen Kiel, so daß sie leichter über die Schlammbänke hinwegrutschen können.

Auf diese Weise ist man einen guten Schritt weitergekommen. Aber da türmt sich schon wieder ein neues Hindernis auf: Die Dampfer brauchen Feuerung, und da Ägypten keine Kohlen hat, greift man, wie sehr vielfach in den Tropen, zum Holz. Wälder gibt oder besser gesagt: gab es zu beiden Seiten des Nils auf weite Strecken, und aus diesen wurde das Holz geholt. An vielen Stellen wurden große Holzstationen angelegt, die natürlich mit dem steigenden Verkehr vermehrt wurden. Aber die Holzbestände nahmen ab, reißend schnell. An Wiederaufforsten dachte niemand, dazu war man zu bequem. Und merkwürdig, die sonst im Kolonisieren so großzügigen und weitblickenden Engländer haben für Forstwesen scheinbar gar kein Verständnis. So erkennt der Reisende in Afrika die Nähe einer englischen Station schon daran, daß man auf weite, weite Strecken abgehackte Baumstümpfe antrifft!

Hier im Sudan ist es noch schlimmer. Öde, weite, kahle Flächen säumen vielfach den Fluß, wo sich einst große Waldgebiete hinzogen. In den letzten Jahren haben ja wohl die Engländer versucht, von uns Deutschen in dieser Hinsicht etwas zu lernen, und englische Offiziere sprachen sich mir gegenüber ganz offen dahin aus, daß wir ihnen im Forstwesen weit voraus sind, daß sie aber jetzt anfingen, die Fehler langer Jahre wieder gutzumachen.

Dieser Holzmangel führt zuweilen zu ganz spaßigen Wettfahrten. Meist ist der Vorrat, der auf den Stationen ließt, sehr gering, und jeder Kapitän nimmt, soviel er auf seinen Dampfer packen kann, denn er weiß ja nie, wieviel er auf dem nächsten Haltepunkt bekommt. Haben nun zwei Dampfer dasselbe Ziel oder holt einer den ändern auf, so geht die Wettfahrt los. Der eingeholte, also langsamere, sucht durch Zickzackfahrt den Verfolger zu behindern, ihm das Fahrwasser abzuschneiden, ihn womöglich auf eine Schlammbank zu drängen. Oft genug gelingt das auch, denn in dem Eifer, dem ändern zuvorzukommen, paßt der Steuermann in seiner Aufregung — die Ägypter haben alle ein sehr lebhaftes Temperament — nicht auf, hat oft nur Augen für den Vordermann, und plötzlich geht es „Schschschsch!" und der Dampfer sitzt fest. Zuweilen erreicht aber auch den Vordermann dieses Schicksal, und mit lautem Hallo, unter Fluchen der Zurückbleibenden rattert der Sieger vorüber.

Im allgemeinen kommt jener dann nach einiger Zeit wieder los. Schlimm ist es nur, wenn das Unglück gerade geschehen ist nach einem im Oberlauf niedergegangenen Unwetter, das die Wassermassen vorübergehend hat steigen lassen. Setzt sich dann ein Schiff auf Grund, so ist es böse und tagelanges Graben nötig, um es wieder flott zu bekommen. Im allgemeinen genügt aber, daß ein oder mehrere schwere Anker an möglichst langer Trosse weit ausgebracht werden und nun mit Hilfe der Maschine versucht wird loszukommen. Wir haben auch mehrere Male festgesessen, aber immer nur vorübergehend.

Trotz dieser Hindernisse bildet der Nil eine gewaltige Verkehrsstraße, deren Wert erst in der Zukunft liegt. Für England ist er von hohem, ja fast unschätzbarem Wert, und das hat dieses kluge Handelsvolk nicht erst heute, nein, schon längst erkannt, lange ehe es seine Hand auf Ägypten, auf den Sudan legte. Hier führt für England der zweite, kurze Weg nach Indien (der dritte, weite, führt um ganz Afrika herum). Sollte einmal der Suezkanal gesperrt sein — im Weltkrieg wäre es möglich gewesen, wenn unsere Bundesgenossen sich mit dem Vortreiben der strategischen Bahn gegen Ägypten etwas mehr beeilt hätten —. so steht England hier noch immer der Weg offen, um nach Indien oder von Indien Truppen zu werfen.

Nicht nur um Handelswaren zu transportieren bauten die Engländer, als Britisch-Ostafrika noch völlig unerschlossen war, die gewaltige Ugandabahn von Mombasa nach dem Viktoria-See: nein, aus rein strategischen Gründen, wohl ahnend, daß dereinst der Weltkrieg kommen, vielleicht die Ägypter sich gegen sie stellen würden. Dann konnten sie auf diesem Wege die Aufrührer im Rücken fassen, ihren berechtigten Freiheitsdrang dämpfen.

Aber mehr noch bedeutet der Nil. Er ist das Endglied der Verbindungsstrecke Kap—Kairo. Ein gigantischer Gedanke, über den noch vor einem Jahrzehnt die Bierbankphilister lächelten, und jetzt? Die Verbindung ist hergestellt; wenn der Weltkrieg nicht dazwischengekommen wäre, gäbe es heilte vielleicht schon Durchgangs Fahrkarten von London nach Kapstadt über Ägypten!

Wohl erkannt hatte den Wert Ägyptens für England, gerade mit Rücksicht auf Indien, bereits Baker, der Erforscher des Albert-Nyansa. In den Jahren 1861 — 1863 bereiste er jene Gegenden, und damals schon, also Jahrzehnte bevor England die ersten Schritte tat, sich in Ägypten, das damals noch ganz unter französischem Einfluß stand, festzusetzen, schrieb er: ,,Als die große Straße nach Indien ist Ägypten für England das wichtigste Land."

Seine Worte verhallten nicht ungehört, wer weiß, ob sie es nicht waren, die die englischen Staatsmänner auf die Besitzergreifung des Landes lenkten.

Dieser Forscher wußte, was sein Land brauchte.

Auch deutsche Weltreisende haben, als wir noch eine Weltmacht waren, auf gar manches hingewiesen, was uns not tat, auf Fehler aufmerksam gemacht, hier geraten, dort gewarnt. Doch ungehört blieb ihre Stimme, sie waren ja nicht ,,vom Fach". Besser wäre es gewesen, man hätte auf sie geachtet, wie es andere Länder getan haben, dann wäre unsagbares Unglück vermieden, vielleicht der Weltkrieg; zum mindesten hätten wir uns aber in der Welt nicht so viele Feinde gemacht. Doch nun ist es zu spät, hoffen wir, Haß kommende Geschlechter aus den Fehlern lernen. Wir aber wollen nach Afrika zurückkehren.

Als Gegenstück zur Kap—Kairo-Bahn war in Deutsch-Ostafrika von Daressalam der Schienenstrang nach dem Tanganjika-See schon weit vorgetrieben; jenseits des Sees hauten die Belgier durch Manjemaland zum Kongo, dessen Strom die Fortsetzung für die afrikanische Querbahn bilden sollte. Heute ist unsere Kolonie den Engländern zugefallen. Den Kongostaat besitzt noch Belgien, noch, denn einst wird der Tag kommen, an dem der englische Löwe auch diesen fetten Bissen überschluckt; er wird ihn leicht verdauen, und dann ist das gewaltige Verbindungskreuz, das Afrika vierteilt, in englischer Hand, dann ist das englisch-afrikanische Reich nicht mehr zu zertrümmern. Wer weiß, ob England, weitblickend wie es ist, nicht damit rechnet, dereinst Indien, aus dem es unermeßliche Schätze gezogen, zu verlieren. In Afrika bietet sich dann ein gewaltiges neues Betätigungsfeld für Jahrhunderte; wenn bis dahin die schwarze Rasse nicht ihr Haupt erhebt, erweckt durch die sinnlose Farbigenpolitik, die unsere Feinde getrieben haben. Selbstbestimmungsrecht verkündeten sie. Nun, fast sieht es aus, als wollten die Neger selbst bestimmen unter dem Losungswort: Afrika den Afrikanern!

Schon dämmert es, ab und zu flammen Wetterzeichen auf, noch sind es nicht Blitz und Donner, aber der Tag wird kommen. Dann können wir einmal zusehen, wie andere Völker sich zerfleischen. Dann wehre dich, Frankreich! Dann geht es um Sein oder Nichtsein! Deutschland wird aber dann seine Rechnung begleichen, Rache nehmen für die Demütigungen, die es hat hinnehmen müssen, als es nach dem Versailler Diktat, durch äußere Umstände gebunden, ohnmächtig war gegenüber den Anmaßungen Poincarés und Genossen.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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