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Nordwärts durch Unjoro zum Albert-See

Um nach dein Land unserer Sehnsucht zu kommen, gab es einen fast geraden Weg nordwärts durch Uganda und weiterhin durch das Königreich Unjoro. Das ist nicht eine alte Karawanenstraße, auch kein Eingeborenenpfad, sondern ein Weg, der ursprünglich angelegt ist, um den damals noch sehr jugendlichen englischen Kolonialminister Winston Churchill nordwärts zu führen. Ohne Rücksicht auf die Beschaffenheit der Landschaft läuft er schnurgerade über Berge und durch Täler, Pflanzungen und Graswildnisse.

In gewissen Zwischenräumen, etwa alle 30 Kilometer, befinden sich Rasthäuser, liier sind geräumige Plätze von allem Busch- und Graswerk gesäubert und aus Steppengras mehrere Häuser errichtet, für Europäer und ihre schwarzen Begleiter. Aber leider werden diese an sich sehr angenehmen Einrichtungen nicht nur von Europäerkarawanen benutzt, die naturgemäß recht selten die Straße ziehen, sondern auch von allen möglichen Eingeborenen, wenn nicht gerade ein Msungu, ein Weißer, in der Nähe ist. Sie schleppen nun mancherlei Ungeziefer ein, und so sind gerade diese als Wohltat für Europäer und namentlich für englische Beamte gedachten Plätze heute die Brutstätten für Zecken und Wanzen, die das furchtbare Wechselfieber übertragen. Will man, weil vielleicht die ganze Umgebung einen Urwald bildet, in dem es sich nicht lohnt, für eine Nacht in stundenlanger Arbeit durch Niederschlagen von Bäumen Platz für die Zelte zu schaffen, doch diese Rastplätze benutzen, so muß man vor allem den den festen Boden bedeckenden Staub und die Grasreste gründlich zusammenkehren. Wer sich die Mühe nimmt, dann auch nur einen Teil dieses Staubhaufens zu untersuchen, den wird eine gelinde Gänsehaut überlaufen beim Anblick der Unzahl von Zecken und ändern gefährlichen Krankheitsübertragern, die hier zusammengefegt sind. Dann macht man am besten Feuer an und verbrennt den ganzen Kehrichthaufen. Auf diese Weise bekommt man wenigstens einigermaßen Sicherheit, nicht selbst infiziert zu werden oder seine Leute drohender Krankheit auszusetzen. -

Teilweise sind die nun folgenden Märsche geradezu trostlos. Tagelang geht es durch etwa vier Meter hohes Elefantengras, das, einer grünen Wand gleich, rechts und links den Weg einschließt, keinen Einblick gewährt, keinem Lufthauch Durchzug gestattet. In der schmalen Gasse liegt dicke, dumpfe Luft, sumpfige Stellen sind geradezu Brutstätten der schlimmsten Fieberträger. Hin und wieder findet sich Elefantenkot, zum Entsetzen unserer Maultiere, die vor diesen gewaltigen, scharf duftenden Klumpen scheuen und nicht vorwärts wollen. Dann ist auch wohl zuweilen das Gras niedergewalzt, wie wenn eine große Maschine hindurchgegangen wäre. Hier haben sich die Elefanten mit ihren Riesenleibern Bahn gebrochen, für sie gibt es ja überhaupt kein Hindernis.

Gelegentlich aber öffnet sich auch wieder die Landschaft, gut angebaute Flächen bieten sich dem Auge, reich an Ertrag, saubere Dörfer, weiß gekleidete, höfliche Eingeborene tauchen auf, da und dort auch einmal Wild, aber wenig, meist nur Hartebeeste oder einmal ein Wasserbock.

Ab und zu begegnen uns Karawanen, sie kommen aus dem Norden, wohl vom Albert-See, bringen meist Elfenbein, zuweilen ganz gewaltige Stoßzähne, die unser Herz rascher schlagen lassen. Was muß es dort oben noch für Burschen geben!

Bergauf, bergab, immer weiter. Die Parklandschaft tritt mehr zurück, überaus fruchtbare, weit bebaute Flüchen, Bananenschamben reihen sich au Schamben, zwischen ihnen versteckt die Dörfer.

Und wieder ändert sich das Bild, nimmt mehr Steppencharakter an. Hier und dort erhebt sich eine mächtige Fächerpalme, eine weitausladende Kandelabereuphorbie, deren gelb leuchtende Blüten, die jeden der unzähligen aufrecht gerichteten Astarme krönen, dem sonst ernsten Gesamtbild eine freundlichere, lebhaftere Note verleihen.

Zahlreicher wird das Wild. Erstaunt zeigen unsere Träger auf dasselbe, als wir gar keine Anstalten zürn Schießen machten. Sie sind drüben in Englisch-Ostafrika durch das viele „Fleisch", das wir ihnen fast täglich gaben, verwöhnt.

,,Nyama, mingi sana (Sehr viel Fleisch)" hören wir immer wieder, wenn wir an den Leuten vorüberreiten. Aber es hilft ihnen nichts. Hier haben wir keinen Jagdschein, und den Leuten bekommt einige Wochen vegetarische Kost genau so gut wie uns.

Man darf nämlich durchaus nicht glauben, daß die Neger, zumal die am schwersten arbeitenden Träger, die tagaus, tagein ihre sechzig Pfund sechs bis zehn Stunden tragen — denn zuweilen dauern die Märsche, die sich in der Wildnis nach dem Wasservorkommen richten, recht lange —, an Fleischkost gewöhnt sind. Im Gegenteil. Ihre eigentliche einzige Mahlzeit ist ein mit Fett versetzter Brei aus Reis und Mehl. Das ist ihre Kost, die sie täglich essen. Damit halten sie vierundzwanzig Stunden aus. Das Erstaunliche dabei ist, daß sie aber nicht etwa zu verschiedenen Tageszeiten, sondern mir einmal am Tage essen, und zwar erst am Abend, nachdem sie die oft gewaltigen, anstrengenden Märsche zurückgelegt haben. Den ganzen Tag über genießen sie im allgemeinen nichts.

Gibt es Fleisch, was ja bei Jagd- und wissenschaftlichen Expeditionen oft im Überfluß der Fall ist, so können sie allerdings hiervon Unmassen vertragen. Man macht sich hiervon keinen Begriff. Sie schlingen es pfundweise herunter. Selten denkt einer an kommende schmalere Tage und trocknet sich einen Teil auf Vorrat. Ich habe erlebt, daß ein einziger Mann binnen vierundzwanzig Stunden einen ganzen Leoparden aufaß. Ein anderes Mal vertilgte ein Wandorobbo, der mich auf der Jagd begleitete, die Keule eines ganzen Hartebeestes, also soviel wie eine große Kalbskeule, so nebenbei zum Frühstück gelegentlich einer kurzen Rast.

Scheußlich ist es zuweilen, die Leute zu beobachten, wenn sie ein Stück Wild, das, vielleicht angeschossen, nach Tagen eingegangen ist, auf der Steppe finden. Oft sind schon zwanzig bis dreißig Geier daran, Schakale und Hyänen reißen sich um die Fleischfetzen, und die Träger vertreiben das Gesindel und reißen oder schneiden die übriggebliebenen stinkenden Fleischreste von den Rippen, machen den Aasfressern ihr ekles Mahl streitig. Nicht einmal, nein, wiederholt habe ich das gesehen. —

Keine Grenzpfähle haben uns die Stelle bezeichnet, wo die Grenze von Uganda gegen Unjoro hin verläuft, und doch haben wir sie gemerkt an den sich verschlechternden Wegen. Sind sie schon in den letzten Tagen mangelhafter geworden, namentlich, seitdem wir den Bezirk des tüchtigen Ministers Apollo hinter uns haben, so werden sie es weiterhin noch viel mehr. Hier zeigt sich so recht, wie furchtbar schädigend die Tropenregen auf Straßen wirken, wenn diese nicht ständig wieder in Ordnung gebracht werden. Tief ausgefressen sind sie an vielen Stellen durch Wasserrinnen, teilweise, namentlich an steileren Hängen, sogar abgestürzt.

Ab und zu bekommen auch wir so einen nassen, kräftigen Guß. Denn wir sind am Ende der kleinen Regenzeit. Uns macht es nicht allzuviel aus, aber die Träger tun uns leid. Auf ihren glatten nackten Sohlen oder Sandalen rutschen sie, auf abschüssigen Wegen wie auf Schneeschuhen, und manch einer rollt mit seiner Last zur allgemeinen Freude den Berg hinab, um drunten in irgendeinem Sumpf zu „landen".

Kigoma ist das letzte Dorf, bei dem wir rasten. Dann marschieren wir mit wehender Fahne in geschlossener Marschkolonne in Hoima ein, der Residenz des Königs Endoreja von Unjoro.

Viele Reisende berichten in ihren Büchern alle paar Seiten, daß sie heute bei dem, morgen bei jenem Neger-"könig" oder „Sultan" gewesen sind. Hierdurch ist in den Köpfen recht vieler unserer Mitmenschen eine ziemliche Verwirrung entstanden, denn sie glauben, daß diese Schwarzen wirklich derartige Stellungen einnehmen. Das ist ein großer Irrtum. Wenn ,,Sultan" steht, so kann man getrost ebensogut „Dorfschulze" setzen, denn mehr haben die Herren nicht zu bedeuten. Auch die Könige sind meist nicht weit her. Natürlich gibt es auch solche, denen man einen derartigen Rang, allerdings gegenüber unsern Verhältnissen in stark verkleinerter Form, zusprechen kann. Die Bezeichnung Fürst würde bei den „Königen" meist vollauf genügen. Dies trifft namentlich für Ost- und Westafrika zu. Denken wir doch, wie lächerlich es war, daß dem ,,King" Bell, irgendeinem Kameruner Dorfschulzen, das Berliner Militär in Parade vorgeführt wurde, und dieser ,,König" trieb sich dann nachts in Vergnügungsstätten zweifelhaftesten Rufes herum.

Etwas anders liegen oder lagen die Verhältnisse in Mittelafrika. Hier gab es zur Zeit der großen Entdeckungen, als dort Speke, Livingstone, Baker, Stanley, Emin-Pascha, Peters, Junker u. a. m. reisten, wirkliche Könige, deren Beziehungen und Machtbefugnisse weit reichten, die wirklich große Reiche beherrschten. Doch ihre Macht war großenteils schon damals durch die besser bewaffneten Karawanen der arabischen Händler sehr beschnitten, vielfach waren sie geradezu deren Werkzeuge und wurden gegen die Weißen ausgespielt, denn von den Europäern drohte den Sklavenjagden, dem Menschenhandel, auf dem der arabische Handelsbetrieb, die Macht der Negerfürsten aufgebaut war, die grüßte Gefahr. Nicht mit Unrecht fürchteten und bekämpften sie diese, und tatsächlich brach ja die Antisklavereibewegung schließlich ihre Macht vollkommen.

Heute gibt es mir noch wenige wirkliche eingeborene Fürsten, aber vollkommen selbständig ist keiner mehr, jedem ist in Gestalt eines Residenten ein Europäer zur Seite gestellt, der ihn ,,berät", in Wirklichkeit aber das Schiff der Regierung so lenkt, wie es die Macht, unter deren Schutzherrschaft — wie es so schön heißt — das Land steht, wünscht und für tunlich hält.

Einen der letzten derartigen Fürsten lernten wir in Endoreja, dem König von Unjoro, kennen. Er war ein würdiger Nachkomme des einstigen mächtigen Beherrschers jenes reichen Landes, Kamrasis, des Fürsten, um dessen Geneigtheit sich alle: Speke, Baker, E min und Stanley bemühen mußten, wollten sie überhaupt etwas erreichen.

Unjoro liegt südöstlich des Albert-Sees, zieht sich hin bis zum Einfluß des Nils und wird im Südwesten durch den Semliki, den Zufluß des Albert-Sees, begrenzt, südlich hat es mit Uganda die gemeinsame Grenze.

Eingeführt wurden wir bei dem König durch Mr. Johnston, einen englischen Missionar, der sehr weit gereist, sogar bis zu den Pygmäen im Kongostaat vorgedrungen war und eine Reihe dieser einst so berüchtigten, als heimtückisch verschrienen Zwerge zum Christentum bekehrt hatte. Von seinem Beruf hatte er eine sehr vernünftige Auffassung. Er sagte: es kommt nicht so sehr darauf an, möglichst viele Bekehrungen in die Heimat zu melden, als vielmehr die tief stehenden Völker nach Möglichkeit zu heben, ihnen Bedürfnisse beizubringen, den Sinn für Besitz, ohne den es keinen Trieb zur Arbeit, zum Erwerb gibt, zu wecken. Nach diesem Grundsatz handelte er, und wir konnten feststellen, daß die ihm anvertraute Bevölkerung einen ganz ändern Eindruck machte als die Christen im alten Reich Uganda, wo alles mehr äußerlich war, es mehr auf umgehängtes Kreuz und Rosenkranz und Bibellesen als auf Arbeiten ankam.

In würdiger, entgegenkommender Haltung begrüßte uns der Herrscher. Er war ein Mann von etwa dreißig Jahren, vornehm in Bewegung, würdevoll, ohne zu posieren. Gekleidet war er nach arabischer Art in einen dunkelblauen seidenen, bis zu den Füßen reichenden, über weißen Unterkleidern getragenen Mantel, der mit breiter Goldstickerei und Borte geziert war. Strümpfe und sehr gute gelbe Schuhe vervollkommneten die Kleidung. Der Kopf war mit einer kleinen weißen Kappe bedeckt, wie wir sie von den Bildern der Dogen von Venedig kennen.

Diese Kappen sind sehr sauber und merkwürdig gearbeitet, sie sind übrigens in Ost- und Mittelafrika weit verbreitet. Sie bestehen aus doppeltem Baumwollstoff mit einem viellochigen Muster. Diese Löcher werden doppelreihig umstickt, und dann wird sehr sorgfältig zwischen die beiden Stofflagen in den Zwischenraum der Doppelnaht ein schwarzer Zwirnsfaden eingezogen. Dieser schimmert durch und gewährt dem Ganzen ein sehr wohlgefälliges Aussehen.

Einen Nachmittag verbrachten wir als Gäste des Königs in seinem sehr schön gebauten Strohpalast, dessen Einrichtung aber vollkommen europäisch war, mit Möbeln, Stühlen, Bildern, Geschirr und Tischzeug, auch der Tee wurde nach europäischer Art aufgetragen.

Um ihm und dem Volk unsererseits etwas Besonderes zu bieten, ließen wir Luftballons steigen. Wir hatten eine ganze Anzahl davon mitgebracht, die aus Seidenpapier gefertigt waren und Menschen sowie Tiergestalten darstellten. Mit einer Spiritusflamme wurden sie angeheizt und bekamen hierdurch den nötigen Auftrieb. Dabei hätte sich beinahe ein großes Unglück ereignet. Einer der Ballons wurde durch einen tückischen Luftstrom gegen das Strohdach des Palastes getrieben, flammte auf, und nur unserm schnellen Zugreifen war es zu danken, daß das stolze Gebäude nicht in Flammen aufging. Das wäre eine recht peinliche Geschichte gewesen. Man sah übrigens bei diesem Zwischenfall, was doch geistige Überlegenheit in bezug auf schnelles Handeln ausmacht. Im Augenblick, als der Ballon auf das Haus zutrieb, sprangen wir drei sofort zu, während keiner der Eingeborenen auch nur eine Hand rührte, auch nicht, als die Papierhülle am Strohdach aufflammte. —

Das Interessanteste während unseres Aufenthaltes war eine Gerichtssitzung, der wir in Gegenwart von Mr. Johnston beiwohnten, der uns alle Reden übersetzte. Diese selbst fesselten uns nicht so sehr als das eigenartige, eindrucksvolle Bild. Schon die Halle selbst verblüffte. Ein riesiger, gewölbter Raum nahm uns auf. Erst glaubten wir, daß die Wände und Decke ganz vergoldet wären, bis wir merkten, daß alles mit gelbschimmerndem Bambusholz ausgeschlagen war.

Auf einem goldenen Thron, erhöht über den ändern, saß Endoreja, rechts und links von ihm seine Ratgeber, meist ältere, würdige Männer, die er alle Augenblicke befragte. Vor ihm, als Zeichen der Königswürde, war ein Leopardenfell ausgebreitet. Schreiber saßen ihm zu Füßen, folgten aufmerksam der Verhandlung, auf jedes seiner Worte achtend, denn nicht nur zu Gericht saß der König, sondern gleichzeitig diktierte er mehrere Briefe. Ununterbrochen kamen Boten mit Nachrichten. Nachdem er sie gelesen, reichte er sie meist einem älteren Ratgeber, besprach sich kurz mit ihm, diktierte die Antworten, und nach kürzester Zeit verschwanden die Läufer wieder, oft um die Briefe in die fernsten Teile des weiten Reiches zu tragen. Eines gab es jedenfalls in Unjoro nicht: den Instanzenweg, man sieht hierin einen Fortschritt gegenüber wohl allen weißen Völkern, — aber — das sind ja nur Schwarze!

Bei der ganzen Bevölkerung schien recht großes Interesse für diese Gerichtssitzungen zu bestehen, denn ,,das Haus war besetzt" wie in Berlin bei Verhandlung über ein ganz besonders schönes gruseliges Verbrechen. Den ganzen Vormittag hatte der König hier zu arbeiten. Dann ging er unter Pauken, Saitenspiel und Flötenklang, begleitet von seinem in lange weiße Gewänder oder europäische Tracht gekleideten Hofstaat in den Palast zurück.

Wir finden hier also im Gegensatz zu allen ändern Gegenden nicht nur eine Anlehnung an die Begleitung, wie sie bei den ägyptischen Königen Brauch war, sondern wie sie auch in der Bibel immer hervorgehoben wird. Mithin einen uralten Brauch, der mit Sicherheit aus dem Norden übernommen, wahrscheinlich sogar von dort mitgebracht ist, denn aus nördlicheren Gegenden stammen, wenn nicht die ganzen Völker selbst, so doch mit Sicherheit die Großen des Landes und namentlich die Könige.

Üppigste Fruchtbarkeit herrscht ringsum, Pflanzungen und saubere Dörfer liegen allenthalben, soweit das Auge reicht. Aber leider ist das sonst so gesegnete Land ungemein ungesund. Als ein englischer Offizier an einem der Nachmittage von mehrmonatigem Urlaub aus Europa zurückkehrte, war seine erste Frage: „Wer ist inzwischen gestorben?" Nach dem Gesundheitszustand der ändern, wie es doch sonst gebräuchlich ist, fragte er gar nicht, denn daß er schlecht, war selbstverständlich.

Da erfuhr er, daß am Tage vor unserer Ankunft die Frau eines jungen Arztes in einer kleinen Station am Albert-See gestorben war. Ihr Mann war zu einem Araber gerufen worden, der auf der Elefantenjagd schwer verwundet war, und als sie spät am Abend das Licht seines nahenden Bootes über den See schimmern sah, wollte sie ihm, ohne erst den verschlafenen schwarzen Koch zu wecken, noch schnell etwas zu essen bereiten. Dabei war sie von Wechselfieberzecken gestochen worden. Diese widerlichen Tiere ruhen bei Tage im Staub der Hütten, bei Nacht aber werden sie beweglich, und so war offenbar eine von ihnen der Frau angekrochen. Die Stiche hatte sie wohl nicht weiter beachtet — man wird in Uganda ja täglich soviel gestochen —, aber nach einiger Zeit kam die furchtbare Krankheit zum Ausbruch, der sie erliegen sollte wie so viele andere vor und nach ihr.

Diese Geisel von Uganda ist noch mehr gefürchtet, als Malaria und Ruhr, die beide auch jahrein, jahraus ihre Opfer fordern: wegen der Nebenerscheinungen. Es sind dies namentlich Gesichtslähmung und schwere Regenbogenhautentzündung. Man stelle sich diese letztere Krankheit, die der mit ihr verbundenen starken Lichtscheu wegen schon in Europa sehr lästig ist, in dem sonnendurchfluteten Uganda vor, wo es doch auch keine kühlen dunkeln Häuser gibt, in die man flüchten könnte.

Für unsere Leute gab es hier in der reichen Königstadt nur Festtage. Die Wogen der Begeisterung gingen allabendlich hoch, und als wir abmarschierten, führte gar mancher einen ,,Kater" mit, der sich aus einem „Affen" entwickelt hatte. Auch ich hatte einen Affen, der lange bei mir blieb, aber einen lebenden: Fips, den Husarenaffen.

Ihm möchte ich liier einige Zeilen widmen, denn das Tier hat mir manche frohe Stunde bereitet, namentlich wenn ich gelegentlich mißgestimmt war. Eines muß ich vorweg richtigstellen: es war kein Affe, sondern eine Äffin, und das erklärt manches, namentlich die Anhänglichkeit und Zutraulichkeit, denn im allgemeinen sind gerade die Husarenaffen als unwirsche, unzugängliche Burschen verschrien.

Fips war eine Ausnahme, sie hing mit zärtlicher Liebe an mir. Auf Märschen wurde sie streckenweise getragen, kam sie aber in meine Nähe, so riß sie sich los, saß im nächsten Augenblick bei mir mit auf dem Maultier oder sprang mir in den Schoß. Auffallend war die Abneigung gegen das weibliche Geschlecht. Wehe, wenn einmal eine Frau mit mir sprach. Sofort brach die Eifersucht bei Fips in einem derartigen Grade durch, daß es geradezu gefährlich war, und mit aller Kraft mußte ich das Tier zurückhalten, damit es kein Unheil anrichtete. Ich selbst konnte mit ihm machen, was ich wollte. Benahm sich Fips einmal ungehörig, hatte sie sich über meine photographischen Platten gemacht, die deshalb besonders ihr Interesse fesselten, weil man sich in den Glasplatten so schön spiegeln konnte, oder hatte sie einen gerade offenstehenden Koffer einer gründlichen Durchsicht unterzogen, so gab es natürlich Prügel, und zwar kräftig. Aber erst mußte ich sie fangen, doch das war nicht ganz einfach, denn sie wußte ganz genau, was ihr bevorstand. Zwar war an ihrem Gürtel eine lange Leine befestigt, die nachschleifte und auf die ich trat, um so der Ausreißerin leichter habhaft zu werden, aber das gelang mir nur einmal, dann hatte Fips den Trick begriffen und verstand von Stund an mit fabelhaftem Augenmaß den Abstand zu wahren.

Hatte ich das Tier erst gefangen, so ergab es sich in sein Schicksal, nachdem es anfangs durch wildes „Gegecker", Zähnefletschen und Augenauf reißen mich hatte schrecken wollen. Mit festem Griff hielt ich die Sünderin im Genick, drückte sie nieder, und nun gab es etwas. Nicht ein einziges Mal hat das doch recht starke, mit außerordentlich gefährlichem Gebiß bewehrte Tier versucht, sich zu verteidigen oder gar zu beißen. Ab und zu aufschreiend, empfing es die Schläge, und ließ ich das Tier dann los, so strich es vor allem das in Unordnung geratene Fell glatt, rieb sich wohl auch die schmerzenden Stellen, dann aber kam, sobald die physische Pein vorüber war, die seelische. Wie ein bettelndes Kind kam Fips, schüchtern, jeden Augenblick zur Flucht bereit, namentlich wenn der gefürchtete Kiboko noch in der Nähe lag, heran, und es dauerte gar nicht lange, so zupfte sie mich am Rock und sprang mir auf den Arm, herzte mich und bat.

Nachts schlief Fips, wenn das Wetter es irgend erlaubte, sitzend auf dem First meines Zeltes, bei Sturm drückte sie sich ganz flach auf das Dach.

Nach einiger Zeit erstanden wir noch einen weiteren, jüngeren Husarenaffen, mit dem Fips anfangs in bitterer Feindschaft lebte, bis der Kleine einmal von einem Hunde angenommen und gebissen wurde. Da brach in dem größeren das Zugehörigkeitsgefühl durch; er riß derartig an seiner Leine, daß er sich erwürgt haben würde, wenn ich ihn nicht losgelassen hätte. Im nächsten Augenblick saß er dem Hund im Genick, der kleine Affe kam dadurch frei, und nun nahmen die beiden Affen sich den Hund vor, daß es wohl um ihn geschehen gewesen wäre, wenn wir nicht eingegriffen hätten. Seitdem waren die Affen dicke Freunde, ein Hund durfte sich nie wieder in ihre Nähe wagen. —

Nach zwei Marschtagen durch allmählich immer öder werdende Landschaft, die sichtlich unter großer Dürre litt, erreichten wir Butiaba am Albert-Nyansa, dessen Spiegel uns schon beim Überschreiten eines Bergzuges entgegengeblitzt hatte. Butiaba selbst liegt sehr hübsch auf einer in den See vorspringenden Landzunge. Aber es hat seine Nachteile. „Hier sticht jedes Insekt", sagte uns der als Postmeister angestellte Inder. Deshalb begrüßten wir den ständig wehenden Wind, der uns wenigstens einigermaßen vor den Plagegeistern schützte. Als vorsichtige Männer hatten wir aber in Erwartung dessen, was uns bevorstand, aus festem Tüll ein besonderes moskitosicheres Zelt anfertigen lassen. Dieses bewährte sich hier und namentlich später an den großen Nilsümpfen, wo die Luft von Moskiten geradezu erfüllt war, ausgezeichnet. Da saßen wir am Abend bei Lampenschein, der Hitze wegen möglichst leicht gekleidet, und draußen klebten, ich möchte sagen: mit hungrig heraushängenden Zungen die bösen Feinde an dem feinen Gewebe und konnten nicht an uns heran. Ging es dann ins Bett, so ließen wir die Lampe brennen, liefen möglichst schnell ins Schlafzelt, zogen uns im Dunkeln aus und schlüpften nackt unter das ums Bett gespannte Netz, drinnen erst zogen wir den Schlafanzug an, denn hätten wir das draußen getan, so würden wir mit Sicherheit einige von den Bestien mit ins Bett gebracht haben, und es dauert dann immer einige Zeit, bis man sie erschlagen hat.

Wie schon früher erwähnt, überträgt diese Anophelesmücke die Malaria, und um uns vor dieser zu schützen, dein Gift nach Möglichkeit durch Vorbeugen die Kraft zu nehmen, schluckten wir mehrmals wöchentlich Chinin. Angenehm ist das nicht gerade, aber bekömmlich. Leider hat es neben Ohrensausen und einer Art Rauschzustand, den es bei längerem Gebrauch erzeugt, die unangenehme Eigenschaft, daß es sehr erschlaffend auf die Spannkraft wirkt. So konnte ich es nach Tagen, an denen ich eine größere Dosis Chinin genommen hatte, nicht wagen, auf Elefantenjagd zu gehen, denn da muß man ganz Herr seiner Nerven sein, da darf die Hand nicht etwa zittern. Mit einem Elefanten, namentlich einem angeschossenen, ist nicht zu spaßen. Die Tiere sind sehr groß, und unsere Kugel doch recht klein, außerdem ist der tödliche Punkt beim Elefanten im Falle eines Angriffes nicht leicht zu treffen, denn das Gehirn ist unverhältnismäßig klein, liegt außerdem so tief in dem gewaltigen Schädel eingebettet, daß es, je nach Haltung des Kopfes, eine ganz verschiedene Lage hat. Wenn ein Elefant angreift, was meist auf sehr kurze Entfernung geschieht, denn vielfach begegnet man diesen Riesen im dichtesten Walde, so ist das immer eine heikle Sache. Der friedliche Jumbo im Zoologischen Garten, der artig mit einem Kratzfuß um etwas Brot bettelt, ist ein ganz anderes Tier als der gewaltige Rüsselträger der Wildnis. Wer das nicht vorher weiß, der merkt es in dem Augenblick, wenn er zum erstenmal diesem streitbaren Gegner, womöglich im Urwald, auf wenige Schritt gegenüber steht. Bei jedem andern Wild kann man im allgemeinen sicher sein, es im Angriff wenigstens aufzuhalten — vorausgesetzt, daß man nicht vorbeischießt —, bei dem Elefanten ist das selbst dem besten Schützen nicht immer möglich, sonst würden durch dieses edelste Wild nicht so viele weiße Jäger, von den unzähligen schwarzen Opfern gar nicht zu sprechen, umgebracht worden sein.

Doch wir sprachen ja von einem kleineren Feind, den Moskitos. Zu ihnen gesellte sich hier in Butiaba ein anderer, mächtigerer: der Sturm.

Wir machen uns im allgemeinen in der Heimat gar keinen rechten Begriff von den Unwettern, die es in den Tropen gibt. Wie dort ja überhaupt vieles ins riesenhafte, vergrößert ist, z. B. die Fruchtbarkeit mancher Gegenden (hat doch Birma zuweilen vier Reisernten in einem Jahre), so die Krankheiten, so auch die Wettererscheinungen. Wenn in Europa ein Wolkenbruch niedergeht, von dem alle Zeitungen des Reiches berichten, so würde das, nach dem Maßstab der Tropen gerechnet, dort kaum als starker Regen angesprochen werden. Die Gewitter bilden eine ununterbrochene Folge von Blitzen und gewaltigen Donnerschlägen, sechzig und mehr Blitze in der Minute sind zur Unwetterzeit etwas Alltägliches. Geht ein sogenannter „Tornado", ein Wettersturm, über das Land, so ist es in wenigen Sekunden in einen gewaltigen, unübersehbaren, schäumenden See verwandelt, die kleinsten Bäche schwellen zu reißenden Strömen von gewaltiger Ausdehnung an, die Baumriesen, Hütten, Vieh und ertrunkene Menschen mit sich führen. Und dazu peitscht ein brüllender Sturm über das Ganze, daß man nichts als sein Heulen und Brausen, sein Pfeifen und Sausen vernimmt. Eine Verständigung von Mensch zu Mensch ist ausgeschlossen, seihst wenn man dem ändern ins Ohr schreit. Kaum ist es möglich, sich auf den Beinen zu halten; was nicht außerordentlich fest ist, wird mitgerissen. Dabei setzen diese Unwetter oft mit fabelhafter Geschwindigkeit ein. Nur eine schwarze heranjagende Wolke verrät sein Nahen, ein schwarz grauer Vorhang scheint zur Erde herabzuhängen, kommt in fliegender Eile näher, sich kurz vorher durch ein eigentümliches, klagendes Heulen ankündend.

Mit einem Schlag fegt dann das Unwetter in einem gewaltigen Stoß als Auftakt über das Land, bricht nieder, reißt mit sich. Klatschend setzt der Regen ein, eine kurze Pause im Anprall, dann ein neuer, mit größerer Wucht geführt. Fast bis zur Erde neigen sich die Palmen, Bäume, die widerstehen wollen, werden geknickt oder entästet, wenn nicht gar entwurzelt. Man macht sich keinen Begriff von diesen Gewalten. Ganze Wälder sah ich so niedergemäht, als ein wildes Durcheinander von glänzenden Blättern, zerbrochenen Ästen, Stämmen und zum Himmel ragenden Wurzeln, ein Bild des Jammers.

Auch uns packte hier am See ein solcher Wettersturm. Mit einem einzigen Ruck war das Sonnensegel meines Zeltes, das aus bestem, dickem Segeltuch gefertigt war, in zwei Hälften gerissen und Hunderte von Metern weit entführt. Das Zelt selbst brach in sich zusammen, die fast armstarken Stützen zersplitterten wie Streichhölzer. Ein Glück war es, daß die Wände durch vollgepackte Kisten beschwert waren, sonst wäre das ganze Zelt davongeflogen. Ich selbst lag unter den Trümmern, mit den Beinen dem Regen und Wind preisgegeben, denn anfangs konnte ich mich in der rabenschwarzen Nacht nicht aus dem Gewirr von niedergebrochenem Zelt, zerrissenem Moskitonetz und den Trümmern meines Bettes herauswinden.

Ungeachtet des Wassersturzes packte ich, nur mit dem Schlafanzug bekleidet, noch mehr Kisten auf das Trümmerfeld. Eine Laterne brauchte ich nicht, für Licht sorgten die unzähligen, sich ohne Pause ablösenden Blitze.

Meine Fips war verschwunden, anfangs fürchtete ich schon, es sei ihr etwas zugestoßen, aber am Morgen kam sie unter den Zeltbahnen hervorgekrochen.

Böse sah es im Lager der Träger aus. Deren Zelte waren leichter als die unsrigen, und so hatte sie der tückische Sturm großenteils mitgenommen. Bei Tagesanbruch fanden wir, oft Hunderte von Metern entfernt, die weißen Fetzen in den Bäumen oder Büschen wieder, aber viele waren ganz verschwunden; diese hattet) sich wohl die umwohnenden Eingeborenen angeeignet.

Für später war uns dieser Sturmüberfall aber eine Lehre. Wir verließen uns gar nicht mehr darauf, die Zelte möglichst fest am Boden zu verankern, das nützte doch nichts, sondern sobald die schwarze Wand sich zeigte, mußten zwanzig Mann sich an jedes Zelt hängen, bis wieder Kühe in der Natur eintrat. Dabei konnten wir uns erst den richtigen Begriff von der ungeheueren Gewalt des Sturmes machen, denn oft wurden die Männer mit dem Zelt geradezu hochgehoben.

Ganz schlimm muß es sein, wenn man von einem solchen Unwetter auf dem See überrascht wird. Einmal wäre es uns beinahe auf dem Baringo-See in Englisch-Ostafrika geschehen, aber gerade noch rechtzeitig konnten wir eine Insel anlaufen, das Boot an Land ziehen und uns darunterlegen, abwarten, bis wieder dir Sonne am Himmel erschien. Wäre uns das nicht gelungen, so hätten die Krokodile sicher einige fette Bissen bekommen. Noch als sie uns ganz nahe am Wasser regungslos unter dem deckenden Fahrzeug liegen sahen, schwammen sie immer um uns herum, fast auf greifbare Nähe.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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