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Nilfahrt

Der Abschied von unsern Leuten brachte uns die letzte Enttäuschung auf diesem so rätselreichen Kontinent. Wir hatten sie abgelohnt, reichlich beschenkt - jeder erhielt ein volles Monatsgehalt besonders ausgezahlt —, doch keiner hatte ein Wort des Dankes. Im Gegenteil! Verschiedene, namentlich der Njampara, der Führer, fing noch an zu betteln, wollte gleich noch ein Zelt geschenkt haben und anderes mehr. Keiner unserer Gewehrträger, die draußen so oft mit uns in Gefahr gewesen waren, verabschiedete sich. Stumpf wie Tiere, schlimmer als solche liefen sie davon, zählten ihre Rupien nach. Wir waren für sie von diesem Augenblick an Luft. Ja, sie weigerten sich sogar, als wir unser Gepäck auf das Schiff gebracht haben wollten, diesen letzten Dienst zu verrichten, trotz der angebotenen Bezahlung. Die Safari war zu Ende. Damit hatten sie für unser Wohlergehen kein Interesse mehr. Ich möchte aber zur Rechtfertigung der Schwarzen im allgemeinen gleich hier sagen, daß ein solches Benehmen zu den Ausnahmen gehört. Auf einer späteren Expedition nach Deutsch-Ostafrika hatte ich meinen alten Ali, der von dieser Reise krankheitshalber frühzeitig nach Hause gemußt hatte, mit, und er benahm sich ganz anders. Nicht nur, daß er alle seine Obliegenheiten immer tadellos verrichtete, sorgte er auch in rührender Weise für meine Frau, wenn sie mich einmal nicht in die Steppe begleitet hatte und im Lager geblieben war. Als es aber hieß Abschied zu nehmen, da weinte der gute Kerl wie ein Kind, und von späteren Reisenden hörte ich wiederholt, mit welcher Verehrung und Anhänglichkeit er immer von uns gesprochen hat.

Auch während des Krieges in Ostafrika haben die „Mohren" nicht nur Wunder der Tapferkeit und Aufopferung für ihre deutschen Herren verrichtet, ja, sie, haben, vielfach als diese in Gefangenschaft gerieten, noch auf alle mögliche Weise versucht, ihnen behilflich zu sein. Viele schreiben noch heutigestags an sie.

Unsere Träger traten nun, wie gesagt, von Gondokoro unter Führung des Njampara den langen Rückmarsch in die Heimat an. Mit leichtem Gepäck, aber reich an Rupien, denn nur ein kleiner Teil hatte seine Schätze der Post zur Beförderung in die Heimat anvertraut, zogen sie los. Nilaufwärts, dann quer durch Uganda bis Entebbe am Viktoria-See, von hier mit dem Dampfer nach Port Florence und dann mit der Bahn in die Heimat, das war der Plan. Aber wie wenige werden ihn glatt durchgeführt haben. Mancher wird hier und dort hängengeblieben, andere ihrer Reichtümer beraubt im Busch erschlagen sein.

Wir selbst nahmen von der ganzen großen Schar nur unsere persönlichen Diener auf der Nilfahrt mit. Sie freuten sich wie die Kinder (sind es ja eigentlich auch) auf Khartum, die Stadt, die für einen Schwarzen den Inbegriff alles Großartigen darstellt. Welche Wunder sie dort zu finden hofften, wußten sie zwar selbst nicht anzugeben, aber gerade das Unbekannte lockt ja immer ganz besonders.

Endlich war alles an Bord. Die Unzahl Kisten und Ballen war verstaut, Betten und Tische aufgestellt, die Plätze auf dem Schiff verteilt. Wir warfen los, gerade als der Regierungsdampfer sein Nahen durch lautes Geheul ankündigte. Fröhlich traten wir die Fahrt an. Uns hatte sehr viel daran gelegen, rechtzeitig wegzukommen, denn, wie schon früher erwähnt, sind die Holzstationen, auf welche die Dampfer zur Ergänzung ihres Feuermaterials angewiesen sind, nie überreichlich mit Brennstoff versehen. Wer also zuerst anlegt, bekommt zuerst. Aus diesem Grunde war der Vorsprung vor dem von Cook gemieteten Gouvernementsdampfer für uns so wertvoll.

Das Leben an Bord war geradezu ideal. Den Raum an Deck hatten wir unter uns verteilt. Jeder hatte seinen genau umgrenzten Platz, auf dem er packen und hantieren konnte. So kam keiner dem ändern ins Gehege, was einerseits der Reichhaltigkeit und des Umfanges unseres persönlichen Gepäckes wegen von Wichtigkeit war, aber auch aus einem ändern Grunde: Wie schon erwähnt, hatten wir Affen mit, und diesen an „Betätigung" gewöhnten Tieren mußten wir ja doch einigen Spielraum geben. Da außer dem von uns verteilten kein Platz war, die Tiere auch nicht ständig auf dem Oberdeck in der glühenden Sonne sitzen konnten, so banden wir sie in den zugeteilten Packbezirken an. Wohlweislich war durch die Länge der Leine dafür gesorgt, daß keiner dieser immer zu Bosheiten aufgelegten Burschen in das Reich des ändern herüberreichen konnte. Wer aber seine Sachen unvorsichtigerweise etwas über die Grenzlinien hinaussetzte, tat es auf eigene Gefahr.

Fips, mein schöner Husarenaffe, benahm sich meinen Sachen gegenüber merkwürdig artig, kaum, daß er einmal etwas näher untersuchte oder gar zerriß. Nur Bücher, deren Seiten im Winde flatterten, zogen ihn geradezu magnetisch an, und bekam er sie, so wurden sie zerlegt. Nun hatte einer meiner Gefährten schon ein paarmal, weil er mit dem ihm zustehenden Raum nicht auskam, Gegenstände in meinen Bezirk hinübergestellt, unter anderm eine braune Steingutflasche von beträchtlichem Umfang, obgleich ich ihn vor meinem Fips gewarnt hatte. Aber er glaubte, daß der Affe nicht bis dorthin reichen könnte. Nun wollte es das Unglück, daß der gute Fips beobachtet hatte, wie mein Freund aus bewußter Flasche eine schwarze Flüssigkeit in das Tintenfaß goß und daß ein paar herabfallende Tropfen schöne schwarze Flecke auf das weiße Deck gemacht hatten. Das war für ihn ein Fall, der sein höchstes Interesse wachrief. Solange wir dabei waren, saß er hübsch artig auf der Reling, schaute unserer Arbeit oder vorüberfliegenden Vöglein zu, schnitt einem auftauchenden Flußpferd eine Grimasse oder geckerte wütend beim Anblick eines auf einer Sandbank liegenden Krokodils. Immer wieder versicherte er sich aber durch einen schnellen Blick, daß die bewußte Flasche noch an ihrem Platze stand.

Im Eifer des Packens und bei der Hitze, in der man sowieso den Geist nicht gern unnötig anstrengte, hatten wir nicht weiter an Fips und das, was er tun könnte, gedacht, sondern begrüßten es mit Freuden, als der Diener meldete:

Chakula tayari." (Das Essen ist fertig.) Nun konnten wir einmal ausruhen. Behaglich streckten wir uns nach vollbrachter Mahlzeit in den Liegestühlen, die Zigaretten brannten, und der Kaffee duftete. Wir fühlten uns wieder einmal restlos wohl. Da kam Brinji gestürzt mit dem Schreckensruf:

Fips hat die Tintenflasche!"

So schnell sind wir wohl auf der ganzen Reise nicht vom Tisch aufgesprungen, namentlich mein Freund, der Besitzer des Liters Tinte, rannte voraus. Ich rief ihm noch zu:

Laß ihn, jage ihn nicht, sonst gibt es ein Unglück, ich komme!" Doch zu spät. Schon hatte mein Freund den langen schwippigen Kiboko in der Hand und wollte Fips fassen. Der ahnte Böses, denn aus Erfahrung wußte er, wie häßlich die Peitsche brennt. Er flüchtete, soweit die lange Leine, an der er befestigt war, es zuließ.

Doch die entkorkte große Flasche hielt er fest. Ehe ich es hindern konnte, hatte Fips einen Jagdhieb weg, und blitzartig folgte seine Rache, im weiten Bogen spritzte er die Tinte über das Deck, und als der zweite Hieb auf sein rotes Fell sauste, da warf er die Flasche zwischen die Sachen meines Freundes, hübsch an ihren Platz! Kreiselnd drehte sich das verderbenspritzende Wurfgeschoß um sich selbst, und im nächsten Augenblick waren die schönen gelben Lederkoffer „gemustert", wie man es nicht gerade schätzt. Alles das geschah innerhalb zweier Sekunden. Im nächsten Augenblick eilte Fips mit großen Sprüngen wie hilfesuchend auf mich zu, geckerte, als wolle er sich über die ihm widerfahrene ungerechte Behandlung beklagen, und fletschte die Zähne nach meinem Freund.

Doch Strafe mußte sein, Fips bekam nach einer Tracht Prügel einen ändern Platz, wenigstens vorübergehend, einen, den er gar nicht mochte: in einem der Lastkähne. Hier war ein junger Löwe, der ungemein zahm war und mit einer kleinen Antilope aus demselben Napf seine Milch soff. Zu diesen beiden ungleichen Freunden wurde Fips gebracht. Aber auf die Dauer ging es nicht. Der große Affe ängstigte sich derartig vor dem jungen Löwen, der im übrigen gar nichts Böses von ihm wollte, daß er sich fast umbrachte, nur um loszukommen.

Wir spielten gern mit dem Löwen, aber es war ein etwas schmerzhaftes Vergnügen, denn in seiner Tappigkeit und in der Annahme, daß wir wohl auch so ein dickes Fell hätten wie er und seine Kameraden, zog er beim Spiel die Krallen nicht ein, hieb uns mit den Pranken auf die Arme und Beine, und nachdem er mich in aller Freundschaft ordentlich verkratzt hatte, gab ich es auf und spielte in Mußestunden lieber mit Fips, der mir trotz seiner Stärke und des mächtigen Gebisses, mit dem er mich oft im Spiel packte, niemals ernstlich weh tat. Nur einmal biß er aus Versehen, doch als er merkte, was er angerichtet hatten, bat er derartig reizend, daß ich ihm nicht böse sein konnte.

In holder Eintracht verlief die Fahrt, doch als wir in Lado, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, anlegten, machten wir eine nicht gerade angenehme Entdeckung. Wir gingen von Bord und sahen Brinji, den einen Diener, damit beschäftigt, die Messer zu putzen. Nun sollen ja unsere Hausknechte in der schönen Zeit, als man für die Stiefel noch nicht Creme, sondern Stiefelwichse verwandte, auf die Langschäfter gespuckt haben, um ihnen einen besonders schönen Glanz zu verleihen. Hiervon hatte scheinbar Brinji gehört. Denn auf gleiche Weise behandelte er unsere Messer und Gabeln Uns überlief es kalt, und als er eine ebenso gutsitzende, wie wohlverdiente (oder vielleicht nicht?) Ohrfeige erhielt, machte er ein ganz trauriges Gesicht. Er konnte es gar nicht begreifen, was er Böses getan haben sollte, und schließlich stammelte er: „Heute bekomme ich eine Ohrfeige — und ich habe doch seit neun Monaten die Löffel, Gabeln und Messer immer so geputzt!" Brrrrr, das war eine schmerzliche Entdeckung, half aber nichts mehr. Die Hauptsache war, daß er es nun unterließ. Geschadet hatte es uns ja auch nichts!

In Lado herrschte reges Leben, Karawanen kamen und gingen, namentlich Elfenbein war es, das hier verladen wurde.

Die belgischen Beamten des Kongostaates betrachten diesen Ort, im Gegensatz zu den Stationen in der Wildnis, als Klein-Brüssel. Und doch, wie ganz anders würde ein solcher wichtiger Posten aussehen, wenn er in deutscher Hand wäre. Hier in Lado alles Lehmhütten, mit Schilf gedeckt, das „Cafe", in dem sich alles traf, was etwas auf sich hielt, eine armselige Hütte, in der es allerdings auch den grünschillernden Absinth und ähnliche Höllengetränke gab.

Oft mußte ich auf unserer späteren Reise in Deutsch-Ostafrika an Lado zurückdenken, wenn ich in den blitzblanken deutschen Gasthäusern weilte, in denen saubere weiße Frauen statt der schmutzigen Nubierinnen schalteten und walteten, deutsche Art in die Wildnis hinausgetragen hatten.

Steil hatten sich bisher die lehmigen Uferwände aus dem Fluß erhoben, oben gekränzt von den Rändern der Dornbuschwälder, die weithin das Land überdeckten. Nun senkte sich allmählich das Land, wurde flacher. In der Ferne zeigten sich Höhenzüge. Die Ufer versumpften, zahlreicher wurde die Tierwelt. Allenthalben erhoben sich Gänse und Enten verschiedener Art vom Wasser. Prustend tauchten die plumpen Köpfe der Flußpferde auf. Ab und zu trafen wir sie, wie sie sich auf Schlammbänken sonnten, faul hingestreckt. Vielfach stand oder lag ein Junges auf der Mutter. Bei der Annäherung des Dampfers stürzte sich die ganze Gesellschaft, das Wasser hoch aufspritzend, mit Ungestüm in den Strom, mit ihnen eine Anzahl Krokodile, die auf flachen Uferbänken oder Inseln gelegen hatten.

Auf Ambatschbooten oder den langen, zuweilen aneinandergebundenen Einbäumen ruderten Dinkas vorüber. Sie waren auf Jagd. Nur mit dem Speer bewaffnet, suchen sie sich an schlafende Nilpferde heranzupirschen, aber nicht etwa vom Boot aus, sondern schwimmend warfen sie ihnen die spitze, mit Widerhaken und langer Leine versehene Harpune in den Leib.

Wer nie versucht hat, einen Dickhäuter zu harpunieren, kann sich keine rechte Vorstellung davon machen, welche Kraft, selbst wenn man auf festem Boden steht, dazu gehört, dem Speer den gehörigen Schwung zu geben. Ich versuchte es einmal, ein angeschossenes Warzenschwein mit dem Wurfspeer zur Strecke zu bringen, erzielte aber einen bösen Mißerfolg, denn das scharfe Eisen rutschte einfach an der zähen, elastischen Haut ab. Vergegenwärtigt man sich nun, daß diese Jäger die, allerdings schwere Harpune schwimmend werfen, so kann man sich eine Vorstellung von der Gewandtheit und Kraft der Männer machen. Sitzt das Wurfeisen im Körper, so tauchen die Jäger schnell weg, suchen möglichst bald aus dem Bereich des erbosten Behemoth zu kommen, denn die gereizten Nilpferde sind keine zu verachtenden Gegner. Erwischen sie einen Schwarzen im Wasser, so zermalmen sie ihn mit ihrem furchtbaren Gebiß. An der von der Harpune ausgehenden Leine ist ein Schwimmer aus leichtem Holz befestigt, der, auf dem Wasser treibend, den nunmehr im Boot folgenden Jägern immer anzeigt, wo sich das angeschossene Flußpferd befindet. Schnell rudern sie hinter ihm her, verfolgen aufmerksam jede seiner Bewegungen, die ihnen die aus dem gelben Wasser aufsteigenden Wasserblasen verraten. Kommt das Tier hoch, so schleudert der im Stern des Bootes stehende Dinka einen neuen schweren Speer. Aber schnell muß es gehen, denn das Tier kennt zu gut seine Verfolger, taucht nur für eine Sekunde auf, um Luft zu schöpfen. Oft genug wendet es sich gegen das Boot, und dann heißt es flott wegrudern, denn die nur mit Speeren bewaffneten Eingeborenen können dem wilden Tier nicht die Stirn bieten, es nicht mit einem Schuß aus sicherer Büchse blitzartig töten — vorausgesetzt, daß die Kugel gut sitzt! Beharrlichkeit führt aber bei den schwarzen Jägern zum Ziel, wie wir uns auf der Weiterfahrt überzeugen konnten, denn am Ufer sahen wir eine große Anzahl Eingeborene beiderlei Geschlechtes damit beschäftigt, erlegte Flußpferde zu zerteilen. —

Sumpfiger werden die Ufer. Große Papyrusdickungen säumen den Fluß. Auf ihren besenförmigen Köpfen sitzen kleine Sänger, meist rotfarbige oder grüne Bienenfresser, dann Eisvögel verschiedener Art, ähnliche Kerlchen wie unsere herrlichen europäischen, dann aber auch größere Arten, namentlich ultramarinfarbene. Silber- und Kuhreiher, Nachtreiher und Dommeln fliegen auf und lassen sich wieder nieder. In dem seichten Uferwasser fischen die prächtigen Kronenkraniche, indem sie, mit den Flügeln schlagend, in „Schützenlinie" das Wasser abtreiben und dabei die erschreckten Fische ihren vorstehenden Kameraden zujagen, eine regelrechte Treibjagd. Einsam steht hier und dort ein grauer oder Purpurreiher, Raubvögel ziehen den Fluß hinab oder kreisen über den weiten Schilfdickungen. Große Flüge schillernder Glanzstare spielen und weben im Strahl der Sonne.

Hin und wieder taucht Wild auf, alte Bekannte, Weißohrantilopen, ganz ähnlich denen, die wir aus Englisch-Ostafrika und der Ladoenklave kennen. Dann aber auch die dunkel gefärbte Art, herrliche Tiere, bei denen Schwarz und Kastanienbraun das helle Gelbrot des Felles ersetzen. Unter ihnen prächtige Böcke mit starkem Gehörn. Als wüßten sie, daß ihnen von unserm Schiff keine Gefahr droht, äsen sie vertraut am Ufer, selbst wenn wir nahe vorüberfahren.

Auch Wasserböcke zeigen sich, deren merkwürdiger eiförmiger weißer Streifen um die Hinterkeulen uns an ihre Verwandten in Ostafrika erinnert. Am meisten fesselt aber der Anblick des Abu Markub, des „Vaters des Schnabels", des Schuhschnabels, wie wir diesen riesigen Vogel nennen. Es ist ein merkwürdiges Tier, auf den ersten Blick ähnlich dem Marabu. Bis man den Schnabel sieht, ein gewaltiges, dickes Gebilde, das einem groben Holzschuh sehr ähnlich geformt ist. Wer das Tier einmal gesehen hat, wird es nie wieder vergessen, so ausgeprägt sind seine Merkmale.

Vielfach auf der Fahrt trafen wir den Vogel, dessen Erbeutung die Sehnsucht aller Ornithologen ist. Meist stand er im morastigen Ufer, träge nach unserm Dampfer herübersichernd. Es scheint so, als ob dieser Vogel an das Vorkommen des Papyrus gebunden sei, denn nirgends findet man ihn, wo diese Pflanze fehlt. Da es dieses Gewächs früher in Unterägypten in großer Menge gab, andererseits Abbildungen unseres Vogels vielfach in altägyptischen Grabdenkmälern auftauchen, so wird vielfach angenommen, daß er früher auch in Unterägypten heimisch gewesen, aber mit dem Papyrus verschwunden und stromaufwärts gewandert sei. Ob das stimmt, ist sehr fraglich. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Ägypter weitgehende Handelsbeziehungen nach dem oberen Nil hinauf pflegten, daß auf diesem Wege Tiere aller Art ins Land kamen, Elefanten, Strauße, Pferdeantilopen, Oryx, Gazellen, Giraffen und Hartebeeste. Alle diese Arten finden wir auf den Wänden der Königsgräber verewigt, und doch ist kaum anzunehmen, daß diese mehr oder weniger rein tropischen Tiere sich früher bis zum Mittelländischen Meer verbreitet hätten. Vermutlich sind sie als Tribut von unterworfenen Völkerschaften gesandt worden, gewissermaßen als Kennzeichen der Länder, und so haben die alten Ägypter vermutlich auch Kenntnis von diesem merkwürdigen Vogel erhalten.

Anders verhält es sich wohl mit den Krokodilen und im gewissen Sinn auch mit den Nilpferden. Diese haben sicher vor Jahrtausenden ein bedeutend weiter nördlich reichendes Verbreitungsgebiet gehabt, sind erst der fortschreitenden Kultur gewichen. Hierfür spricht ja auch, daß das Flußpferd, der Behemoth, in der Bibel erwähnt wird, also den alten Juden bekannt war, wohl aus der Zeit ihrer Gefangenschaft in Ägypten. —

Ein ganz besonders schönes Tier fesselte aber unsere Aufmerksamkeit und lockte beinah zum Wildern, das war der herrliche Cobus Mariae (,,Frau Greys Wasserbock", wie der Zoologe Greys das Tier seiner Frau zu Ehren benannte). Es hat etwa Damwildgröße, trägt ein stark geschwungenes Gehörn, ist von kastanienbrauner schwärzlicher Farbe mit weißer Zeichnung an Lichtern und Augen. Auf dem Nacken aber zieht sich eine silberweiße schmale Mähne, die ganz besonders schön wirkt. Auffallend vertraut sahen wir dieses Wild hier und dort äsen, meist an sumpfigen Stellen. Wir trafen die Tiere nur vereinzelt oder in kleinen Familien an, während Heuglin erzählt, daß ihrer zu Hunderten zusammen an den Fluß zur Tränke kamen.

Auch Elefantenherden waren nichts allzu Seltenes. Sie plätscherten im sumpfigen Ufer, oft nur wahrnehmbar durch die über ihnen auf und ab schwebenden weißen Reiher. Hin und wieder schien sich eine ganze Schar von Schlangen über dem Papyrus hoch aufzurichten, das waren die Rüssel der Tiere, die, wenn irgendein Geräusch ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, windeten. Eine Zeitlang bewegten sich die Riechorgane hin und her, bald verschwanden sie wieder wie ein unheimlicher Spuk. Dann aber erhob sich auch zuweilen ein Gepantsche im Sumpf und weiterhin eine riesige Staubwolke, wenn die flüchtig gewordene Herde auf trockenen Grund gekommen war. Trat einmal das feste Land bis ans Flußufer, so fanden sich vielfach Eingeborenendörfer. Dinkas wohnen hier, kein gerade schöner Menschenschlag. Ihre Lehmhütten sind liederlich gebaut, die Dächer, trotz der nahenden Regenzeit, vielfach schadhaft, vielleicht wurden sie wohl auch gar nicht in Ordnung gebracht, weil die Dinkas, wenn die Ufer des Nils mit steigendem Wasser überflutet werden, ihre Dörfer weiter landeinwärts verlegen.

Gegen feindliche Angriffe sind die kleinen Gemeinwesen durch einen schlecht gefügten Palisadenzaun aus unbehauenen Knütteln geschützt. Die Dinkas selbst sind meist ganz weiß gepudert, sehen unheimlich und zugleich bodenlos schmutzig aus durch den Anstrich.

Aber dieser ist praktisch, bietet er doch einigermaßen Schutz gegen die Moskitostiche. Man kann sich vorstellen, welche Schwärme dieser Quälgeister über die nackten Menschen herfallen, denn auf Hunderte von Meilen ziehen sich ja die fieberschwangeren Sümpfe, die Brutstätten dieser Stechmücken, den Fluß entlang, oft meilenbreit, hin. Es wäre für die Menschen unmöglich, hier längere Zeit auszuhalten, sie würden allnächtlich mehr oder weniger totgestochen werden, wenn sie nicht eine praktische Abhilfe gefunden hätten: sie schlafen in Asche. Mulden artige Senkungen im Boden, zuweilen mit einem Fell ausgelegt, bilden das Bett, das statt mit Daunen, mit weißer Asche gefüllt ist. Hierhinein kriechen die Dinkas, kaum die Nasenlöcher schauen heraus, ein Wunder nur, daß sie nicht ersticken. Man kann sich aber kaum vorstellen, daß die massenhaft eingeatmete Asche auf die Dauer nicht schädigend auf die Organe wirkt.

Ständig wechselnd, bald eintönig, bald fesselnd, sind die an uns vorübergleitenden Bilder.

Allmählich verengert sich der Flußlauf, näher treten die Papyrus- und Schilfdickungen aneinander, wir nähern uns dem Sudd, der ungeheuren, auf viele Meilen den Nil säumenden grünen Pflanzenwildnis, durch die sich der Weiße Nil seinen Weg in unzähligen Schlangenwindungen erzwingen muß. Kaum ist Platz genug, daß der schmale Dampfer sich hindurchzwängen kann. Treffen sich hier zwei Fahrzeuge, so muß das eine möglichst liegenbleiben oder eine etwas breitere Stelle suchen, damit das andere vorüber kann. Bei solchen Begegnungen sieht man erst, welche unglaublichen Krümmungen der Fluß macht. Plötzlich taucht da ein Fahrzeug auf, und nähert man sich ihm, so hat es zuweilen den Anschein, als führe man genau in derselben Richtung, aus der man eben gekommen, zurück. —

Ist das Landschaftsbild bisher abwechslungsreich gewesen, so wirkt diese grüne Halmwildnis geradezu trostlos. So weit das Auge reicht nichts als Schilf und Papyrus, kein Busch oder Baum ragt aus ihm hervor, nirgends ein Berg oder Höhenzug, der dem Auge einen Ruhepunkt böte. Nichts, nur das dumpf brütende grüne Vegetationsmeer, aus dem giftige Moderdünste aufsteigen, über dem die Moskiten wie graue unendliche Trauerschleier schweben und weben. Kaum ein Laut, nur ab und zu das, dumpfe Brüllen eines Flußpferdes. Die sonst so überreiche Vogelwelt ist wie weggewischt, führt wohl in dem Dickicht ein verstecktes Dasein. Selbst unser sonst ständiger Begleiter, der Halyaëtus vocifer, fehlt.

Wer nicht tagelang im Sudd gefahren ist, kann sich von ihm keine Vorstellung machen, namentlich nicht begreifen, daß er beängstigender, beklemmender wirkt als die Wüste oder die ewigen Eis- und Schneefelder des hohen Nordens. Und doch ist es so. Ich kenne diese Länder alle aus Erfahrung: nichts hat mich mehr bedrückt als dieses trostlose, ewig gleichmäßige Grün.

Nur hin und wieder finden sich teichartige Erweiterungen des Flusses, man atmet auf, hier ist die Luft etwas freier, aber da steuert unser Dampfer schon wieder in eine schmale Gasse ein. Bald gleiten wir dahin zwischen den vier bis fünf Meter hohen Schilfmauern. Unser einziger Trost ist, daß wir einmal doch herauskommen.

Den ganzen weiteren Verlauf des Weißen Flusses säumt der Sudd bis hin zu der Stelle, wo der Nil unter dem 9,5 Breitengrad nach Einmündung des Bahr el Ghazal, des Gazellenflusses, plötzlich scharf nach Osten abbiegt. Von hier an verschwinden die Sümpfe, Wüste und Steppe treten nun die Herrschaft an.

Dieses Sumpfgebiet dürfen wir als den inneren Saum der Länderstrecken betrachten, die in der Regenzeit unter Wasser stehen. Allerdings finden wir da nicht ein ausgesprochenes Überschwemmungsgebiet, sondern mehr oder weniger große seeartige Gebilde, Sümpfe und Lachen reihen sich aneinander, oft Quadratmeilen bedeckend, dann wieder nur Bodensenkungen einnehmend. Üppige Sumpfvegetation wuchert überall und zeigt auch in der Trockenzeit deutlich die Plätze, wie weit die Überschwemmung gereicht hat. Hoch steigt diese allerdings nie, dazu ist das Land zu ungeheuer groß, die Abflußmöglichkeit zu stark. So findet man an den Bäumen, hier vielfach den rotrindigen Mimosen, nicht die Überschwemmungsmarken, wie sie die Bäume namentlich in der Nähe des Blauen Nils und besonders seiner Nebenflüsse zeigen.

Die die Flußufer bewohnende Bevölkerung wechselt. Die Stämme haben bald hier, bald da eine Strecke Landes inne. So finden wir die Dinkas am westlichen Nilufer, dann kommen Nuër, aber nur ein Stück weit, dann reihen sich wieder Dinkas, Shilluks, Nuër, von rechts wieder Dinkas an, kurz, ein wahres ethnographisches Durcheinander.

Am wüstesten unter ihnen sehen unbedingt die Nuër aus. Daß sie völlig nackt gehen, teilen sie mit allen ihren Nachbarn, kein Wunder bei der Hitze und dem halb amphibischen Leben, das die Menschen zu führen gezwungen sind. Nur die verheirateten Weiber tragen einen Grasschurz. Die Männer schminken sich den Leib mit Asche, zur Erhöhung des Beizes färben sie aber ihre Krausköpfe mit einem Gemisch von Asche und Kuhurin, wodurch sie rötlich erscheinen.

Es ist dies eine eigentümliche Sitte; findet man doch auch bei den Südseevölkern den Brauch, das Haar rot zu färben, allerdings geschieht es dort mit Korallenkalk und wohl in der Hauptsache, um kleine Haarbewohner zu töten.

Die Männer tragen noch gern Glasperlenhalsbänder, Armringe aus Elfenbein und dazu ganz furchtbare Bänder um die Handgelenke: aus Eisen sind Gelenkringe hergestellt, aus denen sich, gleich Raubtierkrallen, kleine gebogene Sicheln erheben. Vermutlich dienen diese „Schmuckstücke" als Waffen, um dem Feind Gesicht und Brust aufzureißen, zugleich aber auch, um im Kampfe ein Gepacktwerden zu verhindern. Mich erinnerten diese Zierate an Fingerringe, wie wir sie in Kilim, am Nordosthang des Elgon, trafen. Auch hier gingen die Männer völlig unbekleidet, nur Arm-und Fingerringe dienten ihnen zum Schmuck. Unter letzteren fanden sich solche, die eine kleine Sichel trugen, aber die Schneide war nicht auf der Einwärtskrümmung, sondern außen und mit einem Streifen aus Nilpferdhaut (geschützt. Die Innenkrümmung lag dem Nachbarfinger auf. Wurde die Waffe gebraucht, ähnlich einem Schlagring, so bog der Kämpfer nur den Lederstreifen zurück und konnte nun seinem Gegner durch einen Faustschlag die fürchterlichsten Wunden beibringen.

Eine recht häßliche Mode haben die Frauen der Nuër: sie durchbohren die Oberlippe und stecken durch das Loch einen etwa i5 Zentimeter langen Stab aus Eisendraht, der mit Glasperlen verziert ist — schön ist anders, und beim Küssen dürfte dieser „Schmuck" recht unangenehm sein, noch übler als das dicke Lippenrot, das ja heutzutage auch die ,,Damen" bei uns auf kleistern!

Auch hier leiden die Eingeborenen ungemein unter den Moskitoschwärmen. Während sie sich selbst, bei Nacht wenigstens, durch Schlafen in der Asche schützen können, wäre ihr Vieh gegen diese Quälgeister völlig wehrlos, aber Rauch ist ja bekanntlich der größte Feind aller Insekten, und so wird aufgehäufter Kuhdünger immer da, wo sich die Herden gerade aufhalten, angesteckt, namentlich bei Nacht, der einen starken Rauch verbreitet. Ähnliches sah ich übrigens am Bodensee zum Schutz gegen die Bremsen, unter denen namentlich die Pferde sehr litten. Die Fuhrleute hatten unter jedem Pferd einen durchlöcherten Blechtopf hängen, der mit glimmendem trockenen Pferdedünger gefüllt war und schwelend einen scharf beizenden Rauch verbreitete, der mit Sicherheit alle Bremsen vertrieb — auch die Menschen, die unter Wind vorüberkamen, entfernten sich schnell.

Mit Einmündung des von Westen kommenden Gazellenflusses hört der Sudd auf. Der Nil teilt sich in mehrere Arme, zwischen denen von Gras und lichtem Baumwuchs bestandene Inseln liegen. An dieser Stelle hatte sich in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein eigentümlicher Naturdamm gebildet, der für die Schiffahrt ein außerordentliches Hindernis bildete: schwimmende Inseln, Schilf und Buschwerk, das den Strom hinabtrieb, hatte sich am Ufer verfangen, immer mehr aufgehäuft, durch ständiges Haftenbleiben schwimmender Massen war ein fester, sich quer durch den Nil schiebender Damm gebildet, der die Schiffahrt einfach unmöglich machte. Unter den Damm hindurch ergossen sich die Fluten mit „großer Fahrt", rissen mit sich hinab, was am Damm nicht hängenblieb.

Vom Norden kommende Schiffer hatten neben diesem, ihn teilweise durchstechend, einen Kanal gegraben, auf dem sie ihre Handelsschiffe hindurchbugsierten. Das war für die talwärts gehenden Schiffe eine recht gefährliche Stelle, denn in der Nähe des unterirdischen Durchflusses stand eine außerordentlich starke Strömung — wehe, wen sie packte. So war zum Beispiel ein mit Elfenbein beladenes großes Fahrzeug dieser Stelle zu nahe gekommen, war breitseits getrieben worden und plötzlich untergetaucht. Nur mit knapper Not hatten die Schiffer im letzten Augenblick an Land springen können, das Schiff selbst mit seiner wertvollen Ladung ging verloren, man hat nie wieder etwas von ihm gefunden.

Durch ständig anschwimmendes Buschwerk und Grasinseln hatte der Damm natürlich allmählich eine Breite von fast einem Kilometer erreicht, und die Erzählungen der Eingeborenen klingen wohl glaubwürdig, wonach wiederholt Flußpferde in diesen Schlund geraten, darin ertrunken sind. Heute ist dieses Schiffahrtshindernis natürlich längst beseitigt, mit Hilfe gewaltiger Bagger ist eine gute Durchfahrt geschaffen.

In dem ganzen übrigen nach Osten gekehrten Teil des Flusses ist nur sehr geringe Strömung wahrnehmbar. Das hat mehrere Gründe. Einmal bringt der in der Trockenzeit sehr langsam dahingleitende Bahr el Ghazal selbst sehr wenig Wasser, und zweitens ist das Nilbett nach Austritt aus den ungeheueren Sumpf- und Schilfwildnissen unverhältnismäßig verbreitert, der Fluß verbraucht also ganz gewaltige Wassermassen. Als drittes, außerordentlich interessantes Moment tritt die Einmündung des Sobat hinzu. Dieser stärkste östliche Zufluß des Bahr el Djebel kommt aus Abessinien. Er führt dem Nil reichlich Wasser zu, aber merkwürdigerweise liegt die Mündung derartig, daß die einströmenden Fluten des Sobat gerade dem Lauf des Mutterstromes entgegengesetzt gerichtet sind. Hierdurch entsteht eine mächtige Stauung, der Nil wird seenartig, das Wasser scheint fast stille zu stehen.

Dämmten bis zur Einmündung des Gazellenflusses unermeßliche Schilfdickungen den Nil zu beiden Seiten, so begleiten diese den Fluß während seines Laufes nach Osten nur noch auf dem linken Ufer, während sich auf dem rechten grasbewachsene Steppe zieht, auf der sich allenthalben, einzeln oder in Gruppen, jetzt blühende Mimosen erheben; nur hier und dort zeigt sich, der Landschaft die tropische Note aufdrückend, eine Dompalme.

Mit Einmündung des Sobat ändert sich das Vegetationsbild abermals. Die Schilf bestände verschwinden; mehr oder weniger hohe, steile Ufer säumen den Fluß. Dann dehnen sich weite Ebenen. In der Ferne ragen hier und dort Berge. Viehzucht nimmt zu. Die Ortschaften, an denen wir vorüberkommen, sind ausgedehnter. Es herrscht mehr Handel, meist betrieben durch ägyptische und griechische Kaufleute. Aber die Eingeborenen bleiben in ihrem Urzustände. Auf dem linken Nilufer sind es die Shilluks, auf dem rechten, Hunderte von Kilometern weit, die Dinkas, deren Sprache großenteils auch von den ändern Völkern am Weißen Fluß angenommen worden ist.

Hier ist für das Wild ein Schongebiet geschaffen, offenbar weil es für die Jagdreisenden sonst zu bequem wäre, einfach aus dem Dampfer an Land zu gehen und zu jagen, denn Wild gibt es hier in ungeheurer Menge. Dreist zeigen sich den vorüberfahrenden Reisenden Elefanten, kommen zuweilen geradezu neugierig, wohlvertraut mit dem Heulen der Schiffssirenen, ans Ufer. Flußpferde flüchten kaum, tauchen unbesorgt auf und prusten. Nur die Krokodile sind mißtrauisch; sie legen ihre angeborene Scheu nicht ab, tun auch gut daran, denn zu sehr sind sie allen Menschen verhaßt. Ungemein zahlreich sind Antilopen aller Art, namentlich die verschiedenen Wasserböcke. Und dann die Welt der Vögel! Wohin das Auge blickt, fliegen sie auf, stehen im Wasser oder Sumpf: Purpur-, Schwarzhals-, Nacht-, Kuh-, Silber- und Riesenreiher, Pelikane schwimmen langsam dahin und erheben sich mit schwerem Schwingenschlag. Nilgänse und Krickenten, Spieß- und Löffelenten, dann wieder schwere, schwarze Gänse mit einem unförmigen roten Aufbau auf dem Schnabel. Auf einer Wiese stolzieren und tanzen die wundervollen Kronenkraniche. Da stehen Störche und Klaffschnäbel, Schlangenhalsvögel schießen ins Wasser, um mit einem Fisch an der Oberfläche zu erscheinen. Auf den Sandbänken laufen Strandläufer, Kampfhähne und Bekassinen, zwischen den buntblühenden Seerosen und dem Blattgewirr schlüpfen grünfüßige Teichhühner oder das prächtige blauschillernde Sultanshuhn. Da und dort eine Bachstelze. Sie ist ja überall, der muntere kleine Wanderer aus der nördlichen Heimat. Wo ich in Afrika war, allenthalben fand ich sie. Hoch oben am Kilimandjaro, an den Ufern des Viktoria-Sees, am Weißen wie am Blauen Nil, überall ist Wippsterzchen zu Hause. Kommen wir an einem Dorf vorbei, so stehen im Kreise sich zankender Geier gravitätisch Marabus, holen sich ab und zu einen Bissen von dem Abfallhügel. Und auch unsere heimischen Störche fehlen nicht, sie sind wohl auf langsamer Wanderung nach dem Norden begriffen. Wer weiß, woher sie kommen. Führt sie doch ihr Zug bis nach Südafrika. Sicher handelt es sich um Störche, die östlich der Weser zu Hause sind. Erstaunt wird mancher Leser fragen: wie kann man das wissen? Sehr einfach. Durch den Beringungsversuch. Eine ungeheure Anzahl junger Störche ist im Nest mit Aluminiumringen versehen worden, auf denen Ort und Datum verzeichnet stehen, und aus den von erlegten Vögeln eingesandten Ringen hat man feststellen können, daß alle westlich der Weser brütenden Störche auf der Wanderung nach Süden den Weg über Spanien, Gibraltar und westlich der Sahara entlang nach Zentral- und weiter nach Südafrika nehmen, während die östlich der Weser erbrüteten über Griechenland, Palästina, Sinaihalbinsel nilaufwärts ihre Bahn nach der Südspitze des schwarzen Erdteiles
suchen.

Hier haben wir also heimatliche Störche vor uns, die mit ihren prächtigen Vettern, den Sattel-, Abdimstörchen und Klaffschnäbeln, Ibissen und Löfflern ihr Wesen treiben. Das trillert, klagt und schreit in den Lüften, im Schilf oder am Strande wie in einem gewaltigen Vogelhaus. In ungeheuren Wolken eilen Entenscharen vorüber. Hier lassen Regenpfeifer ihren schwermütigen Klageruf ertönen. Heilige Ibisse rudern mit schwerfälligem Flügelschlag vorüber. Dort huschen Triele und Strandläufer am Flachwasser hin, Brandseeschwalben, Kiebitze, unzählige
Vogelscharen aller Art beleben das Bild. Es ist, als wolle die Natur uns hier für die Plage, die uns die Moskiten bereiten, für die schweren, fieberschwangeren Dünste, die der nahe Sumpf ausströmt, entschädigen.

Der durch den angeschwemmten, grün überwucherten, lebenden Damm gestochene Kanal und weiter die vielgeschlängelten Windungen des Nils liegen hinter uns, breiter wird das Fahrwasser. Hier und dort einmal auf einer Sandbank auffahrend, dampfen wir gemütlich nordwärts weiter, der Kultur entgegen, dahin auf dem uralten, sagenumwobenen Strom, dessen Ufer auch in der modernen Geschichte des Landes eine so große Rolle spielen. Da tauchen, von einigen Palmen überragt - Dattelpalmen sind es, die sich recht weit südwärts vorgewagt haben — die Häuser von Kodok auf. Erst seit 1899 führt der Ort diesen Namen, vorher hieß er Fashoda. Eine Bezeichnung, die uns auch geläufiger ist, erinnert sie doch an eine Zeit, wo Frankreich und England Todfeinde waren. Es dürfte deshalb interessieren, kurz auf den Zusammenhang einzugehen:

Wir können offen sagen, daß, anschließend an die Napoleonischen Eroberungen, die Franzosen es waren, die Ägypten erschlossen haben. Im Lande selbst legten sie viel Geld an und noch mehr beim Bau des Suezkanals. Sicher geschah das nicht aus reiner Menschenliebe für die Ägypter, sondern um Geld zu verdienen und die Gloire der Grande Nation wieder einmal der Welt so recht vor Augen zu führen. Der Bau des Suezkanäle, ganz besonders aber sein Besitz in französischer Hand, konnte den Engländern jedoch auf die Dauer durchaus nicht gleichgültig sein, denn in ihm lag gewissermaßen der Schlüssel zu Indien. Wurde durch ihn doch die Fahrt von England nach dieser wichtigsten Kronkolonie um mehr als zwei Wochen abgekürzt. Es gab nur ein Mittel, diese Verbindungslinie auf friedlichem \Wege in die Hand zu bekommen — denn wir dürfen nicht vergessen, daß der Bau ja ein Privatunternehmen war —: indem man sich der Aktien versicherte. Das gelang den Engländern, die ganz richtig auf die Gewinnsucht der französischen Rentner gerechnet hatten, nur zu leicht. Sie trieben plötzlich die Suezkanal-Aktien hoch, langsam, aber sicher. Es entstand an der Börse ein wahres Fieber. Die Wertpapiere waren in der Hauptsache nicht in der Hand von Großkapitalisten, sondern in der von kleinen Rentnern und Sparern, welche gern einen guten Gewinn mitnahmen, nicht an den politischen Wert dachten und diese verkauften. Merkwürdigerweise entging auch der französischen Regierung die ihr drohende Gefahr, denn sonst hätte sie selbst aufkaufen müssen. Kurz, die Engländer, offenbar stark mit Staatsmitteln unterstützt, versicherten sich der Aktien, und als es zu spät war, merkten endlich die Franzosen, wohin sie die Gewinnsucht getrieben, daß ihnen auf friedlichem Wege der Einfluß auf den Suezkanal und damit der Schlüssel zu Indien entwunden war. Das war der erste Schlag, den England führte. Der zweite folgte, als 1881 jene bereits erwähnte Militärrevolte in Alexandrien ausbrach, die den Engländern die sehnlichst erwartete Gelegenheit zur Besetzung Ägyptens „zum Schutz der Europäer" brachte. Das waren zwei schwer zu überwindende Niederlagen, welche die französische Diplomatie erlitten hatte, die auszumerzen ihr eifrigstes Bemühen war.

Da kam ihnen der Aufstand des Mahdi zupasse, durch den Ägypten oder, besser gesagt, England den ganzen reichen Sudan verlor. Die Gelegenheit, nun wieder an den Nil, der als bequemer Handelsweg nach dem Mittelländischen Meer für Frankreichs großes Saharareich von unschätzbarem Werte ist, zu gelangen, war gegeben. Wohl sagten sich die Franzosen, daß die Herrschaft der Derwische nicht ewig dauern, daß die Engländer den Verlust des Landes nicht verschmerzen oder hinnehmen, sondern über kurz oder lang das weite Gebiet mit Sicherheit wieder in ihre Hand bringen würden.

Doch bis es so weit war, mußte die Zeit genützt werden. Deshalb rüstete Frankreich zwei Expeditionen aus, die „hinten herum" an den Nil vordringen sollten. Eine unter de Bonchamps, die von Abessinien den Sobat abwärts vordrang, aber umkehren mußte, weil sich ihr unüberwindliche Hindernisse in den Weg stellten, und außerdem in aller Stille eine zweite, die vom Westen aufbrach, unter Führung des tatkräftigen Marchand. Es gelang ihm, nach verschiedenen Kämpfen und unter Überwindung außerordentlicher Schwierigkeiten auch tatsächlich den Nil zu erreichen. In Fashoda setzte er sich mit seinen 120 Mann fest und hißte die Trikolore. Es war wohl mancherlei über diese geplante Expedition bekannt geworden, aber sichere Nachrichten wurden nicht verbreitet, die hielt die französische Regierung vorläufig geheim. Als aber Kitchener am 2. September 1898 die Derwische bei Omdurman vernichtend schlug und den Rest dieser wilden Scharen bei Renk aufgerieben hatte, bestätigte sich das bisher nur dunkle Gerücht, daß am Nil, in Fashoda, seit wenigen Tagen die französische Flagge wehte.

Das war ein harter Schlag für die Engländer, aber Kitchener war der Mann, ihn schnell zu parieren. Sofort brach er mit größerer Truppenmacht auf, um gegen den neuen Feind zu ziehen, der obendrein noch die Shilluks gegen die Engländer aufgehetzt, ja mit ihnen ein Bündnis (!) gegen diese geschlossen hatte. Mit seinen wohlarmierten Kanonenbooten erschien plötzlich der Sirdar selbst vor Fashoda und forderte die Franzosen auf, das unter englisch-ägyptischer Interessengemeinschaft stehende Gebiet zu räumen. Marchand weigerte sich energisch, erklärte, nur der Gewalt zu weichen. Ein wahnsinniges Unterfangen, denn die kleine Besatzung von 120 Mann hätte auf die Dauer nichts gegen Kitcheners Truppen und Kanonenboote ausrichten können. Lange gingen die Verhandlungen hin und her. Endlich gaben die Franzosen nach. Sie räumten Fashoda, um eine gewaltige Blamage reicher, denn jedes' diplomatische Kind mußte sich sagen, daß ein solches Unternehmen auf die Dauer nie Erfolg haben konnte. Die Engländer boten nun „freundlicherweise" an, daß Marchand mit seinen Truppen auf Nildampfern unter allen militärischen Ehren abtransportiert werden sollte, aber das schlug er aus. Fühlte er doch nur zu gut, daß dieser Rückweg ein ewiges, wochenlanges Spießrutenlaufen gewesen wäre, noch dazu gerade in der ägyptischen Reisesaison, wo allen Völkern der Welt die französische diplomatische Niederlage recht vor Augen geführt worden wäre. Er wählte deshalb den ehrenvolleren, aber gefährlicheren Weg. Er zog ostwärts den Sobat entlang und gelangte nach ungeheuren Anstrengungen mit seiner durch Krankheiten und Entbehrungen zusammengeschmolzenen Schar schwer krank in Abessinien an.

Das war hart für das stolze Frankreich, und wenn man in jenen Jahren nur den Ort Fashoda erwähnte, zuckte jeder Franzose zusammen, empfand es als eine persönliche Beleidigung. Und doch hörte ich einmal einen Engländer die Franzosen an einem öffentlichen Ort mit dem verhaßten Wort ungestraft höhnen.

Es war in der Olympia, einem der größten Vergnügungslokale von Paris, im April 1900, also als die Herzenswunde der Franzosen noch blutete. Damals waren gerade die Burenkämpfe und ihrem ganzen Haß gegen England machten die Franzosen in Kinobildern — „echt, direkt vom Kriegsschauplatz" — Luft, auf denen die Engländer natürlich jedesmal fürchterlich besiegt wurden. Das Publikum tobte vor Wonne Beifall, freute sich in seiner Leichtgläubigkeit über die Niederlagen der Engländer, brüllte: „Hoch die Buren, nieder mit den Engländern."

Und da erhob sich in einer Proszeniumsloge ein lang aufgeschossener Herr im Frack, lehnte eich an die Brüstung und rief in die tobende Menge hinein, mit unverkennbarem englischen Akzent: „Fashoda, Fashoda, n'oubliez pas, Fashoda!" setzte sich ruhig wieder auf seinen Platz und blies den Rauch seiner Zigarette zufrieden lächelnd in die Luft.

In diesem Augenblick glaubte ich, daß die Menge, die, wie vom Schlag getroffen, plötzlich verstummt war, sich auf diesen kühnen Mann stürzen, ihn lynchen würde. Schon brachen die ersten unverständlichen Wutschreie aus, die „Volksseele" schäumte auf, da — setzte die Musik ein, spielte die Marseillaise; alles sang mit, die „Gloire" war gerettet, Frankreich war wieder obenauf — aber die Backpfeife hatten sie doch weg. Still drückten sich mehrere Herren mit bekümmerten Gesichtern, es war ihnen doch wohl auf die Nerven gefallen, das böse Wort: „Fashoda".

Ein merkwürdiges Spiel des Zufalls wollte es, daß ich vier Jahre später in China diesen Engländer kennenlernte. Herzlich haben wir dort noch darüber gelacht, wie er es den übermütigen Franzosen heimgezahlt hatte.

Das Bündnis, das Marchand mit den Shilluks abgeschlossen hatte, trat natürlich niemals in Erscheinung. Was hätte es auch zu bedeuten gehabt? Nur unter ganz besonderen Verhältnissen, um etwaige rückwärtige Verbindungen zu bedrohen, hätte es von gelegentlichem Einfluß sein können, hätte aber letzten Endes nur die unglücklichen Eingeborenen ins Verderben gestürzt, vielleicht manchem weißen Ansiedler oder Reisenden das Leben gekostet. Dem englischen Staat aber würde es nie sonderliche Schwierigkeiten bereitet haben, denn dazu war die europäische Waffenentwicklung bereits zu weit vorgeschritten, und Kitchener hatte ja eben erst bewiesen, wie aller, selbst der fanatischste Heldenmut eines nach Hunderttausenden zählenden Heeres im offenen Kampfe zerschellen mußte im Feuer der Maschinengewehre und Schnellfeuergeschütze. Doch davon später.

Die Shilluks, diese Verbündeten der Franzosen, sind ein noch auf tiefster Kulturstufe stehendes Volk. Sie wohnen in der Hauptsache auf dem linken Ufer des Weißen Nils, nur im Gebiet der Sobatmündung greifen sie auf das rechte hinüber. Hier darf man ihre eigentliche Heimat annehmen. Auf dem westlichen Ufer schieben sie sich in das Verbreitungsgebiet der Dinkas hinein.

Auch die Shilluks sind hoch aufgeschossene schlanke Menschen. Man kann sie als das am nördlichsten wohnende Negervolk betrachten, wenngleich ihr Gesichtsausdruck nicht ausgesprochen negerhaft ist. Auf Kleidung legten sie wie ihre Nachbarn noch vor wenigen Jahrzehnten sehr wenig Wert, denn die Männer gingen damals nackt.

Heute tragen sie alle ein togaähnliches Tuch, das, aus Baumwollstoff gefertigt, auf der rechten Schulter zusammengefaßt und unter der entblößten linken hindurchgezogen wird. Künstlerisch ausgeführt sind dagegen wie bei sehr vielen afrikanischen Völkern ihre Haartrachten. Schon bei den neugeborenen Kindern beginnen die Mütter mit Hilfe von Gummiarabikum, das ihnen die Mimosen liefern, unter Beimischung von Asch« die Frisuren zu formen, die später als ,,Kamm", ähnlich dem der Perlhühner oder als eine Art festen Heiligenscheines getragen werden. Das Land ist ungemein stark bevölkert. Dorf reiht sich fast an Dorf, aber diese wieder sind in sich scharf abgesondert, stehen auf kleinem Flächenraum zusammen, dicht gedrängt um einen immer sauber gehaltenen offenen Raum in der Mitte, etwa dem Platz unter der Linde in vielen alten deutschen Dörfern entsprechend. Hier wohnt der Dorfhäuptling, hier versammeln sich die Männer am Abend, liegen auf Tierfellen oder Ambatschmatten und rauchen ihre gewaltigen Pfeifen, während aus einem Haufen glimmenden Kuhdüngers aufsteigende Rauchwolken für Schutz gegen die Moskitos sorgen. Meist erhebt sich in der Mitte des Platzes ein Baumstamm, an dem die Alarmtrommeln befestigt sind, welche die Dörfler zusammenrufen, wenn Gefahr droht, oder den Nachbarn durch Trommelsprache Kunde geben von allem, was im Lande vorgeht.

Die ungeheure Übervölkerung des Landes hat die Shilluks, wie schon erwähnt, gezwungen, ihre eigentlichen Wohnsitze am Sobat großenteils aufzugeben und sich aber das Westufer des Nils hinauszubreiten, wo sie weit in das Gebiet der Dinkas vorgedrungen sind, mit denen sie sich vermischt haben.

Wie die Dinkas weißen sie den Körper mit Kuhmistasche. Kuhmist und -harn spielen überhaupt bei ihnen eine große Rolle. Sie finden bei der Bereitung der Haartracht Verwendung, und außerdem werden die Trinkgefäße damit ausgewaschen, vielleicht um den Salzhunger einigermaßen zu stillen. Auffallende Ähnlichkeit zeigen ihre Schädel mit denen der heutigen Fellachen, sowie mit den in altägyptischen Gräbern gefundenen, also darf man annehmen, daß die Vorfahren der Shilluks einst viel weiter nach Norden gereicht haben, oder aber daß auch sie aus dem Norden eingewandert sind, wie viele andere Völker; so die Masai und die Watussi, jene zentralafrikanischen Riesen.

Die Hütten der Shilluks unterscheiden sich durch höhere Wände und pilzförmige Dächer von den spitzen der Dinkas. Die weiße Aschentünchung wirkt oft geradezu abschreckend. Denn die Eingeborenen begnügen sich nicht damit, den langen, meist klapperdürren Körper zu färben, sondern malen sich obendrein noch weiße Ringe um die Augen, und recht anschaulich schreibt Schweinfurth: „In diesen aschgrauen Gestalten glaubt man oft eher verschimmelnde Kadaver als lebende Wesen zu erblicken." Die äußerliche Häßlichkeit wird noch erhöht durch das Ausschlagen der unteren Schneidezähne.

Merkwürdig sind die Haartrachten. Durch sorgfältiges Ausreißen lassen die Männer schmale, meist von einem Ohr zum ändern reichende Haarstreifen, oft deren mehrere in paralleler Richtung, stehen, die nun mit Ton, Harz und Kuhmist zusammengeklebt und in gleicher Richtung gehalten werden, so daß ganz feste Gebilde entstehen, so fest, daß sie gelegentlich bei einem Sturz abbrechen können!

Pfeil und Bogen sind ihnen unbekannt. Dieser bedürfen sie auch nicht, da sie in der Hauptsache nur Flußpferde jagen, die, wie erwähnt, mit der Harpune und Lanze erlegt werden. Meist sieht man sie mit einem keulenartigen, unten spitzen, oben tellerförmigen Stock, der ihnen gelegentlich beim Ausruhen als Sitz dient. Sonst stehen sie meist auf einem Bein.

Die Shilluks sind außerordentlich kriegerisch. Sie lebten bis vor zwei Jahrzehnten mit den Nachbarn in ständiger Fehde. Heute dürfen sie es nicht mehr. Die Engländer sorgen für Frieden, schon im eigenen Interesse. Beherrscht werden sie von einem König, der früher in Denab, später in Fashoda wohnte. 1861 wurde die Macht dieses kampfesfrohen Volkes von den Ägyptern gebrochen, dann kamen sie unter die Herrschaft der Mahdisten, heute gehört ihr weites Land zum englisch-ägyptischen Sudan.

Erwähnen möchte ich noch ihre ständigen Begleiter, die Hunde. Es scheint dieselbe Rasse zu sein, die wir schon auf den altägyptischen Denkmälern sehen, spitzschnäuzige, windhundähnliche, nur etwas schwerere Tiere, denen zum Unterschied von den meisten europäischen Hundearten die Afterklaue an den Hinterfüßen fehlt. Fabelhaft ist ihre Gewandtheit im Springen, unvergleichlich ihre Schnelligkeit, dank deren sie leicht jede Gazelle einholen und niederreißen. Ihre Färbung ist fuchsrot, die Schnauze schwarz.

Außer mit Ackerbauen, namentlich dem Anbau von Durhakorn, Tabak, Sesam und Bohnen, beschäftigen sich die Shilluks mit Viehzucht, und allenthalben sahen wir sie ihre Herden zum Nil treiben, als wir weiter nordwärts dampften.

Bald kam, als erste Erhebung seit langer Zeit, zur Rechten der Tofa Fam in Sicht, zur Linken aber breitete sich unendliches ebenes Land, bewohnt von den wilden, räuberischen Baggara, den Vorposten des alten Reiches Kordofan, des Landes, das der Mahdi seinerzeit dem tapferen Slatin-Pascha entwand und jahrelang beherrschte, brandschatzte und aussog, so daß ein Drittel der Bevölkerung und mehr zugrunde ging. —

Anfangs hatten wir den Plan gehabt, etwa in dieser Gegend den Dampfer zu verlassen und uns durch das noch fast völlig unbekannte, wüste, wasserarme Gebiet auf dem östlichen Ufer des Nils durchzuschlagen bis hinüber nach Famaka am Blauen Nil. Ein Stück weit wollten wir seinem Lauf folgen, dann wieder in der Wildnis untertauchen und in den wildreichen Wäldern und 'Steppen am Dinder sammeln, in den Ländern, die ich drei Jahre zuvor gründlich durchreist hatte. Aber die Jahreszeit war zu weit vorgeschritten, die Hitze jetzt schon fast unerträglich. Häufige Gewitter, gelegentliche Regengüsse kündigten den nahenden Sommer. Da war es unmöglich, eine solche Reise auszuführen, zumal sie uns in eine der heißesten Gegenden Afrikas geführt hätte, nach Eneshemes, dem „Auge der Sonne", wie die Eingeborenen selbst diesen Landstrich nennen. Ich hatte ihn kennengelernt, wußte, daß es schon in der kühleren Jahreszeit dort unerträglich war, wieviel mehr jetzt. So gaben wir, obgleich alles vorbereitet war, den Plan auf und fuhren behaglich weiter nordwärts. —

Die üppige, alles überwuchernde Ufervegetation hat längst aufgehört. Schroffe Lehmwände erheben sich aus dem Fluß. Steppe dehnt sich nach beiden Seiten, bestanden mit vereinzelten Palmen und Mimosen sowie Gummiakazien, die das geschätzte Gummiarabikum liefern. Auf den Sandbänken sonnen sich Krokodile, zwischen denen unbekümmert unzählige Strandläufer und Bekassinen hin und her laufen. Gleich grauen Wolken erheben sich die wundervollen Kraniche mit trompetenartigem, halb klagendem Rufen, Enten und Gänse schwärmen stromab und stromauf. Es herrscht ein reges Leben. Auch die Zugvögel rüsten sich zur Heimreise nach den nordischen Brutstätten. In ganzen Zügen, einen gewissen Abstand wahrend, sehen wir Falken dem Flußlauf folgen, Reiher und Störche ziehen in der Luft.

Friede um uns. Doch die Gedanken schweifen rückwärts.

Auf prächtigen Arabern kommen ein paar Reiter mit langen Lanzen angesprengt, die sie, nachschleifen lassend, kurz hinter der Spitze gefaßt haben, in weiße, wehende Gewänder gehüllt. Am Ufer parieren sie, blicken nach unserm Dampfer herüber. Es sind Baggara, Söhne jener wilden Horden, die unter der Herrschaft der Mahdisten einst ein furchtbares Blutregiment geführt hatten. Aus ihren Augen leuchtet Raubgier. Sie gedenken wohl der schönen Zeiten, wo sie nach Herzenslust plündern und morden konnten, ehe die Weißen die Macht des gewaltigen Kalifen brachen. Ich kenne die Burschen von meiner früheren Sudanreise her und muß gestehen, daß es mir nicht allzu behaglich zumute war, als ich ihrer dreißig und mehr unerwartet in meinem Lager auftreten sah. Nicht bescheiden, wie sonst die Eingeborenen den allmächtigen Weißen gegenüber, sondern herausfordernd und anmaßend. Doch davon will ich an späterer Stelle erzählen.

Hier am Weißen Nil riefen sie die Erinnerung an den Mann wach, der solange ihren Angriffen getrotzt, dann mehr als ein Jahrzehnt in ihren Händen in Ketten geschmachtet hat, jahrein, jahraus nur darauf bedacht, zu entfliehen, der mit bewundernswürdiger Selbstverleugnung diesen Horden, die er wie ihre Führer verachtete und haßte, immer ein freundliches Gesicht gezeigt hat, dabei seine Würde zu wahren wußte: Slatin-Pascha. Sein Name war einst in aller Munde, und heute noch nennen ihn Eingeborene wie Weiße mit höchster Achtung. Später, nach seiner Befreiung, nach Niederwerfung der Mahdisten, rückte er in die höchsten Stellungen, und hier verstand er durch erstaunlichen Takt, durch ein geschicktes Abwägen, Ausnützen seiner großen Menschen- und Sprachkenntnis zu vermitteln zwischen Regierung und Volk. Erst der Weltkrieg verdrängte auch ihn aus seiner Stellung, nicht gerade zum Vorteil des Landes und seiner Beherrscher, der Engländer! Denn auf ihren Saladini-Pascha — so wurde er allgemein im Volksmund genannt — schworen hoch und niedrig, und es genügte zu erklären, daß man ein Freund von Slatin sei, um sogleich alle Wünsche erfüllt zu bekommen.

Es dürfte deshalb von Interesse sein, auf diesen eigentümlichen Mann und seine Schicksale etwas einzugehen, die mit der Geschichte des Landes so eng verknüpft sind.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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