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Die Anfänge des Mahdismus

Während die Regierung, „unterstützt" von den Engländern, die Militärrevolte niederwarf, traf sie schon ein neuer Schlag: In Oberägypten erhob der „Mahdi" das Banner des Propheten, begeisterte seine Anhänger zum Dschihad, zum Glaubenskrieg, gegen alle nicht Strenggläubigen, also namentlich die Vertreter der ägyptischen Regierung — von denen keiner sich ernstlich nach den Vorschriften des Korans richtete —, und dann gegen die verhaßten Weißen, diese „ungläubigen Hunde", die mit Strenge gegen den vom Koran erlaubten, nach modernen Gesetzen verbotenen Sklavenhandel vorgingen.

Im Laufe der Zeiten sind verschiedene „Mahdi" aufgetreten. Männer, die sich als von Allah berufene Glaubensstreiter ausgaben, mehr oder weniger großen Anhang und Einfluß gewannen, unter Verübung ungeheurer Grausamkeiten gegen ihre Feinde ein Reich aufrichteten, dann aber immer wieder, nachdem sie abgewirtschaftet hatten, in der Versenkung verschwanden. Keinem von ihnen jedoch gelang es, sich auch nur annähernd eine so bedeutende Stellung zu erringen, ein so gewaltiges Gebiet zu unterwerfen wie dem Nubier Mohammed Achmed aus der Provinz Dongala.

Im Jahre 1844 geboren, besuchte er schon frühzeitig die Schule der Grabmoschee in Khartum. Geleitet wurde diese damals von einem angeblichen Nachkommen des Propheten, dem Scheich Hogeli. Mit größtem Eifer studierte er, lernte den Koran auswendig und zeigte eine derartige Gläubigkeit und Strenge im Einhalten der heiligen Vorschriften und Gebräuche, daß er deshalb schon frühzeitig großes Ansehen bei seinen Lehrern und Mitschülern genoß.

Er schloß sich dann mit Begeisterung dem Scheich. Mohammed Scherif an und verbreitete dessen Glaubensregeln, die von ihm im Anschluß und als Auslegung des Korans verfaßt waren. Ihm hatte er unbedingten Gehorsam gelobt, lebte nach seinen Vorschriften auf der Nilinsel Abba, südlich von Khartum, wo er wieder seinerseits Anhänger um sich gesammelt hatte, fleißig Ackerbau trieb und an Bedürftige wohltätige Gaben verteilte. Selbst nahm er nur das an, was er unbedingt zu seinem Unterhalt brauchte. Sein Leben war so kümmerlich wie möglich. Am Fuße eines Berges hatte er sich eine Höhle gegraben, in der er, angeblich oft tagelang ohne Speise und Trank, seine Zeit in strengen Glaubensübungen verbrachte.

Natürlich trug all das sehr dazu bei, den Ruf, den er an sich schon genoß, zu vergrößern, zumal gerade in jenen Zeiten die Religionsübungen im allgemeinen recht äußerlich geworden waren, der Glaube nirgends mehr fest im Volke wurzelte. Gerade dieser Umstand sollte für das spätere Leben und den Entwicklungsgang Mohammed Achmeds ausschlaggebend werden, denn selbst bei den höchstangesehenen Männern, ja selbst bei seinem berühmten und verehrten Meister, dem Scheich Mohammed Scherif, fand er zu seinem Erstaunen, daß auch dessen ganze Lehren rein äußerlich waren, nur darauf berechnet, auf die große Masse des Volkes zu wirken, während der Glaubensapostel selbst sich allerlei Erleichterungen der strenget Religionsvorschriften gewähren zu können glaubte.

Gelegentlich des Festes der Beschneidung der Söhne des Scheichs kam dies zutage: der hohe Herr erklärte plötzlich verschiedene Spiele, Sang, Tanz und Lustbarkeiten, die sonst streng verboten waren, für die Dauer des Festes als erlaubt.

Mohammed Achmed konnte anfangs die Kunde von dieser Ungeheuerlichkeit nicht glauben, dann aber sprach er sich, als er die Wahrheit bestätigt fand, rückhaltlos dagegen aus und erklärte sie als unentschuldbaren Verstoß gegen die göttlichen Lehren.

Mit dem ganzen Zorn, dessen nur ein Orientale fähig ist, nahm der Scheich diese Äußerungen seines sonst so ergebenen Schülers auf, befahl dem Abtrünnigen, zu ihm zu kommen, und als dieser zerknirscht um Verzeihung bat, ja widerrief, wies er ihn von sich und schmähte ihn. Durch den Zorn des vergötterten Meisters niedergedrückt, demütigte er sich auf das tiefste, indem er seinen Hals in die „Scheba" zwängte (eine große Astgabel, wie sie gebraucht werden, um entwichene Sklaven zu fesseln), Haupt und Schultern mit Asche bestreute, um so als reuiger Sünder Verzeihung zu erflehen. Abermals versagte sie ihm der Scheich, ja, stieß ihn sogar aus seiner Ordensgemeinschaft aus.

Damit hatte er aber den Bogen überspannt.

Aufs tiefste in seinem Ehrgefühl gedemütigt, vermutlich noch aufgestachelt durch seine Verwandten und Anhänger, die fürchteten, daß bei dem Schwinden seines Ansehens auch sie darunter leiden würden, wandte sich nun Achmed einem ändern Orden zu und schickte Boten an den Scheich el Geruschi mit der Bitte um Aufnahme in seine Gemeinde. Mit Freuden benutzte dieser die Gelegenheit, den Mann, dessen Ruf im ganzen Lande gepriesen wurde, an sich zu fesseln, und lud ihn zu sich ein.

Jetzt sah Mohammed Scherif seinen großen Fehler ein, suchte wieder Anschluß an seinen einstigen Schüler, versprach, ihm zu verzeihen, aber der wies stolz das Angebot mit den Worten zurück: „Ich bin mir keiner Schuld bewußt, daß ich Verzeihung brauchte, ich habe immerdar streng nach den Lehren des Glaubens gehandelt. Nicht ich brauche die Verzeihung Allahs, sondern du, der du gegen seine Regeln verstoßen hast."

Der Hieb saß. Das Volk gönnte dem anmaßenden Scherif die Abfuhr, und da dieser Jüngling gewagt hatte, in solcher Weise gegen den Lehrer aufzutreten, selbst aber als strenggläubiger Islam lebte, wuchsen sein Ansehen und sein Anhang, zumal seine Schüler und Freunde nicht verfehlten, im Lande herumreisend ihn in möglichst gutem Licht erscheinen zu lassen.

Damit war Mohammed Achmed der Held des Tages. Er kehrte nach der Insel Abba zurück, und hier drängten sich nun immer mehr Anhänger um ihn. Streng den Glaubensvorschriften folgend, nahm er die ihm dargebrachten reichen Geschenke nicht für sich, sondern verteilte sie wie zuvor unter die Armen und Bedürftigen. Dadurch erhielt er den Ruf eines „Entsagenden", und bei der Seltenheit derartiger Fälle in jenen Zeiten trug auch dies wieder sehr zu seiner Verherrlichung bei.

Allmählich trat Mohammed Achmed aus seiner Zurückhaltung heraus und, angeregt durch seine Anhänger, unternahm er eine Reise nach Kordofan, dem einflußreichsten, wertvollsten Teil des Sudans. Seine Reise glich einem Triumphzug. Wohin er kam, wurde er begeistert aufgenommen, jetzt erst sah er, welch gewaltige Verbreitung seine Lehren bereits gewonnen hatten, welchen weitverbreiteten Anhang er besaß. Dadurch veranlaßt, entsandte er von nun an Flugschriften über das ganze Land, forderte die Mohammedaner auf, ihre ganze Kraft einzusetzen, um den Verfall des Glaubens aufzuhalten. Das Volk sollte es in die Hand nehmen, durch gläubiges Befolgen aller Glaubensregeln einander ein gutes Beispiel zu geben, denn von der Regierung sei keine Hilfe zu erwarten, zumal die Beamten in eigennütziger Weise handelten, das Land aussaugten, sich selbst nur zu bereichern suchten. Damit rührte er an eine Saite im Herzen des gemeinen Mannes, die sofort klang, zugleich war dies aber auch die erste, wenn auch etwas verschleierte Kampfansage an die Regierung, die bereits seit sechzig Jahren Kordofan unterworfen und niedergehalten hatte.

In jener Zeit lernte er einen Anhänger kennen, der ihm der Vertrauteste und später sein Nachfolger in der Herrschaft werden sollte. Es war dies Abdullahi ibn Mohammed, der mit geradezu fanatischer Begeisterung an ihm hing und seine Lehren verbreitete.
Ihm als ersten vertraute Mohammed Achmed das große „Geheimnis" an, daß er der Mahdi el Monteser sei, der für das Ende der Zeiten erwartete Erlöser, der die Welt mit Gerechtigkeit erfüllen werde (also genau dasselbe, was alle großen Revolutionäre von sich behaupten).

Dieser Abdullahi war für die Ausbreitung seiner irdischen Macht von großem Wert. Er stellte die Verbindung mit den kriegstüchtigen westlichen Stämmen her.

Es folgten nun weitere Reisen, abermals nach Kordofan, nach den übrigen mächtigen Staaten, namentlich nach El Obeïd. Aber nicht als Mahdi trat hier Mohammed Achmed auf, sondern als Glaubensapostel. Alle Lehrer des Korans besuchte er, und erst, wenn er gefunden hatte, daß in ihren Herzen seine Anschauungen auf fruchtbaren Boden gefallen waren, teilte er auch ihnen unter dem „Siegel der Verschwiegenheit" mit, daß er der langerwartete Mahdi sei, von Allah selbst zur Rettung der Welt berufen.

Natürlich wirkten diese Lehren, das bald allgemein bekannte „Geheimnis" von dem Erscheinen des Mahdi, ungemein auf die breite Masse des Volkes, da allgemeine Unzufriedenheit mit der Regierung herrschte, namentlich wegen der Selbstsucht der Beamten, der Härten beim Eintreiben der Steuern, der ungerechten Verteilung der Lasten, und namentlich über die Unterdrückung der Sklaverei, zumal viele der Beamten sich ganz offensichtlich gleichzeitig der größten Vergehen gegen die Gesetze schuldig machten. —

Wir machen uns im allgemeinen einen ganz falschen Begriff von der Behandlung der Sklaven im Orient. Mit unendlicher Grausamkeit wurden die Sklavenjagden geführt, geradezu viehisch war die Behandlung auf den Transporten. Waren die Sklaven aber erst einmal auf dem Markt oder hatten sie einen Herrn gefunden, so war ihr Los ein ganz anderes. Nun waren sie ein wertvolles Eigentum des Mannes, für den sie arbeiteten, dieser selbst hatte ja alles Interesse daran, diese menschlichen Arbeitstiere gesund und bei Laune zu erhalten, denn auf die Dauer wird bei Arbeit unter der Peitsche nicht soviel geschafft als bei williger Leistung. Wir sind durch „Onkel Toms Hütte" und durch die Schauergeschichten über die amerikanischen Sklavenmißhandlungen in unserm Urteil beeinflußt. Man kann sagen, daß die Sklaven auch im Sudan nicht schlecht behandelt wurden, genau wie im alten Rom. Oft wurden Sklaven Vertraute ihrer Herren. Natürlich gab es auch Ausnahmen. Aber gibt es nicht auch bei uns Eltern, die selbst ihre Kinder wie das Vieh behandeln, lesen wir nicht oft genug davon in Zeitungen, und doch, welch unendlich kleiner Bruchteil von Grausamkeiten gegen Kinder dringt in die Öffentlichkeit, das meiste Leid wird in der Verborgenheit getragen. Wären die Sklaven sonderlich schlecht behandelt worden, so würden sie, deren es im Sudan eine ungeheure Menge gab, sich bei den späteren Kämpfen sicher gegen ihre Herren empört haben. —

Mit offenen Augen war Mohammed Achmed durch die Länder gereist, hatte gesehen und gehört, wo er den Hebel ansetzen mußte, war aber vorläufig noch im Hintergrund geblieben, wollte in weiser Mäßigung seine Zeit abwarten.

Einsichtsvollen Männern der ägyptischen Regierung war die Gefahr, die hier allmählich für sie heranreifte, nicht entgangen. Die wenigen europäischen Offiziere, die im weiten Lande verteilt waren, warnten, auch der frühere Lehrer Mohammed Achmeds, der voller Eifersucht den gewaltigen Einfluß, den sein einst verstoßener Schüler gewonnen hatte, immer mehr wachsen sah, teilte Rauf-Pascha, dem Gouverneur von Khartum, von wo aus das ganze Land verwaltet wurde, seine Beobachtungen mit, machte auf die durch den neuen Apostel drohende Gefahr aufmerksam.

Infolgedessen wurde Achmed aufgefordert, zur Rechtfertigung nach Khartum zu kommen. Vorsichtig machte der Unterhändler, der den ihm gewordenen Auftrag nur sehr ungern übernommen hatte, ihm Mitteilung von den Klagen, die gegen ihn vorgebracht wurden. Und nun spielte Achmed seinen Haupttrumpf aus, auf den er sich längst vorbereitet hatte, denn er wußte ganz genau vorher, warum die Beamten aus Khartum ihn auf seiner Insel aufsuchten. Nach freundlicher Begrüßung spielte er den Überraschten, brauste dann wild auf, schlug sich mit der Faust auf die Brust und brüllte den Unterhändler an:

Durch Gott und des Propheten Gnade bin ich der Herr des Landes! Nie werde ich nach Khartum gehen, um mich zu verantworten!"

Damit war der Würfel gefallen.

Achmed hatte sich offen zum Herrn des Landes erklärt, der Regierung die Fehde angesagt.

Sofort begann er eine fieberhafte Tätigkeit, predigte offen den Heiligen Krieg, sammelte seine Getreuen, so gut es ging, bewaffnet um sich und spornte sie zur Begeisterung an, indem er ihre niedrigsten Instinkte, namentlich die Habsucht, aufputschte. Vier Fünftel aller gemachten Beute sprach er ihnen zu, nur ein Fünftel beanspruchte er selbst zur freien Verfügung, indem er hindurchblicken ließ, daß er diesen Teil den Bedürftigen zukommen lassen wollte.

Die schroffe Antwort Achmeds hatte Rauf-Pascha überrascht, ihm aber auch die Augen völlig geöffnet, welche große Gefahr der Regierung drohte. Er schickte auf einem Dampfer zwei Kompanien Soldaten gegen den Empörer.

Unbegreiflicherweise landeten diese Truppen noch spät am Abend in der Nähe der Niederlassung Achmeds. Ohne sich vorher über die Örtlichkeit unterrichtet zu haben, drangen sie in der Nacht, noch dazu getrennt, auf sumpfigen Wegen vor in der Hoffnung, den Mahdi und seine Anhänger in ihren Hütten überraschen und schnell erledigen zu können. Doch dieser war längst von der ihm drohenden Gefahr benachrichtigt und hatte sich mit seinen Genossen im hohen Gras und Busch versteckt, ließ die Truppen ruhig vorüberziehen, und bald hörten die Mahdisten das Salvenfeuer der Truppen auf die leeren Hütten. Die beiden Kompanien stießen im Dunkeln aufeinander und beschossen sich gegenseitig. Diesen Augenblick der Verwirrung benutzte der Mahdi geschickt. Mit wildem Gebrüll stürzten sich seine fanatisch begeisterten Scharen auf den Soldatenhaufen, und obgleich nur mit Messern, einigen Speeren und Schwertern, aber in der Hauptsache mit Knüppeln bewaffnet, richteten sie unter den Überraschten ein furchtbares Blutbad an, schlugen fast alle tot; nur wenige vermochten sich zum Nil zu retten und schwimmend den Dampfer zu erreichen, soweit sie bei diesem Versuch nicht von Krokodilen geholt wurden. Am nächsten Tage dampfte der Rest der Truppenmacht nach Khartum zurück.

Das war der erste Sieg, noch dazu erkauft fast ohne jegliche Opfer. Der Mahdi selbst hatte einen Streifschuß an der Schulter, den er ausnutzte, um zu zeigen, wie Allahs Hand ihn beschirmt habe. Diese große Niederlage der „Türken", denn für damalige Verhältnisse war sie sehr schwer, erhöhte natürlich das Ansehen des Mahdi bedeutend, brachte ihm viele neue Anhänger, Glaubensstreiter, zumal eine große Zahl von Sendboten sehr geschickt allenthalben seinen Ruhm pries; außerdem erhöhten die erbeuteten Gewehre und Munition wesentlich seine Macht.

Der Mahdi selbst überschätzte den errungenen Erfolg aber durchaus nicht; er war sich nur zu klar, daß nun 6 Regierung alles daransetzen werde, sich seiner zu entledigen, seine Macht ein für allemal zu brechen. So ließ er sich von seinen Brüdern leicht überreden, seinen Sitz weit weg von Khartum nach dem Süden von Kordofan zu verlegen, wo die Zahl seiner Gläubigen ständig wuchs.

Auf dem Zuge dorthin verbreitete er natürlich nach Möglichkeit seine Lehre, warb allenthalben Kämpfer, die ihm, wenn auch nicht in so großen Massen, wie er erhofft hatte, zuzogen. Die meisten fürchteten doch immer noch, daß die Regierung bald wieder die Oberhand gewinnen würde. Das wäre auch der Fall gewesen, wenn die meisten Beamten und Offiziere sich nicht durch eine geradezu unbegreifliche Lässigkeit und Unentschlossenheit in ihren Unternehmungen zur Unterdrückung der heranwachsenden Gefahr ausgezeichnet hätten. Die einen verfolgten den Feind immer in einem bestimmten Abstand, vermieden offensichtlich den Kampf, andere ließen beim Lagern alle Vorsichtsmaßregeln außer acht.

So kam es, daß Raschid-Bei, mit seiner ganzen Truppenmacht in einen Hinterhalt gelockt, von den immer noch schlecht bewaffneten Haufen vollkommen vernichtet wurde.

Dieser zweite große Sieg steigerte natürlich das Ansehen des Mahdi ganz bedeutend, namentlich bei den im Süden wohnenden Völkern. Aber nicht nur das. Es zogen ihm auch andere Stämme zu, denn es erschien nachgerade ein Wunder, daß die Horden des Mahdi jedesmal die regulären Truppen, wo sie mit ihnen zusammenstießen, schlugen. Ja, immer mehr setzte sich die Ansicht fest und wurde durch die Anhänger des neuen Apostels reichlich genährt, daß Allah selbst die Scharen leite, daß unsichtbare Engel für den Mahdi in den Kampf eingriffen.

Aber trotz der Erfolge erkannte der kluge Mann, daß seine Lage und Stellung durchaus noch nicht gefestigt genug waren, um selbst angreifend vorzugehen. Noch zog er durchs Land, predigend, Kräfte sammelnd. Wohl liefen ihm die ärmeren Teile der Bevölkerung zu, verbreiteten seinen Ruhm, doch die wohlhabenderen hielten sich von ihm fern, verließen oft die Orte, denen er sich näherte, um nicht von ihm gezwungen zu werden, offen auf seine Seite zu treten und so Gefahr zu laufen, in späteren Jahren, wenn, wie mit Sicherheit anzunehmen war, sein Stern gesunken war, von der rechtmäßigen Regierung zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Mohammed Achmed erkannte das wohl, hütete sich aber vorläufig, hiergegen vorzugehen; seine Zeit der Rache würde schon kommen, des war er gewiß.

Die Regierung sah nun immer mehr ein, daß hier eine wirklich ernste Gefahr heranreifte. Deshalb rüstete sie unter Jusuf esch Schellali ein stärkeres Heer aus, das, durch neu angeworbene Truppen auf 6000 Mann gebracht, nach Fashoda vorstieß. Allerdings hatte sich schon gezeigt, daß der Einfluß, den der Mahdi allenthalben ausübte, doch ein recht bedeutender war, denn nicht wie sonst strömten die Scharen den ägyptischen Werbern zu, sondern nur vereinzelt kamen sie, die meisten hielten sich fern, sie mochten nicht gegen den uneigennützigen, strenggläubigen Mann ins Feld ziehen. Und noch ein zweiter Gedanke trat hinzu: was konnten sie denn dabei gewinnen? Arm wie eine Kirchenmaus war der Mahdi, denn all sein Hab und Gut gab er den Armen, seine Scharen waren nur mit dem Notdürftigsten bekleidet, besaßen nichts als kümmerliche Waffen, da lockte also keine Beute. Ja, wenn es reich ausgerüstete Truppen mit Schätzen aller Art gewesen wären, dann würde das religiöse Gefühl schon beschwichtigt worden sein, aber so? Nein, da lohnte es nicht.

Merkwürdigerweise waren die beiden Niederlagen der Regierungstruppen von diesen bald vergessen. Mit unbegreiflichem Selbstvertrauen zog das neue Expeditionskorps aus, allerdings waren ihre Führer auch erprobte Krieger. Es waren Offiziere, die allenthalben bisher gesiegt, die Dar-Fur und El Obeïd erobert hatten, und so wähnten sich die Truppen der Ägypter unbesiegbar. Überhebung hat bisher noch jeden Feldherrn ins Verderben gestürzt, Mißachtung des Gegners schon manches Heer vernichtet. Auch hier sollte diese alte Weisheit sich verhängnisvoll bewahrheiten. Die Offiziere waren sich so sehr ihrer vermeintlichen Überlegenheit gegenüber den Mahdisten bewußt, daß sie es nicht einmal für nötig hielten, das Lager mit dem einfachen, aber ungemein wirksamen Schutz einer Dornenseriba, eines Verhaues, zu umgeben, sondern ein paar im Kreis gelegte Zweige schienen ihnen zu genügen.

Wie immer war der Mahdi durch Späher ständig genau über alles, was beim Feind vorging, unterrichtet. In der Nähe des feindlichen Heeres lag er im Versteck, sich dessen bewußt, daß er hier, wenn er schnell und entschieden vorging, einen Erfolg erringen konnte, der in seiner Tragweite sich noch gar nicht ausdenken ließ. Im hohen Gras schlich er sich mit seinen Scharen in der Nacht an das Lager heran, und nach dem alten Erfahrungssatz, daß die Stunden kurz vor Tagesanbruch zum Überfall immer die geeignetsten sind, stürzte er sich um diese Zeit plötzlich auf das schlafende feindliche Heer.

Schweigend hatten sich seine fanatischen halbnackten Scharen herangeschlichen, erst nachdem die Wachen überfallen und niedergeschlagen waren, erhoben sie mitten im feindlichen Lager ihr wildes Kampfgeschrei und richteten unter den schlaftrunken auffahrenden Soldaten ein furchtbares Blutbad an. Kaum wagten die Überfallenen Widerstand zu leisten, wirr lief alles durcheinander, alle Offiziere waren in kurzer Zeit niedergestochen. Merkwürdigerweise war es ein Weib, das für kurze Zeit die überraschten Truppen durch ihr Beispiel zum Kampf entflammte: eine Negerin, die mit dem Revolver in der Hand den Tod ihres Herrn rächte und zwei der Mahdisten niederschoß, bis auch sie den Speerstichen der erbosten Feinde «ring. Fast kein ägyptischer Soldat entging dem Gemetzel.

Das war ein Sieg, der die beiden vorigen vollständig in den Schatten stellte, denn die Zahl der erschlagenen Feinde war ungleich größer, die Beute viel reicher.

Doch die Niederlage der Regierungstruppen wertete sich auch noch in anderer Richtung sehr schwerwiegend aus. Durch sie bekam der Mahdi plötzlich ungeheure Mengen an Waffen, Munition, Zelten und Schätzen aller Art in die Hand, die er, klug verteilend, den ihm zuströmenden Häuptlingen zum Geschenk machte. Hierdurch fesselte er nicht nur diese an sich, sondern lockte auch andere, die hoffen durften, bei dem nächsten Sieg, an dessen Nähe sie alle fest glaubten, gleichfalls reich beschenkt zu werden.

In Gebel Masa hielt der Mahdi Hof, scharte seine Anhänger um sich, die ihm von jetzt an, da Allahs Hand offenbar den Fanatiker leitete, in hellen Scharen zuströmten, namentlich waren es Männer aus Kordofan und Dar-Fur.

Aber es bildeten sich auch Banden, die selbständig zu Lob und Preis des Mahdi das Kriegshandwerk ergriffen, sich zusammentaten, die kleinen Gouvernementsposten oder reisende Beamte überfielen und ausplünderten. Dadurch wurden allmählich die Zustände für die Regierung unhaltbar. Dem wollte sie nun mit voller Entschiedenheit ein Ende bereiten.

Vor allem kam es darauf an, El Obeïd zu halten, den reichsten Handelsplatz von Kordofan. Mit Wall und Graben wurde die Stadt umzogen, aber der Mudir Mohammed-Pascha Sa'id unterließ es aus Geiz, sich rechtzeitig mit Getreide zu verproviantieren, was ihm später verhängnisvoll werden sollte.

Inzwischen fraß allenthalben die Flamme des Aufstandes weiter. Mordend und sengend zogen die immer siegreichen Anhänger des Mahdi durch das Land, enger schnürte sich der Gürtel um El Obeïd. Bei dem kaum eine Tagereise entfernten Abu-Haraz kam es zum Kampfe, der Ort wurde durch die Mahdisten gestürmt; die Bevölkerung, meist nur noch Weiber und Kinder, die dem Gemetzel entronnen waren, flohen, brachen aber, von Durst erschöpft, unterwegs zusammen. Über sie fielen die Scharen der habsüchtigen Verfolger her. Während jungen Mädchen und Frauen das Leben geschenkt wurde, schnitten die Unmenschen den sich verdurstend windenden älteren Frauen in beispielloser Grausamkeit die Hände und Füße an den Gelenken ab, um auf diese Weise schneller die silbernen und elfenbeinernen Armringe und Geschmeide erlangen zu können. Dann kümmerten sie sich nicht weiter um sie, ließen sie verdurstend und verblutend liegen, eine Beute der Geier und herumstreifenden Hyänen, nicht einmal den Gnadenstoß hatten sie für die Unglücklichen. So sahen die Scharen des Mahdi aus, der angab, für die Wiederaufrichtung des Rechtes, des Glaubens zu streiten.

Auch er hatte inzwischen seine Uneigennützigkeit abgelegt, auf prächtigen Pferden in glitzernder Sarazenenrüstung pflegte er aufzutreten, Pracht entfaltete er um sich, gewaltige Schätze häuften sich auf, einen ständig wachsenden Harem nannte er sein eigen, kurz, er lebte vollkommen wie ein weltlicher orientalischer Fürst. Die religiösen Übungen, so gewissenhaft er sie auch immer öffentlich ausführte, waren ihm schon längst nur Äußerlichkeiten geworden, ein großes weltliches Reich wollte er aufrichten, das war sein Streben.

Allenthalben empörten sich, aufgehetzt durch die Sendboten des Mahdi, die Völker. Nicht nur am Weißen Nil, sondern auch nord- und ostwärts, an dem blauen Fluß hatten sie Erfolg. Bei Abu-Haraz am Rahat hatte Giegler-Pascha einen Mißerfolg gegen die Aufrührer, und erst nachdem er neue Truppen von Khartum herbeigeholt hatte, vermochte er den Anhänger des Mahdi, Scherif Achmed Tahir, zu besiegen, drang weiter gegen Sennar vor, das die Aufständischen bereits eingeschlossen hatten, zerstreute die Rebellen und rettete hier noch einmal die Lage zugunsten der Regierung.

Doch auf die Dauer konnte mit solchen örtlichen Maßnahmen kein durchgreifender Erfolg erzielt werden. Sehr wohl erkannte der im Mai 1882 in Khartum angekommene neue Gouverneur des Sudans, der berühmte Abd el Kadir, die große Gefahr, die letzten Endes auch die Hauptstadt bedrohte. Deshalb ließ er zum Entsetzen aller, die bisher geglaubt hatten, die Erhebung des Mahdi sei als unbedeutend anzusehen, die Stadt befestigen. Damit wurde den reichen Kaufleuten in Khartum mit einemmal die drohende Gefahr vor Augen gerückt, und gar mancher von ihnen, auch viele Europäer, verzog sich mehr nach den sicheren Gebieten, nach Unterägypten und Syrien.

So hatte sich die Macht des Mahdi weithin über das Land ausgebreitet, aber sie stand noch nicht auf festen Füßen. Bisher hatte er nur Teile der Länder unterworfen, noch hatte sich nicht die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit ihm angeschlossen. Noch immer zauderten viele, sich für ihn zu erklären, da sie nicht sicher waren, daß der neue Apostel sich auf die Dauer werde halten können. Die großen Städte waren in der Hand der Regierung; ehe sie nicht gefallen, konnte der Mahdi nicht auf ständige Vorherrschaft vertrauen.

Währenddessen eilten die Nachrichten von den unerwarteten Erfolgen wie ein Lauffeuer durch das Land, wurden durch Weitererzählen ins Riesenhafte vergrößert. Von unermeßlichen erbeuteten Schätzen wurde gesprochen, von der Großmütigkeit des Mahdi, den reichen Geschenken, die er allen gemacht habe. Kein Wunder, daß da der Zuzug immer größer wurde. Auch die bisher Schwankenden, klug Abwägenden wurden mitgerissen. Doch nicht nur die, sondern auch die vielen Mißgestimmten, die einen mehr oder weniger berechtigten Groll gegen die ägyptische Regierung hatten, namentlich die Sklavenhändler, denen durch das Einschreiten der Beamten ihre einträglichen Geschäfte unterbunden waren, dann wegen Betrügereien entlassene niedere Beamten, auch frühere Offiziere. Neben ihnen Fanatiker, entlaufene mittellose Sklaven, Menschen, die ihre Befreiung durch die ägyptische Regierung ihr auf diese Weise „dankten". Immer größer wurde der Zuzug. Und es waren vielfach nicht etwa nur Menschen, die als Kanonenfutter dienten, sondern wirkliche waffengewandte, kriegserfahrene Kämpfer. Nur zu gut verstanden die einstigen Sklavenjäger durch jahrzehntelange Erfahrung mit der Waffe umzugehen, im Kleinkrieg jeden Vorteil auszunützen. Dazu kamen Elefanten- und Straußenjäger, alles gute, unerschrockene Schützen. Jetzt, wo der Mahdi offen gegen die Ägypter angreifend vorging, wo Erstürmung und Plünderung der reichen Städte in Aussicht standen, wo Beute lockte, war für sie alle die Sache eine andere.

Während Mohammed Achmed so eine wirkliche Heeresmacht heranbildete, betrieb er aber auch im geheimen den Abfall der noch treuen Landesteile von der Regierung. Überallhin hatte er seine Sendboten gesandt, namentlich in die Städte, die Bevölkerung aufgefordert, ihm, dem Mahdi, sich anzuschließen, die Beamten zu vertreiben, ihm die Tore der Städte zu öffnen. Zur Belohnung versprach er ihnen Verzeihung dafür, daß sie bisher sich ihm nicht angeschlossen hatten, andererseits drohte er ihnen aber im Weigerungsfalle die schrecklichsten Martern, Tod und Vermögenseinziehung an. Und wahrlich, hiervor konnte dem Volke grauen, denn Blutlachen, abgeschnittene Hände und Beine, verhungerte, zu Tode gepeitschte Menschen, niedergebrannte, ausgeraubte Dörfer, geschändete Weiber bezeichneten den Weg, den dieser „Befreier der Menschheit" genommen hatte. Täglich kamen neue schaudererregende Nachrichten, die Bevölkerung zitterte.

In Gedir, im südlichen Kordofan, hart an der Grenze der Schilluk, hatte der Mahdi sein Hauptlager. Nun brach er mit seinem gewaltig angewachsenen Heere auf und zog gegen El Obeïd, die Hauptstadt, unterwegs noch eine Reihe kleinerer Stationen erobernd.

Damals fielen die beiden Missionare Pater Josef Ohrwalder und Luigi Bonomi, sowie mehrere Schwestern, die sich in der kleinen Station Delen aufhielten, in die Hände des Mahdi und wurden jahrelang in grausamer Gefangenschaft gehalten, bis ihnen endlich die kühne Flucht gelang.

Gewaltige Reiterscharen überschwemmten das Land, trieben die Bevölkerung in Angst und Schrecken vor sich her. Gleichzeitig trafen beim Gouverneur Mohammed-Pascha Sa'id in El Obeïd Boten ein, die ihn zur Übergabe aufforderten. Doch seine Antwort war echt orientalisch: er ließ diese Unglücklichen kurzerhand als Rebellen hinrichten. Aber mit diesen Abgesandten waren auf Schleichwegen weitere Anhänger des Mahdi in die Stadt gekommen und veranlaßten einen großen Teil der Bevölkerung, bei Nacht zu dem weltbeglückenden Apostel überzugehen.

Für die Besatzung war das ein schwerer Schlag, denn waren es auch keine Kämpfer, so zeigte es doch den moralischen Verfall. Ein Wutschrei ging durch das Mahdistenlager, als die Nachricht von der Hinrichtung der Unterhändler eintraf. Zum wildesten Fanatismus aufgestachelt, brandeten die gewaltigen Heersäulen gegen die Stadt, nur mit Schwert, Speer und Dolch bewaffnet, ohne Gewehre. Furchtbar räumten die Salven der Ägypter unter den todesmutig Heranstürmenden auf, aber immer neue Scharen sprangen in die blutig gerissenen Lücken. Nach Beute und Blut der Feinde lechzend, überrannten sie die niedrigen Befestigungen, stürmten siegestrunken in die Stadt, und schon schien alles verloren, die Hauptstadt in der Hand der Mahdisten. Da, im Augenblick höchster Gefahr, gab der Tscherkessenoffizier Nesim-Effendi den Befehl, auf die Dächer der Häuser zu steigen und von oben aus auf die in den Straßen zusammengedrängt vorstürmenden Sieger zu feuern. Das war entscheidend, denn nun ging keine Kugel mehr fehl, zu Haufen türmten sich die Leichen, wehrlos erlagen die Mahdisten dem rasenden Schnellfeuer. Ungeheuer waren ihre Verluste, unter ihnen der erste Kadi, viele Emire und nächste Verwandte des Mahdi. Aber leider zeigte der Gouverneur nicht dieselbe Entschlußfähigkeit wie sein Offizier. Hätte er anschließend an das furchtbare Blutbad in den Straßen einen entscheidenden Ausfall gemacht, wer weiß, ob er nicht mit einem Schlag die ganze Macht des Mahdi zertrümmert, ihn selbst gefangengenommen hätte. So aber zögerte er, begnügte sich damit, den Feind aus der Stadt geworfen zu haben. Die Stadt blieb eingeschlossen.

Währenddessen wuchs der Anhang des Mahdi im weiten Lande ständig. Längst wütete ein Krieg aller gegen alle. Unter dem Deckmantel: Ashab el Mahdi, Freunde des Propheten zu sein, überfielen kleinere Banden einzelne Regierungsposten, plünderten reiche Kaufleute aus. Die noch nicht unterworfenen Plätze in der nahen und weiteren Umgebung von El Obeïd wurden eingeschlossen, so namentlich das wichtige, nördlich gelegene Bara. Um diesen Ort zu retten und dann auch möglichst El Obeïd zu entsetzen, sandte die Regierung eine Truppenmacht von 2000 Mann zu Hilfe. Aber was waren diese wenigen gegen die gewaltigen, sich immer ergänzenden Scharen des Mahdi? Durch Hunger, Durst und schlechtes Wetter entkräftet, hatten sie noch nicht ihr Ziel erreicht, als sie von den fanatischen Horden überfallen und fast sämtlich niedergemacht wurden; nur ein kleiner Bruchteil schlug sich nach Bara durch und verstärkte die Zahl der Esser in der eingeschlossenen Stadt.

Ein Ort nach dem ändern fiel, von allen Seiten trafen die Unglücksbotschaften ein. Da wollte es das Mißgeschick, daß auch noch die Getreidevorräte von Bara in Flammen aufgingen. Damit war das Schicksal dieses festen Platzes besiegelt. Hunger und Verzweiflung trieben die Bevölkerung zum Gouverneur, der schließlich in die Übergabe willigte. In El Obeïd hoffte man stündlich auf den Entsatz. Da vernahmen die geängstigten, halb verhungerten Einwohner Kanonendonner. Voll freudiger Hoffnung stiegen sie auf die Dächer der Häuser, um besser sehen zu können. Das mußten ja die Befreier sein, noch Stunden, dann würde alles Ungemach überwunden sein! Schon
rüstete sich die Besatzung zum Ausfall, um die Befreier zu unterstützen, da erkannten sie den furchtbaren Irrtum: Nicht Kampfgetöse war es, das herüberscholl, sondern Freudenschüsse der Mahdisten, die den Fall von Bara feierten. Schwer traf die Nachricht die gebeugte Schar, aber ergeben wollte sie sich nicht; sie alle bangten vor dem entsetzlichen Schicksal, das schon so viele betroffen hatte, die sich, auf Gnade hoffend, ergeben hatten; die Bluttaten an den Flüchtlingen waren noch in zu frischer Erinnerung. So darbte und hoffte man weiter. Hungersnot, Skorbut und Pocken, Typhus brachen aus. Nichts gab es mehr zu essen; altes Schuhwerk, Sandalen, alte Knochen wurden, zerkleinert und gekocht, als Nahrung heruntergeschlungen. Auf den Straßen lagen die Leichen der Verhungerten unbeerdigt, Geier sammelten sich hier und wurden als Nahrung von den Soldaten geschossen. Aber der Hunger nagte immer mehr, es war keine Aussicht auf Entsatz, und so entschloß sich Mohammed-Pascha Sa'id am 18. Januar 1888, die Stadt zu übergeben.

Äußerlich wurden die Gefangenen freundlich aufgenommen, zugleich aber auch gefragt, wo sie ihre Schätze verborgen hätten. Mohammed leugnete, solche überhaupt zu besitzen, doch der schlaue Mahdi hatte, wohl unter einem „sanften Druck", die gefangenen Diener ausfragen lassen, wo ihr Herr seine Goldstücke verborgen habe. So hatte er das Versteck erfahren. Als der Gouverneur den Besitz in Abrede stellte, sagte er ruhig: „Warum leugnest du? Was willst du mit den irdischen Schätzen? Ich weiß, wo sie sind. Allah ist mir erschienen und hat es mir mitgeteilt." Und sich zu seinem Vertrauten Achmed woled Soliman wendend: „Geh in sein Zimmer, brich die Ziegel aus der linken Wand, dort wirst du die Schätze des Gefangenen finden." Ringsum allgemeines Staunen, Mohammed Sa'id erschrak, und nach kurzer Zeit wurde eine große Blechkiste gebracht, angefüllt mit Goldmünzen. Kurze Zeit darauf wurden Mohammed-Pascha Sa'id und mehrere seiner Offiziere heimlich umgebracht. Die Kunde von der wunderbaren Offenbarung des Mahdi durchlief aber wie ein Lauffeuer die Stadt, allenthalben erschollen Freudenrufe zum Preise Allahs und seines Propheten.

Mit dem Fall dieser wichtigen festen Plätze war das reiche Land Kordofan in der Hand des Mahdi, nur klein war noch das Gebiet, das der ägyptischen Regierung Untertan war, und auch hier handelte es sich meist um Länder, die durch das dazwischengeschobene Mahdistenreich ohne unmittelbare Verbindung mit der Heimat standen, es waren dieses die Gouvernements im Südwesten: Dar-Fur unter Slatin-Pascha und die Äquatorialprovinz, in der Emin-Pascha herrschte.

Inzwischen hatte der Mahdi sich sein Reich und seine Regierung nach Gutdünken, das heißt als unumschränkter Despot, eingerichtet. Alle Einkünfte, also alle Beute, alle Geldsummen aus beschlagnahmten Vermögen — und das waren nicht geringe, denn das kleinste Vergehen, schon ein gelinder Zweifel an der Sendung des Mahdi galt als Hochverrat und wurde mit Vermögenseinziehung und Tod bestraft — flössen ihm zu. Da er niemand Rechenschaft schuldig war oder gab, verwendete er den weitaus größten Teil auf seine üppige Haushaltung, in die natürlich kein Uneingeweihter einen Einblick hatte; draußen erschien der Mahdi immer in der Giubbe, dem baumwollenen Gewand, das alle Mahdisten, ohne Unterschied des Ranges, trugen. Ständig predigte er Enthaltsamkeit und Mäßigung, so daß die große Masse seinen Worten glaubte. Auch das Gerichtswesen war so einfach wie möglich. Ein Kadi mit Gehilfen sprach Recht nach den vom Mahdi festgesetzten Grundsätzen. Diese verstießen aber vielfach gegen die Scheria Mohammeds, ja, gegen das mohammedanische Religionsgesetz. Doch das beirrte ihn nicht weiter. Er war ja allmächtig, und so verbot er kurzerhand jeden Gebrauch der heiligen Bücher, soweit sie nicht von ihm selbst bearbeitet waren, ließ sie, wo sie gefunden wurden, verbrennen oder in den Nil werfen. —

Während also Kordofan in die Hände der Mahdisten gefallen war, stand die Sache in den östlichen Provinzen für die Mahdisten nicht so günstig. Hier belagerten sie die wichtige Stadt Sennar am Blauen Nil, aber Abd el Kadir griff die Mahdisten an, schlug sie nicht nur vollständig, sondern ließ die zersprengten Scharen in die wasserlose Ebene zwischen Blauem und Weißem Nil verfolgen, wo es auf drei Tagereisen kein Wasser gibt, und hier gingen die Erschöpften, ständig Bedrängten, großenteils zugrunde.*

Abd el Kadir schlug nun vor, den Sudan einstweilen sich selbst zu überlassen, denn sehr wohl sah er ein, daß mit kleinen Expeditionen nichts zu machen sein würde. Er wollte die ganze Bewegung sich totlaufen lassen, denn nur zu klar erkannte er, daß über kurz oder lang zwischen den einzelnen Häuptlingen und Großen der vielen sich dem Mahdi anschließenden Völker Zwistigkeiten ausbrechen würden, namentlich, sobald erst einmal die kriegerischen Unternehmungen ein Ende gefunden hatten. Schon war ein Aufstand ausgebrochen, doch noch rechtzeitig vom Mahdi mit eiserner Faust niedergeschlagen worden, aber er bedeutete das erste Wetterzeichen. Abd el Kadir, als guter Kenner des Sudans, wollte deshalb von einer Wiedereroberung von Kordofan vorläufig abstehen, den Weißen Nil als Basis behalten, dafür aber mit Macht das Gebiet zwischen Blauem Nil und Rotem Meer wieder fest in die Hand bekommen. In Kairo war man aber anderer Ansicht, die Herren vom grünen Tisch wußten es wieder einmal besser. Abd el Kadir wurde abgesetzt.

Mit Freude vernahm der Mahdi die Kunde und schickte nun sofort seinen gewandtesten Agenten, den früheren Sklavenhändler Osman Singa in die östlichen Provinzen. Er sollte die Völkerschaften nach dem Roten Meer hin aufstacheln, um die Regierung hier mehr zu beschäftigen und möglichst an der Absendung einer größeren Expedition gegen Kordofan zu hindern. Doch diese war einmal beschlossen, und Hicks-Pascha, der im April 1883 den Mahdisten bei Marabia am Weißen Nil eine Niederlage beigebracht hatte, war als Befehlshaber ausersehen. 10000 Mann standen ihm zur Verfügung, eine lächerlich kleine Zahl, zumal wenn man bedenkt, daß das nicht etwa Kerntruppen waren, sondern meist zusammengesuchtes Gesindel, denen die Mahdisten in weitaus größerer Zahl gegenüberstanden, wohl ausgerüstet mit Gewehren und Geschützen, die sie in den Siegen und bei Eroberungen der verschiedenen Städte erbeutet hatten. Dazu ein Heer von Männern, die fanatisch für ihren Herrn kämpften und großenteils aus hervorragenden Schützen bestanden, Elefanten-, Straußen- und Sklavenjägern, außerdem standen Tausende und aber Tausende im Dienst des Mahdi, die früher als Regierungssoldaten gekämpft, also im Kriegshandwerk erfahren waren.

Das ganze Unternehmen war so töricht wie möglich eingeleitet. In einem gewaltigen Viereck marschierten 10000 Mann, in ihrer Mitte 6000 Kamele. Man denke sich, welch ein Ziel für feindliche Schützen! Da mußte ja jede Kugel treffen, Verwirrung anrichten. Dazu ging der Weg durch dichtbestandenes, teilweise mit übermannshohem Gras bestandenes Gelände. Nirgends fanden sich zureichende Quellen, nur trockene Flußbetten gaben spärliches Wasser, für die Kamele nur unzureichendes Futter, zumal sie nie richtig auf die Weide getrieben werden konnten, denn allenthalben schwärmten die Reiter des Mahdi, beunruhigten die Treiber, schössen sie ab oder stachen sie nieder und verschwanden wieder im Dickicht. Dadurch wurde die Unruhe, die sich allmählich der Menschen und Tiere bemächtigte, immermehr gesteigert, häufige nächtliche Plänkeleien, Überfälle oder Schießereien rieben die Soldaten auf. Hierzu kam, daß in der Truppe selbst Zwistigkeiten herrschten. Auf der einen Seite standen die europäischen Offiziere, die sich um Hicks scharten, auf der ändern die ägyptischen, die verärgert waren, weil sie sich zurückgesetzt fühlten.

Der Geist in Hicks' Heer war schlecht. So ergriff zum Beispiel eine ganze Abteilung Reiterei vor etwa zehn Mahdisten die Flucht. Die Aussichten des ägyptischen Heeres auf Erfolg waren mithin gleich Null, und hicks sowie seine Offiziere sahen das wohl auch von Anfang an ein. Aber statt zurückzumarschieren, das ganze Unternehmen zu verschieben, eine günstigere Jahreszeit abzuwarten oder sich besser auszurüsten, zog Hicks-Pascha seinem Verderben offenen Auges entgegen.

Der Mahdi, durch seine Späher über das herannahende Heer und durch Überläufer über seinen Zustand auf das genaueste unterrichtet, bezog außerhalb von El Obeïd ein Lager. Hier hielt er täglich Heerschau und Truppenübungen ab, ließ mit Kanonen schießen, das Kampfgeschrei anstimmen, um auf diese Weise die Pferde an den zu erwartenden Schlachtenlärm zu gewöhnen, denn er wußte, wie leicht eine Panik unter den Reittieren verhängnisvoll werden konnte.

Währenddessen umschwärmten ständig kleinere, gutberittene Trupps von Mahdisten das Hickssche Heer. Allenthalben tauchten sie auf, für wenige Augenblicke, bald zwischen Büschen, dann auf Hügeln sichtbar, überall und nirgends waren sie, ein kurzer Kugelwechsel, ein getroffenes Reittier bäumte inmitten des „Viereckes" auf, doch schon war der Feind wieder verschwunden.

Durch derartige Plänkeleien wurde der Geist der durch Wassermangel schon geschwächten Truppe untergraben. Immermehr erkannte man die nahende Gefahr, das Verhängnis, denn bald wurde es auch dem gemeinen Mann offenbar, daß es hier dem Unglück entgegenging.

Die Siegeszuversicht des Mahdi war noch durch Nachrichten verstärkt worden, die er durch einen weißen Überläufer erhalten hatte, welcher die Sinnlosigkeit des ganzen Hicksschen Unternehmens, sein bevorstehendes Ende nur zu genau durchschaut hatte. Mit etwa 100.000 Mann zog Mohammed Achmed bis Birket, wo die ausgesandten Beobachtungsposten zu ihm stießen, dem nahenden Feind entgegen. Aber er eröffnete noch nicht gleich den Angriff, sondern ließ nun erst tagelang das erschöpfte, halbverdurstete, geschwächte Heer durch ständige kleine Angriffe beunruhigen, die Soldaten Tag und Nacht nicht zur Ruhe kommen.

Durch eine leichte Seriba nur notdürftig geschützt, lagerte die Truppe eng zusammengepfercht. In der Mitte die 6000 Kamele, großenteils halb verhungert. Gedeckt durch Bäume und kleine Erdhügel schlichen sich die unter Hamdan Abu Anga stehenden Scharfschützen des Mahdi heran und eröffneten, selbst fast unsichtbar, auf die in engem Knäuel lagernden Truppen und Lasttiere ein ununterbrochenes Feuer. Geradezu furchtbar räumten ihre Kugeln unter den Unglücklichen auf, deren Schießen so gut wie keinen Erfolg hatte. Den ganzen 3. November über, fast bis Einbruch der Nacht, hielt der Stellungskampf an. Dann stürmten ein paar Emire mit einem Haufen tollkühner Gefährten das Lager, wurden aber durch das Schnellfeuer der Ägypter niedergemäht. Wohl jubelten die Truppen, Hicks selbst aber ließ sich durch den Scheinerfolg nicht täuschen. Er wußte, daß es sich nur um Stunden, vielleicht um ein bis zwei Tage handeln konnte, dann mußte sich das Schicksal seines Heeres erfüllen. Entsetzlich quälte der Durst.

Am Nachmittag hatten die Araber sich zurückgezogen, doch bei Einbruch der Nacht sich wieder herangeschlichen, und nun prasselte von neuem ihr Kugelhagel zwischen die Ägypter. Hier konnten sie auf die Dauer nicht liegenbleiben, das sah Hicks ein. Er setzte am Morgen den Vormarsch fort, doch noch waren sie kaum einen Kilometer weit gezogen, so setzte der Angriff ein. Unter wildem Kriegsgeheul brachen die Mahdisten hinter Bäumen und Erdfalten vor, stürzten sich in rasendem Ansturm auf die schnell im Viereck aufgestellten Truppen. Ein Hagel von Geschossen schlug ihnen entgegen, doch ihre Kugeln, ihre vielzackigen Wurfspeere rissen furchtbare Lücken in die Reihen der Angegriffenen. Mit Windeseile waren sie inmitten des Soldatenhaufens. Jeder Hieb und Stich saß. Es war ein schreckliches Morden. Unter einem mächtigen Baobab hatten die weißen Offiziere sich um Hicks-Pascha geschart. Doch was nützte ihr Widerstand? Wenige Minuten, und sie erlagen den feindlichen Speeren. Zu Haufen türmten sich die Leichen. Ein Häuflein wehrte sich verzweifelt, und als der Mahdi ihnen bei Waffenstreckung Gnade zusicherte, gaben sie sich gefangen, doch sie sowie alle ändern Gefangenen wurden als „ungläubige Hunde, denen man das gegebene Wort nicht zu halten brauchte", hingeschlachtet. So ging das ganze Heer zugrunde, nur die wenigen, die sich unter Leichenhügeln verborgen gehalten hatten, retteten ihr Leben.

In echt barbarischer Weise wurde nun die „Beute" geborgen, das heißt alles, was irgendwelchen Wert hatte, vom Schlachtfeld weggetragen. Alle Gefallenen wurden völlig entkleidet, blieben, ein Fraß der Geier und Hyänen, unbeerdigt liegen.

Ungeheuer war die Beute. Die Kriegskassen und alle Ausrüstungsgegenstände, Gewehre, Munition und Kanonen fielen den Siegern in die Hände. Kein Wunder, daß der Einzug des siegreichen Mahdi in El Obeïd sich zu einem geradezu großartigen Triumphzug gestaltete.

"Kein Heer kann ihm widerstehen, welche Truppenmacht auch gegen ihn aufgeboten wird, alle Feinde besiegt er, Allah ist mit ihm", jubelte die Menge; bei ihr fanden die vom Mahdi verbreiteten Legenden, so 20 000 unsichtbare Engel seine Heere unterstützten, nur zu williges Gehör. Von nah und fern kamen die Menschen herbeigeströmt, den wahren Mahdi zu sehen, womöglich den Saum seines Gewandes zu küssen, den Heiligen zu bewundern, dessen lange öffentliche Glaubensübungen und Gebete täglich Hunderttausende zum Fanatismus hinrissen.

Und der Mahdi konnte zufrieden sein. Mit diesem Siege hatte er sich fest in den Sattel gesetzt. Vom Nil nach Osten bis zum Roten Meer nach Westen bis fast nach Wadai reichte sein Reich, nirgends mehr ein Heer, das ihm ernstlich hätte Widerstand leisten können.

In Khartum aber packten die Europäer und Syrer ihre Koffer. Hatten sie schon die Vervollständigung der Befestigungsanlagen der Stadt in Angst versetzt, so erregte die Schreckensnachricht von Hick's Ende geradezu Panik.

Nur an der westlichen und südlichen Grenze des Mahdi-Reiches standen noch zwei Männer, die treu die ihnen anvertrauten Provinzen verteidigten: Emin-Pascha und Slatin-Pascha.

* Dem Verfasser ist diese Gegend, die die Eingeborenen „tebki-tuskut" nennen („du weinst und schweigst") aus eigener Erfahrung bekannt. Nichts Trostloseres kann man sich vorstellen; flaches, von graugrünen Dornbüschen licht bestandenes Land, über dem eine unbarmherzige Sonne brütet. Der wahnsinnigen Hitze wegen ist es fast unmöglich, bei Tage zu marschieren. In gerader Richtung führt der Weg auf den Weißen Nil zu, niemals kann man ihn verfehlen, denn Gebeine eingegangener Tiere bezeichnen ihn.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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