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In den Händen des Mahdi

Das Schicksal des Sudans erfüllte sich langsam weiter. Im Mai i884 mußte Lupton-Bei die Bahr el Ghazal-Provinz übergeben, bald fiel auch im Norden Berber. Damit war das weite Land vom Roten Meer bis zum Bahr el Ghazal, von Berber bis Fashoda in der Hand des Mahdi. Im Süden hielt sich in der Äquatorialprovinz nur noch Emin-Pascha, und im Norden Gordon-Pascha in seiner Hauptstadt Khartum.

Erst im Mai, also nach fast fünfmonatiger Gefangenschaft, ließ der Mahdi Slatin zu sich kommen. Dieser hatte inzwischen natürlich vollkommen Tracht und Sitten der Mahdisten annehmen, ihre langen Glaubens- und Gebetsübungen mitmachen müssen. Durch Männer, die ihn von früher schätzten, wurde er gleich in den ersten Tagen seiner Gefangenschaft gewarnt, recht auf der Hut zu sein, ständig würde er umlauert, sei von Spionen umgeben, die jede Gebärde, jede Äußerung, die er machte, namentlich nachteilige, sofort Zogal oder dem Mahdi hinterbringen müßten. Zu gut kannte er ja seine verschlagenen Sudanesen, um an der Aufrichtigkeit dieser Warnung zu zweifeln. So war er vorsichtig, heuchelte, wo es der Augenblick erforderte, denn ein unbedachtes Wort hätte ihm Monate, ja Jahre schwerster körperlicher und seelischer Pein einbringen können.

Ehe er zum Mahdi selbst kam, ließ ihn dessen allmächtiger Stellvertreter, der Kalif Abdullahi, zu sich kommen. Die Lanze schwingend, galoppierte Slatin auf ihn zu, der ihn nach den ersten Worten der Begrüßung an die Brust drückte mit den Worten: „Gott sei gepriesen, daß er uns vereinigt!"

Und Slatin antwortete: „Ja, Gott sei gepriesen, daß er mich diesen Tag erleben ließ!"

Welche Heuchelei auf beiden Seiten, aber es ist sudanesischer Brauch. Wehe, wer dagegen verstößt.

Aber gleich nach diesem Zusammensein erhielt Slatin wieder einen geheimen Wink: „Sei vorsichtig, halte die Zunge im Zaum, traue niemand", und der Warner war verschwunden. Er fühlte, er hatte Freunde, auch in Feindesland, dank der Rechtschaffenheit, mit der er all die Jahre das Land verwaltet hatte. Damit wurde ihm aber auch mit jedem Tage klarer, daß der ganze Mahdismus auf tönernen Füßen stand, daß weitaus der größte Teil der Bevölkerung nur gezwungen sich dem Joch dieses heuchlerischen „Glaubensstreiters" beugte, die Giubbe, das Gewand der Gleichheit und Armut, nur zum Schein trug.

Doch nicht nur Tage der Heuchelei, der ewigen Wachsamkeit folgten, sondern er mußte auch äußerlich suchen, das Vertrauen seiner Überwinder zu gewinnen, mußte die stundenlangen Glaubensübungen mitmachen, die Lobpreisungen des Mahdi über sich ergehen lassen. Sicher war ihm dabei mehr zum Fluchen zumute als zum Beten. Aber was half es? Auf Schritt und Tritt sah er die Unglücklichen, die täglich wegen der kleinsten Geringfügigkeit ausgepeitscht, mit riesigen Ketten und Fesseln belastet wurden, sah täglich Hinrichtungen. Allenthalben humpelten Verstümmelte herum, denen aus irgendeinem nichtigen Grunde Hand und Fuß abgeschnitten waren. Mit Blut und Marter ist die Geschichte des Mahdismus geschrieben. Bei jeder Gelegenheit wurde Slatin in hinterhältiger Weise auf die Probe gestellt. Einmal erlaubte ihm der Kalif, wenn er wolle, nach Dara zurückzukehren. Doch Slatin durchschaute ihn und lehnte das Anerbieten lächelnd ab; er sei glücklich, in der Nähe des Mahdi weilen zu dürfen und würde nicht gehen, wenn man ihn nicht dazu zwänge.

Und doch ließ er einmal die Vorsicht außer acht. Der Mahdi forderte ihn auf, an Gordon, seinen hochverehrten Vorgesetzten, Briefe zu schreiben und ihn zur Übergabe aufzufordern. Slatin tat das gezwungen, fügte aber Wendungen bei, die Aufklärung über die ganze strategische Lage geben konnten. Hierauf hatte der Mahdi offenbar nur gewartet. Durch einen des Englischen mächtigen Araber hatte er den Brief übersetzen lassen, und umgehend wurde Slatin in Eisen gelegt. Nun hatte der Gewaltherrscher den Schein des Rechts, auf den er lange gewartet hatte. Selbst heuchlerisch, glaubte er ja nie recht an die Äußerung der Zuneigung und Verehrung von Seiten Slatins. Dessen Beine wurden zwischen zwei enge Eisenringe gezwängt, die mit einer schweren Eisenstange verbunden waren. Um den Hals bekam er einen vorn zugenieteten Eisenring mit schwerer Kette, die wieder an den Fußfesseln angeschmiedet war. So war der Held so vieler Schlachten unschädlich gemacht, jetzt konnte er nicht entfliehen.

Um sich an dem Anblick des Gefesselten immer weiden zu können, mußte Slatin den Mahdi auf seinen weiteren Zügen begleiten. Mit Schrecken nahm er wahr, daß sich das gewaltige Heer, zu dem unterwegs immer neue Haufen stießen, langsam nordwärts wälzte. Da war kein Zweifel: Khartum war das Ziel, der Mahdi holte zum letzten, vernichtenden Schlage aus. Hatte er erst die Hauptstadt genommen, dann war er unbestrittener Herr über den gesamten Sudan, dann war kaum noch zu fürchten, daß die Ägypter oder Engländer weiteres gegen ihn unternehmen würden, denn nördlich der Hauptstadt dehnte sich die gewaltige Wüste, zu deren Überwindung mit einem Heer es Wochen bedurft hätte; und wenn die Feinde etwa den Nil benutzen und mit Flußkanonenbooten kommen sollten, so war dem durch Befestigungen an den Stromschnellen leicht vorzubeugen, die nötigen Geschütze würden ja in Khartum erbeutet werden. In jener Zeit erschien ganz unerwartet im Lager des Mahdi ein Franzose: Olivier Pain. Das Unternehmen dieses Mannes zeigt, wie die Franzosen versuchten, in jeder Weise den Engländern im Sudan und Ägypten Schwierigkeiten zu machen. Sie konnten es nicht verwinden, daß ihnen die kaufmännisch überlegenen Engländer die Suezkanalaktien abgenommen und sie auch sonst fast vollkommen aus Ägypten verdrängt hatten. Nun suchten sie die Feinde der Engländer und auch aller Weißen zu unterstützen, eine Tat, die dieser „Kulturnation", die immer behauptet, nur für die Zivilisation zu kämpfen, würdig ist. Durch diesen Olivier Pain boten sie dem Mahdi, dieser Geißel der Menschheit, zum Kampf gegen die Engländer Waffen und jede andere Unterstützung an. Doch sie hatten sich im Mahdi getäuscht. Hochmütig wies er ihr Angebot ab:

Ich baue nicht auf menschliche Hilfe, sondern vertraue auf Gott allein und seine Propheten. Dein Volk ist ein Volk der Ungläubigen. Niemals werde ich mich mit ihnen verbinden. Meine Feinde aber werde ich schlagen mit Hilfe Gottes." Tausendstimmiges Geschrei der gespannt lauschenden Menge folgte diesen Worten. Für den Franzosen bedeutete es eine schwere, unerwartete Niederlage — er hatte die Mahdisten unterschätzt.

Hatte er nun gehofft, nach Mißlingen seiner Sendung bald in die Heimat zu seiner Frau und zwei kleinen Kindern zurückkehren zu können, so hatte er sich schwer getäuscht. Genau wie jeder andere Weiße, der in die Hände der Mahdisten fiel, wurde auch er als Gefangener gehalten, und ließen sie ihn auch nicht öffentlich ihre Verachtung fühlen, so sagte ihm ein mitgefangener farbiger ägyptischer Offizier einmal richtig die Meinung:

Leute, die nur darauf ausgehen, Menschen zu morden, Beute zu machen und die Frauen und Mädchen eures Glaubens als Sklavinnen zu mißbrauchen, die unterstützt ihr und bietet ihnen Geld und Waffen an. Wenn aber ein armer Mann von unserer Rasse einen Neger kauft — der sich von dem Tier nur dadurch unterscheidet, daß er gerade einige Worte sprechen kann —, damit er ihm bei der Bebauung seines Ackers behilflich ist, das nennt ihr sündhaft und grausam und nehmt euch heraus, eine solche Handlung zu bestrafen."

Deutlicher und besser konnte er die ganze Heuchelei der Politik, der Sklavereibekämpfung kaum zeichnen, denn wenn auch die privaten Wohlfahrtsgesellschaften in Europa und Amerika wirklich sich über die bei Sklavenjagden vorkommenden Grausamkeiten ereiferten und deshalb Abhilfe forderten, so war den Regierungen selbst, den Herren der hohen Politik, ganz gleichgültig, wie viele Tausende bei den Sklavenjagden und Transporten zugrunde gingen. Paßte es ihnen, so hatten sie ja hierin eine gute Handhabe, unter dem Deckmantel des „Kampfes für Kultur und Zivilisation" vorzugehen und das Schäfchen zu scheren. Paßte es ihnen nicht, so mochten die Grausamkeiten zum Himmel schreien, sie wurden nicht nur geduldet, sondern sogar unterstützt, wie hier in dem Fall Olivier Pain oder später bei Behandlung der eingeborenen Gummisammler im Kongostaat.

Diese moralische Niederlage hatte der Franzose nicht erwartet, und als er nun sah, daß er genau wie die übrigen gefangenen Weißen gehalten, dieselbe Kost wie diese essen, in seiner Bewegungsfreiheit in gleicher Weise beschränkt wurde, siechte der an sich schon schwache Mann dahin und erlag, noch ehe der Mahdi vor Khartum ankam, dem Fieber.

Für Slatin war der Zug dorthin ein Martyrium gewesen. Quer auf einem Esel hockend — seiner Fesseln wegen konnte er nicht im Männersitz reiten —, ohne Schutz der unbarmherzig herabbrennenden Sonne ausgesetzt, gequält von den durch die Bestrahlung glühendheißen schweren Fesseln, halb verhungert langte er vor der Hauptstadt an. Welche Gefühle mögen ihn beschlichen haben, als er von Omdurman aus jenseits des Weiße n Flusses die Mauern des langgestreckten Gouvernementspalastes zwischen Palmen ragen sah, Stätten, wo er so frohe Stunden und Tage verlebt hatte. Heute lag er davor als Gefesselter, sollte gezwungen werden, die Geschütze zu richten auf die Stadt, die ihm eine zweite Heimat geworden, gegen den Mann, den er wie einen Vater verehrte. Nein, das tat er nicht Und die Folge? Erkannte der großmütige Mahdi, dieser „Gottgesandte", etwa das Mannhafte in Slatins Betragen an? Nein, er sah darin einen weiteren Beweis der Unzuverlässigkeit. Erfreut benutzte er die neue Gelegenheit, ihm weitere schwere Fesseln anzulegen.

Und bald donnerten die Geschütze. Die ersten Bomben flogen nach Khartum! Slatin aber lag in der Ecke des allgemeinen Gefängnisses, mit unzähligen ändern Unglücklichen, die eng zusammengepfercht in dem schmutzigen Raum wehrlos den Myriaden schwarzer Fliegen preisgegeben, die den Fluch des Sudans, eine furchtbare Geißel aller Reisenden bilden. An Nase, Mund und Augen kleben sie, umschließen diese Körperteile wie mit einer schwarzen lebendigen Kruste. Und keine Möglichkeit bestand für den Gefesselten, sich ihrer zu erwehren. Dazu kam die durch die Ausdünstung der vielen Menschen verpestete Luft, der ewig wehende Staub und Sand, die unerträgliche Sonnenglut, von der seelischen Pein gar nicht zu reden.

Slatins Herz bebte für Gordon-Pascha, dessen Schicksal sich erfüllen mußte, wenn nicht bald Hilfe von außen kam. Und sie war so nahe. Nördlich von Khartum, etwa halbwegs nach Berber, bei Metemmeh, lag das englische Entsatzheer, ausgerüstet mit allem, was die Belagerten brauchten. Gordon hatte ihnen drei Heckraddampfer entgegengeschickt, dringend um Hilfe gebeten. Stündlich schweifte sein Blick den langsam dahingleitenden Nil abwärts. Die hochgebauten Dampfer mußten doch endlich kommen! Aber vergebens. Aufgewirbelter, vom Wüstenwind langsam ostwärts getriebener Sand und Staub zeigten an, daß immer neue Scharen dem Mahdistenheer zuströmten. Enger schloß sich der eiserne Kreis. Noch hielt sich auf dem linken Nilufer anfangs das kleine Fort Omdurman, aber am 18. Januar i885 wurde es im Sturm genommen. Drüben unter Palmen halb verdeckt schimmerte der weiße Palast Gordon-Paschas. Sehnsüchtig, stolz spähte das Auge des Mahdi hinüber. Er wußte: noch wenige Tage, dann mußte die stolze Hauptstadt des Sudans fallen, dann würde er Einzug halten in Khartum, dann erst hatte er sein Eroberungswerk gekrönt.

Gordon versuchte nun, so gut wie möglich die Hauptstadt noch in Verteidigungszustand zu versetzen. Von der Landseite ging das, aber schwerer war es von der Nilseite. Hier sank das Wasser jetzt Ende Januar immer mehr, und so wurde ein etwaiger Flußübergang bedeutend erleichtert. Was kam es dem Mahdi darauf an, wieviel Menschen bei einem Sturm fallen würden? Ungezählte begeisterte Truppen standen ihm zur Verfügung, gern gaben sie ihr Leben hin, denn die ewige Seligkeit winkte ihnen. Ja, bei den gewaltigen Heerschauen, die er Freitags abzuhalten pflegte, verstand er es, die Menge in eine Art geistliche Hypnose zu versetzen, denn ständig wuchsen die Gerüchte von Engelserscheinungen und ähnlichem. Eine Massensuggestion hatte das Volk befallen.

Traurig war das Los eines gefangenen englischen Offiziers, dessen Frau und fünfjähriges Töchterchen gleichfalls in die Hände der Mahdisten gefallen waren. Wollte er dieses arme Kind nicht der größten Not aussetzen, so mußte er sich, nachdem man ihn vorher durch Anlegen von schweren Fesseln gequält hatte, dazu verstehen, eines der Belagerungsgeschütze zu bedienen. Man sieht hieraus die ganze Brutalität der Mahdisten, die mit den Gefangenen wie die Katze mit der Maus spielten, sich an ihrer Seelenqual weideten, denn innerlich wußten sie ja doch, daß die Gefangenen sie hassen mußten, trotz aller Worte der Treue und des Lobes, das sie auf den Lippen führten.

Slatin hatte Kunde erhalten, daß ein Entsatzheer langsam herannahe, nur zu langsam, denn aus einem ihm hinterbrachten Zettel wußte er, daß sich Gordon nur werde bis Ende Januar halten können, und noch immer kamen die von diesem nach Norden geschickten Dampfer nicht zurück.

In dieser schweren Zeit kamen für Slatin ganz unerwartet Tage der Freude. Die Vorhut der Engländer war auf starke Mahdistentruppen unter Führung einer größeren Anzahl von Emiren gestoßen und hatte diese bei Abu Klea vollständig vernichtet, Tausende waren bei diesem Kampfe umgekommen. Schon die nächsten Tage brachten neue Siegesbotschaften und die Nachricht, daß die Engländer bis Metemmeh am Nil vorgedrungen und hier Schanzen aufgeworfen hätten.

Das waren harte Schläge für den Mahdi. Er berief seine Emire zu einer großen Beratung, die mit dem Entschluß endete, sobald wie möglich Khartum mit stürmender Hand zu nehmen. Sofort gingen die Boten nach allen Teilen des gewaltigen, sich um die Hauptstadt hinziehenden Lagers: Vorbereitung zum allgemeinen Sturm wurde befohlen. Slatin blieb all das nicht verborgen. Wie gern hätte er Gordon verständigt, aber es war unmöglich.

Merkwürdigerweise hatte dieser offenbar keine zuverlässigen Späher im Mahdistenlager, sonst wäre es unverständlich, daß er am Abend Feuerwerk abbrennen, die Militärmusik zur Aufheiterung des Volkes spielen ließ, während die Mahdisten sich zum letzten Kampf, der mit dem Fall von Khartum enden mußte, rüsteten.

So nahte Sonntag, der 26. Januar i885. Der Mahdi mit allen seinen Großen setzte über den Fluß, versammelte das gesamte Belagerungsheer und durch seine große Rednergabe versetzte er die Truppen in einen wahren Begeisterungstaumel. Er selbst kehrte dann nach Omdurman zurück und mit ihm seine Kalifen, außer Scherif, der es als besondere Gnade sich ausbedungen hatte, den Entscheidungsschlag gegen die Christenhunde führen zu dürfen.

Ausnahmsweise herrschte trotz der großen Begeisterung der Truppen Ruhe in dem gewaltigen Lager. Der Mahdi hatte alle Beifalls- und Begeisterungsäußerungen ausdrücklich verboten, um die Aufmerksamkeit der Belagerten nicht zu erregen. Und er erreichte vollständig seinen Zweck.

Gordon ahnte nichts. Die Stadt schlief. Scheinbar paßten auch die Wachen nicht auf, denn im ersten Ansturm wurden die Befestigungen überrannt, nur ein paar Kanonenschüsse, einige Salven, dann einzelne Schüsse: Khartum war gefallen. Unbeschreibliches, die Nacht über währendes, sich auf dem jenseitigen Ufer fortpflanzendes Freudengeschrei, das weithin hallende Trillern der Araberfrauen kündeten besser als Eilboten den Fall der Hauptstadt.

Jetzt hatte der Mahdi erreicht, was er wollte: der letzte feste Platz war in seiner Hand. Gordons Haupt aber brachte man ihm. Dieser Sieger in unzähligen Schlachten war tot, der Sudan endgültig für Ägypten, für die Engländer verloren, das Entsatzheer hatte zu lange gezögert — man sagt, daß politische Momente hierbei eine Rolle spielten, daß die englische Diplomatie einen ihrer größten Kolonialhelden geopfert habe. Heute steht ein wundervolles Bronzedenkmal Gordons vor dem Gouvernementspalast in Khartum. Was nützt das? Dadurch wird der Mann nicht wieder lebendig, ein häßlicher Fleck vom Schilde der englischen Geschichte nicht beseitigt.

Mit jähem Schreck war Slatin bei den ersten Schüssen aus dem Schlaf gefahren. Wußte er doch, was sie zu bedeuten hatten. Bangend wartete er, als das Jubelgeschrei um ihn die Luft erzittern machte, auf Nachrichten. Was war mit Gordon geworden? Da nahten grinsend ein paar Irrwische in besudelten Giubben. In ein blutiges Tuch eingeschlagen trugen sie ein Etwas. Bei seiner dürftigen Hütte machten sie halt, schlugen die Zipfel auseinander — und vor ihm lag Gordons abgeschnittenes Haupt. Ein Zittern befiel seine Knie. Der sonst durch keinen Schicksalsschlag zu beugende Mann drohte umzusinken. So furchtbar traf ihn die grausige Gewißheit. Da war es mit seiner Selbstbeherrschung zu Ende, und der Folgen nicht achtend, pries er Gordon als einen hervorragenden Menschen, einen Helden. Dann sank er auf sein Lager. Nun war alles, alles aus, die letzte Hoffnung dahin.

Vor seiner Hütte aber packten die Mörder lachend ihre blutige Last wieder ein und verließen ihn. „Du wirst es bereuen, daß du den Feind des Mahdi gelobt hast", hörte er sie noch sagen. Dann sank alles um ihn nieder.

Eisengeklirre weckte ihn aus seinem dumpfen Brüten. Es waren die Schergen des Mahdi, die ihm neue, schwerere Fesseln anlegten, ihn in ein noch schlimmeres Gefängnis schleppten.

Drüben in Khartum feierte die mahdistische Grausamkeit aber Triumphe. Hier wurde nach Herzenslust gemordet, geplündert. Fast alle Männer wurden niedergestochen. Nur die Sklaven, hübschen Mädchen und Frauen wurden geschont, um als Beute verteilt zu werden. Aber auch diese wurden oft in der entsetzlichsten Weise gemartert, um ihnen die Geständnisse zu erpressen, wo ihre Herren, ihre Gatten ihre Wertgegenstände versteckt hätten. Unter Peitschenhieben, die das Fleisch von den Knochen trennten, suchte man den Zweck zu erreichen, hing die Unglücklichen mit dünnen Schnuren an den Daumen gefesselt auf, band ihnen Hanfstricke eng um die Handgelenke und begoß sie mit Wasser, so daß sie aufquellend tief ins Fleisch schnitten und entsetzlichste, sich ständig steigernde Schmerzen bereiteten. Aber noch eine ganz besonders teuflische Art der Folter hatten sie ersonnen: sie legten den zu Marternden kurze, biegsame Bambusstäbe um die Schläfen, bogen diese an den Enden mit Gewalt zusammen, so daß sie, fest zusammengebunden, den Kopf einzwängten, und schlugen dann mit einem Stock auf die hervorstehenden Enden, so daß diese, vibrierend, einen solchen Schmerz im Kopf hervorriefen, daß die Unglücklichen unter gräßlichem Jammergeschrei um Gnade flehten. War ein Mann besonders hartnäckig im Leugnen, halfen alle Martern nichts, so schlitzten die Bluthunde ihm mit ihren breitblätterigen Lanzen den Leib auf und ließen den Unglücklichen, dem die Eingeweide aus dem Leibe quollen, hilflos in der Sonnenglut liegen, einem langsamen, qualvollen Tode preisgegeben. Ganze Volksstämme, die der Regierung treu geblieben und gegen den Mahdi gekämpft hatten, wurden für vogelfrei erklärt, Türken und Weiße ohne Ansehen von Geschlecht und Heilung hingeschlachtet, und um sie im Tode noch zu schmähen, zusammen mit den Leichen ihrer erschlagenen Hunde verbrannt und in den Nil geworfen.

Und der Mahdi sah all dem wüsten Treiben lächelnd zu. Er hatte sein Ziel erreicht. Mochten seine Horden sich nun austoben. Wußte er doch, daß seine Getreuen für ihn gewaltige Beute zusammenschleppten, daß ihm die schönsten Frauen zufallen und seinen schon nach Hunderten wählenden Harem gewaltig vermehren würden. Auf den Lippen führte er aber die Worte der Enthaltsamkeit, der Demut und Barmherzigkeit gegen die Armen weiter.

Doch trotz allen Siegesjubels blickte er sorgenvoll nach Norden, denn nur zu gut wußte er, daß die Engländer nicht weit waren. Und richtig, am Mittwoch, also am dritten Tage lach dem Fall Khartums verkündete Kanonendonner vom her, daß die von Gordon den Engländern entgegengesandten Dampfer zurückkehrten. Unterwegs erhielten die Engländer die Nachricht von dem Siege des Mahdi, dem Tode Gordons. Deshalb kehrten sie, allerdings mit Verlust zweier Dampfer unter großen Schwierigkeiten um. Damit nahm die Hilfsexpedition ein wenig ruhmvolles Ende. Der Sudan wurde endgültig, wenigstens für die nächsten Jahre, den Mahdisten preisgegeben, die nun in einer Weise hausten, daß in kurzer Zeit das weite Land mehr als die Hälfte seiner Einwohner durch Krankheit und Kampf, großenteils aber auch durch die massenhaften Hinrichtungen einbüßte.

Für Slatin oder Abd el Kadir, wie er schon seit längerer Zeit von den Derwischen genannt wurde, kam nun eine ganz böse Zeit, denn unter den erbeuteten Papieren waren ihn belastende Schriftstücke gefunden worden, die er heimlich an Gordon geschrieben und in denen er ihn zum Widerstand ermutigt hatte. So wurden ihm die schwersten Fesseln angelegt, die es ihm fast unmöglich machten, sich vorwärts zu bewegen. Im allgemeinen Gefängnis, zusammen mit Mördern ihrer Herren, ohne jegliche Unterlage, nur auf dem nackten harten Boden, verbrachte er die nächsten Monate. Obendrein brachen in Omdurman die Pocken aus, die sich natürlich schnell in dem von Schmutz starrenden Gefängnis verbreiteten und unter den Einwohnern wie unter den vielen Gefangenen eine Unzahl Opfer forderten. So vergingen lange Wochen, bis der Kalif eines Tages das Gefängnis besuchte und Abd el Kadir seine Fesseln abnehmen ließ, nachdem dieser sich wegen seiner bisherigen Haltung gerechtfertigt hatte.

Auf der Höhe seiner Macht, nicht mehr von äußeren Feinden bedrängt, kleine Aufstände mit Leichtigkeit niederwerfend, setzte der Mahdi nun seine Verwandten und Freunde überall in gute Stellen ein, ließ ihnen Häuser bauen, kurz, er sorgte für die ihm treu Ergebenen. Aber sein Körper hatte unter dem Wohlleben, den Ausschweifungen, denen er sich, im Gegensatz zu seinen immer wieder dem Volke vorgetragenen Worten, hingab, gelitten; er war unmäßig dick geworden, aufgeschwemmt. Plötzlich, fünf Monate nach dem Fall Khartums erkrankte er. Aber man legte dem keine Bedeutung bei, da er immer verkündet hatte, die Engel seien ihm erschienen und hätten ihm mitgeteilt, daß er Mekka, Medina und Jerusalem erobern und in Kufa nach langem, ruhmreichem Leben sterben werde. Die Krankheit nahm zu. Sorgenvoll saß sein vertrautester Freund, der Kalif, Tag und Nacht an seinem Lager; dem Volke wurde von der Erkrankung des Mahdi nichts mitgeteilt. Erst am sechsten Tage, als es nicht mehr möglich war, die Tatsache zu verheimlichen, denn der Mahdi war schon lange nicht zu den öffentlichen Gebeten erschienen, ließ der Kalif das ganze Volk für die Genesung des Mahdi beten. Inzwischen machte die Krankheit Fortschritte, das Fieber stieg, alle Quacksalbereien seiner Weiber und der sudanesischen Medizinmänner halfen nichts; der ägyptische Arzt, der, in Khartum gefangengenommen, in einem Gefängnis schmachtete, wurde herbeigerufen, aber aus Furcht, daß man ihn für den sicher zu erwartenden Tod verantwortlich machen würde, erklärte er, in diesem Stadium der Krankheit wirke Medizin wie Gift. So rettete er wenigstens sein Leben. Am siebenten Tage der Erkrankung merkte der Mahdi, daß er sterben müsse, und ernannte seinen treuesten Anhänger Abdullahi zum Nachfolger. Noch ein Gebet, und der Mahdi el Monteser hatte seine Seele ausgehaucht. Im Sterbezimmer selbst wurde ihm das Grab bereitet, dann trat der Kalif a el Mahdi vor das Volk und leistete das Treugelöbnis.

Mit ihm kam ein Herrscher auf den Thron, dem alle religiösen Zeremonien rein äußerlicher Formenkram waren, die er notgedrungen in der Öffentlichkeit erfüllte, um sein Ansehen nicht zu schädigen, im übrigen gab er sich aber, umgeben von einer zuverlässigen, verschwiegenen Dienerschaft und Leibwache, hinter den Mauern seines Hauses einem ausschweifenden, üppigen Leben hin, das in krassem Widerspruch stand zu den Lehren, die auch er ständig durch das Land verbreiten ließ.

Grausam, rücksichtslos, falsch und mißtrauisch belauerte er ständig seine Umgebung. Wer durch eine Gebärde, ein unbedachtes Wort nur seinen geringsten Argwohn erregt hatte, verlor das Vermögen, meist auch den Kopf, in günstigsten Fällen kam er mit Verbannung davon. Gehorchten Völkerschaften nicht seinem eisernen Befehl, so ließ er sie abschlachten. Immer war es ihm aber bei allen seinen Handlungen darum zu tun, möglichst viel Geld herauszuschlagen.

Daß Slatin unter einem solchen Herrscher, an dessen Person er gebunden war, dem er Tag und Nacht folgen mußte, seelisch wie körperlich ungemein litt, ist selbstverständlich, und nur seiner alles Schwere möglichst leicht nehmenden Natur und Lebensauffassung war es zu danken, daß nicht auch er wie fast alle die ändern Weißen, die lange unter des Mahdi Geißel zu schmachten hatten, zugrunde ging.

Unter dem Kalifa el Mahdi erreichte der Mahdismus seinen Höhepunkt, aber nur für kurze Zeit. Gleich nach dem Tode des Mahdi begann es im Reich zu kriseln. Hier und dort regte sich Unzufriedenheit, Handel, Landwirtschaft und Viehzucht gingen ihrem Untergang entgegen, Raub, Mord, Unsicherheit waren an der Tagesordnung, und Hungersnöte, gegen die keine Vorkehrungen getroffen wurden, nagten am Volke. Mit eiserner Hand suchte Abdullahi das Reich zusammenzuhalten, mit unerhörter Grausamkeit warf er seine Widersacher nieder, aber den Sturz konnte er nicht aufhalten, er kam.

Dem Mahdi gleich, wollte er sein Land möglichst ausdehnen. Der ganze Westen bis zur Wüste hin war unterworfen, im Süden drangen seine Scharen gegen die von Emin-Pascha verwaltete Äquatorialprovinz vor. Im Osten dehnte sich, von dem energischen, kriegsgewandten Emir Osman Digna verwaltet, das Reich fast bis zum Roten Meer. Sennar, der wichtige Handelsplatz am Blauen Nil, fiel in seine Hand, desgleichen das reiche Kassala. Unbesiegbar schienen seine Heere. Nun lockte Abessinien, dessen christlicher Kaiser ihm ein Dorn im Auge war. So brachen die Mahdisten, dem Rabat, einem Nebenfluß des Blauen Nils, folgend, gegen das Bergland vor. Johannes, der Kaiser von Abessinien, zog ihnen entgegen, und in einer furchtbaren, mörderischen Schlacht wurden die Derwische
vollständig geschlagen. Das Munitionsmagazin sprengte der treue Verteidiger von Kassala in die Luft, als er sah, daß er sich gegen die todesmutigen Abessinier nicht halten konnte, und kam hierbei selbst um. Gallabat wurde genommen, geplündert, die Weiber und Kinder wurden weggeschleppt, genau, wie es sonst die Mahdisten zu tun pflegten. Die Stadt ging in Flammen auf. Nichts als die rauchgeschwärzten Trümmer und unzählige Leichen blieben übrig, ein Platz für Geier und Hyänen.

Für Slatin schien nun endlich die Zeit zu kommen, wo er hoffen konnte, daß er sich durch Flucht der Gefangenschaft entziehen konnte. Der Kalif hatte ihn mit Junis, einem seiner Feldherrn, nach dem Blauen Nil geschickt, um gegen die unbotmäßigen Stämme vorzugehen. Es war ein böser Marsch dorthin. Anfangs benutzten sie einen der wieder in Ordnung gebrachten Gordonschen Dampfer, in Goz Abu Djuma verließen sie diesen, und nun ging es durch die Tebkituskut, jene wasserlose Wüste zwischen dem Weißen und Blauen Nil, keine Kleinigkeit für ein Heer von 10000 Mann, denn drei Tage lang kamen sie an keine Wasserstelle. Durch diese Wegabkürzung wurden aber sieben Marschtage gespart, und darauf kam es dem Kalifen vor allem an. In der Nähe von Sennar erhielt Slatin bereits einen Brief von ihm mit der Nachricht, daß seine Verwandten nach Ägypten gekommen seien und alles für seine Flucht vorbereiteten. Da wußte Slatin, daß er von Stund an vorsichtiger denn je sein mußte, wollte er nicht wieder in Eisen gelegt werden. Deshalb kam er auch der Aufforderung des Junis, mit einer Botschaft nach Omdurman zu gehen, ohne Widerrede nach, wohl wissend, daß er nur so das Mißtrauen zerstreuen könnte.

Aber allenthalben gärte es im Reiche, denn der Kalif bedrückte die Stämme auf das schmachvollste. So nahm er den nördlich von Khartum in der Wüste lebenden Arabern ihre großen Kamelherden ab, schaffte sich auf diese Weise aber neue Feinde, deren er schwer habhaft werden konnte, denn, mit allen Winkeln der Wüste vertraut, kannten nur sie die wenigen, verstreut liegenden geheimen Wasserstellen, ein ganzes Heer konnte sie aber naturgemäß in ihren Verstecken nicht aufsuchen. Am Bahr el Ghazal regte es sich gleichfalls, und im Süden war es namentlich der tapfere Madibbo, der sich, die despotische, heuchlerische Rolle, die der Kalif spielte, wohl durchschauend, diesem scheinheiligen Mann nicht beugen wollte. Doch durch Hinterlist gelang es diesem, sich seiner zu bemächtigen, und auch das Haupt dieses Mannes fiel.

Währenddessen stand Junis mit seinem Heere in den Grenzgebieten von Abessinien, plünderte und brandschatzte, aber verstand es dann auch wieder, mit den koptischen Christen in Handelsbeziehung zu treten. Kaffee, Wachs, Häute, Strauße, schöne Sklavinnen wurden zum Markte gebracht. Als aber eines Tages eine besonders reich ausgestattete Handelskarawane erschien, ließ er sie unter dem Vorwand der versuchten Spionage festnehmen, beraubte sie aller Habe und schickte die gewaltige Beute nach Omdurman, zur Freude des Kalifen. Zugleich reizte er damit seine Habsucht. Ein Land, das so reiche Handelskarawanen schicken konnte, mußte er in seine Hand bringen. Junis erhielt Befehl, sich vorläufig mit kleinen Streifzügen zu begnügen. Inzwischen sandte er Boten nach Süden und befahl Abu Anga, mit seinen starken Scharen nach Omdurman zu kommen. Monate vergingen, dann traf das gewaltige Heer ein. Der Kalif selbst holte den Heerführer wie einen Sieger in die Hauptstadt ein, und an dem bald folgenden Beiramfest versammelten sich zu der großen Heerschau mehr als 100000 Zuschauer. So gewaltige Menschenmengen hatte man bisher auf der weiten vegetationslosen Ebene noch nie beisammen gesehen.

Ein Überfall auf die reichen Arab Abu Rof gab den Truppen Gelegenheit, einmal leichte Beute zu machen. Dann setzten sich die Scharen gegen Abessinien in Bewegung. In der Nähe von Gallabat vereinigten sie sich mit den Truppen von Junis, und in einer mörderischen Schlacht wurde das abessinische Heer, das törichterweise den Feind nicht in seinem Bergland erwartete, sondern sich den an Gewehren weit überlegenen Gegnern in offener Feldschlacht stellte, vernichtet. Der Feldherr selbst fiel, sein Weib und seine Kinder gerieten, in die Hände der Sieger und gingen wie ungezählte andere Sklaven auf den langen trostlosen Märschen durch das öde, sonnendurchglühte Land nach Omdurman unter Hunger und Entbehrungen, unter Peitschenhieben und Grausamkeiten der Derwische zugrunde. Die Sieger aber zogen weiter, nahmen ohne Mühe die Hauptstadt Gondar ein, aber außer Waren fanden sie keine Beute.

Trotz seiner großen Erfolge schien der Kalifa el Mahdi sich auf seinem Thron nicht sicher zu fühlen, denn allenthalben hatte er Spione, die ihm jedes unbedachte Wort, das gegen ihn gesprochen wurde, hinterbrachten; ein Todesurteil war die Folge. Jeden einzelnen machte er für die Worte seines Hausnachbarn verantwortlich. Tagtäglich wurde eine ganze Anzahl harmloser Einwohner von Omdurman in Eisen gelegt, da und dort einem die Hände, die Füße abgehackt, und behaglich vor sich hinlächelnd, sah dieser "gottgesandte" Mann all den Grausamkeiten zu. Und Slatin konnte und durfte nichts unternehmen, ja nicht einmal den Versuch zur Rettung solcher Unglücklichen machen, wollte nicht auch er in den Verdacht kommen, sein Schicksal noch furchtbarer gestalten, als es schon war. Immer waren seine Gedanken mit Hoffnung auf eine Möglichkeit zur Flucht gerichtet. Da kam endlich ein Brief aus der Heimat, von seinen Geschwistern. Zitternd öffnete er ihn, eine Todesnachricht; die Mutter war in Sehnsucht nach dem Sohne gestorben, kaum vermochte Slatin den Brief weiter dem, Kalifen vorzulesen, die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Doch hart, grausam überhebend sagte der Kalif:

Abd el Kadir, dir ist verboten, um deine Mutter zu trauern. Sie ist als Christin gestorben, sie hat nicht an den Propheten geglaubt und nicht an den Mahdi, sie war eine Ungläubige und hat auf die Barmherzigkeit Gottes nicht zu hoffen."

Slatin schoß das Blut zum Kopf. Alles arbeitete in ihm, sich auf diesen frechen Farbigen zu stürzen, doch er beherrschte sich auch diesmal. Was hätte er erreicht? Nichts, nur einem furchtbaren Tode wäre er entgegengegangen, an ihm hätte der Kalif seine ganze Grausamkeit austoben lassen. —

Weithin breitete sich die mit Blut getränkte Macht des Kalifen aus, aber auch die Feinde blieben nicht untätig. König Johannes von Abessinien hatte ein gewaltiges Heer gesammelt und zog gegen Gallabat, um sein Land vom Todfeind des Christentums zu befreien. Von allen Seiten erfolgte der Angriff auf die Stadt. An einer Stelle drangen die Amara, ein räuberischer abessinischer Stamm, in Gallabat ein, machten reiche Beute, zogen sich dann aber, hiermit zufrieden, zurück, während die übrigen Abessinier hart gegen die Befestigungen anrannten. Da ließ sich König Johannes, umgeben mit großem Gefolge, in die Reihen seiner Kämpfer tragen, lenkte hierdurch natürlich die Aufmerksamkeit und das Feuer der Mahdisten auf sich und sank, von einer Kugel getroffen, nieder. Seine Truppen aber zogen sich zurück, ja, als Johannes in der Nacht verschied, brachen sie sogar das Lager ab. Am nächsten Morgen sahen zu ihrem Erstaunen die Mahdisten den Lagerplatz leer, machten sich zur Verfolgung auf, und es gelang ihnen tatsächlich, das nächste aufgeschlagene Lager zu nehmen, wobei ihnen sogar die Krone und das Schwert des Kaisers Johannes in die Hände fielen, ein unerwarteter, unverdienter Erfolg.

Hier waren sie also siegreich. Doch in Dar-Fur brach ein gefährlicher Aufstand aus. Harter Kämpfe, schwerer Opfer bedurfte es, ihn niederzuschlagen.

Nirgends war Ruhe im Lande. Bald hier, bald dort ein Einfall, ein Aufruhr. So ging es jahrelang, und ständig mußte Slatin, Liebe und Verehrung für den blutdürstigen, falschen, grausamen Herrscher heuchelnd, in seiner Nähe sein, ständig in Sorge, daß irgendwelche Neider oder persönliche Gegner ihn anklagen, ihm nicht genügend Hochachtung gegenüber seinem Herrn vorwerfen würden. Trat das ein, und er sah fast täglich, wie mißliebige Große auf diese Weise gestürzt wurden, so war es um ihn geschehen, denn ein ganz ungeheuerliches Gesetz hatte diese Bestie in Menschengestalt eingeführt und bediente sich seiner mit Hilfe seiner Kreaturen nach Gutdünken: Wenn gegen einen Mann zwei Zeugen auftraten, so war weiter gar keine Gerichtsverhandlung nötig, der Beklagte galt als überführt und ihn traf die ganze Schwere des Gesetzes, das heißt vor allem Vermögensbeschlagnahme, Kerkerhaft und schwere Ketten, Abschneiden von Händen und Füßen und schließlich Hinrichtung. Andere Strafen wären unbequem, und Gerichtssitzungen bei der ungeheuren Fülle der Anklagen auf die Dauer gar nicht durchzuführen gewesen.

So beseitigte der Kalif, dieser „gottesfürchtige" Mensch, alle ihm irgendwie lästigen Menschen. Der Reihe nach fielen seiner Habsucht, seinem Mißtrauen und seiner Blutgier alle Großen, denen er in den meisten Fällen seine Macht verdankte, zum Opfer. Mit ganz besonderem Hasse verfolgte er bezeichnenderweise die Verwandten des Mahdi, seines einstigen Herrn, in dessen Herz er sich durch heuchlerische Ergebenheit geschlichen, der ihn wie einen Sohn geliebt, ihn zu seinem Nachfolger ernannt hatte. Aus Furcht und weil er sie alle um Hab und Gut gebracht hatte, suchte er sie unter einem Schein des Rechtes möglichst unschädlich zu machen, zu beseitigen.

Eine willkommene Gelegenheit hierzu gab ihm eine Erhebung der Aschraf in Omdurman selbst. Es waren dies der um seine Macht gebrachte Kalif Mohammed Scherif und die beiden Söhne des Mahdi nebst ihrem Anhang. Sie wollten das Joch des verhaßten Kalifen Abdullahi abschütteln, wurden aber durch einen Mitverschworenen verraten, gefangengenommen und auf i die furchtbarste Weise umgebracht. Erst ließ er sie verschleppen, dann fast verschmachten, die Pein dadurch steigernd, daß er ihnen hin und wieder scharf gewürzte Speisen verabreichen ließ, die die Halbverhungerten herabschlangen und auf die sie um so mehr von Durst gepeinigt wurden. Zum Schluß nach wochenlanger Peinigung wurden die Unglücklichen mit frisch abgeschnittenen Dornzweigen zu Tode gepeitscht, ihnen das Fleisch buchstäblich langsam von den Knochen heruntergeschlagen. Man sieht, dieser Gottesmann war erfinderisch in bezug auf neue Folterarten.

In seinem Länderhunger hatte der Kalif sein Augenmerk nun auf Ägypten gerichtet, nachdem er rundum die Länder seiner Macht, wenn auch teilweise nur äußerlich, Untertan gemacht hatte. Da brach ganz unerwartet nördlich von Khartum ein Aufstand der tapferen Batahim aus, die sich weigerten, abermals für den Kalifen ins Feld zu ziehen, nachdem bereits der größte Teil ihres Volkes auf den Schlachtfeldern umgekommen war. Sofort schickte der „Herr der Gläubigen" ein Heer gegen sie. Im Bewußtsein ihrer Ohnmacht flohen sie, doch durch schnelle Kamelreiter wurden sie eingeholt und unter Johlen der Bevölkerung nach Omdurman gebracht: nur noch ein kleiner Rest des einst so streitbaren Volkes: 67 Männer, nebst ihren Weibern und Kindern.

Der Kalif hielt es für angebracht, wieder einmal allen unruhigen Geistern eine Warnung zukommen zu lassen. Selbstverständlich wurden die Männer sämtlich zum Tode verurteilt, der Herrscher selbst wollte der Hinrichtung beiwohnen. Erst wurden die Unglücklichen gefesselt durch die ganze Stadt geführt, begleitet von ihren wehklagenden Weibern und Kindern. Dann bewegte sich der Zug auf das Paradefeld vor die Stadt, wo drei große Galgen errichtet waren. Im Viereck stellten sich die Truppen und das schaulustige Volk auf. Die Opfer wurden zu den Galgen geführt und vor den Augen des Kalifen und seiner Umgebung, zu der auch Slatin gehörte und nichts gegen diesen Akt der Barbarei unternehmen durfte, wurden die Batahim vor den Augen ihrer Frauen zum Teil gehenkt, ein anderer Teil geköpft, dem letzten Drittel je eine Hand und ein Fuß abgeschnitten. Die Verstümmelten blieben in der Sonnenglut liegen, bis sie unter entsetzlichen Qualen ihren Geist aufgaben. Mit Paukenschall zog aber der Herrscher in Omdurman wieder ein, stolz der vollbrachten Tat. Und Slatin durfte seinen Haß gegen diesen Bluthund nicht zeigen, nicht die geringste abfällige Äußerung wagen, nicht einmal seinem Entsetzen Ausdruck geben, der mißtrauische Herrscher hätte es sofort bemerkt und als persönliche Mißachtung bestraft. Doppelt vorsichtig mußte Slatin gerade jetzt sein, denn nach mehrjähriger Gefangenschaft war es dem Pater Ohrwalder und den seinerzeit mit ihm gefangenen Schwestern gelungen, während der Unruhen in Omdurman zu entfliehen. Slatin durfte Briefe seiner Brüder, die ab und zu kamen, nicht mehr beantworten, da die Brüder eine Einladung des Kalifen, nach Khartum zu kommen, unter dem Vorwand der Unabkömmlichkeit abgeschlagen hatten. So war Slatin wieder, wie nun schon acht Jahre, von aller Verbindung mit der Außenwelt abgeschlossen.

Da wurde er ganz unerwartet eines Abends zum Kalifen gerufen. Er hatte keine Ahnung, was dieser zu so ungewöhnlicher Stunde von ihm wollte; aber Böses ahnend beeilte er sich, dem Befehl zu folgen. Er traf den Herrscher, umgeben von seinen Emiren, also mußte etwas Besonderes vorliegen. Zum erstenmal seit langer Zeit erwiderte er den Gruß Slatins nicht. Ruhe heuchelnd ließ sich Slatin auf einen Wink nieder. Dann ließ ihm der Kalif, den Blick scharf auf ihn gerichtet, einen Ring von etwa vier Zentimeter Durchmesser reichen, an dem eine kleine Metallkapsel befestigt war. Siedendheiß überlief es Slatin. Die Sache schien böse für ihn zu stehen. Offenbar hatten die Späher einen heimlichen Boten abgefaßt, der ihm irgendwelche vielleicht auf Flucht bezügliche Nachricht bringen sollte. Er gab wenig für sein Leben. Die Knie drohten ihm zu versagen. Aber im Laufe der Jahre daran gewöhnt, auch in Augenblicken höchster seelischer Erregung Gleichmut zu heucheln, ergriff er den Ring, betrachtete ihn aufmerksam und versuchte die kleine Kapsel zu öffnen. Erst widerstand sie seinen Versuchen, dann konnte er ihr zwei schmale Papierstreifen entnehmen. Das Herz drohte ihm stille zu stehen. Jetzt wußte er: die Entscheidung war da. Langsam entzifferte er die fein geschriebenen Zeichen. Ein Lächeln des Verstehens glitt über seine Züge. Aufmerksam blickten unbeweglich der Kalif und seine Großen auf ihn. Da stand in deutscher, französischer, englischer und russischer Sprache:

Dieser Kranich ist in meiner Besitzung Askania nova, Gouvernement Taurien, Südrußland, geboren und erzogen. Es wird gebeten, bekanntzugeben, wo dieser Vogel gefangen oder getötet worden ist. September 1892. Fr. Falz-Fein*)."

Ein Stein war Slatin vom Herzen gefallen. Jetzt hatte er des Rätsels Lösung. „Den Ring hat offenbar ein Vogel getragen, dieser Vogel stammt aus Südrußland, und der Besitzer dieses Vogels bittet um Nachricht, wo er erlegt ist."

Du sagst die Wahrheit, meine Jäger haben den Vogel geschossen."

Auf und ab ging es mit dem Kriegsglück des Kalifen. Kassala, die wichtige Stadt im Osten, fiel in die Hände der Italiener, dann erfocht er hier und da wieder einen Sieg. Er zwang Emin-Pascha, seine so zäh verteidigte Äquatorialprovinz zu verlassen und mit Stanley abzuziehen, aber im Norden erlitt er gegen die englisch-ägyptischen Truppen eine Niederlage nach der ändern. Ein Glück war es für ihn, daß der breite Wüstengürtel Omdurman wenigstens vorläufig vor Angriffen von dieser Seite schützte. Aber ein anderer, furchtbarerer Feind tat sich auf: der Hunger. Mißernten, wie sie seit Menschengedenken nicht dagewesen waren, machten die Ernährung der vielen in den Städten versammelten Menschen unmöglich. Durch die ewigen Kriege und Bedrückungen der Landbevölkerung, die fast alles, was sie erntete, meist ohne richtige Bezahlung, abgeben mußte, hatte diese die Lust am Feldbau verloren. Dazu waren weitaus die meisten Männer in den vielen Schlachten, große Teile der übrigen Bevölkerung an Seuchen zugrunde gegangen. Vieh zur Feldbestellung gab es auch wenig, und so brach die Katastrophe über das Land herein. Wohl selten hat ein Volk solche gewaltige Verluste durch Hungertod erlitten. Ganze Stämme gingen zugrunde, weite Besitze wurden entvölkert. Der Verfasser selbst kam auf seiner Reise am Dinder an vielen weiten Flächen vorüber, auf denen noch zur Mahdistenzeit blühende, große Städte gestanden hatten. Heute verrieten nur wenige emporragende halbverkohlte Balken und Unmassen zerschlagener Tongefäße, daß hier einst viele Menschen gewohnt. Jetzt weidet dort Wild, Elefanten und Löwen durchstreifen die einstmaligen Felder. In Omdurman suchten die Mütter ihre Töchter zu verkaufen, zu verschenken, nur damit sie im Hause eines wohlhabenden Mannes ein Unterkommen fänden, nicht dem Hungertode anheimfielen.

Im nächsten Jahr wurde es kaum besser, denn die eben aufsprießende Saat wurde durch ungeheure Heuschreckenschwärme vernichtet. Da dieser Hungersnot aber in der Hauptsache Volksstämme erlagen, die nicht zu den dem Kalifen am nächsten stehenden gehörten — für diese sorgte er nach Möglichkeit —, so bekümmerte ihn das nicht sonderlich, empfand es sogar als eine mittelbare Stärkung seiner Macht, wenn sie starben, denn er wußte nur zu gut, daß ihn im Grunde ihres Herzens gar viele seiner Untertanen haßten.

*) Fr. v. Falz-Fein ist 1922 in Berlin gestorben. Er hatte in Askania nova ein Tierparadies geschaffen, wie es in der Welt einzig war. Auf seinen weiten Steppen tummelten sich Gnus, Zebras, Oryx, Gazellen und anderes Wild aller Art, auf künstlichen Teichen und in Gebüschen sammelten sich in ungeheuren Scharen die Zugvögel. Durch die russische Revolution wurde dieser große Tierfreund aus der Heimat vertrieben, seine Schöpfungen scheinen unter der bolschewistischen Herrschaft allmählich zu verfallen.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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