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Im Lande der Latuka

Mit dem Erreichen von Nimule war unsere eigentliche Jagdexpedition zu Ende. Von nun an konnten wir wenigstens für eine kurze Strecke nicht mehr dem Laufe des Nils selbst in unmittelbarer Nähe folgen, sondern hielten uns einige Kilometer östlich. Hier waren, da wir auf den Höhen hinzogen, nicht so viele Wasserläufe zu überschreiten, die von den Hängen der Gebirge kommend, sich auf dieser Seite in den Nil ergießen. Auch konnten wir hoffen, leichter Nahrungsmittel für unsere große Trägerzahl zu bekommen, keine Kleinigkeit bei der herrschenden Hungersnot.

Wir zogen im Lande der Latuka dahin. Erinnerungen traten auf an Baker, der hier so manchen Strauß zu bestehen, der Unzuverlässigkeit der Bevölkerung wegen mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt hatte. Zwar gaben die Eingeborenen auch uns nicht gern von ihren Vorräten, aber vom Distriktkommissar war strenger Befehl ergangen, für unsere Leute das zu liefern, was wir notwendig brauchten. War wirklich einmal ein Dorfoberhaupt etwas widerspenstig, so traten unsere Askari in Tätigkeit. Die Seitengewehre, die sie längst nicht mehr umgeschnallt getragen hatten, wurden hervorgeholt, womöglich auf die Gewehre gesteckt. Das half, nie mehr dauerte es lange, da trafen die Züge der Weiber und Kinder ein, die Proviant zum Markte brachten.

Die Bauart der Hütten unterschied sich von der auf dem linken Ufer des Nils herrschenden: der Unterbau war in der Weise hergestellt, daß dicke Knüttel kreisförmig in den Boden gerammt und die Zwischenräume mit Steinen ausgefüllt und mit Lehm verschmiert waren. Vielfach war aber auch, namentlich weiter nördlich, die ganze Ringmauer des Hauses aus Steinen errichtet, auf der sich das spitze Stroh- oder Schilfdach erhob. Die Dächer, aus fünf oder mehr dicken Lagen bestehend, liefen in eine lange Spitze aus. Der Eingang zu den Hütten war sehr niedrig, so daß man beinahe kriechen mußte, um hineinzugelangen. Neben jeder Hütte befanden sich ein oder zwei kleinere Gebäude von etwa zwei Meter Höhe und Durchmesser, gleichfalls aus Steinen und Lehm gebaut und mit dichten Schilflagen gedeckt. Es waren dies die Getreidespeicher.

Während der Trockenzeit hatten die Eingeborenen keinen Wert auf guten Zustand ihrer Baulichkeiten gelegt, und der Sturm hatte von manchem Dach ein Stück weggerissen; vielfach werden die Termiten auch das ihrige zum Verfall beigetragen haben. Jetzt, da sich allenthalben am Horizont dunkle Wolken zusammenballten, allabendlich ununterbrochen Wetterleuchten ein herrliches Feuerwerk abgab, dachten sie an die Zukunft und besserten gründlich alle schadhaften Stellen aus. Und es wurde Zeit, denn die Regenzeit nahte mit Macht. Plötzlich einsetzende gewaltige Regenschauer durchnäßten uns in Sekunden, verwandelten die Wege in Moräste. Weithin stand das Wasser auf dem undurchlässigen lehmigen Boden, der natürlich spiegelglatt wurde. Eine Plage für die Träger, die mit ihren nackten Sohlen oder absatzlosen Sandalen wie auf frisch gebohnerten Parkett gingen. Alle Augenblicke lag einer von ihnen mit der schweren Last im Dreck. Auch uns blieb das nicht erspart, denn unsere Maultiere waren an solchen Boden nicht gewöhnt. Aber schlimm war es nicht. Eine Viertel-, eine halbe Stunde goß es wohl, der Regen floß auf dem roten zähen Lehm schnell ab, dann brach die Sonne durch und trocknete die Kleider wieder. Unangenehmer war die drückende Schwüle, die mit Feuchtigkeit gesättigte Luft. Nie hatten wir auf der ganzen Reise so unter Hitze gelitten wie hier.

Die gelegentlichen Regenfälle wirkten auf die Natur geradezu Wunder. Allenthalben schoß über Nacht mit beispielloser Schnelligkeit das frische Grün aus dem Boden. Wo noch alte, verdorrte Grasflächen standen, den jungen Wuchs zu ersticken drohten, da halfen die Eingeborenen mit Feuer nach, um Luft zu schaffen. Tagtäglich sahen wir die langen gewaltigen Rauchfahnen gen Himmel wehen, schwarz, rot und gelb. Gespensterhaft beleuchteten sie nachts die Landschaft. Stundenlang wanderten die ungeheuren Brände langsam dahin, bald vom Wind getrieben, bald langsam sich weiterfressend. Dann erstarben sie, um, vom einem plötzlich aufspringenden Sturm weitergeschleudert, an anderer Stelle von neuem zu zünden, verzehrend, Luft und Licht spendend.

Knatternd und prasselnd züngeln die Flammen weiter, oft mit unheimlicher Geschwindigkeit. Was an Getier nicht fliehen kann, also vor allem alles Ungeziefer, seien es Skorpione, Tausendfüßler, Schlangen, Zecken, ekles und nützliches Gewürm, alles fällt ihnen zum Opfer. Auch manches Vogelnest, in dem ein früher Brüter bereits das Brutgeschäft begonnen hat. Größere Tiere, namentlich Säugetiere, haben, falls sie nicht krank sind, immer Zeit, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Vielfach sieht man die Antilopen einfach durch den Feuergürtel schreiten, denn meist ist es nicht eine gewaltige Fläche, welche die Flammen einnehmen, sondern ein aufzuckendes, weitlaufendes, allerdings oft viele Kilometer langes Band, das sich gierig weiterfrißt, alle trockenen Halme und Stengel ergreift, die knackend und prasselnd von ihm verzehrt werden. Hier und dort läuft es um einen Busch, eine kleine, grüne Stelle herum, die dann einsam und verlassen aus dem schwarzgrauen Leichentuch der Landschaft ragt.

Gering ist der Schaden, den die Wälder durch diese Steppenbrände erleiden. Wohl schwärzt sich der untere Teil der Stämme, auch ein Teil der Blätter wird versengt, aber der nächste Regen zaubert schnell neue hervor. Außerdem ist ja das lebende Holz der dortigen Bäume meist so wenig harzhaltig, daß es kaum ankohlt.

Anders ist es mit gestürzten Stämmen. Sie haben oft monatelang in der Sonnenglut gelegen, sind völlig ausgedörrt, und in ihnen findet die Glut willkommene Nahrung. Doch sie flammen nicht hell auf, sondern geraten an einer Stelle ins Glühen, glimmen langsam weiter, bis der wandernde Funke in tagelanger Arbeit den ganzen Stamm verzehrt hat; er fällt in sich zusammen, und nur ein breiter, silberweißer Aschenstreifen zeigt noch, wo vor wenigen Tagen ein gestürzter Baum gelegen.

Diese leicht dampfenden Stämme sind den wandernden Eingeborenen sehr willkommen. Hier finden sie gleich Glut, die sie mitnehmen können. Sie brechen einen dicken Ast, der ins Glimmen gekommen ist, ab und nehmen ihn mit sich. So sparen sie sich auch die Mühe, mit Stein und Lunte oder gar durch Reiben trockenen Holzes Feuer anzumachen.

Hatte der Nil bisher eine breite Fläche gebildet, so drängen sich wenige Tagereisen nördlich von Nimule die Ufer enger aneinander, die Berge treten näher heran. Steinrippen laufen als wild durcheinandergeworfenes Geröll quer durch den Strom. Es entsteht eine ganze Reihe von Stromschnellen, die für diesen Teil des Flusses wohl für alle Zeiten, namentlich bei Flachwasser, ein Hindernis für die Schiffahrt bilden werden. War die Zahl der Zuflüsse bisher gering, so schicken die Berghänge jetzt eine Unzahl von Rinnsalen dem Mutterstrom zu, die namentlich zur Regenzeit reiche Nahrung spenden.

Von der Höhe der Berge sehen wir ab und zu das leuchtende Silberband des gewaltigen Stromes im Westen glitzern, aber erst bei dem Fort Berkeley erreichen wir wieder sein Ufer und wandern die beiden letzten Tage unseres Marsches am Strom entlang.

Hier sollten wir zwei Begebenheiten erleben, die uns das Rätsel, das die Negerseele für uns Europäer bildet, so recht vor Augen führte. Einer der Träger, die bereits seit Ostafrika, also neun Monate, mit uns marschiert waren, Freud und Leid geteilt hatten, ließ plötzlich allen seinen sauer erworbenen Lohn im Stich — denn er hatte bisher nur einen verhältnismäßig geringen Teil ausgezahlt erhalten, der Rest stand bei uns gutgeschrieben —, warf seine Last heimlich weg und floh. Was ihn dazu veranlaßt hat, wußte niemand zu sagen. Erst glaubten wir, daß die Latuka ihn umgebracht und weggeschleppt hätten, aber da seine Last unversehrt gefunden wurde, auch keine Fährte oder Blutspur dafür sprach, daß er einem Löwen zum Opfer gefallen war, durfte als ausgeschlossen gelten, daß er ums Leben gekommen war. Vielleicht war es ein kleines Latukamädchen, das sein Herz entflammt und ihn zu der unüberlegten Tat veranlaßt hatte. Möglich ist es. Wir haben es trotz sofort auch durch die englischen Behörden angestellte Untersuchung nie ermitteln können. Der Mann blieb verschwunden.

Am gleichen Tage erlebten wir einen regelrechten Streik. Die Träger, die uns bisher treu gedient, immer gutwillig alle ihre Obliegenheiten erfüllt hatten, verweigerten die Arbeit. Sie wollten nicht das für das Lager notwendige Holz aus dem allerdings etwas abseits gelegenen Wald holen. Wie sie sich das Abkochen dachten, war ihnen wohl selbst nicht klar. Es war zu befürchten, daß die Leute in die Häuser der Latuka eindringen und ,,sich selbst versorgen" würden. Da half es nichts, es mußte durchgegriffen werden, und als die Askari den Hauptverbrechern mit dem Kiboko eine Tracht verabfolgt hatten, machten die ändern lange Beine. Das Lager war in kurzer Zeit reichlich mit Holz versehen. Alle Mann waren wieder lustig und guter Dinge, als wenn nichts gewesen wäre. Nur einige Dumme rieben sich die Kehrseite — die Prügel .hätten sie sich sparen können.

Am 22. März erreichten wir Gondokoro, die Grenze des Sudans. Gäbe es eine Chronik dieses Ortes, so würde man staunen, über das, was darin verzeichnet stände; mit Blut wäre jede Seite geschrieben. Hart am Rande der Wildnis gelegen, ist es der Übergangsort. Bis hierher sind voraussichtlich schon vor Jahrtausenden Handelsexpeditionen vorgedrungen. Hier hatten österreichische Missionare ihre erste Tätigkeit entfaltet. Weiter nach .Süden war ihnen von den streitbaren Völkern der Weg versperrt. Erst in neuerer Zeit sind von Uganda her die Glaubensboten gekommen. Ein mörderisches Klima, feindliche Bevölkerung hatten die früheren Missionare gezwungen, ihre Tätigkeit aufzugeben. Denn hier war vor mehr als einem halben Jahrhundert noch der Hauptplatz der Sklavenhändler. Von hier gingen ihre Streif- und Jagdkorps aus, fielen mordend und raubend in die Dörfer nah und fern. Nach Gondokoro schleppten sie ihre unglücklichen Opfer, ehe sie diese in die engen Nilbarken pfropften, um sie auf langer, trostloser Fahrt durch fieberschwangere Sümpfe, glühende Wüsten zum Sklavenmarkt nach Khartum zu verfrachten.

Welche Ströme von Tränen, welche Bäche von Menschenblut, welch namenloses Weh hat dieser kleine Platz gesehen, Heute sind diese Zeiten der Grausamkeit und Räuberromantik vorbei. Jetzt gehen Vergnügungsdampfer bis hier hinauf, Weltenbummler, Großstadtmenschen, die ihre durch überfeinerte Kultur erschlafften Nerven auf einer Spritzfahrt in die Wildnis aufpeitschen wollen, besuchen den unansehnlichen Platz, der an sich nichts Sehenswertes bietet, aber heute schon eine große handelspolitische Rolle spielt. Dereinst wird er als Umschlagplatz, namentlich wenn erst die regelmäßige Verbindung Kap—Kairo hergestellt ist, gewiß einen gewaltigen Aufschwung nehmen. Bis hierher dürfte der vom Süden vorfühlende Schienenstrang gezogen werden, um die Reisenden, Waren und wohl auch Truppen auf die Dampfer zu verladen, die vom Norden, von Khartum kommend, die Verbindung mit diesem letzten Punkt nördlicher Kultur herstellen.

Von hier an ist der Nil auf mehr als 900 Kilometer schiffbar. Regelmäßig laufen die Regierungsdampfer, dazwischen aber auch kleinere, griechischen Kaufleuten gehörige, sowie eine große Anzahl Segelschiffe, die wohl in gleicher Weise wie vor Jahrhunderten den Verkehr vermitteln.

Hier in Gondokoro trafen wir einen ungarischen Reisenden, der gleichfalls von einer Jagdexpedition zurückkehrte.
Am nächsten Tage mußte der Regierungsdampfer eintreffen. Mit ihm hofften wir in aller Behaglichkeit nach Khartum zu fahren. Doch der Postmeister, der wohlweislich telephonisch — wir merkten, daß wir im Banne der Kultur waren — angefragt hatte, machte uns die betrübende Mitteilung, daß der Dampfer übervoll sei, also eine Mitreise ausgeschlossen erscheine. Da saßen wir nun an der Schwelle der „Zivilisation" und konnten nicht hinüber, denn zu Fuß weiter nordwärts zu wandern, hätte doch gewaltige Schwierigkeiten gemacht. Erstens standen wir am Anfang der Regenzeit, die in jenen Gegenden doppelt unangenehm ist, da entlang des Nils viele, viele Meilen weit sich ungeheure Sümpfe ziehen, die schon in der Trockenheit keinen angenehmen Aufenthalt bilden, denn neben der Nässe gibt es hier Moskiten in einer Anzahl, von der sich ein Europäer, der diese Gegend nicht besucht hat, keine Vorstellung machen kann. Der Himmel verdunkelt sich tatsächlich, wenn diese Quälgeister sich erheben. Auch hatten wir gar keine Lust, hier noch am Schluß der Reise uns eine kräftige Malaria zu holen. Dann kam die Bevölkerung. Da wohnen die Berri, die von früher her nicht gerade den besten Ruf genießen, und weiterhin die Nuër. Sie sind am Fluß selbst, wo die Hand der Regierung sie immer leicht fassen kann, ganz hübsch brav, weiterhin im Innern aber sind sie doch oft recht ungemütlich.

So mußten wir diesen Plan aufgeben. Etwas verstimmt saßen wir beim Tee. Da meldete sich ein griechischer Kaufmann, Vertreter von Angelo Kapato, der vor Jahren meine Expedition nach dem Blauen Nil mit dem Nötigen versehen hatte, und fragte an, ob wir seinen Dampfer nach Khartum haben wollten. So eine Frage! Ich glaube, wenn wir nicht uns schnell gefaßt und ein uninteressiertes Gesicht gemacht hätten, so wäre es dem Mann ein Kleines gewesen, von uns doppeltes Geld zu erzielen. So taten wir ihm scheinbar einen Gefallen, „erlaubten" auch noch, daß ein paar von ihm beladene Nugger (flache Lastboote) seitlich an dem Dampfer befestigt wurden, in die auch wir einen Teil unseres Gepäckes verluden, und machten uns bald daran, alle Lasten einzuschiffen.

Das war ein Glücksfall, ein schöner Abschluß der langen Reise. Jetzt brauchten wir nicht mit dem überfüllten Regierungsdampfer zu fahren, waren nicht den unzähligen, mehr oder weniger klugen Fragen neugieriger Mitreisenden ausgesetzt., die sonst mit Sicherheit über uns niedergegangen wären, sondern konnten in aller Gemütsruhe die neun Tage währende Fahrt genießen, unsere Koffer und Sammlungen umpacken, nachsehen, ob auch alles in Ordnung, nichts durch die letzten Regengüsse der Gefahr des Verderbens ausgesetzt war. In Mußestunden konnten wir aber auf bequemem Liegestuhl so recht faulenzend die vorübergleitende Natur genießen, brauchten uns nicht mehr um Lebensunterhalt von mehr als hundert Mann zu kümmern, sondern nur für das eigene Wohl zu sorgen, denn unsere Träger marschierten von Gondokoro aus unter Führung des Njampara in die Heimat zurück.

Alle die Völker aber, deren Länder wir durchführen, die Tierwelt, die an den Ufern das heiligen Nils lebte und webte, sollten für Unterhaltung sorgen. Beim Anblick der Ortschaften, an denen hier und da gelandet wurde, tauchte die Erinnerung auf an vergangene Zeiten, in denen Sklavenjagden, Mord und Raubzüge an der Tagesordnung waren, an die Jahre, in denen der Mahdi die Geißel schwang, Millionen Menschen hinschlachtete, verhungern ließ, unter dem Deckmantel des „Kampfes für eine reine Religion". Ein ungeheures Reich richtete er auf, dessen kurze Geschichte, mit Blut geschrieben, unendliche Qual und Leid über die Menschheit brachte.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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