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Nach Khartum

So gleiten Stätten der Erinnerung an Slatins Kämpfe an uns vorüber. Rauschend plätschert das Wasser, hochgeworfen von den Schaufelrädern unseres Dampfers. Wir denken zurück an die schöne, lange Reise, die hinter uns liegt. Unser Blick schweift über die Ufer hin. Da stehen sie, dichtgedrängt, die nordischen Gäste in großer Zahl, Kraniche, märkische Freunde, eigentümlich, halb klagend klingt ihr Trompeten. Sie rüsten sich zur Heimreise. Immer neue Scharen gesellen sich ihnen zu, gleich niederschwebenden grauen Wolken, und doch scheint sich ihre Zahl nicht zu vermehren. Hin und wieder die schönen graziösen Jungfernkraniche, Schwarzstörche und Reiher. AB und zu taucht ein Dorf auf. Hier und dort legen wir an, nehmen Holz, weiter geht es, nordwärts.

Die „nackten Wilden" verschwinden. Weiße Gewänder herrschen vor, wir nähern uns der Zivilisation. In lange blaue Tücher gehüllt, mit blitzenden Arm- und Fußringen kommen Frauen zum Wasser, schöpfen das heilige Naß mit gewaltigen Tontöpfen. Man staunt, wie diese feingliedrigen Gestalten so schwere Lasten heimtragen können. Lustig spielen Kinder am Ufer, wälzen sich im Sand, schauen neugierig dem vorübergleitenden Dampfer nach.

Immer seltener werden unsere treuen Begleiter, die Flußpferde, die Zahl der auf Schlammbänken ruhenden Krokodile nimmt ab, sie werden auch vorsichtiger, schon von weitem sehen wir sie ins Wasser verschwinden — sie wissen, warum!

Spärlicher wird der Dornenbuschbestand des Ufers, dünner der Grasstreifen, der es säumt. Da ziehen, eines hinter dem ändern, hochbepackte Kamele. Sie folgen der uralten Karawanenstraße, die hart am rechten Nilufer hinläuft. Auch auf dem linken findet sich eine solche, doch sie liegt weiter ab, die vielen kleinen Regenstrombetten, alte, nur in der Regenzeit mit Wasser gefüllte Flußarme, zwingen sie zu Umwegen.

Gewaltige Viehherden werden zum Fluß herabgetrieben, klein wie Spielzeug sehen sie aus bei der großen Entfernung. Aber sie sprechen für den Reichtum der Dörfer, der einzelnen Scheichs. Hunderte, ja Tausende von Schafen, Kamelen und Eseln wimmeln durcheinander. Alles drängt nach der Glut des Tages zum Wasser. In der Ferne tauchen ab und zu Berge auf, flach, wie abgeschnitten ist ihr Gipfel. Hier müssen einst gewaltige Hochebenen bestanden haben, doch die verwitternden Wirkungen von Sonne und nächtlicher Kühle haben das Gestein zermürbt, der ständig mahlende Wüstenwind hat die lockeren, zerriebenen Bröckel verweht, Regen und Bergstürze haben größere :u Tale geführt. Heute stehen nur noch die Reste einstiger Plateaus. Auch sie werden dereinst verschwunden sein. Alles wird eben, soweit der Wind nicht den Sand zu wandernden Sergen zusammenweht, hier verschüttet, dort aufbaut.

Jetzt werden Palmen, die ihr Federhaupt über den Dörfern erheben, häufiger. Dattelpalmen sind es; sie spenden die Hauptnahrung der Wüstenbewohner. Es sind nicht die süßen Früchte, wie wir sie kennen, sondern in getrocknetem Zustand werden sie aufbewahrt, halten sich so sehr lange und geben eine leichte und außerordentlich vorhaltende Nahrung, die ähnlich wie das Johannisbrot (Schote der Ceratonia siliqua) schmeckt, das wir als Kinder auf dem Jahrmarkt kauften und heimlich in der Schule knabberten. Ich habe die getrockneten Datteln im Sudan vielfach als Tagesration auf Jagdzügen in der Tasche mitgeführt.

Auf dem Fluß begegnet uns ein Dampfer mit Vergnügungsreisenden, die Thomas Cook in die Wildnis führt. Dahabies mit großem Dreiecksegel gleiten vorüber, hin und wieder eines der merkwürdigen breiten Eingeborenenboote, die langsam mit Ruder und Segel stromabwärts gleiten.

Häufiger werden die Dörfer. Da kommt mir eines bekannt vor. Richtig, es ist Goz Abu Gomez. Dort endete mein fast viertägiger Wüstenritt drei Jahre zuvor. — Nun liegt die Wildnis ganz hinter uns, mit Riesenschritten kehren wir in die Kultur zurück. —

Drüben auf dem rechten Flußufer taucht ein einsamer Baum auf, allein, als einziger auf der unendlichen gelben Fläche, die die Wüste um ihn bildet! Gordons Baum. Hier hatte der Held am Abend vor seinem Tode gestanden, hinübergeblickt nach dem feindlichen Ufer, wo, gedeckt durch den Schleier ewig wehenden Staubes, aufgewühlt durch die unzähligen Füße seiner Leute, der Mahdi seine Truppen zusammenzog, den Sturm auf Khartum vorbereitete. Von hier schaute Gordon sehnsüchtig so oft nilabwärts, dorthin, von wo die von ihm ausgesandten Dampfer kommen sollten, um Hilfe zu bringen, ihm und den vielen Tausenden in Khartum, denen vor dem grausamen Beherrscher von Omdurman bangte. Doch vergebens. Kein aufsteigender Rauch zeigte das Nahen eines Dampfers, kein Geschützdonner die bevorstehende Rettung an. So ging er heim wie schon so viele Abende, zum letztenmal! Wohl ahnte er, daß die Stunde der Entscheidung, des Todes nahe war, wußte vielleicht, daß er niemals zu diesem ihm so lieb gewordenen Platz zurückkehren würde.

Heute blickt gelangweilt irgendeine weltbummelnde Dame aus bequemem Liegestuhl des Dampfers durch das Augenglas hinüber und lispelt: „Oh, how interesting" — und nimmt einen Schluck eisgekühlten Zitronenwassers. Die Welt vergißt schnell.

Näher kommen wir den Häusern zur Linken. Nun biegt unser Dampferchen rechts um, dem Lauf des Flusses folgend. Palmen, Häuser, Gärten tauchen auf, mir wohlbekannt. Da wohnt Mr. Buttler, der große Zoologe, der den Zoo von Khartum gegründet und zu hoher Blüte gebracht hat, ein strenger Wächter über die ihm unterstellten Jagdgebiete. Am Ufer sehen wir auf der breiten Straße Damen und Herren zu Pferd. Ja, die Wildnis liegt nun wirklich ganz hinter uns. Bis hierher hat Europa schon seine Fühler vorgeschoben.

Rauschend rollen die gelben Wasser sich kräuselnd auf. Von rechts her dringt klares, blaugrünes in sie hinein. In einem langen, schäumenden Streifen treffen sich hier die Fluten des Blauen und Weißen Nils, um brüderlich vereint talwärts zu gleiten, als Segenspender für das glückliche Ägypten.

Staunend stehen unsere schwarzen Diener an Bord. Eine so große Stadt haben sie noch nicht gesehen, sie, die wir aus dem Herzen Afrikas mitgebracht haben. Das ist also das berühmte Khartum, von dem sie schon seit Wochen schwärmen, die „Hauptstadt von Afrika", der Inbegriff aller irdischen Genüsse.

Langsam arbeitet die Maschine. Wir nähern uns dem rechten Ufer. Unser Dampfer legt an. Träger sind bald zur Stelle, laden unser aus vielen Kisten und Ballen bestehendes Gepäck auf und in langem Zuge geht es ins Grand Hotel, wieder einmal bin ich hier. Und da — ich traue meinen Augen kaum — noch ist es derselbe deutsche Wirt, den ich von früher her kannte. Wohlbehalten sind unsere Koffer bereits angekommen, die wir auf weitem Umweg von Ostafrika aus über Ägypten hierher gesandt haben, um uns gleich in „Kulturmenschen" verwandeln zu können, sobald wir den Staub der Wildnis von uns abgespült haben.

Die Ankunft unseres großen Gepäcks, der Elefantenzähne, Tierhäute und unserer Schwarzen erregt natürlich unter den vielen Hotelgästen berechtigtes Aufsehen, denn es hat sich herumgesprochen, daß wir aus dem Herzen des schwarzen Erdteils kommen.

Der Abend findet uns wieder ganz als „Mitteleuropäer" in Abendanzug an einem sauber gedeckten Tisch im Garten des Hotels, rundum Damen und Herren in großer Toilette, auf den Tischen kleine Windlichter mit bunten Schirmen, blitzendes Tafelsilber, Musik und Fröhlichkeit.

Wie oft hatten wir uns auf diesen Abend gefreut, auf den ersten nach dem langen Safarileben I Wie wollten wir feiern, übermütig sein! Und nun saßen wir fast in wehmütiger Stimmung da. Jetzt erst kam es uns voll zum Bewußtsein, was uns die Wildnis, die Steppe, das Löwengebrüll und Hyänengeheul gewesen waren, was uns Gottes freie unberührte Natur gegeben hatte, daß sie uns viel mehr war als alle Kultur, die ja doch letzten Endes nichts weiter ist als übertünchte Schlechtigkeit und verkappter Egoismus, Grausamkeit und Heuchelei — ein Zerrbild der Natur! Eigentümlich schlich es sich an unser Herz, als wir um uns die flirtenden Herren und Damen sahen, die sich Höflichkeiten sagten, um einander warben und im Grunde des Herzens doch nur miteinander spielten, vielleicht um des Genusses einer flüchtigen Stunde willen.

Hier mehr als je wurde uns klar, daß die Natur allein, die echte, unverfälschte, dem Menschen volle, innere Befriedigung geben kann, tausendmal mehr als das, was wir Zivilisation nennen. Fast ernst verlief für uns der Abend. Er war nicht, wie wir anfangs geglaubt hatten, der Zukunft geweiht, sondern der Erinnerung an das herrliche hinter uns liegende Jahr. Wehmut beschlich unser Herz, und zum erstenmal habe ich wohl mit einer gewissen Sehnsucht nach dem südlichen Kreuze geblickt, nach dem Sternbild, das ich, im Gegensatz zu so vielen ändern Reisenden, sonst gar nicht recht mag. Aber an diesem Tage deutete es mir mit seinem untersten Stern nach Süden, dorthin, wo die Länder lagen, die uns so unendlich viel gegeben, und der Wunsch verdichtete sich fast zum Gelöbnis: dorthin kehre ich nochmals zurück und, so Gott will, mit meiner Frau — und 1912 waren wir beide drüben in unserer schönen, uns nun leider geraubten Kolonie Deutsch-Ostafrika.

Unsern schwarzen ostafrikanischen Jungen war natürlich Khartum der Inbegriff aller Pracht und Verführung, und obgleich für sie die Verständigung nicht so ganz einfach war, so kam sie doch zwischen ihnen und den Khartumern beiderlei Geschlechts offenbar zustande, denn meist waren sie „aus", bummelten irgendwo, gaben sich ganz dem Genuß der Großstadt hin, verjubelten in unglaublich kurzer Zeit den Verdienst von fast elf Monaten, betranken sich mehr als uns angenehm, kurz, sie akklimatisierten sich unheimlich schnell, nahmen „Kultur" an. Wir hatten keinen Vorteil mehr von ihnen, nur Ärger, und als wir früher abreisen mußten, während sie noch bis zum Abgang des nächsten Dampfers von Suakim, von wo sie nach Ostafrika zurückreisen sollten, blieben, vertranken und verspielten sie nicht nur ihr Reisegeld,* sondern auch ihre Fahrkarten, so daß wir mit Hilfe des Konsulates ihnen alles nochmals zugehen lassen mußten, denn wir waren dem Gouvernement von Englisch-Ostafrika verantwortlich, daß unsere Schwarzen, mit dem Nötigen ausgestattet, die Rückreise mit dem Schiff antraten.

Hier in Khartum sah ich so recht, wie schnell sich eine solche Handelsstadt in Afrika, wenn eine tüchtige Regierung dahintersteht, entwickelt, denn die Hauptstadt des Sudans war in den drei Jahren, seit ich sie zuletzt gesehen hatte, gewaltig gewachsen. Nicht nur die Zahl der Europäerwohnungen und namentlich der freundlichen Gärten hatte bedeutend zugenommen, sondern auch das Viertel der Handel treibenden Eingeborenen. Sehr angenehm berührte es, daß man jetzt eine große Anzahl Europäerinnen sah. Es ist dies etwas, was für die Entwicklung einer Kolonie ungemein ins Gewicht fällt. Sofort werden die Sitten „sanfter". Fehlt die weiße Frau, so geben sich die Ansiedler mit farbigen ab; es herrscht vielfach ein recht wüstes Junggesellenleben, und namentlich wird dem Alkohol gewaltig gehuldigt. Hier in Khartum, der großen Handels-, Regierungs- und Militärstadt, wimmelte es geradezu von Engländerinnen, und viele Feste, die gegeben wurden, legten Zeugnis davon ab, daß man an der Grenze der Wüste zu leben wußte.

Eigentümlich kam es uns vor, daß wir nun zum erstenmal wieder in einem Zimmer schlafen sollten. Die Mauern beengten uns, und hinzu kam noch etwas, was uns den Schlaf raubte: ganz kleine stechende Tierchen. Doch nicht, wie vielleicht der Leser glaubt, die breiten, flachleibigen Ungeheuer, die man leider manchmal in Gasthausbetten Damentlich des Orients antrifft, sondern unendlich kleine Stechfliegen, die bei Nacht schwärmen und so winzig sind, daß sie durch die engste Masche des Moskitonetzes schlüpfen können. Und sie taten es mit Wonne. Doch wie oft das Gute nahe beim Bösen liegt, so auch hier: die Fliegen halten sich nur dicht über dem Erdboden auf, etwa bis dreiviertel Meter Höhe. Und hierin liegt die Möglichkeit, sich ihnen zu entziehen; man braucht nur nicht im Erdgeschoß zu schlafen, sondern im ersten Stock. Ganz einfach — wenn man es erst weiß. So ließen wir am zweiten Tage unsere Betten auf der das ganze Obergeschoß umlaufenden breiten Galerie aufstellen.

Mein Bett hatte einen guten Platz, vorn mit Aussicht auf den Nil, auf die Gärten, auf die im Westwind sich neigenden Dattelpalmen. Und über dem ganzen das silberne Licht des Vollmondes, ein herrliches Bild. Eine ganze Zeitlang stand ich am Geländer, dann kroch ich in mein Bett, denn der Wind wehte immer heftiger. Ich merkte schon, daß ein Sandsturm im Anzüge war. Das allmählich fahl und gelblich werdende Licht des Mondes verriet es. Angenehm sind diese Winde ja nicht gerade, aber wenn man wie ich, in eine dünne Lederdecke eingewickelt, dem Sturm seine Kehrseite zudreht, dann geht es. Ich muß gestehen, die Nacht wird mir unvergeßlich bleiben, denn wenn ich auch nur wenig schlafen konnte, nur die Stunden durchdämmerte, so boten sich mir doch so prachtvolle Bilder, die Gedanken arbeiteten im Sturmgebraus, im Rauschen der Palmen, dem Plätschern des aufgeregten Nils so wunderbar, daß ich einen wahren Genuß davon hatte.

Mehr als Khartum selbst interessierte uns natürlich Omdurman, die alte Hauptstadt des Mahdi und Kalifen. Am Blauen Nil entlang, wo uns auf Schritt und Tritt die für Ägypten typische Musik der quietschenden Sakkieh, der Schöpfräder, die Gärten und Felder mit Wasser versorgen, begleitet, ging es mit der kleinen Dampfbahn bis zur Einmündungsstelle des Blauen in den Weißen Nil, von hier mit einer Dampffähre über den Fluß. Drüben am Strande reihten sich Schiff an Schiff, große Dahabiehen, die mit Handelsware vom oberen Nil oder Bahr el Ghazal gekommen waren. Großenteils brachten sie Gummi arabikum, das Harz einer Mimosenart, das in ungeheuren Mengen im Sudan gesammelt und als einer der Haupthandelsartikel ausgeführt wird, daneben Elfenbein, Straußfedern, Durrha und anderes mehr.

Auf dem ansteigenden Ufer reihen sich dicht zusammengewürfelt Strohhütten und aus Nilschlamm errichtete kastenförmige Häuser. Eseltreiber drängen sich mit viel Geschrei zudringlich vor, bieten ihre Reittiere an, schimpfen aufeinander, denn jeder will das Geschäft machen. Die kräftigen, schönen Maskatesel bringen uns schnell aus dem Gewirr, das am Ufer herrscht, in die eigentliche Stadt. Man unterscheidet die südliche Mohammedanerstadt, dann in der Mitte die El Buga, wo einst der Mahdi mit seinem gewaltigen Anhang wohnte: wo das Staatsgefängnis steht, in dem die gefangenen Europäer oft unter den fürchterlichsten Entbehrungen schmachten mußten, dahinstarben wie die oft noch grausamer behandelten farbigen Eingekerkerten. Hier steht auch die von den Engländern gelegentlich der Beschießung von Omdurman zerstörte Kubba, das Grab des Mahdi. Nördlich schließt sich die Stadt der Zugewanderten, der Christen (Kopten aus Abessinien) und Griechen an. Zu sehen ist im allgemeinen nicht viel, die Baulichkeiten haben eben nur historisches Interesse. Mich zog, wie überall im Orient, die Bazarstraße an. Hier arbeiteten die Drechsler, die die feinen Arbeiten für die Haremsfenster anfertigten, daneben die Ziseleure und Metallarbeiter, die Silber- und Kupferfäden in feinen Mustern in große Metallplatten oder Gefäße hämmerten. Dann kamen wieder Händler mit Straußfedern, und wer die Sache versteht, außerdem Spaß am Handeln mit den Eingeborenen hat, kann hier schöne Stücke kaufen. Den Wert der Feder macht aber nicht allein die Größe und Feinheit der Pose aus, sondern die Feder muß auch „leben", sie muß sich kräuseln, wenn man mit ihr über die Erde fährt. Erst bekam ich einen Schreck, wie ein Händler eine wundervolle große weiße Feder, die ich erwerben wollte, durch den Staub der Straße wischte, bis ich erkannte, worauf es ankam. Es handelt sich bei den guten Federn um solche von lebenden Vögeln, während die minderwertigen, schlechteren, denen man ihren geringeren Wert aber nicht sogleich ansieht, ausgefallene oder abgestorbene sind.

Beim Gehen durch die engen Straßen fiel mir ein wunderbarer Duft auf, berauschend, wie ich ihn nie zuvor gerochen. Mit erhobener Nase ging ich ihm nach, schließlich langte ich an einem schmutzigen Laden an. Da stand eine Reihe von Flaschen, ich schnupperte, endlich fand ich die richtige. Einst war Rotwein in ihr gewesen, jetzt eine trübe, häßlich aussehende Flüssigkeit — das war mein „Parfüm", doch in diesem Zustand konnte ich es nicht brauchen.

Wenig bekannt ist übrigens, daß ein im Sudan sehr geschätzter Wohlgeruch aus einer sich am Kopf alter Krokodile findenden großen Moschusdrüse gewonnen wird. —

Durstig vom langen staubigen Wandern betraten wir ein kleines türkisches Cafe, und bald nahten auch einige Händler. Der eine bot in einer kleinen Schachtel Skorpione an, ein anderer hatte ein Chamäleon und stachelige Wüsteneidechsen. Für all das hatten wir kein Interesse, wir hatten jetzt — Zoologieferien. Dann aber kam ein alter Araber mit einem großen Sack, dem er allerhand Kleinigkeiten entnahm, meist Metallgefäße, Kugeln, die auf dem Schlachtfeld aufgelesen waren, und ähnliche Dinge. Dann aber nahm er aus den tiefsten Tiefen seines weiten, faltenreichen Gewandes ein aus Leinentüchern geformtes Paket. Wir wurden neugierig, und nun packte er aus, unendlich langsam Hülle um Hülle lösend, bis er endlich, sich ängstlich nach den ändern Händlern und nach der Tür umsehend, ob nicht etwa ein Polizist käme, einen großen leuchtenden Rubin herausschälte und das Licht in seinem satten Taubenblutrot spielen ließ. Ein prächtiges Stück. Kaum ließer es uns in die Hand nehmen.

Nun war die Frage: ist der Stein echt, wenn ja, wem hat er ihn gestohlen? Gerade die Heimlichtuerei machte uns stutzig, und schließlich kamen wir zu der Überzeugung, daß der Rubin nichts weiter als ein künstlicher, allerdings sehr gut ausgeführter war. Gerade das Versteckte, Geheimnisvolle sollte die Käufer locken. Aber wir fielen nicht darauf hinein, waren vorsichtiger als zwei Amerikaner, die trotz meiner Warnung bei meiner ersten Anwesenheit in Kairo auf einen plumpen Schwindel eingingen. Auch ihnen war in einem Cafe ganz heimlich im halben Dämmerlicht ein dreifarbiger „Diamant" gezeigt worden, grün, weiß, rot nebeneinander. Sie erzählten mir davon, ich sagte ihnen, daß es solche Naturspiele kaum gäbe, und kämen sie vor, dann würde man sie wohl in den teuersten Juweliergeschäften, aber nicht in der Hand irgendeines schmutzigen Händlers eines versteckten Cafes von Kairo finden. Doch sie ließen sich nicht belehren und kauften tatsächlich den „Stein", der nichts anderes als eine noch dazu ziemlich plumpe Fälschung war, wie ich ihnen mit Hilfe der Lupe klar bewies.

Ein weiter staubiger Ritt brachte uns nach dem Schlachtfeld von Kerreri, wo Kitchener am 2. September 1808 die Heere der Mahdisten vernichtete.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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