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Emin-Pascha in der Äquatorialprovinz

Um die Bedeutung dieses Mannes ganz verstehen zu können, muß man etwas in die Geschichte des Sudans eingedrungen sein, jenes Landes, in dem er, jahrelang abgeschlossen von jeglicher Kultur, umgeben von äußeren, grausamen Feinden, ständig bedroht von seinen eigenen gewinnsüchtigen, unzuverlässigen Leuten in bewundernswürdiger Ausdauer sich nicht nur gehalten, sondern für das ihm anvertraute Land in weitgehender Weise gesorgt hat, trotz der geringen Mittel, die ihm hierfür zur Verfügung standen. Daß eine besondere Fähigkeit dazu gehörte, dieses Ziel zu erreichen, ist selbstverständlich; es genügte nicht, nur mit gutem Willen die Verwaltung des wilden Landes zu übernehmen, sondern der Mann, der sich auf die Dauer auf diesem vorgeschobenen Posten mit Erfolg halten wollte, mußte eine harte Schule durchlaufen haben, und das war bei Emin, dessen eigentlicher Name Eduard Schnitzer war, der Fall.

Am 28. März 1840 wurde er in Oppeln geboren. Schon in frühester Jugend zeigte sich sein großes Interesse für Naturwissenschaften und namentlich für Vogelkunde, nebenbei beschäftigte er sich aber mit allen möglichen ändern seinen Geist bildenden Dingen. Er studierte Medizin, war Assistent in Breslau, Berlin und Königsberg, aber immer regte sich schon in ihm der Drang nach fernen Ländern. Das zähe Festhalten an seiner Familie hielt ihn anfangs jahrelang davon ah, sich ihm bietende sehr aussichtsreiche Stellungen im Ausland anzunehmen, bis er eines Tages ganz unerwartet seine Koffer packte und ohne irgend jemand Mitteilung zu machen nach Triest fuhr. Damit war der Anfang gemacht, er war auf dem Wege, nun ließ er dem Schicksal seinen Lauf.

Hin und her schwankend wußte er nicht recht, welchen Weg er weiterhin einschlagen sollte. Anfangs wollte er mit Kaiser Maximilian nach Mexiko, dann lockten Stellen in holländischen oder englischen Kolonien, aber nie fand sich das, was er suchte. Dabei wurden seine Mittel immer geringer. So trat er denn in türkische Dienste; und 1865 treffen wir ihn als Arzt in Antivari. Hier kam ihm seine geradezu wunderbare Befähigung, fremde Sprachen zu erlernen, sehr zustatten. Mit eisernem Fleiß studierte er nicht nur Italienisch, sondern auch Illyrisch, Türkisch, Neugriechisch und Albanisch, denn, wollte er als Hakim, als Arzt, vorwärts kommen, so mußte er diese Sprachen beherrschen.

In diese Zeit fallen Kämpfe und Aufstände, und hier bestand Schnitzer seine Feuertaufe. Mit deutscher Gründlichkeit suchte er, namentlich als Hafenarzt von Antivari, die sanitären Verhältnisse des ganzen Landes, ungeachtet der ihm von der abergläubischen Bevölkerung gemachten Schwierigkeiten, zu verbessern, bekämpfte vor allem mit gutem Erfolg die alljährlich auftretende Cholera. In fünfjährigem Aufenthalt in Antivari fand er wiederholt Gelegenheit, sich diplomatisch zu betätigen. Namentlich dank seiner großen Sprachkenntnisse und seiner Gewandtheit, mit Menschen jeder Rangstellung zu verkehren, hatte er gute Erfolge, die ihm späterhin nützen sollten. Dadurch machte er sich, zumal er seine eigene Persönlichkeit nie in den Vordergrund stellte, viele Freunde, besonders unter den höheren Beamten, und kam dadurch vorwärts. So trat er dem bedeutenden Gouverneur Ismail Hakki-Pascha nahe. Ihm folgte er nach Kleinasien, Konstantinopel und später nach Janina. Noch einmal kehrte er in die Heimat zurück, um dann, ohne seinen Verwandten zu sagen, wohin die Reise gehe, über Triest nach Ägypten zu fahren.

Damit hatte Schnitzer das eigentliche Land seiner Tätigkeit, seines späteren Ruhmes betreten, das Land, für das l er kämpfte und litt. Nach kurzem Aufenthalt in Kairo schloß er sich einer Handelskarawane an, die nach Khartum ging. Die Reise dauerte damals fast sechs Wochen, heute ein paar Tage.

Mit seinem früheren Leben hatte Schnitzer hier auch äußerlich gebrochen, denn von nun an begegnen wir ihm nur noch unter dem Namen Emin. In Khartum traf er den sehr jugendlichen Rudolf Slatin, der als Gefangener, dann als Flüchtling aus der schrecklichen Haft des grausamen Mahdi und später als Generalpolizeimeister des Sudans eine so bedeutende Rolle spielen sollte.

In liebenswürdigster Weise wurde Emin von den dort lebenden Deutschen aufgenommen und gewann durch sein freundliches Wesen, sein großes musikalisches Talent und gutes Schachspiel, sowie seine gesellschaftliche Gewandtheit bald alle Herzen.

Anfangs als Arzt in Khartum tätig, seine freie Zeit zu zoologischen und botanischen Sammlungen verwendend, ging Emins Bestreben dahin, möglichst bald ins Innere des Landes kommen zu können. Bereits im April 1876 bot sich ihm hierzu Gelegenheit indem er zum Gouverneur Gordon nach Lado berufen wurde, das er nach einer Nilfahrt von drei Wochen erreichte.

Damit war er in dem sagenhaften Sudan, dem er fast den ganzen Rest seines Lebens widmen sollte.

Im allgemeinen hat man vom Sudan in Europa einen falschen Begriff, indem man damit nur das Land um den oberen Nil bezeichnet. Das ist ein Irrtum. Unter dem eigentlichen Sudan versteht man die weiten Länderstrecken, die sich südlich der Sahara bis Zentralafrika hinziehen und von mohammedanischer Bevölkerung bewohnt sind. Dabei stellt er aber kein als Reich in sich geschlossenes Land dar, sondern es ist mehr ein Länderbegriff, denn eine große Zahl verschiedener Reiche ist unter diesem Sammelnamen zusammenzufassen. Die hauptsächlichsten Reiche, die wir zum Sudan zu rechnen haben, sind: Kordofan, Dar-Fur, Wadai, Bagirmi, Bornu und weiter westlich die Haussastaaten.

Diese gewaltigen Länderstrecken sich untertan zu machen, war das Ziel der Khediven von Ägypten. Im Jahre 1820 drang Mehemed Ali siegreich südwärts vor, unterwarf Nubien, Sennar (das Land zwischen Weißem und Blauem Nil), und durch die siegreiche Schlacht bei Bara machte er sich zum Herrn des reichen Kordofan. Während die Türken, wie man im Sudan die erobernd vordringenden Ägypter nannte, weiter nach Süden bis über Gondokoro hinaus zürn Albert-See siegend vorstießen, widerstand Dar-Fur allen ihren Angriffen. Erst 1874 erlag es. Dieses Land war eines der bis dahin wenigst erforschten Gebiete von Afrika, soweit es in jenen Jahren nicht überhaupt unbekannt war. Nur der Engländer Brown und später unser Landsmann Nachtigal hatten es bereist.

Hatten bis zu ihrer Unterjochung durch die türkischen Truppen die Länder und Völkerschaften sich gegenseitig bekämpft und abgeschlachtet, so litten sie jetzt unter der neuen Herrschaft noch viel mehr. Die eingesetzten Gouverneure und Beamten betrachteten das Land als die Quelle, aus der man mit aller Macht Reichtümer schöpft. Elfenbein, Sklaven, Soldaten mußten die Völker liefern. In der unglaublich grausamsten Weise wurden Sklavenjagden veranstaltet, ganze Völkerschaften vernichtet oder zur Auswanderung getrieben. Im Gefolge des Heeres erschienen die reichen Khartumer Sklavenhändler oder ihre Bevollmächtigten. Ganze, gutausgerüstete Truppenteile standen unter ihrem Kommando, wohlgelitten von den Beamten, die ihren Beuteanteil erhielten — und schwiegen. Da fielen denn diese Horden, vielfach unterstützt von Eingeborenen, die in krasser Gewinnsucht ihre eigenen Landsleute verrieten, über die unglücklichen Dörfer her, die sie bei Nacht umstellt hatten, eröffneten ein mörderisches Feuer auf die Lehm- oder Grashütten, bis die Eingeborenen, aus dem Schlaf gerissen, zu den Waffen griffen oder sich davonzustehlen suchten. Doch die Sklavenjäger waren wachsam, zu wertvoll das „schwarze Elfenbein". Sobald sich ein Mann zeigte, wunde er niedergeschossen, Mädchen und Kinder gefangen, aneinandergekettet und davongetrieben, um von irgendeinem Sammelpunkt am Nil, eng in kleinen Barken zusammengedrängt, nach Khartum zum Sklavenmarkt verschickt zu werden.

Nach der Antisklaverei-Konferenz in London trat hierin insofern eine Änderung ein, als die Regierung wenigstens äußerlich gegen die Sklavenjäger vorgehen mußte; aber heimlich beließen die bestechlichen Beamten alles beim alten.

Diese ewige Unsicherheit, die Bedrohung von Leib und Leben waren es nicht allein, die auf der Bevölkerung) lasteten: es kam noch der ungeheure Steuerdruck hinzu. Den größten Teil von dem, was der Mann erarbeitete, mußte er abgeben. So sank die Schaffensfreudigkeit, die bei der schwarzen Rasse schon an sich recht gering ist, immer mehr, es wurde nicht mehr gearbeitet, angebaut, als man zum eigenen Lebensunterhalt brauchte.

Daß das auf die Dauer nicht so weitergehen konnte, sah selbst die Regierung in Kairo ein und sandte deshalb, da es zuverlässige türkische Beamte nur in recht geringer Zahl gab, Europäer dorthin, um den Krebsschaden zu beseitigen. Die Arbeit dieser Männer wurde nicht nur erschwert, sondern fast unmöglich gemacht durch die Dongalaner und Danakil, die, vom Norden eingewandert, das ganze Land durchsetzt hatten. Es waren dies Händler, die ins Land gekommen waren, bei Kriegszügen sich beteiligten, in der Hauptsache aber nur morden und rauben wollten. Allmählich hatten sie sich eine solche Stellung und Macht angemaßt, daß sie, dank ihrer großen Anzahl, in der sie alle militärischen Unternehmungen begleiteten, dem Heerführer das Leben ungemein schwer machen, ja seine Entschlüsse zum Scheitern bringen konnten, falls diese ihnen nicht genehm waren. Diese Herren waren natürlich gar nicht mit der Abschaffung der Sklaverei einverstanden, die fünf Jahrzehnte lang ihre Haupteinnahmequelle gewesen war. Zudem hatten sie Furcht vor der Bevölkerung, die sie bis aufs Blut gepeinigt hatten, denn nun konnte diese es wagen, gegen sie Anklage zu erheben. Aber auch vielen hohen Beamten war die Verbesserung der Lage der Unterworfenen durchaus unerwünscht. Auch sie zogen ja ihren Mutzen, ihre Reichtümer aus ihnen.

Das sollte nun alles durch die europäischen Beamten ein Ende nehmen. Gordon, der durch seine Tätigkeit und Erfolge in China berühmt geworden war, und manch anderer kämpften lange vergeblich für Verbesserung des Loses der ihm unterstellten Völker.

Die Dongalaner drangsalierten das Volk weiter und untergruben natürlich auf diese Weise immer mehr Ansehen und Macht der ägyptischen Regierung, die Beamten führten offen und versteckt Klage gegen Gordon und die von ihm auf den verschiedenen Stationen eingesetzten europäischen Gouverneure, und sie erreichten es tatsächlich durch ewige Wühlarbeit, daß dieser tüchtige Mann und mancher seiner getreuen Mitarbeiter sich vergrämt zurückzogen.

Die Schmarotzer konnten wieder schalten und walten, sie machten aber das Land reif zum Sturz. Dazu kam, daß der Khedive Ismail-Pascha und sein Nachfolger Tewfik-Pascha durch unglaubliche Verschwendung die reichen Einkünfte des Mutterlandes Ägypten verpraßten und damit auch hier auf den Untergang hinarbeiteten.

Die Regierung blieb den Soldaten und Offizieren in Unterägypten monatelang den Sold schuldig, und da diese sich nicht wie ihre Kameraden im Sudan an den Eingeborenen schadlos halten konnten, angeekelt waren von dem Luxus und der Verschwendung des Hofes, gärte es unter ihnen immer mehr. Wegen der Bevorzugung der türkischen und europäischen Offiziere brach infolgedessen unter Arabi-Bei eine Militärrevolte aus. Der Khedive mußte von Kairo nach Alexandrien fliehen, die Fremden und Juden waren ihres Lebens nicht mehr sicher. Arabi-Pascha, wie er sich bald nannte, durchzog das Land, predigte den Aufstand gegen alle Fremden. „Ägypten den Ägyptern" war die Losung, die bei der ausgesogenen verbitterten Bevölkerung willig Gehör fand. Von allen Seiten strömte die fremdländische, nichtmohammedanische Bevölkerung aus dem Lande nach Alexandrien zusammen oder flüchtete nach Syrien.

Somit waren die Aufständigen Herren des Landes. Noch war es eine rein ägyptische Angelegenheit, und die englische Flotte, die den Schutz der Fremden übernommen hatte, fand vorläufig keine Veranlassung und Gelegenheit, einzugreifen. Sie wartete, bis ihre Stunde kam. Daß sie kommen mußte, stand nur zu fest.

Immer höher stiegen die Begeisterung und der ständig geschürte Haß, und am 11. Juni 1882 brach in Alexandrien offen der Aufstand gegen alle Fremden aus. Eine große Anzahl wurde ermordet, die Wohnungen wurden gestürmt, Banken niedergebrannt, geplündert. Aus der Empörung, die aus berechtigten Beweggründen entsprungen war, wurde ein wilder Aufruhr, in dem die Hefe des Volkes, die Verbrecher besonders, auf ihre Rechnung kamen. Arabi-Pascha hatte seine Leute nicht mehr in der Hand. Aber er wollte auch die Bewegung nicht eindämmen, vielmehr hoffte er in einem törichten Siegerwahn, Ägypten gegen die europäischen Mächte halten zu können.

Einen Monat lang dauerte seine Herrschaft, die Engländer ließen die Leidenschaften sich austoben.

Jetzt arbeitete die hohe Politik unerbittlich grausam.

Was kümmerte diese sich um Menschenleben, Gut und Blut des einzelnen? Hier stand Höheres (?!) auf dem Spiel: Das Gesicht mußte gewahrt werden. Unter dem Schein des Rechtes, als Vorkämpfer der Menschlichkeit, galt es im rechten Augenblick, d. h. wenn die Not am größten, genügend viel Europäer, namentlich Frauen und Kinder, umgebracht waren, einzugreifen. Daß man deren Leben durch rechtzeitige Landung von Truppen, um die von einem großen Teil der Bevölkerung händeringend gefleht worden war, hätte retten können, darauf kam es nicht an. Was lag an den paar Menschen! Das reiche Land wollte man mit Anstand, als rettender Engel an sich bringen. Das war das Ziel, nach dem Albion strebte.

Nun war es soweit. Ohne irgendwelche Gefahr konnte die reife Saat geschnitten werden.

Die englische Flotte begann am 11. Juli die Beschießung der von Arabi besetzten Befestigungen und der Stadt selbst. Kurz darauf landeten sie Marinetruppen, die durch indische Reiterei verstärkt waren. Arabi-Pascha, eben noch so kühn, floh, mit ihm sein Heer. Bei Tell-el-Kebir wurde eine befestigte Stellung bezogen, aber beim ersten Angriff der britischen Truppen ergab sich die feige Besatzung, und Arabi-Pascha sowie seine Minister wurden teils sofort, teils später in Kairo gefangengenommen.

Damit war die Militärrevolte niedergeworfen und Ägyptens Schicksal für eine Reihe von Jahrzehnten besiegelt.

Schon längst hatten die europäischen Mächte voller Mißstimmung der unglaublichen Wirtschaft, dem nur scheinbaren Vorgehen gegen den Sklavenhandel, der kaufmännischen Unsicherheit des reichen Landes zugesehen. Jetzt hatte und nutzte England die gute Gelegenheit, das Land unter „seinen Schutz zu stellen". Zwar protestierten der Khedive und die Hohe Pforte, aber was machte das? England versprach zwar, „nach einem Jahr", wenn alles wieder in Ruhe und Frieden wäre, das Land zu räumen, vergaß es aber später!

Englische Beamte wurden Oberall eingesetzt, die Armee aufgelöst, kurz: Ägypten wurde englische Provinz.

Es liegt auf der Hand, daß durch diese Wirren die Stellung der auf weit vorgeschobenen Posten, umgeben von immer übermütiger sich gebärdenden Feinden, ausharrenden weißen Offizieren von Tag zu Tag schwerer wurde, und daß Emin-Pascha, im Norden sich gegen die andringenden Mahdisten wehrend, darauf bedacht sein mußte, sich den Rücken freizuhalten. Denn schon machte sich auch unter seinen Truppen die Wirkung der Unruhen in Ägypten geltend. Dazu kam, daß die Predigten und Flugschriften des „Mahdi", eines religiösen Fanatikers, auf den wir noch vielfach zurückkommen werden, nicht ungehört verhallten, öfter brachen unter Emins Truppen kleinere und größere Militärrevolten aus, namentlich als der Sold ausblieb. Die Soldaten gingen sogar so weit, daß sie Emin gefangen und die Verwaltung selbst in die Hand nehmen wollten, d. h. sie wollten, gestützt auf ihre bessere Bewaffnung, brandschatzen, die Bevölkerung auspressen, Herren spielen. Nur der außerordentlichen Geschicklichkeit Emins war es zu verdanken, daß er noch immer alle Unbotmäßigkeiten auf gütlichem Wege niederhalten konnte. Aber klar wurde ihm, daß es so auf die Dauer nicht gehen könnte, denn nur zu genau sah er die Entwicklung im Sudan voraus. Er kannte die Bevölkerung zur Genüge und ebenso die unter den ägyptischen Offizieren herrschende Korruption, gegen die sich die Bevölkerung mehr und mehr auflehnte. Auf dem so vorbereiteten Boden mußte die Lehre des neuen Propheten reiche Frucht tragen. Das ganze Land mußte zwangsläufig in seine Hand fallen. Auf alle Fälle galt es für Emin, an die Zukunft zu denken, an den Tag, an dem er gezwungen sein würde, sich vor den Heeressäulen der wilden mahdistischen Fanatiker zurückzuziehen. Der Weg nach Westen war ihm versperrt, denn dort dehnte sich die noch fast völlig unbekannte, an Nahrungsmitteln arme Wildnis; es blieb ihm nur der Weg nach Süden, den Nil aufwärts. Hier aber lag ein gewaltiges Reich: Uganda, beherrscht von dem außerordentlich tatkräftigen und diplomatisch gewandten Mtesa. Mit diesem verstand es Emin, sich gut zu stellen, ja, er besuchte ihn sogar, obgleich nur von einer kleinen Anzahl Trägern begleitet, auf langer, mühevoller Reise in seiner Hauptstadt Kibuga in der Nähe des Viktoria-Sees. Er wußte in so hohem Grade das Vertrauen dieses bedeutenden zentralafrikanischen Fürsten zu gewinnen, daß dieser an Gordon schreiben und ihn bitten wollte, Emin dauernd in seinem Reiche zu belassen.

Über die Abstammung dieses Königs vermutet Emin, daß er ein Galla sei, also aus dem südwestlichen Abessinien stamme, hierfür spräche auch seine große Zuneigung zum Christentum (die Abessinier sind koptische Christen). Ganz auffallend ist überhaupt bei den Königen und Großen Ugandas der Unterschied an Körperbau und Gesichtsschnitt wie Farbe gegenüber ihren Untertanen, den Waganda. Offenbar stammen die Fürsten- und Adelsgeschlechter aus früheren Einwanderern. Die kulturell höher stehenden Fremden verstanden es durch ihre geistige Überlegenheit, die alteingesessene Bevölkerung sich Untertan zu machen. Scheinbar ist das ohne große Kämpfe vor sich gegangen. Vermutlich waren diese Völker verweichlicht und sind erst durch die neuen Beherrscher wieder emporgekommen. Heute allerdings ist von irgendwelcher kriegerischen Haltung der Waganda nichts mehr zu merken. Sie lesen gern die Bibel, äffen die Sitten der Weißen nach, spielen die Rolle der Hosenneger, nur daß sie keine Hosen, sondern lange weiße Gewänder tragen. —

Viele Reisen füllten Emins Regierungsjahre in der Äquatorialprovinz aus. Mit Eifer suchte er sein Land zu heben, ungeachtet der großen Schwierigkeiten, die ihm selbst seine nächste Umgebung bereitete, die nach altem Brauch gern im trüben fischen wollte und nicht verstehen konnte, daß der Gouverneur nicht seine Macht dazu verwandte, möglichst Reichtümer zusammenzuraffen.

Mit ganz besonderem Eifer gab sich Emin in seinen Mußestunden zoologischen Studien hin. Ganz wunderbare Sammlungen hat er heimgeschickt, und seinem Fleiß verdankt die Wissenschaft ungemein viel. Mit der größten Sorgfalt war auf die kleinsten scheinbaren Geringfügigkeiten bei Beobachtungen der einzelnen Tierarten hingewiesen, an alles Wissenswerte hatte er gedacht. Da ist es auffällig, daß ein so guter Beobachter wie er an keiner Stelle seiner Tagebücher auf das in seinem Gebiet heute lebende Weiße Nashorn hingewiesen hat, nur die Hörner der Rhinozerosse als Handelsware erwähnt er. Hierfür spielten sie seinerzeit eine große Rolle, denn die Araber pflegten Trinkbecher daraus zu verfertigen, in denen ein Getränk aufschäumen sollte, falls es vergiftet war. Das Vergiften war ja im Orient immer ein beliebtes Mittel, sich mißliebiger Persönlichkeiten zu entledigen, und wenn es auch natürlich nicht zutrifft, daß dem Nashornbecher diese Zauberkraft innewohnt, so genügte offenbar schon der Gebrauch desselben, um einen Vergiftungsversuch zu verhindern, denn — genau wissen konnte man ja nicht, ob nicht doch einmal ein solcher Becher den beabsichtigten Mord an den Tag bringen würde.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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